"Der Recke im Tigerfell". Das georgische Nationalepos und das Nibelungenlied


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Der Recke im Tigerfell (Kurzfassung)

Interpretation

Entstehung höfischer Epik in Georgien und Westeuropa

Entstehungsgeschichte des georgischen Nationalepos

Der ‘Recke im Tigerfell‘ und die mittelalterlichen westeuropäischen Ritterepen

Der ‘Recke im Tigerfell‘ und das Nibelungenlied

Schlussbemerkungen

Quellenverzeichnis

Vorwort

Der georgische Dichter Shota Rustaveli (etwa 1172 bis 1216) hat seinem Volk ein Epos hinterlassen, welches die Entwicklung der georgischen Sprache nachhaltig beeinflusst hat und zu Recht das georgische Nationalepos wurde. Darüber hinaus hat Shota Rustaveli ein literarisches Werk von Weltgeltung geschaffen, „…das dem Kenner der Weltliteratur im Westen wie unter einer Tarnkappe versteckt geblieben ist und […] den ihm gebührenden Rang bis heute nicht angenommen hat.“ Neukomm (1974: 455) Das 800. Todesjahr des Dichters gibt Anlass zu dem Versuch, dem Epos vom „Recken im Tigerfell“ zu einem größeren Bekanntheitsgrad zu verhelfen. Und was bietet sich dazu nicht besser an als ein Vergleich mit dem Nibelungenlied?

‘Der Recke im Tigerfell‘ (‘RIT‘) und das Nibelungenlied sind zur selben Zeit entstanden, nämlich um 1200. Dies gibt natürlich Anlass zur Frage nach einem möglichen Verhältnis zwischen beiden Epen. Nach einer Einführung in den Inhalt des georgischen Epos folgen die Entstehungsgeschichte höfischer mittelalterlicher Epik und des ‘RIT‘ sowie dessen Aufstieg zum Nationalepos Georgiens. Dies führt schließlich zu einem Vergleich mit der mittelalterlichen Ritterepik Westeuropas im Allgemeinen und mit dem Nibelungenlied im Besonderen.

Einleitung

Der ‘RIT‘ entstand in einem uns mehr oder weniger unbekannten Kulturkreis und stellt eine Poesie dar, in der sich unsere mittelalterliche Heldenepik wiederfindet und nicht, wie zu erwarten wäre, arabische, persische oder indische Poesie. Dass dieses Epos in Westeuropa so lange Zeit unbeachtet geblieben ist, liegt nicht nur an der geografischen Lage von Georgien. Eine Erklärung dafür lässt sich auch in der Geschichte Georgiens finden. Die Blütezeit dieses Landes fiel in den Zeitraum 12. und 13. Jahrhundert. Unter einer gefestigten Zentralregierung war Georgien die stärkste Macht in Transkaukasien, und dies galt auch in kulturellen Bereichen. Danach musste sich das Königreich ständiger Angriffe der Mongolen, aber auch der Perser und Türken erwehren. Als Folge davon zerfiel das Reich allmählich wieder in mehrere Fürstentümer und Kleinkönigreiche. Die Einnahme von Konstantinopel im Jahre 1453 durch die Türken hatte für Georgien starke Auswirkungen, nicht nur wirtschaftlich sondern auch kulturell. Da die Landverbindung nach Osten jetzt unterbrochen war, benutzten die Europäer nunmehr die Seewege - eine Verbindung Georgiens zum christlichen Abendland bestand dadurch nicht mehr. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts geriet Georgien mehr und mehr unter russischen Einfluss, bis es schließlich Teil des Zarenreiches und später der Sowjetunion wurde, von der es sich erst 1991 lösen konnte. Das Epos von Shota Rustaveli wurde in der deutschen Literatur erst nach 1950 mehrfach ins Deutsche übersetzt, obwohl bereits 1889 durch Arthur Leist eine erste Übersetzung vorlag.

In Anbetracht der Ähnlichkeit des ‘RIT‘ mit der mittelalterlichen Epik Westeuropas drängt es sich geradezu auf, eine Analyse mit Blick auf die höfischen Ritterepen um 1200 zu wagen.

Shota Rustaveli war höchstwahrscheinlich Beamter am Hofe Königin Tamars, unter deren Regentschaft das „Goldene Zeitalter“ Georgiens erblühte, wie es sich in der Rückschau darstellt. Der ‘RIT‘ wurde um 1200 niedergeschrieben, und man nimmt an, dass Königin Tamar selbst den Auftrag dazu gab. (vgl. Mirianashvili 1999: 165)

In den deutschen Übersetzungen bekam das Epos die unterschiedlichsten Titel:

- Der Mann im Tigerfelle
- Der Recke im Tigerfell
- Der Ritter im Tigerfell
- Der Mann im Pantherfell
- Der Ritter im Pantherfell

Daneben kursieren in der Literatur noch weitere Varianten des Titels.

In englischen Beiträgen, insbesondere solchen, die in Georgien entstanden sind, wird überwiegend der Titel “The Man in the Panther’s Skin“, kurz „MPS“, verwendet. Wie kommt es also zu einer solchen Vielfalt von deutschen Titeln? Das georgische Original kennt nur einen Titel, nämlich ვეფხისტყაოსანი (transkribiert Wephchistqaosani, wissenschaftliche Transliteration Vepkhis t'q'aosani), was wörtlich „Der mit einem Panther- (oder Tiger-)fell Angetane“ bedeutet. „Ob unter „Wephchi “ ein Panther oder ein Tiger zu verstehen sei, ist heute noch eine strittige Frage der Gelehrten.“ (Neukomm 1974: 462) In Tadschikistan bezeichnet der Volksmund noch heute den Schnee-Leoparden, also einen Panther, als „Tiger“. Und ob man „Recke“, „Mann“ oder „Ritter“ schreibt, bleibt eine Frage des Geschmackes. Hier wurde in Anlehnung an die jüngste deutsche Ausgabe (Huppert, Neuausgabe 2014) „Recke“ und damit als vollständiger Titel „Der Recke im Tigerfell“ gewählt.

Die jetzt folgende Zusammenfassung des Inhaltes vom ‘RIT‘ soll eine Vorstellung liefern, was sich hinter dem Epos mit dem unklaren Titel verbirgt. Dabei wurden wegen fehlender Sprachkenntnisse deutsche Übersetzungen verwendet. Während die einzelnen Autoren bzw. Übersetzer unterschiedliche Strophenformen wählten, unterscheiden sich die Inhalte wenig.

Der Recke im Tigerfell (Kurzfassung)

Die Geschichte beginnt im Königreich Arabien. Dessen König Rostewan lässt seine Tochter Tinatin als Mitregentin und spätere Königin einsetzen. In Liebe verehrt wird sie von dem jungen Helden Awtandil. Während einer Jagd wird König Rostewan schwer gekränkt, weil ein in ein Tigerfell gekleideter, unbekannter Ritter, der offenbar aus tiefer Traurigkeit aufgeschreckt wird, zwölf Knappen aus dem königlichen Gefolge erschlägt und einfach verschwindet. Tinatin bittet daraufhin Awtandil den geheimnisvollen Ritter zu suchen. Als Lohn verspricht sie ihm ihre Liebe.

Nach langer Suche findet Awtandil den Gesuchten, der in einer Waldwildnis lebt. Es kommt zum Gespräch zwischen beiden, bei dem der Fremde Awtandil seine Geschichte erzählt:

Der Ritter im Tigerfell ist ein indischer Prinz mit Namen Tariel. Er war einst vom indischen Großkönig Parsadan, der kinderlos war, zum Nachfolger bestimmt worden. Doch Parsadan bekam dann doch noch eine Tochter, die den Namen Nestan-Daredshan erhielt und fern vom Hofe erzogen wurde. Als Tariel der Prinzessin einmal begegnet, verlieben sich beide rettungslos ineinander. Nestan verlangt von Tariel, die aufständischen Chatajer zu besiegen [mit Chatajern dürften Chinesen gemeint sein, denn in früheren Zeiten wurde in Zentralasien für Nordchina der Name Chatay, auch Catai, verwendet. Im ‘RIT‘ heißt es, geografisch korrekt, „Weit zurückliegt Indiens Grenze.“ (Huppert 1955: Strophe 421) Auch Marco Polo benutzt in seinem Reisebericht aus dem 13. Jahrhundert den Begriff Chatay, d.Verf.]. Wenn er siegen sollte, würden sie dann für immer beisammen sein. Als aber Parsadan seine Tochter mit einem persischen Königssohn verheiraten will, tötet Tariel auf Betreiben Nestans den Freier. Parsadans Schwester veranlasst, dass Nestan entführt und auf dem Meer unter Bewachung zweier Diener ausgesetzt wird. Tariel macht sich in tiefer Verzweiflung auf die Suche nach seiner Geliebten, kann sie aber trotz größter Bemühungen nicht finden.

Von Pridon, dem König von Mulgasansar, dem Tariel aus schwerer Not geholfen und mit dem er sich angefreundet hat, erfährt Tariel, dass Nestan lebt, aber offensichtlich von zwei dunkelhäutigen Männern auf einem über die Meere fahrenden Schiff gefangen gehalten wird. In hemmungsloser und hilfloser Trauer haust seitdem Tariel, nur begleitet von Asmat, Nestans treue Dienerin, in einer Höhle in der Wildnis. Diese Höhle, eine Schatzhöhle, hat er einst von Fabelwesen erobert.

Awtandil gelobt Tariel Freundschaft und Hilfe, kehrt aber nach nunmehr fast drei Jahren Abwesenheit zunächst nach Arabien zurück. Er berichtet Tinatin das Geschehene, macht sich dann jedoch gegen den Willen von König Rostewan wieder auf den Weg, um seinem Freund Tariel die versprochene Hilfe zu leisten. Dort angekommen, findet er Tariel aus unglücklicher Liebe dem Wahnsinn nahe. Da Tariel zunächst keine Kraft mehr zur weiteren Suche nach Nestan aufbringen kann, zieht Awtandil allein weiter zu Pridon, der aber keine Neuigkeiten über Nestan hat. Auf seiner weiteren Reise gelangt Awtandil in das „Königreich der Meere“ mit der Hauptstadt Gulanscharo. Dort lernt er Patma, die liebeshungrige Frau eines reichen Kaufmannes, kennen. Er geht auf deren Werbungen ein, weil er ahnt, von ihr Auskunft über Nestans Schicksal erhalten zu können. Sie hat tatsächlich Nestan aus den Händen ihrer Bewacher befreien und ihr anschließend zur Flucht verhelfen können, als der „König der Meere“ sie mit seinem Sohn verheiraten wollte. Sie wisse jetzt nur, dass Nestan vom Herrscher des Volkes der Kadshen gefangen gehalten werde. Patma verspricht Awtandil Hilfe. Durch einen schwarzen Diener, der sich unsichtbar machen kann, gelingt es ihr, mit Nestan Kontakt aufzunehmen. Awtandil benachrichtigt Pridon und eilt ohne Umwege zu Tariel in dessen Waldbehausung. In der Schatzhöhle finden sie drei herrliche Rüstungen und Schwerter, die „Eisen wie Wolle zerschnitten“. Damit bewaffnen sich Tariel und Awtandil und nehmen die dritte Ausrüstung für Pridon mit, zu dem sie als Erstes reiten. Pridon stellt ein Heer von 300 Reitern zur Verfügung, und mit diesen gelingt es den drei Freunden, gegen große Übermacht Nestan aus den Händen der Kadshen zu befreien. Auf dem Rückweg treffen sie den „König der Meere“, der mit ihnen sieben Tage lang Hochzeit feiert. Tariel belohnt Patma mit allen bei den Kadshen erbeuteten Schätzen, und dem „König der Meere“ überlässt er das Land der Kadshen als Geschenk. Dann kehren sie in Pridons Reich zurück, wo Tariel und Nestan erneut Hochzeit feiern. Auf ihrer weiteren Reise kommen sie wieder zur Höhle von Tariel. Mit den dort lagernden Schätzen entlohnt Tariel zunächst Pridons Reiter. Den Rest des Schatzes übergibt er seinem Freund Pridon als Dank für dessen große Hilfe. Nach der Rückkehr in Arabien kommt es zur Vermählung von Awtandil mit Tinatin. Anschließend übernimmt Tariel das Königreich Indien als neuer Herrscher, da Parsadan in der Zwischenzeit gestorben ist. Asmat wird für ihre Treue mit einem Fürstentum belohnt.

Soweit der zugegebener Maßen etwas verschachtelte Inhalt des Werkes. Die Grundlage obiger Kurzfassung ist der Text von Mirianashvili et al. (1999: 169-173) mit Ergänzungen aus anderen deutschen Übersetzungen, von denen es derzeit sechs sowie zwei Nacherzählungen gibt. Die deutschen Übersetzer oder Herausgeber waren nicht alle des Georgischen mächtig. Zwei legten russische Übersetzungen zu Grunde, einer eine ältere deutsche. Es kann deshalb nicht verwundern, dass die Strophenform von Autor zu Autor variiert, nämlich von wörtlicher Übersetzung über endgereimte Strophen (was dem Original am Nächsten kommt) bis zu Hexametern und schließlich zu reiner Prosa. Neukomm (1974: 476f) begründet ihre Wahl der Prosa wie folgt:

[…] entscheidend aber war die Tatsache, dass die Strukturen des Georgischen und des Deutschen so grundverschieden sind, dass es nur schwerlich gelingen wird, Musikalität und Rhythmus von Rustavelis Versen wiederzugeben und dazu mit einer nur annähernd genauen Wiedergabe des Inhalts in Einklang zu bringen. Vieles, was im Georgischen mit einem Wort gesagt werden kann, muss z.B. im Deutschen recht häufig in mehrere Worte aufgelöst werden.

Erschwerend kommt hinzu, „dass es unserer effizienten und lösungsorientierten deutschen Sprache nicht gerade gegeben ist, sich ‚blumig‘ auszudrücken“ (Kilian 2015: 28). Folgerichtig spricht Boeder (2004: 219) beim ‘RIT‘ von „einer Dichtkunst, die - besonders in einer Übersetzung - sehr befremdlich wirkt.“

Auch der Textumfang der deutschen Ausgaben variiert. Mehrheitlich setzt er sich aus einem Prolog, dem Text und einem Epilog zusammen. Allgemein heißt es, dass Rustavelis Werk 57 Kapitel beinhaltet (Mirianashvili et al. 1999: 169). Für die insgesamt sechs deutschen Ausgaben trifft dies nicht zu, wie nachstehende Aufstellung zeigt:

Buddensieg : 61 Kapitel, 1587 Strophen

Huppert: 64 Kapitel, 1671 Strophen

Leist: 46 Kapitel, keine Strophenzählung

Neukomm: 56 Kapitel (zuzügl. 5 ohne Überschrift), keine Strophenzählung

Prittwitz: 61 Kapitel, 1671 Strophen

Tseretheli: 8 Gesänge, 1230 Strophen (einschl. der eliminierten Strophen: 1600)

Interpretation

Es ist einigermaßen schwierig, die Gattung zu bestimmen, der man den ‘RIT‘ zuordnen kann. Dies belegen folgende vier Aussagen:

- Tevzadze (2013: 1) verortet den ‚RIT‘ irgendwo zwischen Shahnameh und Rolandslied. [Shahnameh, entstanden um das Jahr 1000, ist das Nationalepos der persisch-sprachigen Welt. Es beinhaltet etwa 60 000 Verse und behandelt die Geschichte Persiens vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert, d. Verf.]
- Die Übersetzerin Marjory Wardrop (1912) nennt ihn in ihrem Buchtitel „romantic epic“.
- Laut Birkhan (2009: 145) „könnten die relative Handlungsarmut und die exaltierte, überaus reich entfaltete [….] Gefühlswelt eher dazu verführen, den ‘RIT‘ als Roman anzusehen denn als Epos.“
- C. M. Bowra (1964: 546f) wiederum vergleicht den ‘RIT‘ mit dem Nibelungenlied, wobei er in beiden Epen keine echten Heldenromane sieht, sondern sie einer, beiden ähnlichen, Übergangsposition vom Epos zum Roman zuordnet.

Da Rustaveli sein Werk in sangbaren, gereimten Strophen abgefasst hat, trifft die Bezeichnung Epos wohl eher zu als Roman. Am besten lässt es sich als romantisches Ritterepos definieren.

Ob nun Epos oder Roman, richtig ist, dass der ‘RIT‘ „ein Paradebeispiel höchst verfeinerter Ritterkultur ist, mit ihren adeligen Werten des Frauendienstes, die mit dem Herrendienst in Konflikt treten können […].“ (Birkhan 2009: 142) Um den Charakter des Werkes besser verstehen zu können, muss dessen verschachtelte Erzählung zunächst entschlüsselt werden. Als Ergebnis erhält man zwei Erzählungen von ähnlicher oder sogar gleicher Struktur, nämlich zwei Brautwerbungsgeschichten, die geschickt ineinander verflochten sind. Das Schema derartiger Brautwerbungen ist dreiteilig mit Gewinn, Verlust und Wiedergewinnung der Braut. Birkhan (2009: 147) erkennt im ‘RIT‘ eine Rahmenhandlung und eine Binnenhandlung. Er belässt in seiner Analyse aber die verschachtelte Struktur. Deshalb wurde das nachfolgende Zitat hier in zwei streng getrennte Handlungen umgeschichtet.

In der Rahmenhandlung gewinnt Awtandil die Geliebte Tinatin, indem er die Brautwerbergeschichte Tariels aufspürt. Nach seiner drei Jahre dauernden Suche könnte Awtandil nun Tinatin heimführen, doch siegt in ihm die […] mit einem Schwur besiegelte Verpflichtung , Tariel bei der Suche nach dessen Braut zu unterstützen, was ihn erneut in die Ferne treibt und seiner Geliebten sowie dem Brautvater entfremdet. […] Nachdem seine Hilfe von Erfolg gekrönt war, gewinnt er seine eigene Braut wieder.

In der Binnenhandlung hat Tariel die indische Prinzessin Nestan zumindest ihrem Willen nach errungen, indem er das Volk der Chataier besiegte. Er verliert letztlich aus eigener Schuld […] und aus politischer Räson […] die Geliebte, die in die Hände von bösen Mächten gerät. So verzehrt sich Tariel in Einöden und Wüsteneien in einer Art tränenreicher Dauertrance. […] Mit Awtandils Hilfe wird Tariel wieder mit seiner Braut vereint.

In beiden Fällen ist die Erringung der Braut mit Erringung von Herrschaft verbunden (vgl. Birkhan 2009: 147f).

Die Erzählstruktur des ‘RIT‘ gleicht der mittelalterlichen westeuropäischen Heldenepik, insbesondere der Artusepik. Charakteristisch für letztere ist die sog. „Doppelwegstruktur“, die aus zwei Teilen besteht, nämlich

1. Aufstieg des Helden und nachfolgende Krise und
2. Überwindung der Krise und Vergrößerung des Ansehens.

„Erec“ von Hartmann von Aue ist ein klassisches Beispiel hierfür. Im Gegensatz zum dreiteiligen Schema, wie es Birkhan definiert (siehe oben), sind im „Erec“ ‘Gewinn‘ und ‘Verlust‘ (bzw. ‘Krise‘) zusammengefasst.

Die beiden Brautwerbungsgeschichten des ‘RIT‘ weisen genau dieses Strukturmerkmal auf. Man kann nicht umhin, festzustellen, dass der Erzählstil und die Struktur vom ‘RIT‘ und von den mittelalterlichen Ritterepen Westeuropas nahezu identisch sind.

Irgendwelche direkte Einflüsse sind wohl auszuschließen; stattdessen muss man eine Teilhabe am gleichen mythischen Erzählschatz vermuten sowie die doch ähnlichen sozio-kulturellen Gegebenheiten im damaligen christlichen Georgien des äußersten europäischen Ostens und in den westeuropäischen Ländern der gleichen Zeit annehmen: Beide Regionen befanden sich damals in einem vergleichbaren Entwicklungsstadium […]. (Mirianashvili et al. 1999: 182)

Man muss demnach von zwei parallelen, unabhängigen Entwicklungen ausgehen, die beide auf der Christianisierung und der Entstehung des Feudalwesens beruhen.

Entstehung höfischer Epik in Georgien und Westeuropa

Die uns hier interessierende georgische Literatur entstand im 5. Jahrhundert. Der Priester und Schriftsteller Jakob Zurtaweli schrieb das Martyrium der Heiligen Schuschanik (= Hl. Susanna, †458) zwischen 476 und 483 nieder. Es ist das älteste erhaltene Buch der georgischen Literatur. Man kann somit die Grundlage des georgischen säkularen Epos in christlichen Schriften suchen. Ähnliches gilt für Westeuropa und speziell für Deutschland. Gemäß Wapnewski (1960: 10) ist es die christlich-kirchliche Lehre, auf der die althochdeutsche Literatur fußt. Und Brinkmann (1928:107) ergänzt: „Weitere Untersuchung wird aus Hagiographie und geistlicher Literatur gewiss zahlreiche Belege dafür erbringen können, dass auf diesen Wegen spätantikes Gut unmittelbar ins Mittelalter übergeleitet worden ist.“ Wenn man von christlicher Literatur spricht, dann ist es in diesem Zusammenhang unumgänglich, sich auch die Entstehung des Christentums in den betreffenden Regionen in Erinnerung zu bringen. Georgien gehört neben Armenien zu den ersten Ländern, die das Christentum annahmen. Bereits 337 wurde in Georgien, im damaligen Königreich Iberien, das Christentum zur Staatsreligion erhoben (dieses „Iberien“ darf nicht mit Spanien verwechselt werden. Die Namensgleichheit ist wohl zufällig). Bereits im 5. Jahrhundert entstanden georgische Klostergründungen u.a. in Palästina, in Antiochien (heute: Antakya/Türkei) im damaligen Syrien und auf dem Berg Athos, und es gab eine georgische Mönchskolonie im Katharinenkloster auf dem Sinai. Auch im bedeutsamen Kloster Mar Saba (auch: Sabaskloster oder Sabazmida) nahe Bethlehem ließen sich sehr bald nach dessen Gründung georgische Mönche nieder. Dieses Kloster wurde im 8.-11. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Stätten des georgischen Schrifttums. (Fähnrich 1994: 8f) Nicht minder wichtig für die Entwicklung georgischer Literatur waren das Kloster Iviron auf Athos und die Klöster in Antiochien, wo es sogar eine Literaturschule gab. „Die Rolle Georgiens als (Kultur-)Vermittler zwischen der arabisch-muslimischen und der byzantinischen Welt in der Zeit zwischen 655 und 1522 […] wurde besonders durch die zahlreichen georgischen Klöster im Nahen Osten gefördert.“ (Cordoni 2014: 25) Der georgische König David IV. „Der Erbauer“ gründete während seiner Regierungszeit (1089 – 1125) die zwei Akademien von Gelati und Ikalto. Dort wurden neben dem Wissen der damaligen Zeit (u.a. Geometrie, Arithmetik, Astronomie) auch griechische Philosophie und Neuplatonismus gelehrt. Neben religiöser Literatur (Hagiographie, Hymnologie und Homiletik), die in beiden Akademien übersetzt oder verfasst wurden, entstanden auch zahlreiche Übersetzungen griechischer philosophischer Werke, insbesondere den Neuplatonismus betreffende. Auch Homer wurde im 1. Quartal des 12. Jahrhunderts aus dem Griechischen übersetzt. Eine gekürzte Version war in der alten georgischen Literatur äußerst populär. (vgl. Ingorokva) Wenn überhaupt Verbindung zur westlichen Literatur bestand, dann auf dem Umweg über Byzanz.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
"Der Recke im Tigerfell". Das georgische Nationalepos und das Nibelungenlied
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V334915
ISBN (eBook)
9783668247345
ISBN (Buch)
9783668247352
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor hat seit 2010 vier Printpublikationen (davon 3 Bücher) sowie 5 Internetbeiträge zum Thema "Nibelungenlied" veröffentlicht. Auf Nachfrage wird gerne eine Übersicht dazu nachgeliefert.
Schlagworte
recke, tigerfell, nationalepos, nibelungenlied
Arbeit zitieren
Rainer Schoeffl (Autor), 2016, "Der Recke im Tigerfell". Das georgische Nationalepos und das Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334915

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