Der Gebrauch von Relativsätzen in Erich Kästners Werken. Ein Vergleich von ‘Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘ und ‘Pünktchen und Anton‘


Hausarbeit, 2016
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Thematik der Relativsätze
3.1 Charakteristika der Relativsätze
3.2 Semantische Funktion von Relativkonstruktionen

3. Das Korpus

4. Methodisches Vorgehen

5. Analyse
5.1 Relativsätze in 'Fabian - Die Geschichte eines Moralisten'
5.1.1 Nach der semantischen Funktion von gebrauchten Relativsätzen
5.1.2 Relativsätze in der wörtlichen Rede
5.1.3 Sonstige Besonderheiten
5.2 Relativsätze in 'Pünktchen und Anton'
5.2.1 Nach der semantischen Funktion von gebrauchten Relativsätzen
5.2.2 Relativsätze im Paratext
5.2.3 Sonstige Besonderheiten
5.3 Auswertung und Zusammenfassung

6. Fazit

7. Literatur

8. Anhang

1. Einleitung

Ob [eine Geschichte] wirklich passiert oder nicht, das ist egal. Hauptsache, daß die Geschichte wahr ist! Wahr ist eine Geschichte dann, wenn sie genauso, wie sie berichtet wird, wirklich hätte passieren können. Habt ihr das verstanden? Wenn ihr das verstanden habt, habt ihr ein wichtiges Gesetz der Kunst begrif- fen.1

Ein wichtiges Gesetz der Kunst und das Herzstück der Neuen Sachlichkeit: Die Literatur dieser Epoche bildet eine dokumentarische Wirklichkeit ab, die mit einem Hauch Satire und Witz erträglich gemacht werden soll. Diese Worte stammen aus den ersten Seiten 'Pünktchen und Antons'2 von Erich Kästner.

Wir befinden uns 1931 in Berlin, die Hauptstadt der Weimarer Republik. Immer noch zehrend von den Folgen des Ersten Weltkriegs, versucht Deutschland wieder das zu werden, was es einmal war. Den Menschen geht es schlecht: Inflation, politische Differenzen und die Wirtschaftskrise zeichnen den Alltag dieser Zeit. Und zu eben dieser Zeit schreibt Erich Kästner seine Großstadtromane 'Fabian - Die Geschichte eines Moralisten' und 'Pünktchen und Anton' nieder, dessen Inhalte sich den damals aktuellen Ereignissen genauso wenig entziehen können, wie Erich Kästner selbst.

Die vergleichende Analyse der Relativsätze in Erich Kästners Werken ‘Fabian - Die Geschichte eines Moralisten‘ und ‘Pünktchen und Anton‘ wirft Fragen auf, die es zu beantworten gilt: In wie weit unterscheidet sich der Gebrauch von Relativsätzen in beiden Werken? Wie häufig werden Relativsätze verwendet? Welche semantische Funktion verfolgen die Relativsätze; werden diese eher genutzt, um erforderliche In- formationen einzustreuen oder um Bildlichkeit zu gewährleisten? Welche Besonder- heiten lassen sich in beiden Werken analysieren? Welche Gattungen von Relativsät- zen werden genutzt? Gibt es Unregelmäßigkeiten in der Nutzung von Relativsätzen in den jeweiligen Werken? Lassen sich durch die genutzten Relativsätze adressatenspe- zifische Merkmale analysieren? Und welche Rolle spielt die Epoche der Neuen Sachlichkeit für den Gebrauch von Relativsätzen?

Die Anforderung dieser Arbeit besteht darin den Gebrauch von Relativsätzen in Erich Kästners Werken ‘Fabian - Die Geschichte eines Moralisten‘ und ‘Pünktchen und Anton‘ sinnvoll aufzugliedern, eine Übersicht zu den sprachwissenschaftlichen Grundlagen von Relativsätzen zu schaffen und eine linguistische Analyse auszuführen, die beide Werke sinnvoll gegenüberstellt.

2. Thematik der Relativsätze

2.1 Charakteristika der Relativsätze

Zu allererst ist zu sagen, dass ich bei der Recherche auf ein Problem gestoßen bin, da verschiedene Grammatiken auch immer wieder verschiedene Bezeichnungen für die selben Begriffe verwenden. Um dieser terminologischen Vielfalt aus dem Weg zu gehen, werde ich lediglich die von mir ausgewählten nutzen und mich in der gesamten Arbeit auf diese Begriffe konzentrieren.

Um den unterschiedlichen Nutzen von Relativsätzen in Kinder- und Erwachsenen- -romanen darzustellen, möchte ich im Folgenden die verschiedenen Aspekte beleuchten. Beginnend mit den allgemeines Kriterien des Relativsatzes, werde ich anschließend die verschiedenen Charakteristika anführen und schließlich die semantische Funktionen der Relativsätze ausarbeiten.

Relativsätze gehören zu den Nebensätzen und werden durch ein Relativum, meist Pronomen, eingeleitet. Sie beziehen sich auf etwas Übergeordnetes aus dem Hauptsatz. Relativum und Bezugswort kongruieren in Genus und Numerus, der Kasus unterscheidet sich jedoch durch die unterschiedlichen syntaktischen Strukturen. Ein Relativsatz zeichnet sich außerdem durch seine Verbletztstellung aus.3 Wenn das Bezugswort direkt vor dem Relativsatz steht, spricht man von Kontaktstellung. Ist dies nicht der Fall, entsteht Distanzstellung.

Zu den gängigsten Relativa zählen der/die/das/, was und welch-: Die dünnen nackten

Beine, die unter der Jacke hervorguckten[...] / Ich werde alles, was in diesem Buch mit Nachdenken verbunden ist[...] / Er spielte gerade den Wolf, welcher Rotkäpp- chen gefressen hat.. Diese Gattung werde ich im Folgenden als gewöhnliche Rela- tivsätze bezeichnen. Das einleitende Relativpronomen kann auch Teil einer Präposi- tionalphrase sein (Das Wasser, in dem Deutschlands Zukunft liegt [ … ]). Neben nomenbezogenen Relativsätzen treten auch vermehrt Relativsätze mit satzför- migen Bezugswort auf (So wurde eine gr öß ere Verbreitung erreicht, was sich an der Zahl der Auflagen ablesen lässt.). Dabei bezieht sich das Bezugswort auf den gesam- ten Hauptsatz. Inhaltlich sind diese beiden Satzteile unabhängig voneinander, sodass der Relativsatz jederzeit in einen selbstständigen Hauptsatz transformiert werden kann.4

Neben diesem Typ von Konstruktion besteht noch ein zweiter, der ebenfalls kein nominales Relativum aufweist: die freien Relativsätze: Wer dagegen ist, der stehe auf. Diese Gliedsätze werden oftmals mit wer oder was eingeleitet und können leicht in einen Relativsatz mit Bezugswort umgewandelt werden.5

Hinzu kommen Relativsätze, die mit Pronominaladverbien, bestehend aus wo(r)- + Präposition, eingeleitet werden6 (Wenn das, woran unser geschätzter Erdball heute leidet[...]). Zu dieser Gruppe möchte ich auch Relativkonstruktionen mit dem Relati- vum wo zählen: [ … ] auf der faulen Seite, wo wenig Menschen vorübergehen. Relativsätze sind Attributsätze. Die syntaktische Funktion kann des weiteren auch in Ergänzungssatz, als Genitivus subjektivus ausgedrückt, und Angabesatz unterteilt werden.

2.2 Semantische Funktion von Relativkonstruktionen

Semantisch lassen sich Relativsätze in restriktiv und nicht-restriktiv unterscheiden. Restriktive Relativsätze wirken eher einschränkend und grenzen sich durch bestimm- te Merkmale von anderen ab. Diese Relativsätze sind unentbehrlich für den Inhalt des Satzes und wären ohne ihn missverständlich. Anders ist es bei nicht-restriktiven Rela- tivsätzen, die zusätzliche Informationen geben und den genannten Gegenstand nur nä- her beschreiben, jedoch nicht einschränkend wirken. Relativsätze mit satzförmigen Bezugsausdruck gelten generell als nicht-restriktiv.7

Die semantische Differenzierung von Relativkonstruktionen ist nicht immer zweifelsfrei möglich. Oftmals scheitert eine klare Untersuchung an einer neutralen, nominalen Determination, sodass man auf den Kontext zurückgreifen muss.8

3. Das Korpus

Ich habe mich dazu entschlossen, die Werke ein und desselben Autors zu vergleichen, um eine handfeste Basis der Gegenüberstellung zu gewinnen. Der Vergleich von Kinderbuch und Erwachsenenroman schien mir dazu besonders spannend, um auf die Unterschiede der Zielgruppen eingehen zu können. Außerdem sind beide Publikatio- nen Erich Kästners aus dem Jahr 1931. Die Neue Sachlichkeit, die zu dieser Zeit die vorherrschende Strömungen abbildete, kann man als „Rückkehr zur Nüchternheit nach dem expressionistischen Sturm“9 bezeichnen. Die Weimarer Republik war prä- gend für diese Epoche. So waren die vorherrschenden Themen Arbeit und Arbeitslo- sigkeit, Wirtschaft und Technik, Alltag und Moral. Auch Fabian, ein Moralist, beglei- ten wir durch Episoden seines Lebens. Der gleichnamige Großstadt- und Zeitroman beschreibt den Mittdreißiger, der ähnlich wie die Weimarer Republik goldene Zeiten und Krisen erlebt: Er verliebt und entliebt sich wieder, verliert seinen besten Freund und wird schließlich vom Illusionist zum Realisten.

Zwar ist der Roman durch die Augen des Protagonisten beschrieben, Inhalt und Ausdruck unterscheiden sich jedoch: Fabian wird als aufregender junger Mann beschrieben und von großer Neugier, die Sprache des Erzählers glänzt jedoch in Manier der Neuen Sachlichkeit mit Nüchternheit, fast schon Bitterkeit.

Mit ‘Pünktchen und Anton‘ gelingt Kästner das erste moderne Großstadtmärchen, in dem das kleine Mädchen Pünktchen unbeirrt an Solidarität und Stellung appelliert. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Anton überlisten sie die Erwachsenen, erziehen sie und bilden so die Helden des Romans. Im Stil der Neuen Sachlichkeit verweist der Autor auf reale Lebenswirklichkeiten, auf das Problem der Wohlstandsverwahrlosung und echte Freundschaft in schwierigen Zeiten.

4. Methodisches Vorgehen

Ich möchte nun von dem theoretischen zum praktischen Teil übergehen und beginne damit, die Methodik dieser Arbeit zu erläutern. Hierbei habe ich mich auf kein bekanntes Analyseverfahren gestützt, sondern die Schritte der Analyse nach eigenem bestmöglichen Erkenntnisgewinn ausgerichtet.

Des Weiteren ist mir keine Publikation bekannt, die sich auf das selbe Forschungsfeld bezieht. So werde ich diese Arbeit unbegleitet verfassen und mich nicht auf alternative Veröffentlichungen stützen.

Um eine vergleichende Analyse zu gestalten werde ich von beiden Werken jeweils 50 Relativkonstruktionen gegenüberstellen. Somit sind in ‘Fabian‘ die Seiten 11 bis 45 zu analysieren, in ‘Pünktchen und Anton‘ die Seiten 7 bis 118. Da sich der Umfang nicht durch die Seitenanzahl, die zudem unterschiedliche Schrift und Zeichenzahl aufweisen, vergleichen lässt, habe ich die Wörter des zu untersuchenden Abschnitts geschätzt, um einen weiteren Vergleichsaspekt zu generieren. In ‘Fabian‘ sind die un- tersuchten 50 Relativsätze auf 9000 Wörter verteilt, in ‘Pünktchen und Anton‘ auf 20400 Wörter. Da ich den unterschiedlichen Einsatz von Relativkonstruktionen in Kinderroman und Erwachsenenroman analysieren möchte, werde ich mich auf re- striktive und nicht-restriktive Relativsätze konzentrieren, um die semantische Funkti- on herausarbeiten zu können. Diese Unterscheidung werde ich mit Hilfe von ver- schieden Methoden ausüben, da in geschriebener Sprache oftmals die restriktive und nicht-restriktive Lesart schwer zu unterscheiden sind. Nicht-restriktive Relativsätze könne mit Hilfe von und paraphrasiert werden, durch Abtönungspartikel ja und ü bri- gens fortgesetzt werden und sind generell weglassbar, ohne dass die Denotation ver- loren geht. Restriktive Relativkonstruktionen kann man mit jene-, derjenige- oder solche- ergänzen.10

Des weiteren werde ich auf Besonderheiten im Gebrauch von Relativsätzen achten, darunter freie Relativsätze, Relativsätze mit satzförmigen Bezugswort oder Relativsätze, die mit Pronominaladverbien eingeleitet werden.

In ‘Pünktchen und Anton‘ ist ein Paratext zu beachten, der als Einleitung und auch hinter jedem Kapitel genutzt wird. Hierzu erklärt Erich Kästner, dass alles „was in diesem Buch mit Nachdenken verbunden ist, in kleine Abschnitte zusammengefasst [wird]“.11 Kästner spricht also selbst zu den Lesern. Diese Einschiebungen zähle ich zu dem untersuchenden Korpus, da diese zum einen die Kapitel des Kinderromans er- gänzen, zum anderen, weil sie auch inhaltlich eine Rolle spielen und somit dem Ro- man klar zugehörig sind. Diese Einschübe bilden unter den 20400 eine Größe von cir- ca 3600 Wörtern.

Die nachstehende Untersuchung ist in zwei Teile eingeteilt: Der erste Teil der Analyse befasst sich mit den Relativsätzen in ‘Fabian - Die Geschichte eines Moralisten‘. Dabei werde ich zuallererst auf die semantische Funktion der Relativkonstruktionen eingehen, dann denn Gebrauch von Relativsätzen in der wörtlichen Rede beleuchten und auf Auffälligkeiten eingehen. Der zweite Teil bezieht sich auf die Analyse der Relativsätze in ‘Pünktchen und Anton‘. Dazu werde ich vergleichend auf die semantische Funktion von Relativsätzen eingehen und Besonderheiten bestimmen. Hinzu kommt eine gesonderte Analyse von Relativkonstruktionen im Paratext. Im Folgenden werde ich jeweils Beispiele benennen, die meine Thesen unterstützen, nicht aber die gesamte Sammlung. Diese ist im Anhang dargestellt.

[...]


1 Kästner, Erich: Pünktchen und Anton, 133. Aufl., Hamburg: Dressler Verlag 2015 S. 9.

2 Um Unklarheiten aus dem Weg zu gehen, werde ich in dieser Arbeit Romantitel mit Anführungszeichen markieren, dafür Charaktere und Namen im Text nicht kennzeichnen.

3 Birkner, Karin: Relativ(satz)konstruktionen im gesprochenen Deutsch. Syntaktische, prosodische, semantische und pragmatische Aspekte, Berlin: Walter de Gruyter 2008, S.13.

4 Helbig, Gerhard/ Buscha, Joachim: Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht, 5. Aufl., Bad Langensalza: Langenscheid 2005 S. 592.

5 Birkner: Relativ(satz)konstruktionen im gesprochenen Deutsch S. 14.

6 Helbig/Buscha: Deutsche Grammatik S. 593.

7 Hentschel, Elke/ Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik, 4. Aufl., Berlin: Walter de Gruyter 2013 S. 384.

8 Birkner: Relativ(satz)konstruktionen im gesprochenen Deutsch S. 35.

9 In: Pauker, Henri R.: Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Neue Sachlichkeit, Literatur im Dritten Reich und im Exil, Bd 15, Stuttgart: Reclam 1986 S. 13.

10 Hentschel, Elke: Deutsche Grammatik, Berlin: Walter der Gruyter 2010 S. 309.

11 Kästner,Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, 31. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2015 S. 8.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Gebrauch von Relativsätzen in Erich Kästners Werken. Ein Vergleich von ‘Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘ und ‘Pünktchen und Anton‘
Hochschule
Universität Rostock  (Germanistik)
Veranstaltung
Relativsätze
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V334954
ISBN (eBook)
9783668247307
ISBN (Buch)
9783668247314
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gebrauch, relativsätzen, erich, kästners, werken, vergleich, geschichte, moralisten‘, anton‘
Arbeit zitieren
Verena Schulz (Autor), 2016, Der Gebrauch von Relativsätzen in Erich Kästners Werken. Ein Vergleich von ‘Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘ und ‘Pünktchen und Anton‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334954

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