Die Funktion der Figur Keie im "Iwein" Hartmanns von Aue. Versteckte Kritik am System Artushof?


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 2,7

Caroline Baader (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das System Artushof und die ritterliche Tugend
2.1 „ Künec Artûs der guote “ und ritterliche Werte
2.2 Der Begriff der „ êre “
2.3 Der Artushof - ein Märchen oder eine politische Machtstruktur

3. Der Vergleich von Gawein und Keie
3.1 Gawein, der „ hofscht e“ Mann
3.2 Der Truchseß Keie - „ falschl î cher muot “ oder Pflichterfüllung?
3.3 Die Streitszene

4. Funktion des Truchseß Keie
4.1 Formale Funktion in der Romanstruktur des Iwein
4.2 Inhaltliche Funktion als Schlüsselfigur
4.3 Funktion der Aufklärung über die Wirklichkeit des Systems
4.4 Funktion der Kritik am System und Publikumsappell

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Beim ersten Lesen des 'Iwein' von Hartmann von Aue bin ich bei der Streitszene Keies und Iweins hängen geblieben. Wer ist dieser Keie, dass er mit dem Romanhelden in dieser Art und Weise spricht? Ist die Kritik berechtigt und welchen Hintergrund hat sie? Mir sprangen sofort tausend Fragen im Kopf umher. Sollte schon damals in Form von Literatur Kritik am politischen System geübt worden sein?

Und genau dieser Fragestellung wollte ich näher auf den Grund gehen.

'Iwein' von Hartmann von Aue ist ein um 1200 verfasster mittelhochdeutscher Artusroman. Iwein ist der Romanheld, der zusammen mit Gawein und Keie Mitglied der Artusgesellschaft rund um König Artus ist.

„Aus dem dichtgedrängten Figuren-Reigen des 'Artus-Romans' wird eine einzige Gestalt herausgegriffen; sie ist nicht einmal der 'Held' eines dieser zahlreichen Ritterromane des 12., 13., 14. Jahrhunderts, sondern scheint beschränkt auf eine belanglose Nebenrolle.“1

Die Figur des Keie scheint auf den ersten Blick wie eine „belanglose Nebenrolle“2, doch was steckt wirklich hinter der Figur des Truchseß, welche Funktion/-en nimmt sie im Artusroman 'Iwein' ein.

Genau mit diesen Fragen möchte ich mich in der nachfolgenden Arbeit auseinandersetzen.

Zuerst vergleiche ich den Artushof in der Literatur mit dem adligen Leben in der Realität und thematisiere das ritterliche Tugendsystem. Danach arbeite ich am Werk selbst, um mehr über die Figur des Truchseß herauszufinden und stelle die Unterschiede zwischen Gawein und Keie heraus, um dann im Folgenden Keies Funktionen benennen zu können.

2. Das System Artushof und die ritterliche Tugend

Wenn man den Begriff des Artusromans hört, denkt man zu aller erst an tapfere edle Ritter, die Abenteuer bestehen, um ein höfisches Frauenzimmer zu retten und danach an einer reich gedeckten Tafel ihren Ruhm feiern. Doch gab es diese Welt wirklich oder existiert sie nur in der Literatur?

In diesem Abschnitt möchte ich das Tugendsystem rund um den Artushof anhand des 'Iwein' näher beleuchten und den Artusroman mit der Realität vergleichen und überprüfen, wie viel Wahrheit in den Erzählungen Hartmanns steckt.3

2.1 „ Künec Artûs der guote “ und ritterliche Werte

In der Zeit der mittelhochdeutschen Dichtung galt die Artusgesellschaft als Idealform des Rittertums, denn der Weg des edlen Ritters führte stets zum Artushof und zur endgültigen Aufnahme in die Tafelrunde des König Artus.4 Der Begriff Tafelrunde beschreibt einen ausgewählten Kreis gleichgestellter, ehrenhafter Ritter. Jeder von ihnen weist andere Charakterzüge auf, was im Roman 'Iwein' vor allem an dem Gegensatz der Figuren Gawein und Keie deutlich wird, und doch gleichen sie sich in den Idealen eines Artusritters.

Wie bereits in der Eingangssequenz von Hartmann beschrieben, werden einem saelde 5 und êre 6 zuteil, indem man sich der rehten güete 7 mit ganzem gemüete 8 zuwende. Laut Sieverding könne man diese Verse als Aufforderung an den Leser verstehen, nach Gottes Gebot zu handeln und zu leben.9 „[...][E]rst, wo dies geschieht, kann von hüfescheit und tugent die Rede sein.“10

Die Begrifflichkeit tugent weist viele Bedeutungen auf: Brauchbarkeit, Eigenschaft, Kraft, Vorzüglichkeit oder auch Macht.11

Laut Hartmann verkörpert König Artus die im Prolog dargelegten Werte eines idealen Ritters.

Des gît gewisse lêre kunech Artûs der guote, der mit rîters muote nâch lobe kunde strîten. (V. 4-7)

Bei der Vorstellung König Artus' in den ersten 20 Versen des Prologs wird deutlich, dass der Leser sich an ihm orientieren soll, dass er als Vorbild fungiert und den Idealzustand repräsentiert. Er steht für das höfische Rittertum und gilt als Vorbild an Ritterlichkeit.12 Die bereits genannten Begriffe, wie rehte güete 13 , saelde 14 und êre 15 stellen die ideellen Werte dar, nach denen jeder Ritter trachtet und die gleichzeitig Anforderung sind, Mitglied des Artushofes zu sein. Laut Zutt habe Hartmann den ersten drei Versen keine spezielle Bedeutung gegeben, sondern spreche Werte an, die dem damaligen Publikum geläufig waren und zu der Zeit anerkannt wurden.16

2.2 Der Begriff der „ êre “

Da Werte für das Tugendsystem eine große Bedeutung darstellten und die folgende Begrifflichkeit inhaltlich immer wieder Thema ist,17 möchte ich den Begriff der êre etwas näher beleuchten.

Swer an rehte guete wendet sîn gemuete, dem volget saelde und êre. (V. 1 ff.)

Mit diesen Worten beginnt Hartmann seinen 'Iwein'. Wie bereits im vorherigen Kapitel angesprochen, fülle Hartmann diese Begrifflichkeiten auch laut Henning nicht mit einem bestimmten Inhalt oder Sinn, sondern sie seien allgemein gehalten18 und verkörpern allgemeingültige Werte.19

Der mittelhochdeutsche Begriff der êre ordne eine Person in das Gesellschaftsgefüge ein und ist verantwortlich für die Rangordnung.20 Die êre sei eine Verpflichtung zu einem bestimmten Handeln und beinhalte einen gewissen Anspruch auf ein bestimmtes Verhalten von anderen.21

Henning spricht jedoch auch von einer Art „Ehrenkodex“22, der eine Verbindlichkeit für jeden Artusritter darstelle. Dieser Ehrenkodex bestehe aus vier zu beachtenden Regeln.23 Als erstes wird die êre selbst genannt. Diese müsse bewahrt oder vermehrt werden durch das Bestehen von Turnieren oder zufällig bestandenen Kämpfen.24 Des Weiteren müssen Bitten erfüllt und Versprechen gehalten und geleistet werden.25 Als letzten Punkt nennt Henning den Beistand Hilfesuchender.26 Bei Verstößen gegen diese Verhaltensregeln gäbe es unterschiedliche Handhabungen: wird gegen das Bewahren der Ehre verstoßen und/oder Bitten nicht erfüllt, so leide das Ansehen des Ritters stark. Hält der Ritter Versprechen nicht ein, so gehe die êre sogar komplett verloren.27 Sollte dem Hilfesuchenden Beistand untersagt werden, so habe dieser Verstoß jedoch keinerlei Auswirkungen.28

Diesen Ehrenkodex und die Auswirkungen seiner Nicht-Einhaltung, sind im Text erkennbar.

Ouch mac der kunech sich iemer schamen, hât er iuch mêr in rîters namen, sô liep im triuwe und êre ist.

[…] der slac sîner êren, (V. 3187 ff.)

Beispielsweise beachtet Iwein Laudines Versprechen, rechtzeitig vom Turnier zurückzukehren, nicht, woraufhin sie ihn verstößt, er Ehrverlust erleidet und fortan dem Wahnsinn verfällt.

2.3 Der Artushof - ein Märchen oder eine politische Machtstruktur?

Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte des Iwein wie eine märchenhafte Gute-Nacht- Geschichte, doch was steckt wirklich hinter König Artus, seinen Rittern und den Abenteuern für die êre ?

[...]


1 Haupt, Jürgen: Der Truchsess Keie im Artusroman. Untersuchung zu Gesellschaftsstruktur im höfischen Roman. Berlin 1971 (Philologische Studien und Quellen 57) S. 9.

2 Ebd., S. 9.

3 Übernommen aus dem Titel des Werks: Güttler, Karin R.:'Künec Artûs der guote'. Das Artusbild der höfischen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts. 1976.

4 Vgl. Ragotzky, Hedda; Weinmayer, Barbara: Höfischer Roman und soziale Identitätsbildung. Zur soziologischen Deutung des Doppelweges im 'Iwein' Hartmann von Aue. In: Deutsche Literatur im Mittelalter. Hrsg. von Cristoph Cormeau. Stuttgart. 1979. S.70.

5 V. 3.

6 V. 3.

7 V. 1.

8 V. 2.

9 Vgl. Sieverding, Norbert: Der ritterliche Kampf bei Hartmann und Wolfram, Seine Bewertung im 'Erec' und 'Iwein' und in den Gahmuret- und Gawan-Büchern des 'Parzival'. Heidelberg 1985. S. 79-83.

10 Güttler, Karin R.1976: S. 71.

11 Vgl. Lexer, Matthias: Mittelhochdeutschen Handwörterbuch 3. Bände. 1869-1876. Nachdruck Stuttgart 1979.

12 Vgl. Güttler, Karin R. 1976: S. 60.

13 V. 1.

14 V. 3.

15 V. 3.

16 Vgl. Zutt, Hera: König Artus Iwein der Löwe. Die Bedeutung des gesprochenen Worts in Hartmanns 'Iwein'. Tübingen. 1979. S. 4.

17 V. 3.

18 Vgl. Henning, Beate: 'maere' und 'werc'. Zur Funktion von erzählerischem Handeln im 'Iwein' Hartmanns von Aue. Göppingen: o.V. 1981, S. 53.

19 Vgl. Sieverding 1985: S. 79-83.

20 Vgl. Zutt 1979: S. 34.

21 Ebd., S. 34.

22 Henning 1981: S. 156.

23 Haupt 1971: S. 156.

24 Ebd., S. 156.

25 Ebd., S. 156.

26 Ebd., S. 156.

27 Ebd., S. 156.

28 Ebd., S. 156.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Figur Keie im "Iwein" Hartmanns von Aue. Versteckte Kritik am System Artushof?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Hartmann von Aue - Iwein
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V335017
ISBN (eBook)
9783668248168
ISBN (Buch)
9783668248175
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, figur, keie, iwein, hartmanns, versteckte, kritik, system, artushof
Arbeit zitieren
Caroline Baader (Autor), 2016, Die Funktion der Figur Keie im "Iwein" Hartmanns von Aue. Versteckte Kritik am System Artushof?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335017

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