Festigt der professionelle Fußball die gegenwärtigen gesellschaftlichen Machtstrukturen?


Essay, 2014

6 Seiten, Note: 2,0

Sven Böttger (Autor)


Leseprobe

Festigt der professionelle Fußball die gegenwärtigen gesellschaftlichen Machtstrukturen?

In den folgenden Ausführungen geht es um die Frage, ob der professionelle Fußball die gegenwärtigen Machtstrukturen der Gesellschaft festigt.

Dabei gibt es unterschiedliche Ansichten zu dieser Thematik. Zwei extreme Positionen sind zum einen die Ansicht, dass der Fußball eine Droge in den Händen der kapitalistischen Ausbeuter sei. Frei nach Marx zitiert ist er „Opium fürs Volk“ (vgl. Morris, 1981: S. 23). Besonders hervorzuheben ist dabei, dass dessen mediale Präsenz als elementare Voraussetzung für die Rechtfertigung, den Fortbestand und die Weiterentwicklung des bestehenden politischen Systems angesehen wird (vgl. Klein/Meuser, 2008: S. 235). Zum anderen herrscht die Perspektive vor, dass viele Fabrikbesitzer in den Anfängen des Fußballs eher besorgt um die Gesundheit ihrer Arbeiter waren und jene deshalb den Fußball als Möglichkeit begrüßten, die Gesundheit ihrer Arbeiter zu verbessern und ihnen echte Unterhaltung zu bieten (vgl. Morris, 1981: S. 24, 25). Natürlich gibt es auch Ansichten zwischen diesen beiden Extremen, welche wohl anteilsmäßig die Mehrheit stellen dürften (vgl. Cashmore, 2010: S. 96 ff.).

Auf theoretischer Ebene gibt es verschiedene Erklärungsansätze zur Wirkung zwischen Sport, einschließlich des Fußballs, und Gesellschaft. Hierbei sind insbesondere der Figurationsansatz nach Elias, der marxistische Ansatz, der webersche Ansatz und der ethologische Ansatz hervorzuheben (vgl. ebd.: S. 121). Die Erklärungsmuster und Schwerpunktsetzungen jener Ansätze sind dabei ganz unterschiedlich.

Für den Figurationsansatz nach Elias ist das Modell der Figuration (auch als Konfiguration bezeichnet) vor dem Hintergrund des Zivilisationsprozesses zentral. Figurationen sind dabei soziale Gebilde oder soziale Gruppen, in welchen die Akteure in interdependenten Beziehungen zueinander stehen (vgl. Rosa et al., 2013: S. 222, 223). Vor dem Hintergrund zunehmender Interdependenzen und dem zunehmenden Wechsel vom Fremd- zum Selbstzwang des Individuums, kommt dem Sport eine Unterstützungsfunktion der Triebkontrolle zu. Das Individuum hat das Bedürfnis nach „pleasuralbe excitement“ (Cashmore, 2010: S. 102), welches es über den Sport, insbesondere den Fußball, in kontrollierte und unblutige Bahnen (im Gegensatz zum vorherigen Volkssport in England: der Fuchsjagd) lenken kann (vgl. ebd.: S. 100). Die Wirkung des Sports ist somit Stressabbau.

Beim marxistischen Ansatz, worunter auch die kritische Theorie (Frankfurter Schule) einzuordnen ist, lässt sich zwischen einer extremen und einer gemäßigten Position unterscheiden (vgl. ebd.: S. 104 ff.). Die extreme Position betrachtet den Sport als Teil des politischen Systems, welcher zum einen die Legitimität des Systems zementiert und zum anderen das Proletariat davon abhält die Zustände zu erkennen und sich politisch zu betätigen, um jene zu ändern (vgl. ebd.: S. 105). Der Antrieb des Sports besteht somit in der Zementierung der bestehenden Klassenunterschiede und ökonomischen Ungleichheiten. Er wirkt als narkotisierende Droge, als „Opium des Volkes“ (thematisch fällt der Ausruf von „Brot und Spielen“ in dieselbe Kategorie). Der gemäßigtere Ansatz ist hingegen weniger deterministisch (vgl. ebd.: S. 107). Sport sollte hierbei nicht generell als „universelles Übel“ betrachtet werden, sondern differenzierter. Dabei wird angeführt, dass der Sport Solidarität und einen gemeinsamen Willen erzeugen kann, welcher zur Änderung der Zustände führen könnte. Zudem können nicht alle Sportarten als Abbild des täglichen Arbeitsvorgangs in seinem Konkurrenz- und Leistungswahn gesehen werden. Sportarten wie Fischen und Bowlen werden hierbei als kontrastierende Beispiele benannt, da sie Entspannung bringen und den hektischen Charakter der Arbeit nicht fortführen.

Der webersche Ansatz stellt das Element der Rationalisierung in den Mittelpunkt der Betrachtung (vgl. Rosa et al., 2013: S. 69). Der Prozess der Rationalisierung wirkt dabei auf die Lebensführung des Einzelnen und auf die Gesellschaft im Ganzen. Vor dem Hintergrund eines Kapitalismus, welcher aus der protestantischen Ethik in neuem Gewand hervorgegangen ist, hat der Sport die Funktion der Fortführung des herrschenden Arbeitsethos, welcher durch die asketische Auslegung des Protestantismus und Calvinismus geprägt wurde (vgl. Cashmore, 2010: S. 114, 115.). Da die protestantische Ethik Sparsamkeit und wirtschaftliches Wachstum als zentrale Ziele vorgibt, kommt nun auch dem Sport die Aufgabe zu, zu jenen Zielen seinen Beitrag zu leisten. Ein sportlicher, gesunder und gestählter Körper bietet eine gute Grundlage um hart und effektiv zu arbeiten. Zudem trägt der Gewinn eines Wettkampfes zur Mehrung des Vermögens bei. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Rationalisierung der Gesellschaft nach weberscher Ansicht im Sport auch Einzug gehalten hat und jener somit als Reflektion der sozialen Organisation betrachtet werden kann (vgl. ebd.: S. 115).

Der ethologische Ansatz nach Morris wählt eine andere Art der Betrachtung. Hierbei stehen angeborene Charakteristika und weniger politische oder soziale Entwicklungen im Mittelpunkt der Betrachtung (vgl. ebd.: S. 117). Dem Sport kommt dabei insbesondere die Funktion des Aggressionsabbaus zu; er wirkt als Ventil. Zu beachten ist aber, dass der Sport nicht in jedem Fall Aggressionen abbaut, sondern sie im Gegenteil sogar verstärken kann (vgl. Morris, 1981: S. 19). Fußball eignet sich hierbei besonders um den Trieben freien Lauf zu lassen und Frustrationen abzubauen, da es am meisten Elemente der klassischen Jagd im Vergleich zu anderen Sportarten enthält, wie Strategie, Taktik, Zusammenspiel, Ausdauer, Konzentration, Geschicklichkeit, Mut, Motivation und die Fähigkeit einen kühlen Kopf zu bewahren (vgl. ebd.: S. 15). Morris stellt sich mit seinem Ansatz in starken Kontrast zum marxistischen Ansatz, da er die Liebe zum Sport als einen zentralen Beweggrund der Partizipation darstellt und weniger den Faktor Geld (vgl. ebd.: S. 26).

Der empirische Ansatz untersucht die Frage, inwieweit fußballerisches Engagement jeglicher Art das Interesse an politischer Mitwirkung beeinflusst (vgl. Klein/Meuser, 2008: S. 217 ff.). Nach der Theorie der Bildung von Sozialkapital nach Putnam würde sich hierbei ein positiver Zusammenhang ergeben, da die Bildung von Sozialkapital durch Vergemeinschaftung im Bereich Fußball, sich positiv auf den Bereich politische Betätigung auswirken sollte. Nach Ansicht der kritischen Theorie besteht hingegen ein negativer Zusammenhang, da die fußballerische Betätigung zu einer Ablenkung von der Politik führen würde. Aus differenzierungstheoretischer Sicht besteht hingegen kein Zusammenhang, da die Systeme Sport und Politik jeweils autonom und unabhängig voneinander sind. Die geringen Korrelationswerte zwischen der Variablen „Priorität für politische Mitbestimmung“ und den Variablen „Identifikation“, „Interaktion“ und „Kollektivwohlorientierung“ zeigen, dass die Beziehungen insignifikant sind – es bestehen also keine Zusammenhänge (vgl. ebd.: S. 220). Nach dem empirischen Ansatz kann die differenzierungstheoretische Sicht angenommen werden und die Sichtweisen der kritischen Theorie und der Bildung von Sozialkapital als widerlegt betrachtet werden (vgl. ebd.). Dabei ist das Ergebnis, hinsichtlich struktureller Perspektiven, insgesamt kritisch zu betrachten.

Bei der Beobachtung aktueller Gegebenheiten können drei Bereiche unterschieden werden: Die Beobachtung relevanter Akteure, die Beobachtung von Interdependenzen und die Beobachtung der instrumentellen Funktionen des Fußballs.

Als relevante Akteure in Bezug auf die Fragestellung können dabei Politiker, Angehörige des Wirtschaftssystems, Direktoren (welche meist den Vorstand bilden), Verbände und Manager der Clubs angesehen werden (vgl. Morris, 1981: S. 215 ff.). Hierbei finden sich jene Personen im Stadion meist im VIP-Bereich oder gar in abgekapselten Bereichen des VIP-Bereichs wieder (interessant ist hierbei der Aspekt der Betrachtung des strukturellen Aufbaus des Stadions (vgl. Klein/Meuser, 2008: S. 171), als Abbild der Gesellschaft). Dabei ist davon auszugehen, dass Absprachen zwischen den verschiedenen Akteuren nicht ausbleiben und diese der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Korruption, Kungeleien und Absprachen sind ein zentrales Problem der heutigen Zeit, welches sich kaum unter Kontrolle bringen lässt (vgl. Morris, 1981: S. 217-219). Die aktuelle Berichterstattung über die Methoden der FIFA und ihrer ranghohen Funktionäre bestätigt diese Sichtweise (vgl. Weinreich, 2014).

Bei der Beobachtung von Interdependenzen zwischen den unterschiedlichen relevanten Akteuren sind nur wenige Informationen gegeben, welche durch journalistische Recherche in Erfahrung gebracht werden müssen. Die schwierige Zugänglichkeit ist sicherlich im Interesse der Akteure, da sie ihre Machenschaften nicht in der Öffentlichkeit thematisiert haben wollen. Als Beispiel können die Interdependenzen des russischen Präsidenten Putin dargestellt werden. Hierbei befinden sich im engsten Umfeld des Präsidenten Akteure, welche in Verbindung zum Fußballbereich oder zum Sport allgemein stehen (vgl. Polke-Majewski et al., 2014). Sergej Fursenko, Mitglied des Datschenkollektivs Osero bei St. Petersburg, ist ein solcher Akteur, da er früher, unter Putin, Präsident des russischen Fußballverbandes war. Zudem verfügt er, wie Alexej Miller (ein Geschäftsmann) über Verbindungen zu Gazprom und somit indirekt über Verbindungen zum FC Schalke 04, bei welchem Gazprom als Hauptsponsor sicherlich über gewisse Machtstrukturen verfügt. Als Profiteure der Olympischen Winterspiele von Sotschi können Arkadi Rotenberg, Boris Rotenberg und Gennadi Timtschenko betrachtet werden (vgl. Aumüller, 2014), da ihre Unternehmen bei Stadionbau und Stadionmodernisierung im Vorfeld der Olympischen Spiele besondere Berücksichtigung fanden (geschätztes Investitionsvolumen: 15 Milliarden Euro).

Als instrumentelle Funktionen des Fußballs können die Inszenierungsfunktion, die Wachstumsfunktion, die Lenkungsfunktion und die Rebellionsfunktion genannt werden.

Insbesondere Politiker nutzen den Fußball als Projektionsfläche um sich in Szene zu setzen und politikferne Schichten zu erreichen (vgl. Klein/Meuser, 2008: S. 233 ff.). Dabei wird sich die Methodik der klassischen Konditionierung zunutze gemacht: Ein neutraler Reiz (Politiker) wird mit einem positiven Reiz (Fußballer als Person, Atmosphäre, etc.) gekoppelt, wobei die Intention besteht, dass diese Kopplung auch zukünftig beim Betrachter Bestand haben wird (vgl. Homburg, 2012: S. 35, 36). Als Beispiel lässt sich Gerhard Schröder im korruptionsbelasteten Umfeld von Sepp Blatter, Ex-DFB Präsident Theo Zwanziger und Franz Beckenbauer anführen, welcher sein vermeintliches fußballerisches Können unter Beweis zu stellen versucht.

Die Wachstumsfunktion wird vonseiten der austragenden Regierungen von Wettbewerben propagiert (vgl. Klein/Meuser, 2008: S. 234). So hat die Bundesregierung in einem abschließenden Bericht zur Fußball-WM 2006 darauf hingewiesen, dass jene sich positiv auf das Wirtschaftswachstum ausgewirkt habe (vgl. Stab WM 2006, 2006). Tatsächlich ist aber davon auszugehen, dass die Profiteure von großen Wettbewerben wie der Weltmeisterschaft, in Wirklichkeit die FIFA, die lokalen Verbände und Großunternehmen hinsichtlich der wirtschaftlichen Perspektive und die Regierungen hinsichtlich ihres Medienimages sind (vgl. Witte, 2010). Der Großteil der Bevölkerung bleibt vom wirtschaftlichen Wachstum ausgeschlossen oder erleidet sogar Einbußen, da Verluste eingefahren werden, welche beispielsweise im sozialen Wohnungsbau dann fehlen. Die Lenkungsfunktion bezieht sich auf die mögliche Instrumentalisierung über die Lenkung der Gefühle bzw. Emotionen der Fans in eine bestimmte Richtung. So können in brisanten Duellen die Gefühlswallungen der Fans instrumentalisiert werden, um jene auf ein anderes Ereignis zu lenken. Aggressionen gegen einen Lokalrivalen können von Rechtsradikalen missbraucht werden, indem behauptet wird, im gegnerischen Fanblock befänden sich viele Migranten. So findet eine Kopplung statt, welche bewusst durch die Urheber platziert wurde. Die Rebellionsfunktion bezieht sich zum einen auf die Möglichkeit, dass Fans einen gemeinsamen Willen herausbilden und Solidarität bekunden können (vgl. Cashmore, 2010: S. 107) aber zum anderen auch auf die Sportler, welche im Rahmen medialer Großereignisse direkt oder indirekt politische Statements abgeben können.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Ausgangsfrage nicht eindeutig beantwortet werden kann. Es lassen sich sowohl Argumente für die These des Fußballs bzw. Sports als festigendes Element der gegenwärtigen Machtstrukturen finden als auch Argumente, welche dieser These widersprechen und den vergemeinschaftenden Charakter betonen. Das folgende Zitat gibt diese Facettenhaftigkeit wieder: „Sport may perform many services in the interests of the status quo, amongst them a belief in the ultimate triumph of ability („if you‘re good you‘ll make it“– in sport or life generally). It also helps fragment the working class by splintering loyalities into localities, regions, etc. But it can also provide a basis for unity and therefore resistance to dominant interest groups: „Part mass therapy, part resistance, part mirror image of the dominant political economy,“ as David Robins puts it (1982: 145).“ (Cashmore, 2010: S. 107).

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Festigt der professionelle Fußball die gegenwärtigen gesellschaftlichen Machtstrukturen?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V335034
ISBN (eBook)
9783668248281
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, politisches System, Politik, Macht, Strukturen, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Sven Böttger (Autor), 2014, Festigt der professionelle Fußball die gegenwärtigen gesellschaftlichen Machtstrukturen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335034

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