Wenn andere uns die moralische Hintertür öffnen. Eine Untersuchung zu Vicarious Moral Licensing


Diplomarbeit, 2015
154 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

1.. Einleitung

2.. Theoretischer und empirischer Hintergrund
2.1 Selbstregulierendes moralisches Verhalten
2.1.1 Der Effekt des Moral Licensing
2.1.2 Der Effekt des Moral Cleansing
2.2 Der Einfluss anderer auf die moralische Selbstregulation
2.2.1 Der Effekt des Vicarious Moral Licensing
2.2.2 Der Effekt des Vicarious Moral Cleansing
2.3 Potenzielle Einflussfaktoren
2.3.1 Identifikation mit der Ingroup
2.3.2 Moralische Internalisierung
2.3.3 Konsistenzstreben
2.3.4 Zusammenfassung der potenziellen Einflussfaktoren
2.4 Potenzielle Erklärungsansätze
2.4.1 Moralische Regulationsprozesse
2.4.2 Moral Credentials
2.4.3 Evozierte Stimmungen
2.4.4 Zusammenfassung der potenziellen Erklärungsansätze.
2.5 Gegenstand der vorliegenden Untersuchung
2.5.1 Hypothesenkomplex 1 – Einfluss des moralischen Gruppenstatus auf prosoziales Verhalten
2.5.2 Hypothesenkomplex 2 – moderierender Einfluss von Ingroup-Identifikation, moralischer Internalisierung und Konsistenzstreben auf prosoziales Verhalten
2.5.3 Hypothesenkomplex 3 – mediierender Einfluss von moralischem Selbstkonzept, Moral Credentials und evozierten Stimmungen auf prosoziales Verhalten.

3.. Methoden
3.1 Voruntersuchung
3.2 Hauptuntersuchung
3.2.1 Untersuchungsdesign.
3.2.2 Rekrutierung und Beschreibung der Hauptstichprobe
3.2.3 Untersuchungsablauf.
3.2.4 Beschreibung der experimentellen Bedingungen
3.2.4.1 Experimentalgruppe 1 – moralische Überlegenheit.
3.2.4.2 Experimentalgruppe 2 – moralische Unterlegenheit
3.2.4.3 Kontrollgruppe 1 – moralischer Durchschnitt
3.2.4.4 Kontrollgruppe 2 – neutrale KG
3.2.5 Beschreibung der Operationalisierung der abhängigen Variable
3.3 Berücksichtigung potenzieller Störvariablen.
3.3.1 Identifikation unaufmerksamer VersuchsteilnehmerInnen
3.3.2 Manipulation Check
3.3.3 Einordnung des Spendenverhaltens
3.4 Messinstrumente zur Erfassung der Moderator- und Mediatorvariablen
3.4.1 Identifikation mit der Ingroup (Moderator I)
3.4.2 Moralische Internalisierung (Moderator II)
3.4.3 Konsistenzstreben (Moderator III)
3.4.4 Moralisches Selbstkonzept (Mediator I)
3.4.5 Moral Credentials (Mediator II)
3.4.6 Evozierte Stimmungen (Mediator III)
3.5 Operationalisierte Hypothesen und statistische Datenauswertung
3.5.1 Hypothesenkomplex 1 – Mittelwertsunterschiede
3.5.2 Hypothesenkomplex 2 – Moderationshypothesen.
3.5.3 Hypothesenkomplex 3 – Mediationshypothesen

4.. Ergebnisse
4.1 Datenscreening der Hauptstichprobe.
4.2 Beschreibung der Analysestichprobe.
4.3 Manipulation Check
4.4 Korrelationsmatrix relevanter Untersuchungsvariablen.
4.5 Statistische Überprüfung der Hypothesen.
4.5.1 Hypothesenkomplex 1 – Mittelwertsunterschiede
4.5.1.1 Prüfung der Voraussetzungen.
4.5.1.2 Überprüfung der Mittelwertsunterschiede
4.5.2 Hypothesenkomplex 2 – Moderationshypothesen.
4.5.2.1 Prüfung der Voraussetzungen.
4.5.2.2 Hypothese 2a – moderierender Einfluss der Identifikation mit der Ingroup
4.5.2.3 Hypothese 2b – moderierender Einfluss der moralischen Internalisierung
4.5.2.4 Hypothese 2c – moderierender Einfluss des Konsistenzstrebens
4.5.2.5 Gesamtmodell unter Einschluss aller angenommenen Moderatoren
4.5.3 Hypothesenkomplex 3 – Mediationshypothesen
4.5.3.1 Hypothese 3a – mediierender Einfluss durch das moralische Selbstkonzept
4.5.3.2 Hypothese 3b – mediierender Einfluss durch die Moral Credentials
4.5.3.3 Hypothese 3c – mediierender Einfluss durch evozierte Stimmungen

5.. Diskussion
5.1 Einordnung und Interpretation der Ergebnisse.
5.1.1 Mittelwertsunterschiede bezogen auf die Effekte Vicarious Moral Licensing und Vicarious Moral Cleansing
5.1.2 Moderierende Einflüsse auf die Effekte Vicarious Moral Licensing und Vicarious Moral Cleansing
5.1.2.1 Moderierender Einfluss der Identifikation mit der Ingroup
5.1.2.2 Moderierender Einfluss der moralischen Internalisierung
5.1.2.3 Moderierender Einfluss des Konsistenzstrebens.
5.1.3 Mediierende Einflüsse auf die Effekte Vicarious Moral Licensing und Vicarious Moral Cleansing
5.1.3.1 Mediierender Einfluss des moralischen Selbstkonzepts
5.1.3.2 Mediierender Einfluss der Moral Credentials auf den Effekt des Vicarious Moral Licensing
5.1.3.3 Mediierender Einfluss evozierter Stimmungen auf den Effekt des Vicarious Moral Cleansing.
5.2 Kritische Würdigung der vorliegenden Untersuchung samt Anregungen für zukünftige Forschung
5.3 Fazit und Ausblick.

6.. Literaturverzeichnis

7.. Anhang.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Darstellung der randomisierten Zuweisung der Versuchspersonen auf die einzelnen Versuchsgruppen

Abbildung 2. Schematische Darstellung des Untersuchungsablaufs

Abbildung 3. Exemplarische Darstellung des Antwortformats

Abbildung 4. Grafische Darstellung von Hypothesenkomplex 1

Abbildung 5. Grafische Darstellung von Hypothesenkomplex 2

Abbildung 6. Grafische Darstellung von Hypothesenkomplex 3

Abbildung 7. Durchschnittliches Spendenverhalten in Abhängigkeit der Versuchsgruppe

Abbildung 8. Durchschnittliches Spendenverhalten in den Versuchsgruppen in Abhängigkeit der Identifikation mit der Ingroup

Abbildung 9. Durchschnittliches Spendenverhalten in den Versuchsgruppen in Abhängigkeit der moralischen Internalisierung

Abbildung 10... Durchschnittliches Spendenverhalten in den Versuchsgruppen in Abhängigkeit des Konsistenzstrebens

Abbildung 11... Darstellung des durch die Moral Credentials aus der Selbstperspektive mediierten Zusammenhangs zwischen dem Vergleich der KG 2 mit der EG 1 (D 1) und dem Spendenverhalten.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1... Darstellung des durchschnittlichen Spendenverhaltens in Abhängigkeit der Versuchsgruppe

Tabelle 2... Deskriptive Auswertung der Manipulationskontrolle in Abhängigkeit der Versuchsgruppe

Tabelle 3... Interkorrelationen der Untersuchungsvariablen

Tabelle 4... Darstellung der Ergebnisse der moderierten Regression unter Einbezug der Identifikation mit der Ingroup

Tabelle 5... Darstellung der Ergebnisse der moderierten Regression unter Einbezug der moralischen Internalisierung

Tabelle 6... Darstellung der Ergebnisse der moderierten Regression unter Einbezug des Konsistenzstrebens

Tabelle 7... Darstellung der Ergebnisse der moderierten Regression für das Gesamtmodell

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Griechische Symbole

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Statistische Begriffe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Danksagung

Hiermit sei all den Menschen gedankt, die mich während meiner Diplomarbeit unterstützt und begleitet haben.

Ganz besonders möchte ich mich bei Herrn Dr. Gunnar Lemmer und bei Herrn Prof. Dr. Mario Gollwitzer für die ausgezeichnete Betreuung, den konstruktiven undoffenen Austausch sowie die fachliche Beratung bedanken.

Mein weiterer Dank gilt meinen FreundInnen, ganz besondersCorinna, Daniel, Francesca, Lucas, Jenny, Julian, Marcel, Marius, Mira, Neil, Sebastian und Torben für ihren persönlichen Beistand in schwierigen Momenten und ihre fachliche Unterstützung.

Gedankt sei außerdem dem gesamten Recruiting-Team des Business Technology Office von McKinsey & Company in Frankfurt am Main, das mir durch seine Rücksicht auf meine Diplomarbeit und mit vielen unterstützenden Worten die letzten herausfordernden Wochen sehr erleichtert hat.

Schließlich möchte ich mich ausdrücklich beimeiner Familiebedanken, die nicht nur in der Phase meiner Diplomarbeit, sondern während meines gesamten Studiums eine sehr große Stütze für mich war und auf die ich mich immer verlassen kann.

Zusammenfassung

Der Effekt, dass Menschen infolge einer moralisch guten Tat vermehrt unmoralisch handeln, wird als Moral Licensing bezeichnet und durch eine Reihe empirischer Untersuchungen gestützt (z. B. Monin & Miller, 2001). Gleiches gilt für den entgegengesetzten Effekt, Moral Cleansing, der beschreibt, dass Menschen bestrebt sind, schlechte Taten durch symbolische Handlungen auszugleichen (z. B. Zhong & Liljenquist, 2006).

Für die Übertragung beider Effekte von der individuellen auf die stellvertretende (vicarious) Ebene erschienen in jüngster Zeit Forschungsbefunde (z. B. Kouchaki, 2011; Newman, 2014), die nahelegen, dass Moral Licensing und Moral Cleansing auch durch das Verhalten anderer Personenausgelöst werden können. Entscheidend scheint dabei das Gefühl einer geteiltenIdentität zu sein, wodurch die beobachtete Handlung anderer Personen als selbstvollzogen erlebt wird (Goldstein & Cialdini, 2007).Um diese stellvertretende Beeinflussung auf das eigene [un]moralische Verhalten auszudrücken, spricht man in diesem Zusammenhang vom Vicarious Moral Licensing -Effekt (VML; Kouchaki, 2011) und vom Vicarious Moral Cleansing -Effekt (VMC; Newman, 2014).

Da es bisher nur wenige empirische Befunde zur Existenz beider Effekte gibt, war es das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit, diese anhand eines experimentellen Paradigmas unter Verwendung eines echten Verhaltensmaßes zu erforschen und dabei zusätzlich potenzielle Moderatoren und Mediatoren zu analysieren.

Zur Überprüfung der Annahmen wurden im Rahmen einer experimentellen OnlinestudieDaten von N = 213 Personen erhoben. Dabei wurde untersucht, inwiefern das Spendenverhalten der VersuchsteilnehmerInnen durch unterschiedliche Rückmeldungen zum moralischen Gruppenstatus der eigenen Ingroup beeinflusst werden konnte. Die Auswertung der Daten erfolgte mittels varianzanalytischer Berechnungen, wobei zur Testung der Moderationshypothesen zusätzlich multiple Regressionsanalysen durchgeführt wurden. Zur Prüfung der angenommenen Mediationshypothesen wurden die indirekten Effekte mittels Bootstrapping-Verfahren auf Signifikanz getestet.

Wederder Effekt des VML noch des VMC konnte in vorliegender Untersuchung gezeigt werden. Auch die angenommenen Moderatoren und Mediatoren ließen sich empirisch nicht bestätigen. Mögliche Einschränkungen der verwendeten Operationalisierung werden diskutiert sowie Anregungen für zukünftige Forschung gegeben.

Stichwörter: (Vicarious) Moral Licensing, (Vicarious) Moral Cleansing, Identifikation, moralische Internalisierung, Konsistenzstreben, moralische Regulationsprozesse, Moral Credentials, evozierte Stimmungen

Abstract

The effect, according to which people act in an immoral manner after having acted in a morally good way, is called moral licensing and is based on various, empirically based studies (e.g. Monin & Miller, 2001). Similarly theopposite effect of moral cleansing describes that humans strive to outweightheir bad actions through symbolic actions(e.g. Zhong & Liljenquist, 2006).

However, these effects may also occur on a vicarious level. Research suggests that an individual’s actions of moral licensing and moral cleansing can also be induced through actions of others (e.g. Kouchaki, 2011; Newman, 2014).The feeling of sharing a mutual identity seems to be the main reason why individuals relate to actions of other people in a manner as if they had performed these actions themselves (Goldstein & Cialdini, 2007). The projection of this representative influence on another person’s own [im]moral behavior is called vicarious moral licensing (VML; Kouchaki, 2011) and vicarious moral cleansing (VMC; Newman, 2014).

Since empirical research on these two effects is sparse, the present thesis aimed at exploring those effects by an experimental paradigm based on a behavioral measure and additionally analyzing potential basic mechanisms by probing the relevance of presumed moderators and mediators.

A sample of N = 213 participated in an experimental online survey.The donation behavior of all participants was assessed after they had received a feedback concerning the moral group status of an individual’s own in-group and was analyzed for feedback effects. The evaluation of all data was carried out with an analysis of variance. In order to test the moderator hypotheses, additional multiple regression analyses were conducted. The verification of the presumed mediator hypotheses was carried outusing the bootstrapping procedure for the indirect effects.

In the present sample the effects of VML and VMC were not significant. In addition the postulated moderators and mediators did not reach the level of significance. Possible limitations of the operationalization are discussed and ideas for future research are presented.

Keywords: (vicarious) moral licensing, (vicarious) moral cleansing, identification, moral internalization, preference for consistency, moral regulation processes, moral credentials, evokedaffective reactions

1 Einleitung

„Wir sind uns niemals so treu wie in den Augenblicken der Inkonsequenz.“

Oscar Wilde (1854 - 1900)

Am 17. Januar 2013 erstattete Uli Hoeneß, erfolgreicher Unternehmer und damaliger Präsident des international renommierten Fußball-Clubs Bayern München, beim Finanzamt Rosenheim Selbstanzeige (Leyendecker, 2013). Mit diesem Schritt beabsichtigte er, einer strafrechtlichen Verfolgung aufgrund von Steuerhinterziehung zu entgehen. Nach Bekanntgabe dieser Meldung war das mediale Interesse, an den Verfehlungen des von vielen als moralisches Vorbild bezeichneten ehemaligen Spitzensportlers, groß. Schlagzeilen wie „Hoeneß: Bayern-Patron, Wohltäter – Steuersünder“ (o. V., 2014a) kursierten und regten Menschen in ganz Deutschland zum öffentlichen Diskurs über das von ihm gezeigte Verhalten an. Während er bei den Fußballfans vor allem für seine sportliche Kompetenz und provokanten Äußerungen bekannt war, galt Hoeneß in der Öffentlichkeit als Mann, der trotz großen Erfolgs und Wohlstands ein Auge für Soziales wahrte und nicht nur auf sich selbst bedacht war (Eichler, 2009). Die ihm für sein soziales Engagement entgegengebrachte Wertschätzung ließ ihn für viele zu Recht zum Träger des Bayerischen Verdienstordens und der Bayerischen Staatsmedaille werden (o. V., 2012). Aber genau diese durch Bekanntwerden seiner Steuerhinterziehung entstandene Diskrepanz zwischen dem Wohltäter auf der einen und dem Steuersünder auf der anderen Seite löste in der Bevölkerung kollektives Kopfschütteln und Unverständnis für die von ihm begangene Straftat aus. Wie passt es zusammen, dass ein bis dato unbescholtener Mann sich über Jahre hinweg für soziale Projekte engagiert und auf der anderen Seite Steuergelder in einer geschätzten Gesamthöhe von 28 Mio. Euro hinterzieht (Fehling, 2014)? Und vor allem, wie konnte Hoeneß sein widersprüchliches Verhalten vor sich selbst rechtfertigen?

Angesprochen auf sein Fehlverhalten betonte Hoeneß noch im Gerichtsaal, sich für dieses schuldig zu bekennen, stellte jedoch auch klar, sich selbst nicht als „Sozialschmarotzer“ oder „schlechten Menschen“ zu sehen (Schürmann, 2014). Dabei bezog er sich auf sein soziales Engagement und die insgesamt 50 Millionen Euro, die er an Steuern in Deutschland gezahlt habe. Es schien, als wolle er seine steuerlichen Vergehen und seine prosozialen Aktivitäten gegeneinander aufwiegen. Brachten ihn seine gesellschaftlichen Verdienste in die Position, sich seine steuerlichen Vergehen erlauben und vor sich selbst rechtfertigen zu können? Lässt sich das Verhalten von Hoeneß quasi als eine Art moderner moralischer Ablasshandel erklären?

Basierend auf den theoretischen und empirischen Erkenntnissen aktueller sozialpsychologischer Forschung kann diese Frage mit Ja beantwortet werden (z. B. Effron, Cameron, & Monin, 2009; Merrit, Effron, & Monin, 2010; Monin & Miller, 2001). Entsprechend sollte der Fall Hoeneß keinesfalls als Einzelfall betrachtet werden, der, begünstigt durch seine mediale Präsenz und seine exponierte Stellung in der Gesellschaft, an die Öffentlichkeit gelangte. Vielmehr stellt das von Hoeneß gezeigte Verhalten ein potenzielles Beispiel dafür dar, dass das Alltagshandeln von Menschen in vielen Bereichen von der moralischen Selbsteinschätzung abhängig ist. Ist diese, ausgelöst durch das Gefühl Gutes getan zu haben, positiv, steigt die Wahrscheinlichkeit für den Vollzug eines moralisch fragwürdigen Verhaltens (Sachdeva, Ilev, & Medin, 2009). Es entsteht der Eindruck, sich das unmoralische Verhalten in der Situation erlauben zu dürfen, ohne dabei das eigene Selbstbild als moralische Person zu gefährden. Moralisches und unmoralisches Handeln sind demzufolge aneinander gekoppelt und werden funktional dazu eingesetzt, das eigene Moralkonto in Balance zu halten (Effron & Monin, 2010). In diesem Zusammenhang lässt sich auch nachvollziehen, warum Hoeneß nach seinem Schuldeingeständnis auf Anraten seine Auszeichnungen für soziales Engagement zurückgab (o. V., 2014b). Durch den symbolischen Akt des Niederlegens seiner Auszeichnungen intendierte er möglicherweise, sich ein Stück weit von seinen Vergehen reinzuwaschen und sein ins Minus geratenesMoralkonto aufzufüllen. Auch dieses Phänomen kompensatorischen Handelns ist Gegenstand sozialpsychologischer Untersuchungen und wurde empirisch beforscht (z. B. Carlsmith & Gross, 1969; Gollwitzer & Melzer, 2012; Zhong & Liljenquist, 2006).

Die am Beispiel Hoeneß exemplarisch dargestellten Phänomene moralischen Verhaltens verdeutlichen, dass Menschen in der Regel nichtnach moralischer Vollkommenheit, sondern nach moralischer Balance streben (Brañas-Garza, Bucheli, Paz Espinosa, & García-Muñoz, 2013). Unklar bleibt dabei bisher, inwiefern andere das Streben nach moralischer Balance beeinflussen können. Im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit soll es darum gehen, den stellvertretenden Einfluss anderer auf das eigene moralische Handeln genauer zu untersuchen. Dabei gilt es herauszufinden, ob auch andere Personen, sinnbildlich gesprochen in der Lage sind,dem Individuum eine moralische Hintertür zu öffnen und ihm unmoralische Taten zu erleichtern. Daran anknüpfend zielt die Arbeit darauf ab, ebenfalls einen Beitrag bezüglich des entgegengesetzten Effekts zu leisten.Es soll betrachtet werden, wie Menschen auf das unmoralische Verhalten von Personen reagieren, mit denen sie sich in einer gegebenen Situation identifizieren.

2 Theoretischer und empirischer Hintergrund

Im Folgenden soll ein Überblick über den theoretischen und empirischen Hintergrund der vorliegenden Arbeit gegeben werden. Beginnend mit der Darstellung selbstregulierenden moralischen Verhaltens und der dabei beobachtbaren Effekte Moral Licensing und Moral Cleansing wird darauffolgend der Einfluss anderer Personen, z. B. durch Mitglieder einer Ingroup,auf die eigene moralische Selbstregulation beschrieben. Dieser Abschnitt beinhaltet die Vorstellung der Effekte Vicarious Moral Licensing und Vicarious Moral Cleansing. Hierbei werden zunächst potenzielle Einflussfaktoren auf die beiden Phänomene moralischen Verhaltens aufgeführt. Anschließend erfolgt die Darstellung in der Forschung diskutierter Erklärungsansätze. Am Ende des Kapitels wird der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung beschrieben und es werden die aus den theoretischen Erkenntnissen abgeleiteten Hypothesen vorgestellt.

2.1 Selbstregulierendes moralisches Verhalten

Wie eingangsangeführt, legen Menschen Wert darauf,vor sich selbst und vor anderen ein positives Selbstbild zu erhalten und sich als moralisch integer darzustellen (Schlenker, 1980; Steele, 1988; Tesser, 1988). Dabei lassen sich auf individueller Ebene zwei Phänomene selbstregulierenden moralischen Verhaltens, namentlich Moral Licensing und Moral Cleansing,benennen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird bei der Untersuchung der beiden Phänomene moralisches und ethisches Verhalten bezugnehmend auf Treviño, Weaver und Reynolds (2006) wie folgt definiert:

„[…] individual behavior that is subject to or judged according to generally accepted norms of behavior (e.g., honesty, lying, cheating, stealing).” (S. 972)

Moral Licensing beschreibt den Effekt, dass Menschen nach einer moralisch guten Tat, scheinbar eine höhere Bereitschaft zum Vollzug einer unmoralischen Handlung zeigen. Moral Cleansing legt das Bestreben nahe, Unmoral durch symbolisch entgegenwirkende Handlungen auszugleichen. Beiden Effekten gemein ist dabei eine Inkonsistenz zwischen dem vorausgegangen und dem nachfolgenden Verhalten. Somit stehen sie im Gegensatz zu demvon den klassischen Konsistenztheorien, z. B.der Balance-Theorie (Heider, 1946) oder der Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957), postulierten menschlichen Bedürfnis nach kognitiver Konsonanz. Nachfolgend sollen beide Effekte anhand empirischer Befunde vorgestellt werden.

2.1.1 Der Effekt des Moral Licensing

Eine anschauliche Definition zur Beschreibung von Moral Licensing stammt von Merrit et al. (2010):

„Past good deeds can liberate individuals to engage in behaviors that are immoral, unethical, or otherwise problematic, behaviors that they would otherwise avoid for fear of feeling or appearing immoral.” (S. 344)

Individuen können folglich durch frühere gute Taten lizenziert werden Handlungen zu begehen, die sie sonst aus Furcht oder einem Gefühl, unmoralisch zu sein, vermieden hätten. Unklar bleibt, weshalb die Wahrscheinlichkeit steigt, dass auf eine moralisch gute, eine moralisch schlechte Tat folgt und wieso Menschen zu solch inkonsistentem Verhalten neigen.

Zur Wahrung einer inneren moralischen Balance muss die Erlaubnis für moralisch kritisierbares Verhalten scheinbar erst verdient werden (Sachdeva et al., 2009). In der Regel erfolgt dabei der Rückgriff auf ein bereits gezeigtes Verhalten, das Menschen die Zuversicht gibt, eigentlich moralisch integer zu sein (Merrit et al., 2010). Miller und Effron (2010) sprechen in diesem Zusammenhang von einer psychologischen Lizenz. Diese definieren sie als die Wahrnehmung einer Person, die Erlaubnis zu besitzen, eine unmoralische Handlung vollziehen oder bestimmte Gedanken verbalisieren zu können, ohne sich selbst dabei in Verruf zu bringen. Beispielsweise konnten Monin und Miller (2001) in der ersten zu Moral Licensing veröffentlichten Studie zeigen, dass männliche Versuchspersonen, welche sexistischen Aussagen widersprechen konnten, anschließend einen stereotyp männlichen Job auch als für Männer geeigneter einstuften. Nach Meinung der Autoren fiel es den Probanden nach Ablehnung der sexistischen Statements leichter, ihre ehrliche Meinung kundzutun, ohne befürchten zu müssen, als vorurteilsbehaftet angesehen zu werden. Um die Befunde auf beide Geschlechtergruppen ausweiten zu können, änderten Monin und Miller (2001) in einem zweiten Experiment den Intergruppenkontext dahingehend, dass Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen wurden. Dabei manipulierten sie im Rahmen einer fiktiven Bewerbersituation für eine offerierte Stelle als Polizist (police-hiring task) die ethnische Herkunft des Kandidaten, der objektiv am besten für die Stelle geeignet war. Das Szenariowar hierbei bewusst so gestaltet, dass die ProbandInnen davon ausgehen konnten, dass die zukünftigen KollegInnen und Menschen vor Ort AusländerInnen gegenüber eher feindlich gesinnt sind.Hierdurchwurde eine mehrdeutige Situation kreiert, die auch das Einstellen eines minderqualifizierten weißen Bewerbers rechtfertigen würde. Versuchspersonen, die zunächst einem afroamerikanischen Bewerber die Stelle gaben, warenin folgenden Situationen häufiger bereit, ihm gegenüber ablehnendes Verhalten zu zeigen. Durch die Rekrutierung eines Kandidaten einer vermeintlichen ethnischen Minderheit konnten sie ihre Toleranz zum Ausdruck bringen und sich die Anerkennung als unvoreingenommene Person gutschreiben.Dies deckt sich mit den Ergebnissen jüngerer Studien von Effron, Cameron und Monin (2009). Dabei untersuchten sie die Auswirkungen des öffentlichen Zuspruchs für Barack Obama unmittelbar vor der US-Präsidentschaftswahl 2008. Versuchspersonen, die während des Experiments ihre Unterstützung für Obama kundtun konnten, präferierten im Rahmen des Polizei-Bewerber-Szenarios (vgl. Monin & Miller, 2001) ebenfalls den weißen gegenüber dem afroamerikanischen Kandidaten.

Das Auftreten von Moral Licen sing ist dabei keinesfalls auf die Domäne Political Correctness und das Äußern von Vorurteilen gegenüber Minderheiten beschränkt, sondernlässt sich auch im Bereich prosozialen Verhaltens und bei Kaufentscheidungen nachweisen. So zeigen Versuchspersonen, nachdem sie dazu aufgefordert wurden, unter Vorgabe positiver Eigenschaften eine Geschichte über sich selbst zu verfassen, eine geringere Spendenbereitschaft als solche, die sich mit negativen Charakterzügen beschreiben sollten (Sachdeva et al., 2009). Und auch bei der Entscheidung zwischen einem Luxusartikel und einem Gebrauchsgegenstand tendierten Menschen dazu, sich eher für luxuriöse Dinge zu entscheiden, wenn sie den Kauf, durch den vorherigen Erwerb einer moralischen Lizenz, vor sich rechtfertigen konnten (Khan & Dhar, 2006). In diesem Fall reichte gemäß den Studienbefunden die Imagination einer moralisch guten Handlung für den Lizenzerwerb aus.

Wie die empirischen Beispiele zeigen, handeln Menschen in diversen Lebensbereichen unbewusst nach dem Prinzip einer moralischen Rechtfertigung (Khan & Dhar, 2006; Miller & Effron, 2010). An dieser Stelle ist jedoch auch auf Veröffentlichungen hinzuweisen, die das Befundmuster zu Moral Licensing nicht bestätigen konnten. Versuche von Blanken, van de Ven, Zeelenberg und Meijers (2014), die von Sachdeva et al. (2009) berichteten Ergebnisse zu replizieren, scheiterten. Dementgegen sprechen die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse von Blanken, van de Ven und Zeelenberg (2015), trotz der verhältnismäßig geringen Effektstärke, für die praktische und theoretische Relevanz von Moral Licensing.

Es bleibt die Frage zu klären, warum Menschen auf die Ausgeglichenheit von moralischen und unmoralischen Verhaltensweisen bedacht sind und diese unbewusst gegeneinander abwiegen. Die Annahme, dass es sich hierbei lediglich um eine Selbstdarstellungsstrategie handelt, um von anderen positiv bewertet zu werden, ist u. a. in Hinblick auf Befunde von Monin und Miller (2001) zu verneinen. So ließ sich Moral Licensing auch bei wechselndem Versuchsleiter zwischen der Phase des Lizenzerwerbs und des Lizenzentzugs nachweisen. Außerdem konnten Khan und Dhar (2006) zeigen, dass die veränderte Selbstwahrnehmung infolge der Lizenzierung die Bevorzugung von Luxusartikeln mediieren konnte. Es geht also nicht vorrangig darum, vor anderen gut dazustehen, sondern sein Verhalten vor sich selbst rechtfertigen zu können. Miller, Effron und Zak (2009) sprechen in diesem Kontext von einem psychologischen Standing und fassen darunter die subjektive Berechtigung, sich in einer bestimmten Situation gemäß seinen Überzeugung verhalten zu dürfen. Ergo wird das Auftreten von Moral Licensing wahrscheinlicher, wenn Menschen ein psychologischesStanding etabliert haben, das ihnen ein moralisch anstößiges Verhalten erlaubt.

2.1.2 Der Effekt des Moral Cleansing

Das Bedürfnis, sich „von seinen Sünden reinzuwaschen “ oder moralische Vergehen durch symbolische Handlungen zu egalisieren, spielt im Rahmen empirischer Forschung zu moralischem Verhalten häufig eine zentrale Rolle (z. B. Zhong & Liljenquist, 2006). Eines der wohl ältesten und bekanntesten Beispiele stammt aus der Überlieferung der Bibel. Dabei heißt es, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus seine Hände wusch, um seine Unschuld am Tode Jesu zu unterstreichen. Sofern sich Menschen entgegen ihrer persönlichen und gesellschaftlichen moralischen Wertvorstellungen verhalten, können sowohl Gefühlemoralischer als auch körperlicher Unreinheit entstehen (Zhong & Liljenquist, 2006).Diese äußern sich zumeist in Form einer negativen Selbstbewertung oder einem schlechten Gewissen (Rothmund & Baumert, 2014), wodurch der Wunsch nach moralischer Reinigung (Moral Cleansing) entsteht. Gollwitzer und Melzer (2012) schlagen für den Effekt des Moral Cleansing folgende Definition vor:

„Moral cleansing means that people counterbalance their bad deeds by behaving in ways that symbolically reaffirm the values that had been undermined.” (S. 1356)

Die symbolische Wiederherstellung moralischer Reinheit wird demzufolge über kompensatorisches Verhalten erreicht. Eine der ersten Studien zu Moral Cleansing stammt von Carlsmith und Gross (1969). Die Autoren konnten zeigen, dass ProbandInnen, die eine/n weitere/n VersuchsteilnehmerIn in einer Lernsituation für jede falsche Antwort mit Elektroschocks bestrafen sollten, nachfolgend bereiter waren, dem Versuchsleiter einen Gefallen zu tun. Obwohldiesem keinschädigendes Verhalten entgegengebracht wurde, waren sie motiviert,ihm zu helfen. Daraus schlussfolgerten die Autoren, dass eine unspezifische symbolische Handlung ausreichend war, um das schlechte Gewissen abzulegen und den moralischen Verstoß ausgleichenzu können. Auch neuere empirische Befunde untermauern den Effekt des Moral Cleansing. So konnten Tetlock, Kristel, Elson, Green und Lerner (2000) zeigen, dass allein das intensive Nachdenken über moralisch tabuisierte Themen (taboo trade-offs) bei den VersuchsteilnehmerInnen die Bereitschaft auslöste, sich an entsprechenden politischen Gegenkampagnen zu beteiligen (z. B. gegen den Handel mit Waisenkindern vorzugehen).

Danebenexistieren mittlerweile auch Forschungsbefunde, die den Zusammenhang zwischen physischer und moralischer Reinheit empirisch bestätigen. Zhong und Liljenquist (2006) führten,bezugnehmend aufdie Szene aus der Tragödie Macbeth von Shakespeare, in welcher Lady Macbeth voller Schuldgefühle am Tod des Königs von Schottland immer wieder ihre Hände wusch, den gleichnamigen Macbeth-Effekt ein.Dieser beschreibt das Phänomen, dass Menschen das Bedürfnis haben, sich physisch zu reinigen, wenn ihr moralisches Selbst bedroht wurde (Gollwitzer & Melzer, 2012). In ihrer Untersuchung forderten Zhong und Liljenquist (2006) die VersuchsteilnehmerInnen auf, sich entweder an ein von ihnen gezeigtes moralisch gutes oder moralisch schlechtes Verhalten zu erinnern. Danach wurden sie vor die Wahl gestellt, ob sie lieber einen Bleistift oder ein antiseptisches Erfrischungstuch geschenkt haben möchten. Versuchspersonen, die eine unmoralische Handlung erinnerten, entschieden sich häufiger für das Reinigungstuch. Auch in anderen Domänen konnte der Macbeth-Effekt nachgewiesen werden. Gollwitzer und Melzer (2012) fanden heraus, dass auch das Spielen gewalthaltiger Computerspiele zu einem Gefühl körperlicher Unreinheit führen kann, insbesondere bei unerfahrenen SpielerInnen. Wurden diese im Anschluss an die Studie vor die Wahl zwischen einem Hygieneartikel (z. B. einem Duschgel) oder einem anderen Produkt (z. B. Gummibären) gestellt, präferierten sie verstärkt Hygieneprodukte. Dies diente offensichtlich der Wiederherstellung des moralischen Selbst.

Ersichtlich wird, dass Menschen bestrebt sind,über verschiedene Wege der Verletzung innerermoralischer Werte entgegenzuwirken. Sofern ihnen nicht unmittelbar eine ausgleichende moralische Handlung angeboten wird, wie dem/der VersuchsleiterIn zu helfen, greifen alternative Kompensationsstrategien. Dies unterstreicht auch das Ergebnis der vierten Studie von Zhong und Liljenquist (2006), bei derdie Versuchspersonen sich abermals entweder an eine moralische oder eine unmoralische Handlung aus der eigenen Vergangenheit erinnern sollten. Diejenigen, die anschließend ihre Hände mit einem Desinfektionstuch reinigen konnten, zeigten weniger Hilfsbereitschaft als Personen, denen diese Möglichkeit nicht eingeräumt wurde. Somit war das Händewaschen als Ausgleich für die unmoralische Handlung ausreichend und es entstand kein Bestreben zu weiterer Hilfsbereitschaft. Da dieMotivation nach moralischen Übertretungen nicht in erster Linie darin besteht, diese eins zu eins auszugleichen, erweisen sich folglich auch indirekte Entschädigungsmaßnahmen als effektiv.Dies verdeutlicht den Symbolcharakter des kompensatorischen Verhaltens (Zhong & Liljenquist, 2006).

2.2 Der Einfluss anderer auf die moralische Selbstregulation

Bisher wurden die beiden Effekte Moral Licensing und Moral Cleansing primär auf individueller Ebene beschrieben. Dabei erfolgte der Lizenzerwerbfür das moralisch fragwürdige Verhalten vorrangigdurch die Person selbst (Moral Licensing), beziehungsweise eigene moralische Verfehlungen erzeugten das Bedürfnis nach einer kompensatorischen Reaktion (Moral Cleansing). Allerdings scheint Moralität auch eine soziale Komponente zu beinhalten.So legen empirische Befunde nahe, dass die beschriebenen Effekte auch durch das Verhalten anderer Personen hervorgerufen werden können. Entsprechende Annahmen basieren dabei vorrangig auf der Vicarious Self-Perception Theory von Goldstein und Cialdini (2007). Diese nimmt an, dass das Selbstkonzept von Personen temporär durch Identifikationsprozesse verändert werden kann. Menschen übertragen demzufolge die Eigenschaften und Handlungen signifikanter Anderer in ihr Selbstkonzept und richten ihr Verhalten danach aus, wenn bei ihnen das Gefühl einer gemeinsamen Identität entsteht. Gemäß Aron und Aron(1986) kann dieser Prozess als Selbst-Expansion beschrieben werden. Durch den Einbezug psychologisch naher Personen in das eigene Selbstkonzept und die damit verbundene Perspektivübernahme wird die beobachtete Handlung als selbst vollzogen wahrgenommen (Galinsky, Wang, & Ku, 2008; Goldstein & Cialdini, 2007). Dabei wird der Einfluss des [un]moralischen Verhaltens anderer auf das eigene Handeln insbesondere in mehrdeutigen Situationen, die keine klaren Verhaltensregeln vorgeben, wahrscheinlich (Goldstein, Cialdini, & Griskevicius, 2008).

2.2.1 Der Effekt des Vicarious Moral Licensing

In vielen Lebensbereichen treffen Menschen ihre Entscheidungen nicht unabhängig, sondern koppeln diese an die Meinungen und das Verhalten ihnen nahestehender Personen. Eine wichtige Referenzgruppe bildet dabei eine Ingroup, der sich das Individuum zugehörig und verbunden fühlt (Nelson, 2006; Tajfel, 1981). Bezugnehmend auf die zu Moral Licensing geschilderten Forschungsbefunde bleibt daher zu klären, inwiefern das moralische Verhalten von Personen durch ihre Ingroup-Mitglieder beeinflusst werden kann.

Mit ihrer 2011 veröffentlichten Studie konnte Kouchaki erstmals empirische Evidenz für das Vorliegen eines derartigen stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekts(Vicarious Moral Licensing -Effekt) liefern. Ihre insgesamt fünf Untersuchungen zu unterschiedlichen Personalauswahlszenarienlegen dabei nahe, dass der Effekt des Moral Licensing auch durch Mitglieder der eigenen Ingroup ausgelöst werden kann.Dabei basiert die Rechtfertigung für diemoralisch fragwürdigeHandlungnicht auf dem eigenenVerhalten. Stattdessen ist die moralisch gute Tat von Personen, mit denen sich der/die Handelnde in der gegebenen Situation identifiziert, lizenzgebend.

Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, wies Kouchaki (2011) in ihrer ersten Untersuchung (1a) eine studentische Stichprobe randomisiert einer von vier Bedingungen zu und präsentierte ihnen fiktive Forschungsbefunde zum Gruppenstatus ihrer KommilitonInnen im Vergleich zu Studierenden anderer Universitäten. In zwei Versuchsgruppen wurden die Mitstudierenden der ProbandInnen dabei entweder als moralisch überlegen oder moralisch durchschnittlich dargestellt.Die beiden zusätzlichen Versuchsbedingungen beschrieben die Gruppe der Versuchspersonenals in puncto Intelligenz oder Wettbewerbsfähigkeitüberlegen. Dies diente dazu, die Distinktheit der moralischen Überlegenheit gegenüber anderen Bereichen herauszustellen. Sämtliche Versuchspersonen wurden im Anschluss mit dem bereits aus der Untersuchung von Monin und Miller (2001) bekannten Polizei-Bewerber-Szenariokonfrontiert (s. Abschnitt 2.1.1). Dabei zeigte sich, dass die Rückmeldung eines moralisch überlegenen Gruppenstatus die Präferenz zugunsten des weißen Bewerbers verschob, was für eine Lizenzierung vorurteilsbehafteten Verhaltens sprach. Zwischen den übrigen drei Bedingungen bestand kein statistisch bedeutsamer Unterschied hinsichtlich der Bevorzugung des weißen Kandidaten. Hier zeigten die ProbandInnen mit Ausnahme der Versuchsgruppe, die als intelligenter beschrieben wurde, weniger vorurteilsbehaftetes Verhalten. Diese Ergebnisse belegen sowohl den stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekt als auch die Spezifität der Domäne Moral.

Überdies konnte Kouchaki (2011) ineiner zweiten Studie (1b) weitere empirische Evidenz für VML liefern.Ziel war es zu überprüfen, ob der Effektauch dann auftritt, wenn das lizenzgebende und das lizenznehmende Verhalten aus derselben Domäne stammen und durch das gleiche Szenario operationalisiert werden. Abermals wurden die ProbandInnen gebeten, in einer mehrdeutigen Bewerbersituation eine Einstellungsentscheidung zu treffen, wobei die ethnische Herkunft des objektiv am besten qualifizierten Kandidaten manipuliert wurde (hispanisch vs. weiß). In einer der beiden Versuchsgruppen erhielten die ProbandInnen zusätzlich Informationen zum vorurteilsfreien Entscheidungsverhalten anderer StudienteilnehmerInnen, die bereits an der Untersuchung teilgenommen hatten. Durch diesen Zusatz sollte den Versuchspersonen implizit die Lizenz zu moralisch abweichendem Verhalten bereitgestellt werden. Wie beabsichtigt, zeigte sich, dass diese Rückmeldung ausreichend war, einen moralischen Lizenzierungseffekt auszulösen. So gaben ProbandInnen dieser Gruppe dem weißen verglichen mit dem hispanischen Kandidaten häufiger die Stelle. Allein die Identifikation mit einer entfernten Gruppe,bestehend aus anderen StudienteilnehmerInnen, war folglich für die stellvertretende Lizenzgebung ausreichend.

Auch neuere Befundevon Newman (2014) sprechen für die Existenz von VML und weiten die Bedeutsamkeit des Effekts auf den Wirtschaftskontext aus.In seinen Untersuchungen überprüfte er, inwiefern sich die von Unternehmen (z. B. Nike) gesellschaftlich und sozial gezeigte Verantwortung (Corporate Social Responsibility [CSR]) auf die Bereitschaft zu moralischem Verhalten ihrer KonsumentInnen auswirkt. Seine Annahmen gründet er dabei auf Studien, die zeigen, dass Individuen nicht nur andere Personen, sondern auch von ihnen als bedeutsam wahrgenommene Firmen oder Marken zur Selbstbeschreibung heranziehen (Escalas, 2004;Escalas & Bettman, 2003). Wurde von Firmenseite aus ein hohes Ausmaß an CSR gezeigt, führte dies bei den Versuchspersonen, verglichen mit einer neutralen Bedingung, zu weniger Spenden- und mehr Täuschungsverhalten. Allerdings traten die Effekte ähnlich wie bei der Identifikation mit einer Ingroup nur dann auf, wenn sich die Personen mit dem Unternehmen verbunden fühlten.

Somit sind zwei Faktoren für das Auftreten von VML entscheidend. Zum einen bedarf es eines stellvertretenden lizenzierenden Verhaltens, auf das sich die handelnde Person in der gegebenen Situation beziehen kann. Zum anderen ist das Gefühl einer Verbundenheit zum/zur LizenzgeberIn erforderlich, was die zentrale Rolle der Ingroup unterstreicht.

2.2.2 Der Effekt des Vicarious Moral Cleansing

Moralisch gutes Verhalten der Mitglieder der Ingroup kann dazu führen, dass Menschen sich zu moralisch fragwürdigem Handeln lizenziert fühlen. Dabei bleibt jedoch offen, was im umgekehrten Fall passiert, nämlich dann, wenn dem Individuum nahestehende Personen ein moralisch als negativ zu bewertendes Verhalten offenbaren. Gemäß den Annahmen der Vicarious Self-Perception Theory (Goldstein & Cialdini, 2007), die den handlungsleitenden Einfluss signifikanter Anderer beschreibt, sollte dadurch das Bestreben nach einer kompensatorischen Handlung entstehen. Dies würde implizieren, dass Personen nach moralischen Verfehlungen ihrer Ingroup das Bedürfnis verspüren, sich moralisch reinzuwaschen und dazu entsprechende Handlungen initiieren.

Bezugnehmend auf die zu Moral Cleansing geschilderten Forschungsergebnisse von Tetlock et al. (2000) gibt es bereits erste Hinweise, welche diesen Effekt nahelegen (s. Abschnitt 2.1.2). Obwohl die Versuchspersonen hierbei nicht selbst gegen moralische Normen verstießen, sondern lediglich davon gelesen hatten, erlebten sie eine Bedrohung der eigenen moralischen Identität. Dies löste bei ihnen das Bedürfnis nach ausgleichendem Verhalten aus. Wenngleich die Ergebnisse auf die Existenz eines stellvertretenden moralischen Reinigungseffekts (VMC) hindeuten, wird dieser in der Studie nicht als solcher benannt.

Mit seiner 2014 veröffentlichten Arbeit war Newman einer der ersten, der den Begriff Vicarious Moral Cleansing ins Feld führte und diesbezüglich systematische Untersuchungen anstellte.Dabei präsentierte er den StudienteilnehmerInnen fiktive Befunde zur Bereitschaft von Wirtschaftsunternehmen sich an CSR-Maßnahmen zu beteiligen (s. Abschnitt 2.2.1). So wurde den ProbandInnen beispielsweise mitgeteilt, dass das Unternehmen (z. B. Nike) nicht gewillt war, sich an Kampagnen zu nachhaltigem Wirtschaften zu beteiligen. Zudem erfasste Newman (2014) das Ausmaß an Verbundenheit der Versuchspersonen mit dem genannten Unternehmen. Insbesondere für Personen, die sich diesem durch gemeinsame Wertvorstellungen verbunden fühlten, zeigte sich verglichen mit einer neutralen Kontrollbedingung ein erhöhtes Spenden- und ein reduziertes Täuschungsverhalten. Newman (2014) leitete daraus ab, dass die negative Darstellung des Unternehmens hinsichtlich CSR eine Bedrohung für das Selbstkonzept der Versuchspersonen darstellte. Um dieser entgegenzuwirken, zeigten die ProbandInnen in Form von mehr moralischem Verhalten eine kompensatorische Reaktion. Somit offenbarte sich der Effekt in diesem Fall verglichen mit VML (s. Abschnitt 2.2.1) in entgegengesetzter Richtung.

2.3 Potenzielle Einflussfaktoren

Im vorherigen Abschnitt wurden die Effekte VML und VMC anhand empirischer Befunde vorgestellt. Beiden gemeinsam ist eine Inkonsistenz zwischen dem Verhalten anderer und der hierdurch ausgelösten Reaktion des Individuums.Nachfolgend werden mit der Identifikation mit der Ingroup, der moralischen Internalisierung und dem Konsistenzstreben drei potenzielle Einflussfaktoren theoretisch hergeleitet, welche sich auf das Auftreten beider Effekte auswirken können.

2.3.1 Identifikation mit der Ingroup

Menschen fühlen sich mit unterschiedlichen sozialen Gruppen und Kategorien verbunden, die sie persönlich prägen und mitbestimmen, wer sie sind (Deaux, Reid, Mizrahi, & Ethier, 1995; Hogg & Abrams, 1988; Turner, 1982). So kann die Beschreibung einer Person beispielsweise über ihre Nationalität oder ihre Berufsgruppe erfolgen. Aus diesen Gruppenzugehörigkeiten können Selbstbeschreibungen abgeleitet und Merkmale und Attribute des sozialen Kollektivs auf die eigene Person übertragen werden (Abrams & Hogg, 1988).

Bereits die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1986) postuliert, dass Menschen einen Teil ihres Selbstkonzepts aus ihren Gruppenzugehörigkeiten und den sozialen Bewertungen dieser Gruppen ableiten. Der Bewertungsprozess vollzieht sich hauptsächlich im Vergleich mit relevanten anderen Gruppen, wobei eine positive kollektive Identität angestrebt wird. Voraussetzung hierbei ist neben situativer Salienz der Gruppe auch die Identifikation mit dieser. In diesem Zusammenhang lässt sich beispielsweise auch der grenzenlose Jubel eines Großteils der deutschen Bevölkerung nach dem WM-Triumph der deutschen Fußballnationalmannschaft 2014 in Brasilien erklären. Ausgelöst durch die Identifikation mit der sportlich erfolgreichen Nation wird die Gruppenzugehörigkeit zur Ressource für das eigene Selbstbild. Karolewski und Suszycki (2011) bezeichnen diese Form der Übertragung als den sogenannten Self-Esteem Booster- Effekt. Ähnliche Auswirkungen beschreibt auch das erstmals von Cialdini et al. (1976) beforschte Phänomen des Basking in Reflected Glory (BIRG). Demnach heben Personen ihre Beziehung zu erfolgreichen anderen hervor, um von deren Image profitieren zu können. Obwohl sie selbst keinen eigenständigen Beitrag geleistet haben, zeigen sie die Tendenz, sich mit den Erfolgen anderer zu identifizieren, um den eigenen Selbstwert zu erhöhen.

Sowohl für den beschriebenen Self-Esteem Booster Effekt als auch für das Phänomen des BIRG gilt, dass die Identifikation mit der Gruppe dann hoch ausfällt, wenn das Individuum daraus etwas Positives für seinen Selbstwert ableiten kann. Entsprechende Identifikationsprozesse können allerdings auch bei einem ungünstigen Vergleich zwischen In- und Outgroup auftreten (Brewer, 1991). In diesem Fall kann die Gruppenzugehörigkeit zu einer negativen Selbsteinschätzung führen und das Individuum zu kompensatorischen Reaktionen auf die potenzielle Bedrohung des Selbstwerts veranlassen (Tajfel & Turner, 1986).

Durch Identifikation und die Zuordnung der eigenen Person zu bestimmten Kategorien kommt es hierbei auch zu einer Akzentuierung der Gemeinsamkeiten (Turner, 1987), wenn man die Gruppenmitglieder nicht persönlich kennt (Anderson, 1983; Tajfel, 1982). Dies deckt sich mit den Ergebnissen der zuvor vorgestellten Studie 1b von Kouchaki (2011), bei der die Rückmeldung bezüglich des moralisch positiven Entscheidungsverhaltens anderer StudienteilnehmerInnen ausreichend war, um bei den Versuchspersonen einen Effekt des VML auszulösen (s. Abschnitt 2.2.1). Wenngleich in Hinblick auf die gewählte Referenzgruppe nicht von persönlicher Bekanntschaft oder einem hohen Gemeinschaftsgefühl der ProbandInnen ausgegangen werden konnte, hatte diese einen Einfluss auf ihr Verhalten. Kouchaki (2011) selbst wertete dies als konservativen Nachweis des stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekts. Folglich kann dieser allein durch das Gefühl einer temporären Zusammengehörigkeit mit unbekannten Personen ausgelöst werden.

Neben der Betrachtungsozialen Einflussesmoralischen Verhaltens im Gruppenkontext gibt es Ansätze, welche diese Prozesse verstärkt innerhalb dyadischer Beziehungen untersuchen (Cialdini, Brown, Lewis, Luce, & Neuberg, 1997). Cialdini et al. (1997) sprechen bei der Beschreibung enger, durch interpersonale Sensitivität und Identifikation geprägter Verbindungen zwischen zwei Personen (z. B. zwischen Familienmitgliedern) von Oneness. Dies steht in Einklang mit der Theorie der Selbst-Expansion von Aron und Aron (1986), wonach andere einen Teil des eigenen Selbstkonzepts bilden können. Dieser Prozess des Self-Other-Merging wird dabei mit zunehmender Verbundenheit zwischen den Personen wahrscheinlicher (Aron, Aron, Tudor, & Nelson, 1991). Entsprechende Gefühle psychologischer Nähe und Verbundenheit beschreiben auch Gino und Galinsky (2012) und definieren diese wie folgt:

„We define psychological closeness as feelings of attachment and perceived connection toward another person or people.” (S. 16)

Ihre Untersuchungen zu den Auswirkungen psychologischer Nähe legen dabei eine Konsistenz zwischen dem beobachteten und dem eigenen [un]moralischen Verhalten nahe. Verhielt sich eine den ProbandInnen nahestehende Person unehrlich oder egoistisch, reagierten die Versuchspersonen auf dieselbe Weise. Ähnliche Effekte zeigten sich auch im umgekehrten Fall, wobei moralisches Verhalten auf Seiten der psychologisch nahen Person die ProbandInnen ebenfalls zu mehr moralischen Handlungen anregte.

Die Befunde von Gino und Galinsky (2012) stehen somit im Gegensatz zu denen von Kouchaki (2011) und Newman (2014), die eine Inkonsistenz zwischen dem Verhalten psychologisch Nahestehender und dem eigenen Verhalten belegen.Trotzdem erfolgt in beiden Fällen eine stellvertretende Beeinflussung durch andere, die mit zunehmender Verbundenheit wahrscheinlicher wird. Infolgedessen richten Individuen ihr Verhalten stärker an dem anderer Personen oder Gruppenaus. Somit deutet die aktuelle Forschungslage zu VML und VMC darauf hin, dass sich beide Effekte mit zunehmender Identifikation des Individuums, sei es mit der Gruppe (Kouchaki, 2011) oder einem Unternehmen (Newman, 2014) verstärken.

2.3.2 Moralische Internalisierung

In der moralpsychologischen Forschung erfolgte lange Zeit eine Fokussierung auf zugrundeliegende kognitive Entscheidungsprozesse beim Umgang mit moralischen Problemstellungen (Kohlberg, 1969, 1984;Piaget, 1932). Vorrangig wurden dabei die durch das Individuum zur Entscheidungsfindung herangezogenen Argumente betrachtet (Monin & Jordan, 2009). Allerdings reichen kognitive Schlussfolgerungen zur Herstellung eines Zusammenhangs zwischen moralischen Urteilsprozessen und dem daraus resultierenden Verhalten nicht aus. Insbesondere die moralische Identität, also das Ausmaß, mit welchem Personen moralische Werte und Tugenden als zentral und bedeutsam für ihr Selbst betrachten, scheint eine Haupteinflussgröße für die Bereitschaft zu moralischem Verhalten zu sein (Blasi, 1983, 2004). Dabei wird angenommen, dass moralische Identität über einen Mechanismus der Selbstregulation zu moralischem Handeln motiviert (Blasi, 1984; Hardy, 2006;Hart, Atkins, & Ford, 1998). Damon und Hart (1992) bezeichnen die Selbstrelevanz moralischer Eigenschaften gar als den Hauptprädiktor für die Konkordanz zwischen moralischem Urteil und Verhalten. Dabei gehen sie davon aus, dass sich die Übertragung moralischer Überzeugungen auf entsprechendes Verhalten konsistent über verschiedene Lebensbereiche hinweg auswirkt. Der Ansatz, den Zugang zur moralischen Identität über stabile individuelle Unterschiede zwischen Personen zu finden, konnte häufig bestätigt werden (Monin & Jordan, 2009). Dies impliziert jedoch nicht, dass die moralische Identität als eine Persönlichkeitseigenschaft zu verstehen ist (Aquino & Reed, 2002), da sie wie die soziale Identität durch situative oder kontextuelle Einflüsse aktiviert oder unterdrückt werden kann (Forehand, Deshpandé, & Reed, 2002). Dennoch ist für Personen, die moralische Eigenschaften als integralen Bestandteil ihres Selbstverständnisses betrachten, von einem stärkeren Zusammenhang zwischen moralischen Kognitionen und moralischem Verhalten auszugehen (Aquino & Reed, 2002; Walker & Frimer, 2007).

Basierend auf diesen Überlegungen konzipierten Aquino und Reed (2002) eine traitbasierte Skala zur systematischen Erfassung der Selbstrelevanz moralischer Identität, die sie folgendermaßen definieren:

„Moral identity is defined […] as a self-conception organized around a set of moral traits.“ (S. 1424)

Insbesondere zwei Dimensionen moralischer Identität, eine öffentliche und eine private, stellen die Autoren dabei hervor. Erstere wird als Symbolisierung bezeichnet und reflektiert das Ausmaß, inwiefern Personen moralische Eigenschaften durch das eigene Handeln nach außen hin verkörpern möchten. Die zweite Facette beschreibt die Verinnerlichung und Zentralität moralischer Eigenschaften für das eigene Selbstbild und wird als Internalisierung bezeichnet. Dieser Dimension folgend ist davon auszugehen, dass in erster Linie Personen mit einer hohen Selbstrelevanz moralischer Werte, konsistentes Verhalten zeigen und weniger anfällig für den Einfluss anderer sind (Erikson, 1964; Oliner & Oliner, 1988).

Auch die Qualität der Situation kann Einfluss darauf nehmen, inwiefern Verhalten nach persönlichen moralischen Wertvorstellungen ausgerichtet wird. Hierbei sollten interindividuelle Unterschiede in der Selbstrelevanz moralischer Wertvorstellungen mit Bezug auf das Konzept starker vs. schwacher Situationen von Mischel (1973) insbesondere in schwachen Situationen mit Verhaltensspielraum zum Tragen kommen. Untersuchungen von Reynolds und Ceranic (2007) belegen diese Annahme, indem sie zeigen, dass der individuellen Ausprägung moralischer Identität in Situationen ohne klaren sozialen Verhaltenskonsens eine handlungssteuernde Funktion zukommt. Dabei erweist sich der Einfluss der privaten Dimension Internalisierung, die einen unmittelbaren Bezug zum Selbstkonzept aufweist, gegenüber der Symbolisierung als robuster und relevanter. Besonders hinsichtlich der Beobachtung, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit von Licensing -Effekten in mehrdeutigen Situationen in Form moralischer Dilemmata größer ist (Merrit et al., 2010), gewinnt dieser Sachverhalt an Bedeutung. Folglich sollte der Nachweis beider Effekte gemäß den Befunden von Reynolds und Ceranic (2007) wahrscheinlicher werden, je geringer die moralische Internalisierung bei den Personen ausgeprägt ist. Hierbei ist von einem stärkeren Bezug auf das Verhalten der eigenen Gruppe auszugehen, wodurch die Personen im Sinne der beiden Effekte in ihrem Handeln beeinflusst werden. Im Gegenzug gilt im Sinne der Selbstwahrnehmungstheorie (Bem, 1972a) und der Konsistenztheorien (z. B. Festinger, 1957; Heider, 1946), dass Menschen, für die moralische Werte einen wesentlichen Teil ihrer Selbstbeschreibung ausmachen, eine höhere moralische Konsistenz anstreben und sich dadurch weniger stark durch andere in ihrem Handeln leiten lassen (Blasi, 1983; Reed & Aquino, 2003).

2.3.3 Konsistenzstreben

Im allgemeinen Sprachgebrauch häufig verwendeteRedensarten und Sprichworte wie „wer einmal stiehlt, ist immer ein Dieb“ spiegeln die Tendenz von Menschen wider, Individuen nach einer einmaligen Verfehlung, die moralische Integrität in zukünftigen Situationen abzusprechen. Intendiert wird damit eine Prognose menschlichen Verhaltens, um die eigene soziale Welt ein Stück weit zu ordnen und vorhersehbar zu machen. Insbesondere die grundlegenden Konsistenztheorien der Sozialpsychologie von Heider (1946), Osgood und Tannenbaum (1955) sowie von Festinger (1957) betonen das menschliche Bedürfnis nach Stimmigkeit und Konsistenz.Gemäß der Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957) entstehen bei Menschen unangenehme Gefühle, wenn Kognitionen in Widerspruch zueinander stehen. Diesen Konfliktzustand bezeichnet er als kognitive Dissonanz, den Individuen grundsätzlich vermeiden wollen. Daher besitzt Dissonanz eine motivierende Kraft, etwas gegen das negative Gefühl persönlicher Inkonsistenz zu unternehmen (Wood, 2000). Eine Möglichkeit zur Dissonanzreduktion besteht darin, sich an dem eigenen vergangenen Handeln zu orientieren und zukünftiges Verhalten danach auszurichten. Eine derartige Strategie beschreibt beispielsweise die berühmte Foot-in-the-door -Technik von Freedman und Fraser (1966), bei der Personen, die in einem Experiment einer kleinen Bitte nachkommen, nachfolgend eine höhere Bereitschaft zeigen, auch einer größeren Bitte zu entsprechen. Derartige Konsistenzeffekte legt auch die Forschung zum Einfluss von sozialem Labeling auf das Spendenverhalten nahe. So konnte Kraut (1973) in einer Feldstudie zeigen, dass Personen, die für ihr Spendenverhalten als großzügig bezeichnet wurden nachfolgend, verglichen mit nicht gelabelten und als unspendabel bezeichneten Personen, weiterhin mehr spendeten.

Ein Ansatz herauszufinden, ob Menschen in einer gegebenen Situation eher konsistentes oder inkonsistentes Verhalten zeigen, ist die von Cialdini, Trost und Newsom (1995) vorgeschlagene Persönlichkeitsvariable Konsistenzstreben. Gemäß den AutorInnen unterscheiden sich Menschen in dieser stabilen individuellen Verhaltensdisposition. Dabei können insgesamt drei Bedürfnisbereiche differenziert werden. Neben dem Bedürfnis, sich selbst gegenüber konsistent zu agieren (internale Konsistenz) und auf andere konsistent zu wirken (öffentliche Konsistenz),beinhaltet das Streben nach Konsistenz demnach auch den Wunsch, dass nahestehende Personen sich konsistent verhalten (Konsistenz von anderen). Basierend auf den Untersuchungen von Cialdini et al. (1995) zeigen insbesondere Personen mit einem hohen Konsistenzstreben die typischen Konsistenzeffekte. Demnach sollte bei ihnen vergangenes Verhalten zukünftiges besserprädizieren und somit das Auftreten von Licensing - und Cleansing -Effekten weniger wahrscheinlich machen.

Weiterhin kann,bedingt durch eine Perspektivübernahme,auch das Verhalten einer anderen Person zum Erleben von Dissonanz führen (Norton, Monin, Cooper, & Hogg, 2003). Gino und Galinsky (2012) gründen u. a. auf diesem Befund den von ihnen geschilderten Nachahmungseffekt (s. Abschnitt 2.3.1). Demzufolge diente das Verhalten anderer als Orientierungspunkt und begünstigte ein gleichgerichtetes Handeln.

Auch Newman (2014) unterstreicht den motivationalen Charakter von Dissonanz, der Menschen dazu bewegt, diesen aversiven Zustand auflösen zu wollen. Dabei weist er auf das Potenzial bewussthervorgerufener Inkonsistenz hin, welche insbesondere den Effekt des VML abschwächen kann. Seiner Meinung nach wird das Erleben von Dissonanz dann wahrscheinlich, wenn Personen sich die ansonsten unbewusst ablaufenden moralischen Entscheidungsprozesse bewusstvergegenwärtigen. Das Reflektieren und das Abwägen der potenziell negativen Konsequenzen ihres unmoralischen Verhaltens können die Gefahr einer Verhaltensinkonsistenz in das Bewusstsein rücken und somit die Sichtweise auf das eigene Handeln verändern. Daher scheint es plausibel, dass vorrangig Personen mit einem höheren Streben nach Konsistenz dazu neigen, gemäß ihrer Vorstellungen zu agieren und weniger sensitiv auf das Verhalten anderer zu reagieren. Auch diese Befunde legen somit indirekt nahe, dass die Effekte VML und VMC mit einem zunehmenden Bedürfnis nach Konsistenz weniger zum Tragen kommen sollten.

2.3.4 Zusammenfassung der potenziellen Einflussfaktoren

Im Rahmen dieses Abschnitts wurden insgesamt drei Einflussfaktoren auf die Effekte VML und VMC vorgestellt. Während zunächst die zentrale Rolle einer wahrgenommenen Identifikation mit der Ingroup für den Nachweis einer Beeinflussung des [un]moralischen Verhaltens durch andere betrachtet wurde, erfolgte im Anschluss die Darstellung der moralischen Internalisierung. Dabei wurde der Einfluss der Selbstrelevanz moralischer Eigenschaften auf die Effekte dargestellt, wobei die Auftretenswahrscheinlichkeit mit abnehmender moralischer Internalisierung ansteigen sollte. Ähnlich verhält es sich auch mit dem breiter gefassten Konstrukt des Konsistenzstrebens. Auch in diesem Fall sollte eine geringere Ausprägung den Nachweis beider Effekte begünstigen.

2.4 Potenzielle Erklärungsansätze

Der nachfolgende Abschnitt dient dazu,das Verständnis für die den Effekten VML und VMC zugrundeliegenden Prozesse zu fördern. Hierbei gilt es jedoch anzumerken, dass es diesbezüglich nur wenig gesicherte Befunde gibt. Da eine hohe phänomenologische Ähnlichkeit zwischen VML und VMC zu durch das eigene Verhalten ausgelösten Licensing - und Cleansing -Effekten besteht, erscheint eine Übertragung der auf der individuellen Ebene dargelegten Erklärungsansätze plausibel. Als empirischer Beleg dafür dienenu. a. die Untersuchungen von Kouchaki (2011) und Newman (2014).

Beginnend mit der Beschreibung moralischer Regulationsprozesse wird zunächst ein Erklärungsansatz vorgestellt, von dem angenommen wird, dass er für beide Phänomene moralischen Verhaltens gilt (Sachdeva et al., 2009). Die anderen beiden Erklärungsversuche beziehen sich ausschließlich auf einen der beiden Effekte. So lässt sich durchdie Annahme einer veränderten Sichtweise auf die Bewertung mehrdeutigen moralischen Verhaltens (Moral Credentials) logisch und theoretisch nur das Auftreten von Licensing -Effekten erklären (Merrit et al., 2010). Die Erklärung über vorrangig negative evozierte Stimmungen spielt lediglich im Fall von VMC eine Rolle (Newman, 2014).

2.4.1 Moralische Regulationsprozesse

Werden Menschen mit einem moralischen Dilemma konfrontiert,wie beispielsweise einen fixen Geldbetrag zwischen sich und einer sozialen Einrichtung aufzuteilen, bleiben Außenstehendendie internal ablaufenden Prozesse des/der Handelnden während der Entscheidungsfindung verborgen. Hinweise für ein eher prosozial oder egoistisch motiviertes Verhalten können lediglich aus der objektiven Aufteilung der Geldsumme gezogen werden. Um die wahren Absichten moralischen Verhaltens zu ergründen und zu verstehen, erscheint die ausschließliche Betrachtung eines einzelnen Verhaltensausschnitts jedoch wenig zielführend. So weisen die bisher dargelegten Befunde zu Licensing - und Cleansing -Effektendaraufhin, dass Menschen ihr Verhalten nicht isoliert und besonders in Situationen ohne klaren Verhaltenskonsensim Sinneeiner Handlungskette betrachten (Merrit et al., 2010). Die Frage, was Individuen inbeiden Fällen zu einer Verhaltensinkonsistenz veranlasst, regte die Forschung zur Annahme eines zugrundeliegenden gemeinsamen Konzepts dynamischer Selbstbetrachtung an (Brañas-Garza et al., 2013; Monin & Jordan, 2009; Sachdeva et al., 2009; Zhong, Liljenquist, & Cain, 2009). Zentraler Indikator für die Ausrichtung des Verhaltens scheint dabei das wahrgenommene Niveau des eigenen moralischen Selbstkonzepts zu sein (Sachdeva et al., 2009). Während dieses durch eine moralisch gute Tat ins Positive ausgelenkt werden kann, führt eine moralisch negative Tat umgekehrt zu einer wahrgenommenen Herabstufung des moralischen Selbstkonzepts. Individuen sind motiviert derartige Schwankungen des moralischen Selbstkonzepts mit entgegengesetztem Verhalten auszugleichen. Die Aufrechterhaltung einer moralischen Balance (Nisan& Horenczyk, 1990) gilt dabei als erklärter Zielzustand.Sachdeva et al. (2009) beschreiben diese Art des inneren Ausbalancierens wie folgt:

„[…] moral behavior as being embedded within a larger system that contains competing forces. Moral or immoral action may emerge from an attempt to find balance among these forces.” (S. 528)

Die Inkonsistenz im Verhalten rührt offensichtlich daher, dass Menschen nicht zwangsläufig nach moralischer Perfektion streben, sondern vorrangig darauf bedacht sind, ihr eigenes Selbstbild als moralischer Mensch zu erhalten (Jordan, Mullen, & Murnighan, 2011).Diesem Umstand wird bereits in der Selbstergänzungstheorievon Wicklund und Gollwitzer (1982) Rechnung getragen, wobei die Bedrohung eines wertgeschätztenAspekts des eigenen Selbstkonzepts zu kompensatorischen Handlungen motiviert.Die ablaufenden Regulationsprozesse lassen sich dabei anhand der Metapher eines moralischen Bankkontos veranschaulichen (Effron & Monin, 2010; Merrit et al., 2010). Dabei entscheidet im übertragenen Sinn das Saldo, welche Reaktion gezeigt wird. Im Fall positiven Verhaltens wird auf das Konto eingezahlt und es kann ein moralisches Guthaben generiert werden. Sofern sich die Gelegenheit bietet, können die so erworbenen Moral Credits (vgl. Hollander, 1958) in Form einer moralisch fragwürdigen Handlung eingelöst werden. Dadurch bedingt kann das moralische Konto ins Minus gelangen, was das Einbezahlen weiterer Moral Credits erforderlich macht, um der Gefahr einer moralischen Verschuldung entgegenzuwirken. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass es gemäß dieses Erklärungsansatzes nicht darauf ankommt, in welchem Bereich die Moral Credits erworben werden. Entscheidend für den Erwerb ist ein generell gezeigtes moralisch positives Verhalten.

Kouchaki (2011) konnte die Bedeutsamkeit dieses Erklärungsansatzes auf stellvertretender Ebene in ihren Studien zu VML bestätigen. Demzufolge war es auch durch das Verhalten der Ingroup möglich, bei den Versuchspersonen eine Erhöhung des moralischen Selbstkonzepts auslösen und ein moralisch fragwürdiges Verhalten zu begünstigen. Dementgegen stehen die Untersuchungen zu VML und VMC von Newman (2014), welche keine Evidenz für zugrundeliegende moralische Regulationsprozesse liefern. Somit konnte in diesem Fall die Entstehung der beiden Effekte nicht über Veränderungen im moralischen Selbstkonzept erklärt werden.

Die vorliegende Arbeit greift diese widersprüchlichen Befunde auf und versucht das Verständnis für das Auftreten von Licensing - und Cleansing -Effekten auf stellvertretender Ebene über moralische Regulationsprozesse zufördern.Dabei ist hervorzuheben, dass Individuen in Hinblick auf moralische Regulationsprozesse in der Lage sind, [un]moralisches Verhalten als solches anzuerkennen. Hinsichtlich der Bewertung moralisch guten und moralisch schlechten Verhaltens kommt es folglich zu keinerlei Verzerrungen.

2.4.2 Moral Credentials

Der Aussage, dass etwas „politisch nicht korrekt ist“, bedient man sich in der Regel dann, wenn ein Verhalten oder eine Äußerung ein Zuwiderhandeln sozialer moralischer Normen nahelegt. Bezogen auf die eingangs zu Moral Licensing geschilderte Studie von Monin & Miller (2001) könnte beispielsweise die Bevorzugung des weißen gegenüber des afroamerikanischen Kandidaten als diskriminierendes Verhalten gewertet werden (s. Abschnitt 2.1.1). Herauszufinden, wann Menschen mit solchen moralischen Tabus brechen und sich berechtigt fühlen, Aspekte der Political Correctness außer Acht lassen, ist dabei Gegenstand der Forschung zu Moral Licensing.

Gemäß des Erklärungsansatzes der Moral Credentials kann eine vorangegangene gute Tat dazu führen, dass ein darauffolgendes, moralisch fragwürdiges Verhalten anders bewertet und nicht mehr als Verstoß angesehen wird. Für den Prozess der Umdeutung greift die Metapher einer Linse, die man sich sinnbildlich durch das moralisch positive Verhalten aufsetzt und zukünftiges Verhalten durch diese betrachtet (Merrit et al., 2010). Infolgedessen kommt es zu einer Aufhebung der Dichotomisierung in gutes und schlechtes Verhalten. Abermals erweist sich die situative Ambiguität hier als wichtiger Einflussfaktor. Nur wenn sich ein unmoralisches Verhalten überhaupt auf zweierlei Arten auslegen lässt, wie beispielsweise in der Studie von Monin & Miller (2001), kann eine Erklärung basierend auf ablaufenden Reframing-Prozessen greifen. Eindeutige Vergehen, z. B. ein Raubüberfall, lassen hingegen keinen Interpretationsspielraum zu. Dieser Sachverhalt verdeutlicht erneut, dass moralisch gute Taten nicht per se unmoralisches Verhalten begünstigen, sondern diese lediglich in mehrdeutigen Situationen wahrscheinlicher werden lassen (Effron et al., 2009). Entsprechende Annahmen stehen somit eher in der Forschungstradition ablaufender Kausalattribuierungsprozesse (z. B. Aronson, 1999; Weiner, 1986). Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen die auslösenden Bedingungen ihres Verhaltens ergründen und ihnen Ursachen zuschreiben wollen. Konkurrieren zwei Erklärungsmöglichkeiten miteinander, wie in der von Monin und Miller (2001) herbeigeführten Bewerbersituation (akademische Leistung des Kandidaten vs. kontextuelle Passung) wird bereits gezeigtes, vorurteilsfreies Verhalten zum Referenzpunkt. Darauf bezugnehmend entstehen bei den Handelnden das Gefühl und die Zuversicht, eine legitime und nicht von Vorurteilen geprägte Entscheidung treffen zu können, da sie ihre Toleranz bereits bewiesen haben. Somit fungieren Moral Credentials als eine Artkognitiver Leumundszeuge. So wie dieser im Rahmen eines Gerichtsverfahrens zur Entlastung des/der Angeklagten herangezogen wird, werden Moral Credentials im Fall von Moral Licensing dazu benutzt, nachfolgendes Verhalten als moralisch unbedenklich auszulegen.

An dieser Stelle ist auf einen entscheidenden Unterschied bei der Annahme von Moral Credentials im Vergleich zu Moral Credits hinzuweisen. Bedingt durch eine Auslenkung des Selbstkonzepts sollte der Erklärungsansatz über Moral Credits nur das Auftreteneines einzelnen unmoralischen Verhaltens als Reaktion auf eine moralisch positive Handlung erklären können. Die kognitive Umstrukturierung im Falle der Moral Credentials sollte hingegen längerfristig zu einer veränderten Bewertung und somit zu einer geringeren Fluktuation [un]moralischen Verhaltens führen (Miller & Effron, 2010).

Die bisher dargelegten Forschungsbefunde stützen den Erklärungsansatz über MoralCredentials auf Grundlage theoretischer Annahmen vorrangig für durch das eigene Verhalten herbeigeführte Licensing -Effekte (Effron et al., 2009; Merrit et al., 2010; Monin & Miller, 2001). Das Potenzial des Ansatzes, auch den VML-Effekt zu erklären, bleibt bisher unklar. Dabei stellt sich die Frage, ob auch das moralische Verhalten anderer zu einer veränderten Sichtweise auf das eigene, nachfolgend gezeigte Handeln führen kann.

2.4.3 Evozierte Stimmungen

Gefühlszustände und insbesondere länger anhaltende Stimmungen wirken sich auf das menschliche Handeln in sozialen Situationen aus und übernehmen eine breit gefächerte Kommunikations- und Regulationsfunktion in zwischenmenschlichen Interaktionen. Dies belegt u. a. die Studie von Forgas (1999) zum Einfluss affektiver Zustände auf das Sozialverhalten. Wurden ProbandInnen in negative Stimmung versetzt, wurden sie von anderen als wesentlich höflicher eingestuft, als positiv gestimmte. Weiterhin konnten sowohl Carlsmith und Gross (1969) als auch McMillen und Austin (1971) zeigen, dass Versuchspersonen, die sich bezüglich eines Ereignisses schuldig fühlten, nachfolgend mehr Hilfsbereitschaft zeigten.

Erfahren Menschen eine Bedrohung der eigenen Identität, kommt es häufig zum Erleben negativer Emotionen (Carter, 2013). Diese sind oft unspezifisch und regen zu kompensatorische Handlungen an. Neben der Tatsache, dass beispielsweise das Erleben von Schuld die Bereitschaft zu prosozialem Verhalten erhöht, lässt sich auch der gegenteilige Effekt nachweisen. Erhalten Menschen die Möglichkeit, sich von ihrer Schuld reinzuwaschen, sinkt die Bereitschaft, anderen zu helfen (Xu, Bègue, & Shankland, 2011;Zhong & Liljenquist, 2006). Insbesondere die Befunde zum Zusammenhang zwischen Schuldgefühlen und prosozialem Verhalten werden häufig zur Beschreibung von Moral Cleansing herangezogen (s. Abschnitt 2.1.2). Dies verdeutlicht einerseits die soziale Funktion von Emotionen und deutet andererseits auf das Potenzial negativer evozierter Stimmungen zur Erklärung von Cleansing -Effekten hin.

In Anlehnung an die geschilderten Forschungsbefunde waren Xu, Bègue und Bushman (2014) die ersten, die Schuld als Mediator für den Zusammenhang zwischen reinigendem (Cleansing) und prosozialem Verhalten nachweisen konnten. Dabei reduzierte besonders das Waschen der eigenen Hände nach der Konfrontation mit einem moralisch verwerflichen Ereignis die wahrgenommene Schuld. Konnten die ProbandInnen lediglich beobachten, wie sich eine andere Person die Hände wusch, war die wahrgenommene Schuld stärker. In der Folge zeigten die VersuchsteilnehmerInnen, die sich selbst reinigen konnten, weniger prosoziales Verhalten. Wenngleich in der Studie sowohl positive als auch negative Affekte erhoben wurden, betonen die AutorInnen die Sonderstellung von Schuld. Allerdings ruft eine gegebene Situation in der Regel gleichzeitig eine Reihe an Emotionen und nicht nur eine spezifische hervor (Larsen, McGraw, Mellers, & Cacioppo, 2004). Emotionen übernehmen dabei eine selbstregulierende Funktion, wobei durch das Individuum angestrebt wird, dass positive gegenüber negativen Befindlichkeiten überwiegen. Dabei erweist sich beispielsweise prosoziales Verhalten als effektive Maßnahme und kann instrumentell dazu eingesetzt werden, positive Stimmungen herzustellen (Cialdini et al., 1987). Spendeten Versuchspersonen anderen Personen Geld, löste das bei ihnen deutlich mehr Glücksgefühle aus, als wenn sie das Geld ausschließlich für sich selbst beanspruchten (Dunn, Aknin, & Norton, 2008).

Allerdings kann nicht nur das persönlich gezeigte Verhalten, sondern auch eine ungünstige Rückmeldung des eigenen Gruppenstatus dazu führen, dass Menschen sich schlecht fühlen und bestrebt sind, gegensteuernde Handlungen zu ergreifen. Besonders die Unterlegenheit der Ingroup in einem Bereich, verglichen mit einer relevanten Outgroup, kann dabei bezugnehmend auf die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1986) eine Bedrohung des eigenen Selbstkonzepts auslösen. Diesen Sachverhalt heben auch konnektionistische Modelle hervor, die eine Vernetzung kognitiver Repräsentationen des Selbst und der eigenen Person nahestehenden Gruppen annehmen (z. B. Smith & Henry, 1996). Dies legt nahe, dass individuelles Handeln als Reaktion auf das Verhalten der Ingroup im Fall von VMC auch als Reaktion auf hervorgerufene Affekte verstanden werden kann. Dabei sollte vorrangig das Empfinden negativer Stimmung zu kompensatorischem Handeln motivieren und darauf abzielen, positive Emotionen auszulösen. Als erster prüfte Newman (2014) entsprechende Annahmen zur Erklärung des Auftretens von VMC. Obwohl seine Befunde dabei gegen die vermittelnde Funktion hervorgerufener negativer und ausbleibender positiver Stimmungen sprechen, empfiehlt er, diesen Ansatz weiterzuverfolgen. Daher soll in dieser Arbeit,entsprechend der Annahmen von Newman (2014), das Potenzial evozierter Stimmungenzur Entstehung von VMC erneut geprüft und neu bewertet werden.

2.4.4 Zusammenfassung der potenziellen Erklärungsansätze

Die dargelegten Erklärungsansätze sollen dazu beitragen, das Verständnis für das Auftreten der beiden Effekte VML und VMC zu fördern. Dabei gilt insbesondere fürdie angenommenenMechanismen zur Entstehung von VML, zum einen über Moral Credits und zum anderen über Moral Credentials, dass diese nicht als konkurrierend, sondern als sich ergänzend betrachtet werden sollen. Beide Prozesse können gleichzeitig ablaufen und somit koexistieren(Effron & Monin, 2009; Merrit et al., 2010). Sie unterscheiden sich im Wesentlichen in zwei Aspekten. Moral Credentials verändern die Sichtweise auf unmoralisches Verhalten, sodass das Vergehen nicht mehr als solches betrachtet wird. Im Fall von Moral Credits wird moralisch verwerfliches Verhalten hingegen nach wie vor negativ bewertet und löst eine Herabstufung des moralischen Selbstkonzepts aus.Während die zu den Moral Credits entworfene Metapher eines moralischen Kontos somit nach weiterem befürwortendem Verhalten verlangt, um einem Verlust entgegenzuwirken, sind die Moral Credentials nicht derartig auf weiteres bestärkendes Handeln angewiesen.

Licensing -Effekte erklärt via Moral Credentials können im Gegensatz zur Erklärung über Moral Credits demzufolge länger anhalten und unmoralisches Verhalten nicht nur singulär, sondern über verschiedene Situationen hinweg rechtfertigen (Miller & Effron, 2010).

Bezogen auf die Frage, ob für das Auftreten von VMC vorrangig regulatorische Prozesse in Bezug auf das eigene moralische Selbstkonzept oder evozierte Stimmungen verantwortlich sind, ist es basierend auf den bisherigen Forschungsbefunden schwer zu einer abschließenden Einschätzung zu gelangen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es,primär in Anlehnung an die Forschung von Newman (2014), die hinter VMC stehenden Mechanismen genauer zu untersuchen. Erst, wenn diese hinreichend bekannt sind, sollte in einem zweiten Schritt der Erklärungsbeitrag der Ansätze miteinander verglichen und gegeneinander getestet werden.

2.5 Gegenstand der vorliegenden Untersuchung

Die in den vorherigen Abschnitten dargelegten theoretischen und empirischen Hintergründe dienen als Ausgangspunkt für die Konzeption der vorliegenden Untersuchung. Hauptziel ist dabei die Replikation des erstmals von Kouchaki (2011) beschriebenen VML-Effekts. Weiterhin soll überprüft werden, ob in Anlehnung an Newman (2014) anhand desselben Paradigmas auch der entgegengesetzteVMC-Effekt nachgewiesen werden kann. Durch die Erfassung potenzieller Moderatoren sollen zudem Bedingungen identifiziert werden, die das Auftreten der beiden Effekte wahrscheinlicher machen. Die Einbindung potenzieller Mediatoren zielt darauf ab, das Verständnis für die zugrundeliegenden Prozesse zu fördern. Aus diesen drei Hauptzielen und den hierzu angestellten Vorüberlegungen lassen sich die nachfolgenden Hypothesenkomplexe ableiten.Dabei wird auch auf weitere wesentliche Aspekte vorliegender Untersuchung eingegangen.

2.5.1 Hypothesenkomplex 1 – Einfluss des moralischen Gruppenstatus auf prosoziales Verhalten

Neben den insgesamt fünf Studien von Kouchaki (2011) zu VML existiert bisher keine adäquate Replikationsstudie einer anderen Forschungsgruppe. Zudem legen die Untersuchungen von Gino und Galinsky (2012) nahe, dass die stellvertretende Beeinflussung durch andere nahestehende Personen auch Konsistenz- bzw. Nachahmungseffekte hervorrufen kann (s. Abschnitt 2.3.1). Primäres Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, den Einfluss anderer auf das eigene moralische Verhalten näher zu erforschen. Dabei wird angestrebt, das Befundmuster zu VML zum einen zu replizieren und zum anderen zu erweitern.

Die Erkenntnisse von Kouchaki (2011) beziehen sich jeweils auf das Entscheidungsverhalten in verschiedenen fiktiven Personalauswahlszenarien. Daher dient die vorliegende Studie erstens dazu, den Effekt auf prosoziales Verhalten auszuweiten und unter Verwendung eines anderen experimentellen Paradigmas mit einem Verhaltensmaß als abhängiger Variable nachzuweisen. Prosoziales Verhalten kann in der Studie gezeigt werden, indem auf Kosten einer höheren Gewinnchance eine Spende an eine soziale Einrichtung initiiert wird.

Zweitens soll dabei auch das Auftreten von VMC, das als der entgegengesetzte Effekt zu VML gilt, empirisch untersucht werden. Ein entsprechender Nachweis wurde auf stellvertretender Ebene bisher ausschließlich von Newman (2014) erbracht.Dieser bezog seine aus den Untersuchungen zu den Auswirkungen von CSR-Maßnahmen gewonnenen Erkenntnisse jedoch nicht explizit auf den Intergruppenkontext.

Gemäß Blanken et al. (2014) ist es zur Gegenüberstellung von Licensing - und Cleansing -Effekten notwendig, eine neutrale Kontrollgruppe in das experimentelle Design mit aufzunehmen und beide Effekte gegen diese zu testen. Auch diesem Umstand soll drittens im Rahmen des Studiendesigns vorliegender Untersuchung Rechnung getragen werden.

Kouchaki (2011) hebt basierend auf ihren Studien explizit die Distinktheit von Moral gegenüber anderen Verhaltensdomänen hervor. Ausgehend von den bisherigen Forschungsbefunden zu VML und VMC (Kouchaki, 2011; Newman, 2014) lassen sich darauf bezugnehmend konkrete Annahmen über die Auswirkungen der moralischen Über- bzw. Unterlegenheit der eigenen Gruppe auf prosoziales Verhalten treffen. Unklar bleibt dabei, welchen Einfluss die Rückmeldung der eigenen Gruppe als moralisch durchschnittlichauf prosoziales Verhalten nimmt.Daher soll durch die Einbindung einer entsprechenden Versuchsgruppe viertens überprüft werden, obdiese geeignet ist, als Referenzgruppe für die beiden Effekte zu fungieren.

Bisherige Forschungsbefunde zu VML und VMC wurden zumeist auf Grundlage US-amerikanischer, studentischer Stichproben nachgewiesen (Kouchaki, 2011; Newman, 2014). Blanken et al. (2014), welche die Studienergebnisse von Sachdeva et al. (2009) zu Moral Licensing und Moral Cleansing mit einer studentischen Stichprobe in den Niederlanden nicht replizieren konnten, liefern erste Hinweise für bestehende nationale Unterschiede bei der Wahrnehmung positiver Attribute von Individuen. Der Frage, inwiefern sich die stellvertretenden Effekte auf einen anderen Kulturkreis übertragen lassen, wird fünftens durch die Erhebung in Deutschland Rechnung getragen.

In Anbetracht der dargelegten Untersuchungsziele sollen folgende Hypothesen geprüft werden:

a) Die Rückmeldung der moralischen Überlegenheit der eigenen Gruppe führt zu weniger prosozialem Verhalten, als wenn kein moralischer Gruppenstatus rückgemeldet wird. (VML-Effekt)
b) Die Rückmeldung der moralischen Unterlegenheit der eigenen Gruppe führt zu mehr prosozialem Verhalten, als wenn kein moralischer Gruppenstatus rückgemeldet wird. (VMC-Effekt)
c) Die Rückmeldung eines moralisch durchschnittlichenGruppenstatus führt zu dem gleichen Ausmaß an prosozialem Verhalten wie keine Rückmeldung zum moralischen Gruppenstatus.

2.5.2 Hypothesenkomplex 2 – moderierender Einfluss von Ingroup-Identifikation, moralischer Internalisierung und Konsistenzstreben auf prosoziales Verhalten

Neben dem Nachweis von VML und VMC dient die vorliegende Arbeit zusätzlich dazu, drei potenzielle Einflussfaktoren für das Auftreten beider Effekte zu untersuchen.

Eine der Kernannahmen für die stellvertretende Beeinflussung des eigenen Verhaltens durch andere lautet, dass diese vom Ausmaß an Verbundenheit und dem Gefühl einer geteilten sozialen Identität mit den Gruppenmitgliedern abhängt (Goldstein & Cialdini, 2007; Tajfel & Turner, 1979). Entsprechende Nachweise für den VML-Effekt konnte u. a. Kouchaki (2011) erbringen. Auch in der vorliegenden Untersuchung soll bei simultaner Betrachtung von VML und VMC der moderierende Einfluss der wahrgenommenen Identifikation mit der Ingroup überprüft werden (s. Abschnitt 2.3.1).

Zusätzlich soll die Annahme geprüft werden, ob der Einfluss anderer auf das eigene [un]moralische Verhalten davon abhängt, für wie zentral der/die Handelnde selbst moralische Werte erachtet. Sofern diese einen wesentlichen Bestandteil des eigenen Selbstkonzepts darstellen, ist davon auszugehen, dass eine Ausrichtung des eigenen Verhaltens an dem anderer Personen unwahrscheinlicher wird (Erikson, 1964; Oliner & Oliner, 1988). In diesem Fall sollten vermehrt internalisierte Einstellungen eine handlungsleitende Funktion übernehmen (s. Abschnitt 2.3.2). Diesbezüglich soll der Einfluss der Internalisierung moralischer Werte auf das Hervorrufen von Licensing - und Cleansing -Effekten auf stellvertretender Ebene untersucht werden.

Das Auftreten von VML und VMC zeigt, dass Menschen sich auf das Verhalten ihnen nahestehender Personen beziehen und ihr Handeln in einer darauffolgenden Situation danach ausrichten. Dabei legen beide Effekte auf phänomenologischer Ebene ein inkonsistentes Verhalten nahe und stehen somit im Gegensatz zu den Grundannahmen klassischer Konsistenztheorien (Festinger, 1957; Heider, 1946; Osgood & Tannenbaum, 1955).

Basierend auf Befunden von Cialdini et al. (1995) lassensich insbesondere fürPersonen, die eine Konsistenz zum eigenen oder dem Verhalten ihrer Ingroup anstreben,die typischen Konsistenzeffekte nachweisen (s. Abschnitt 2.3.3). Der Einfluss des Konsistenzstrebens auf das Auftreten stellvertretender Licensing - und Cleansing -Effekte wurde bisher empirisch noch nicht erforscht und soll daher im Rahmen der vorliegenden Untersuchung geprüft werden.

Aus den dargelegten Überlegungen gilt es, den moderierenden Einfluss der Identifikation mit der Ingroup, der Internalisierung moralischer Werte und des Konsistenzstrebens auf die Effekte VML und VMC zu prüfen. Daraus lassen sich die folgenden Hypothesen ableiten:

a) Unterschiede im prosozialen Verhalten,sowohl zwischenmoralisch überlegendargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppenals auch zwischenmoralisch unterlegen dargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppen, variieren in Abhängigkeit des Ausmaßes an Ingroup-Identifikation. Dabei wird angenommen, dass die beiden Effekte VML und VMC mit zunehmender Ingroup-Identifikation jeweils größer ausfallen.

b) Unterschiede im prosozialen Verhalten, sowohl zwischen moralisch überlegen dargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppen als auch zwischen moralisch unterlegen dargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppen, variieren in Abhängigkeit des Ausmaßes an moralischer Internalisierung. Dabei wird angenommen, dass die beiden Effekte VML und VMC mit zunehmender moralischer Internalisierung jeweils geringer ausfallen.

c) Unterschiede im prosozialen Verhalten, sowohl zwischen moralisch überlegen dargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppen als auch zwischen moralisch unterlegen dargestellten Gruppen im Vergleich zu neutralen und vom moralischen Gruppenstatus unabhängigen Gruppen, variieren in Abhängigkeit des Ausmaßes an Konsistenzstreben. Dabei wird angenommen, dass die beiden Effekte VML und VMC mit zunehmendem Konsistenzstreben jeweils geringer ausfallen.

2.5.3 Hypothesenkomplex 3 – mediierender Einfluss von moralischem Selbstkonzept, Moral Credentials und evozierten Stimmungen auf prosoziales Verhalten

Ergänzend soll im Rahmen dieser Arbeit geprüft werden, ob sich empirisch Hinweise für zugrundeliegende Mediationsprozesse zeigen lassen. Dabei wird basierend auf der theoretischen Befundlage vorrangig die mediierende Rolle des moralischen Selbstkonzepts für das Auftreten von VML und VMC betrachtet (Sachdeva et al., 2009). Ausgehend von diesem Erklärungsansatz wird angenommen, dass sich beide Effekte infolge eines übergeordneten Regulationsprozesses manifestieren (s. Abschnitt 2.4.1). Wenngleich die Untersuchungen von Kouchaki (2011) den mediierenden Einfluss des moralischen Selbstkonzepts im Fall von VML belegen, weist die Autorin daraufhin, dass es hierzu, bis auf wenige Ausnahmen (vgl. Khan & Dhar, 2006; Sachdeva et al., 2009),kaum aussagekräftige empirische Befunde gibt. Das Bestreben von Newman (2014), den Einfluss moralischer Regulationsprozesse bei der Entstehung von VML und VMC zu untersuchen, lieferte keine statistisch bedeutsamen Resultate. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit zu weiterer Forschung in diesem Bereich.

Einen weiteren populären Ansatz zur Erklärung von Licensing -Effekten auf individueller Ebene liefern die Moral Credentials (Effron et al., 2009; Merrit et al., 2010; Monin & Miller, 2001). Demnach tritt der Effekt des Moral Licensing durch veränderte Bewertungsprozesse moralisch fragwürdigen Verhaltens auf. Eine Übertragung dieses Erklärungsansatzes auf den stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekt wurde bisher noch nicht erbracht (s. Abschnitt 2.4.2). Daher soll die vorliegende Untersuchung einen ersten Beitrag zum Potenzial der Moral Credentials zur Erklärung des VML-Effekts leisten.

Zusätzlich soll in Anlehnung an die Untersuchungen von Newman (2014) überprüft werden, ob ausbleibende positive und hervorgerufene negative Affekte das Auftreten von VMC erklären können. Zwar konnte er entsprechende Annahmen empirisch nicht bestätigen, dennoch sprechen die theoretischen Befunde für die Plausibilität dieses Erklärungsansatzes (s. Abschnitt 2.4.3). Daher soll ein weiterer Beitrag dazu geleistet werden, das Potenzial hervorgerufener Stimmungen zur Erklärung des VMC-Effekts zu untersuchen.

Insgesamt wird durch die vorliegende Untersuchungsomit angestrebt,Hinweise für die Bedeutsamkeit der drei postulierten mediierenden Prozesse zu erhalten. Dies impliziert die empirische Prüfung der nachfolgend aufgeführten Hypothesen:

a) Der Einfluss des moralischen Gruppenstatus auf das prosoziale Verhalten wird im Fall der Rückmeldung moralischer Überlegenheit über einen Anstieg und im Fall der Rückmeldung moralischer Unterlegenheit über eine Herabstufung des moralischen Selbstkonzepts vermittelt.
b) Der Einfluss des moralischen Gruppenstatus auf das prosoziale Verhalten wird im Fall der Rückmeldung moralischer Überlegenheit über eine liberalere Bewertung moralisch fragwürdigen Verhaltens (Moral Credentials)vermittelt.
c) Der Einfluss des moralischen Gruppenstatus auf das prosoziale Verhalten wird im Fall der Rückmeldung moralischer Unterlegenheit über vorrangig negative evozierte Stimmungen vermittelt.

3 Methoden

Der folgende Abschnitt dient dazu, das methodische Vorgehen zur Untersuchung der zuvor dargelegten Hypothesen zu beschreiben. Dabei werden zunächst die aus der Voruntersuchung gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt. Im Anschluss wirddetailliertauf die Hauptuntersuchung eingegangen. Ferner werden neben potenziellen Störvariablen auch die Operationalisierungen der Konstrukte und die zugehörigen Messinstrumente vorgestellt. Das Ende des Abschnitts widmet sich den operationalisierten Hypothesenmitsamt der zu ihrer Überprüfung eingesetzten statistischen Testverfahren.

3.1 Voruntersuchung

Im Juni 2014 fand eine erste Voruntersuchung statt, welche als Onlinestudie konzipiertwurde. Primäres Ziel war es zu prüfen, ob die für die Hauptuntersuchung geplante Operationalisierung der unabhängigen Variable (UV) geeignet war, die angenommenen Effekte VML und VMC auszulösen. Als Operationalisierung der UVwurde die Darstellung desmoralischen Verhaltens der Gruppe der Deutschen im internationalen Vergleich manipuliert. Da Studienzeigen konnten, dass durch sportliche Großereignisse eine größere Identifikation mit der eigenen Nation erzeugt werden kann (z. B. Mutz, 2012), sollte sich insbesondere durch das positive Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ein substanzieller Anteil der Versuchspersonen mit der Gruppe der Deutschen identifizieren. Als abhängige Variable (AV) fungierte eine Losentscheidung anhand derer das Spendenverhalten der Versuchspersonen erfasst wurde (s. Anhang A.4k).

Die Rekrutierung der Versuchspersonen erfolgte vorrangig über den Bekanntenkreis des Autors. Die TeilnehmerInnen bekamen dabei per E-Mail einen Link (https://www.soscisurvey.de/Verst_wiss_Forschung/) zugesandt, welcher sie zu der mithilfedes Softwarepakets SoSci Survey (Leiner, 2014) erstellten Befragung weiterleitete. Insgesamt nahmen 36 Personen an der Untersuchung teil, wobei drei davon aufgrund vorzeitiger Beendigung ausgeschlossen wurden. Die verbleibende Stichprobe von 33 ProbandInnen setzte sich aus 20 Männern (60.61 %) und 13 Frauen (39.39 %) mit einem Altersdurchschnitt von 24.52 Jahren (SD = 3.26, Range: 19 - 34) zusammen. Mit einer Ausnahme gaben alle Versuchspersonen Deutsch als ihre Muttersprache an (s. Anhang A.1).

Für die Voruntersuchung wurden drei Versuchsgruppen realisiert. Während den Versuchspersonen der ersten Experimentalgruppe (EG) die moralische Überlegenheit der Gruppe der Deutschensuggeriert wurde (s. Anhang A.4e), erhielten die ProbandInnen der zweiten EG die Rückmeldung, dass die Gruppe der Deutschen in Bezug auf moralische Verhaltensweisen unterlegen sei (s. Anhang A.4f). Weiterhin wurde eine neutrale Kontrollgruppe (KG)realisiert (s. Anhang A.4h).

Die Auswertung der im Rahmen der Voruntersuchung gewonnenen Daten erfolgte aufgrund der geringen Stichprobengröße rein deskriptiv und führte zu dem Schluss, die Operationalisierung der UV beizubehalten. In Abhängigkeit der jeweiligen Bedingungen zeigten sich die erwarteten Abweichungen (AV: M EG 1 < M KG< M EG 2) im durchschnittlichen Spendenverhalten der Versuchspersonen (s. Tab. 1). Somit wurde auch die Operationalisierung der AV, trotz der hohen Standardabweichungen, als für die Hauptuntersuchung geeignet eingestuft.

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um die Auswirkungen der experimentellen Manipulation auf die AV besser einordnen zu können, wurde für die Hauptstudie eine weitere Kontrollbedingung in das Designaufgenommen. Diese sollte wie in den beiden Experimentalgruppen (EGs), den Gruppenkontext und die Bereitschaft zu moralischem Verhalten thematisieren, ohne dabei das Spendenverhalten der Versuchspersonen zu beeinflussen.

3.2 Hauptuntersuchung

Durch den folgenden Abschnitt soll ein Überblick über die Datenerhebung im Rahmen der Hauptuntersuchung geliefert werden. Neben dem Untersuchungsdesign wird dabei auch auf die Rekrutierung der Hauptstichprobe eingegangen und der Untersuchungsablauf geschildert. Abschließend erfolgt sowohl die Beschreibung der experimentellen Bedingungen als auch der Operationalisierung der AVvorliegender Untersuchung.

3.2.1 Untersuchungsdesign

Das Experiment wurde als einfaktorielles Between-subjects-Design ohne Messwiederholung angelegt, wobei die interindividuelle Manipulation des Faktors moralischer Gruppenstatus invier Abstufungen erfolgte. Neben den beiden EGs, bei denen moralischer Gruppenstatus als moralisch überlegen (EG 1) vs. moralisch unterlegen (EG 2) induziert wurde, wurden ferner zwei KGseingeführt. Im Fall von KG 1wurde der moralische Gruppenstatus als durchschnittlich dargestellt.Zudem wurde mit der KG 2 eine bezüglich des moralischen Gruppenstatus neutral gehalteneVersuchsgruppe realisiert. Diese diente in erster Linie dazu, die beidenentgegengsetzten Effekte VML und VMCim Rahmen der statistischen Analysen voneinander abgrenzen zu können. Folglich ergab sich ein Versuchsdesign mit vier Gruppen (s. Abb. 1).

Zur Stichprobenumfangsplanung wurde mithilfe des Computerprogramms G*Power 3.1 (Faul, Erdfelder, Buchner, & Lang, 2009) eine A-priori-Poweranalyse durchgeführt. Diese ergab, dass bei einer angenommenen mittleren Effektgröße (f) von.25, einem Signifikanzniveau (α) von .05 bei zweiseitiger Testung und einer Teststärke (1 - β) von .80 (Rasch, Friese, Hofmann, & Naumann, 2010) 45 ProbandInnen pro Bedingung untersucht werden sollten, um signifikante Befunde zu erhalten (s. Anhang A.2).

Die Zuweisung der TeilnehmerInnen auf die Experimental- und Kontrollbedingungen erfolgte randomisiert. Die unterschiedlichen Gruppengrößen resultieren aufgrund zufälliger Zuteilung durch das verwendete Computerprogramm (s. Abb. 1). Als AVwurde das Spendenverhalten der Versuchspersonen erfasst. Die genaue Operationalisierung der experimentellen Bedingungen sowie der AV wird in den Abschnitten 3.2.4 und 3.2.5beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Darstellung der randomisierten Zuweisung der Versuchspersonen auf die einzelnen Versuchsgruppen; EG = Experimentalgruppe, KG = Kontrollgruppe.

3.2.2 Rekrutierung und Beschreibungder Hauptstichprobe

Zur Rekrutierung einer möglichst heterogenen Stichprobe wurde über verschiedene soziale Netzwerke, wie z. B. Facebook, E-Mail-Verteiler und Internetforen auf die Untersuchung aufmerksam gemacht. Um über das eigentliche Forschungsinteresse der Studie hinwegzutäuschen und somit einem möglichen verzerrenden Einfluss auf die Ergebnisse entgegenzuwirken, wurde als Ziel der Studie „die Verständlichkeit und persönliche Relevanz empirischer Forschungsergebnisse“ angegeben. Zur Erhöhung der Teilnahmemotivation wurde den Versuchspersonen der Gewinn eines Amazon-Gutscheins im Wert von 150 Euro in Aussicht gestellt (s. Anhang A.4a bis A.4c). Dieser wurde nach Ablauf der Untersuchung unter allen TeilnehmerInnen verlost.

Insgesamt nahmen 281 Personen an der Studie teil. Von 38 Versuchspersonen (13.52 %) wurde der Fragebogen noch vor Erhebung der AV abgebrochen. Weitere sechs ProbandInnen (2.14 %) beendeten die Untersuchung vorzeitig, sodass vollständige Datensätze von insgesamt 237 Personen (Hauptstichprobe)vorlagen.

Die Hauptstichprobe setzte sich somit aus 83 Männern (35.02 %) und 153 Frauen (64.56 %) zusammen. Eine Versuchsperson machte keine Angabe in Bezug auf ihr Geschlecht (0.42 %). Das durchschnittliche Alter der teilnehmenden Personen betrug zum Testzeitpunkt 30.30 Jahre (SD = 12.41, Range: 15 - 73). Eine detaillierte Auflistung der soziodemografischen Merkmale der Hauptstichprobe ist dem Anhang unter A.3 zu entnehmen.

3.2.3 Untersuchungsablauf

Die Datenerhebung der Hauptuntersuchung fandin der Zeit vom 25.08.2014 bis 29.09.2014 mithilfe des speziell für wissenschaftliche Onlinebefragungen konzipierten Softwarepakets SoSci Survey (Leiner, 2014) statt. Den Onlinefragebogen konnten die TeilnehmerInnen über den Link https://www.soscisurvey.de/Senzel/erreichen. Im Anhangbefinden sich Screenshots der einzelnen Seiten, um den Ablauf der Erhebung nachvollziehen zu können (s. Anhang A.4).

Nach Aufruf des Webdokuments wurde den TeilnehmerInnen ein kurzerEinleitungstext angezeigt, auf dem das Ziel der Untersuchung vermerkt war. Über den Weiter -Button gelangten sie dann zur eigentlichen Begrüßung der Studie, die wichtige Hinweise bezüglich der Dauer, der Gewinnmöglichkeit eines Amazon-Gutscheins im Wert von 150 Euro und der Anonymität im Rahmen der Erhebung und Auswertung der Daten enthielt. Weiterhin wurden die Versuchspersonen angehalten, die Fragen vollständig und so ehrlich wie möglich zu beantworten. Auf der nachfolgenden Seite konnten detaillierte Informationen zum Studienhintergrund und -ablauf eingeholt werden. Den ProbandInnen wurde als Cover Story mitgeteilt, dass die Untersuchung aus zwei aufeinanderfolgenden, thematisch jedoch nicht miteinander zusammenhängenden Teilen bestand. Während das Primärinteresse der Studie darauf abziele zu erforschen, wie empirische Studienergebnisse allgemein verständlich und attraktiv aufbereitet werden könnten, gehe es im zweiten Teil darum, die Messeigenschaften eines sich in der Testphase befindenden Fragebogens zu verschiedenen sozialen Aspekten zu überprüfen. Ziel war es, die TeilnehmerInnen zunächst über den tatsächlichen Sinn und Zweck der Studie im Unklaren zu lassen, da die Kenntnis der Hypothesen die Validität und Präzision der Untersuchung im konkreten Fall stark eingeschränkt hätte (Echterhoff, 2013).

Im Anschluss an die Einführung erschien ein fünf Sekunden langer Countdown, an dessen Ende automatisch zur experimentellen Manipulation übergeleitet wurde. Dadurch sollte den VersuchsteilnehmerInnen die zufällige Auswahl der ihnen dargebotenenStudienzusammenfassung anschaulich gemacht werden (s. Abschnitt 3.2.4). Auf die Manipulation folgend wurden die Versuchspersonen gebeten, ihr Interesse an den Befunden der Studie zu äußern, ihnen unklar gebliebene Punkte zu benennen und die Kernbotschaft der Studie in ein bis zwei Sätzen zusammenzufassen. Lediglich die kurze Zusammenfassung des Studieninhalts wurde im Rahmen der Untersuchung weiter ausgewertet und diente als Kontrollmöglichkeit, ob die Versuchspersonen in der Lage waren, den Inhalt des Textes korrekt wiederzugeben (s. Abschnitt 3.3.1). Weitere sieben Fragen zu den unterschiedlichen Gruppentexten, welche die Glaubwürdigkeit der Cover Story erhöhen sollten, gingen nicht in die statistischen Analysen mit ein.

In einem nächsten Schritt folgte die Erhebung der AV, bei der die Versuchspersonen eine vorgegebene Anzahl von 20 Losen zwischen sich und einer nicht näher umschriebenen sozialen Einrichtung aufteilen sollten (s. Abschnitt 3.2.5). Mit Bestätigung ihrer Losentscheidung war der erste Teil der Befragung beendet.

Der zweite Abschnitt der Untersuchung diente der Erfassung potenzieller Mediatoren und Moderatoren sowie der Manipulationskontrolle und der Ermittlung soziodemografischer Informationen.

Zum Abschluss der Befragung wurden die ProbandInnen dazu angehalten, Feedback zur Untersuchung zu geben sowie die von ihnen wahrgenommen Untersuchungszielezusammenzufassen. Auch die Attraktivität des möglichen Gewinns wurde abgefragt. Nachdem den ProbandInnen ein abschließender Dank für ihre Teilnahme ausgesprochen wurde, war die Befragung beendet. Abbildung 2 liefert eine schematische Darstellung des Untersuchungsablaufs.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Schematische Darstellung des Untersuchungsablaufs.

3.2.4 Beschreibung der experimentellen Bedingungen

Zur Operationalisierung der UV moralischer Gruppenstatus wurden die gleichen Bedingungen wie in der Voruntersuchung (s. Abschnitt 3.1), unter Einschluss der zusätzlichen Kontrollbedingung (KG 1),realisiert. In Abhängigkeit der Gruppendarstellung sollte das Spendenverhalten der Versuchspersonen dabei unterschiedlich hoch ausfallen (s. Abschnitt 2.5.1). Die genaue Realisierung der Bedingungen wird im Folgenden dargelegt und ist im genauen Wortlaut dem Anhang unter A.4e bis A.4h zu entnehmen.

3.2.4.1 Experimentalgruppe 1– moralische Überlegenheit

Die Intention hinter dieser Gruppe war es, bei den VersuchsteilnehmerInnen, einen stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekt auszulösen. Hierzu wurden die Überschrift („Weltweiter Verhaltenscheck – Deutschlandoben auf!“) und die Ergebnisse der Studienzusammenfassung so formuliert, dass diese die moralische Überlegenheit der Gruppe der Deutschen im internationalen Vergleich nahelegten. Insbesondere bei denjenigen ProbandInnen, die sich der Gruppe der Deutschen zugehörig fühlten, sollte dadurch das Gefühl selbst moralisches Verhalten gezeigt zu haben, hervorgerufen werden. Ausgelöst durch diesen stellvertretenden Lizenzerwerb, der von den VersuchsteilnehmerInnen keinerlei persönlichen Einsatz erforderte, sollten sie sich in einer nachfolgenden Situation weniger moralisch verhalten. Diese Annahme wurde auch von den Ergebnissen der Untersuchung von Gneezy, Imas, Brown, Nelson und Norton (2012) gestützt, die zeigen konnten, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit eines moralischen Lizenzierungseffekts steigt, wenn das lizenzgebende Verhalten für die/den Handelnde/n mit wenig Kosten, wie z. B. Zeit oder Geld, verbunden ist.

3.2.4.2 Experimentalgruppe 2 – moralische Unterlegenheit

Versuchspersonen dieser Gruppe bekamen ebenfalls die Zusammenfassung einer Studie präsentiert, die sich scheinbar mit dem Verhalten unterschiedlicher Nationalitäten im Rahmen von Großereignissen (z. B. Fußball-Weltmeisterschaften) befasste. Anders als in EG 1 (moralische Überlegenheit) wurde die Gruppe der Deutschen im internationalen Vergleich hierbei jedoch als weniger moralisch beschrieben. Demzufolge lautete die Überschrift „Weltweiter Verhaltenscheck – Deutschland abgeschlagen!“. Ziel war es, durch die Darstellung der Gruppe der Deutschen als weniger moralisch, einen im Vergleich zur EG 1 gegenteiligen Effekt hervorzurufen. Die Versuchspersonen sollten demnach auf die für sie negativen Forschungsbefunde mit einem höheren Spendenverhalten reagieren. Dadurch sollten sie Gelegenheit erhalten, eine kompensatorische Reaktion auf das im Rahmen der Untersuchung nahegelegte Bild der Deutschen zu zeigen.

3.2.4.3 Kontrollgruppe 1– moralischer Durchschnitt

In Analogie zu den beiden EGs wurde den Versuchspersonen der KG 1 ebenfalls ein Text vorgelegt, der nationale Verhaltensunterschiede im Rahmen von gesellschaftlichen Großereignissen behandelte. Zentraler Inhalt war in diesem Fall, dass die Gruppe der Deutschen im internationalen Vergleich hinsichtlich ihrer Bereitschaft zu solidarischen Verhaltensweisen genau im Durchschnitt liegt. Dies wurde den Versuchspersonen sowohl durch die Überschrift „Weltweiter Verhaltenscheck – Deutschland im Mittelfeld!“ als auch durch die Ergebnisse der Untersuchung kommuniziert. Die restlichen Textbausteine glichen denen der beiden EGs, was zur Folge hatte, dass dieser Text genauso lang gehalten werden konnte. Durch die in dieser Bedingung vermittelte Botschaft sollte das Spendenverhalten nicht beeinflusst werden.

3.2.4.4 Kontrollgruppe 2 – neutrale KG

Im Gegensatz zur KG1 galt es, den Versuchspersonen eine Studienzusammenfassung zu präsentieren, die nicht mit Moral assoziiert war und bei der ebenfalls davon ausgegangen werden konnte, dass das Entscheidungsverhalten in Bezug auf die AV durch das Lesen des Textes unbeeinflusst blieb. Die Wahl fiel auf eine von Rost, Wirthwein, Frey und Becker (2010) veröffentliche Studie, die sich mit der Fragestellung befasste, ob durch Kaugummikauen das kognitive Leistungsvermögen gesteigert werden kann. Dabei kamen die AutorInnen zu der Schlussfolgerung, dass diese weit verbreitete Annahme zu verneinen ist. Diese Erkenntnis war dahingehend relevant, als dass unabhängig von der inhaltlichen Ausrichtung der Studie keinerlei Gefühle von Unter- bzw. Überlegenheit bei den Versuchspersonen ausgelöst werden durften. Da dies im Fall der ausgewählten Studie gewährleistet schien, konnte von einem unbeeinflussten Entscheidungsverhalten im Rahmen der AV ausgegangen werden. Entgegen der vorherigen drei Gruppen handelte es sich beim vorgelegten Text um wahre, veröffentlichte Forschungsbefunde.

3.2.5 Beschreibung der Operationalisierung der abhängigen Variable

Die AV wurde den Versuchspersonen als Losverfahren vorgestellt, bei dem sie wie eingangs angekündigt einen Amazon-Gutschein im Wert von 150 Euro gewinnen konnten. Um mit derAVreales Verhalten zu erfassen, wurden den Versuchspersonen virtuell 20 Loseinheiten zugewiesen, die sie entweder für die Verlosung einsetzen oder aber an eine nicht näher umschriebene soziale Einrichtung spenden konnten. Je mehr Lose sie dabei für sich beanspruchten, desto höher lag ihre Gewinnchance. Bei 20 eingesetzten Loseinheiten war diese maximal. Somit sollte bei den ProbandInnen ein gewisser Anreiz geschaffen werden, egoistisch zu handeln und sich selbst Lose zu zuteilen (s. Anhang A.4k). Das auf diese Weise bei den Versuchspersonen herbeigeführte Dilemma ähnelte in Auszügen dem klassischen Diktatorspiel (z. B.Ben-Ner, Kramer, & Levy, 2008; Kahneman, Knetsch, & Thaler, 1986), bei dem der/die DiktatorIn einseitig über die Aufteilung eines bestimmten Geldbetrags zwischen sich und dem/der anderen SpielerIn verfügen kann. Entgegen dieser in experimentellen Untersuchungen häufig verwendeten Version ging es im vorliegenden Fall allerdings nicht darum Geld, sondern wie oben genannt und u. a. in Untersuchungen von Brock, Lange und Ozbay (2013) oder Newman (2014) realisiert, Lose aufzuteilen. Als Empfänger wurde zudem keine Einzelperson, sondern eine soziale Einrichtung, genannt. Hierzu erhielten die ProbandInnen die Information, dass für jedes nicht eigens beanspruchte Los ein Spendenbetrag von 15 Cent durch die Versuchsleiter entrichtet werden würde. Auf eine detaillierte Umschreibung und namentliche Nennung der sozialen Institution wurde an dieser Stelle bewusst verzichtet. Die Spendensituation sollte für die Versuchspersonen dadurch gezielt ambigue gestaltet werden. Zwar legte die Losspende prosoziales Verhalten nahe, allerdings konnten die ProbandInnen nicht ausschließen, dass sich hinter dem Empfänger eine möglicherweise nicht mit ihren Wertvorstellungen in Einklang stehende Organisation verbergen könnte. Den Versuchspersonen wurden folglich neben der verringerten Gewinnwahrscheinlichkeit auch indirekt Argumente geliefert, sich gegen eine Spende zu entscheiden. Insbesondere für den Nachweis eines stellvertretenden moralischen Lizenzierungseffekts schien dieses Vorgehen sinnvoll, da Studien belegen, dass die Mehrdeutigkeit des lizenznehmenden Verhaltens, sich in diesem Fall gegen eine Spende zu entscheiden, als Moderator fungiert (z. B. Effron & Monin, 2010; Merrit et al., 2010). MoralLicensing funktioniert demnach besser bei Verhalten, das nicht eindeutig ist und nur teilweise als moralisch fragwürdig bewertet werden kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Wenn andere uns die moralische Hintertür öffnen. Eine Untersuchung zu Vicarious Moral Licensing
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Psychologisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
154
Katalognummer
V335125
ISBN (eBook)
9783668267442
ISBN (Buch)
9783668267459
Dateigröße
6141 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Anmerkungen
Gesamtbewertung: "Lucas Senzel hat eine sehr gute Diplomarbeit vorgelegt, die über das durchschnittlich erwartbare Maß deutlich hinausgeht. Er hat seine Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken und Reflektieren zweifellos unter Beweis gestellt. Außerdem ist die Arbeit sehr gut geschrieben und erfüllt auch in formaler Hinsicht alle Anforderungen. Ich bewerte sie daher mit der Gesamtnote sehr gut (1,0)."
Schlagworte
(Vicarious) Moral Licensing, (Vicarious) Moral Cleansing, Identifikation, moralische Internalisierung, Konsistenzstreben, moralische Regulationsprozesse, Moral Credentials, evozierte Stimmungen
Arbeit zitieren
Lucas Senzel (Autor), 2015, Wenn andere uns die moralische Hintertür öffnen. Eine Untersuchung zu Vicarious Moral Licensing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335125

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