Die Neue Mittelschule. Theorie und Praxis des Unterrichtens am Beispiel der NMS Praxisschule in Klagenfurt


Seminararbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Die Neue Mittelschule

2.Unterrichtsbeobachtung
2.1 Beobachtungsprotokoll
2.2 Reflexion der beobachteten Unterrichtseinheit

3.Interview mit einer Lehrperson
3.1 Interviewleitfaden
3.2 Interviewprotokoll
3.3 Reflexion des durchgeführten Interviews

4.Resümee: Unterrichtsmethoden versus Leistungsbeurteilung

5.Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Für die bestehende Diskrepanz von Qualitätsanspruch und Unterrichtsrealität beim Unterrichten sind drei Gründe verantwortlich: erstens „Teachers teach as they were taught“, zweitens Methodenstreit als „Entweder-Oder“ und nicht als „Sowohl als auch“ und drittens Betonung von Gleichheit statt Differenz. Aufgrund des Fehlens einer Systematik, welche die Methodenvielfalt erschließt, schlägt Jürgen Wiechmann das Entscheidungsfeld der Unterrichtsmethoden im didaktischen Entscheidungsraum vor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Entscheidungsfeld der Unterrichtsmethoden im didaktischen Entscheidungsraum1

Es beinhaltet zwei Dimensionen methodischer Entscheidungen: die Dimension des Vermittlungsstils (lehrendes vs. entdeckendes Lernen) und die Dimension der Unterrichtssteuerung (gelenktes vs. autonomes Lernen). Das von diesen vier Eckpunkten aufgespannte Entscheidungsfeld der Unterrichtsmethoden beinhaltet noch eine weitere Dimension: die Planbarkeit (planvoll vs. zufällig). Die Realisierung eines effektiven Unterrichts verlangt Entscheidungen, um für die verschiedenen Unterrichtsphasen die jeweils sinnvollste Sozialform zu finden, und ein hohes Maß an Flexibilität, um situationsbedingt auf die immer neuen Bedingungen einer Schulstunde eingehen zu können. (Vgl. Wiechmann 2006, 9-19).

Die Differenzierung des Unterrichts trägt zu einer begabungsfördernden Unterrichtsstrategie bei, welche nach Manfred Bönsch durch folgende zwei Konzepte von Unterricht umgesetzt werden kann: erstens „Unterricht als zielerreichende Vermittlung“ und zweitens „Unterricht als Anregung zu autonomem Lernen“. Das erste Konzept beinhaltet drei Verfahrensvarianten des Unterrichtens: die „rigide Vermittlung“, den „anregenden und binnendifferenzierenden Unterricht“ und die „flexible Unterrichtsorganisation“. Beim zweiten Konzept darf Lernfähigkeit als Begabung nicht nur als die Fähigkeit begriffen werden, den vorgebrachten Stoff lernen zu können, sondern auch als Fähigkeit, aufgrund von Interessen, Initiativen und eigener Planung zu lernen. Demnach wäre Unterricht als Anregung zu autonomem Lernen „der Versuch, Schüler in steigendem Maße zu Selbständigkeit in Planung und Durchführung von Lernprozessen zu führen und sie entsprechend zu beraten“ (Bönsch 1976, 19). Daher soll sich Schulunterricht schrittweise in die Richtung eines wirklich differenzierenden Unterrichts entwickeln, damit Begabungsförderung möglich ist. (Vgl. Bönsch, 16-20).

Die „Praxisschule - Verbundmodell Neue Mittelschule“ versteht sich als ein Ort, wo Schüler/innen in ihrem Selbstwertgefühl und in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden. Dieser Schulstandort möchte sie nicht nur in ihrer schulischen Entwicklung unterstützen, sondern mit ihnen gemeinsam eine gute Basis für ihren weiteren Berufs- und Lebensweg schaffen. Die Schule ist als Verbundmodell organisiert, d.h. die Kinder werden von NMS-Lehrer/innen, AHS-Lehrer/innen und Sonderschulpädagogen bzw. Sonderschulpädagoginnen gleichermaßen unterrichtet und betreut. Außerdem gibt es eine enge Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule, sodass diese Schule offen für zeitgemäße pädagogische Konzepte bleibt und in einem engen Austausch mit Fachleuten steht. Das Lehrpersonal möchte die Kinder in ihrer Persönlichkeit stärken und bestmöglich fördern, fordern sowie integrieren. Dabei wird besonders auf Werte wie Toleranz, Offenheit und Fairness sowie auf einen respektvollen Umgang miteinander geachtet. Das Lehrpersonal reflektiert und entwickelt sein Handeln sowie seine pädagogischen Inhalte ständig weiter.2

Dieser „Praxisschule - Verbundmodell Neue Mittelschule“ soll die Schnittmenge aus folgenden fünf Aspekten darstellen:

- Pädagogisch-Praktische Studien;
- Verbindung von Theorie und Praxis;
- Raum für Forschung;
- Lernort für Kinder;
- Entwicklung von Schule und Unterricht.

Das Kind steht im Mittelpunkt, es wird durch eine neue Lehr- und Lernkultur in seinen Talenten und Stärken individuell gefördert und gefordert.3 Diese Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Einleitend wird die Unterrichtsgestaltung theoretisch erörtert und auf die Umsetzung in der NMS Praxisschule (Leitbild, Schulprofil) eingegangen; im ersten Kapitel steht die Neue Mittelschule als Schulversuch und die Beschreibung der NMS Praxisschule im Mittelpunkt; das zweite sowie dritte Kapitel basieren auf empirischen Untersuchungen an der NMS Praxisschule (Unterrichtsbeobachtung und Interview mit einer Lehrperson) und das abschließende Kapitel versucht ein Resümee über die Lehrstile/Lehrerpersönlichkeit sowie Leistungsbeurteilung in der NMS Praxisschule zu ziehen.

1. Die Neue Mittelschule

Im Schuljahr 2008/09 startete die Neue Mittelschule (NMS) zunächst für vier Jahre als Schulversuch, deren Grundidee der Zusammenschluss jeweils einer Hauptschule mit einer AHS-Schule war, die aber wegen dem Widerstand seitens der Gewerkschaftsvertretung der AHS-Schulen nicht umgesetzt werden konnte. Weil Schulgesetze in Österreich einer Zweidrittelmehrheit im Parlament bedürfen, war ein politischer Konsens notwendig, welcher wohl auch deshalb zustande kam, da die österreichischen Schüler/innen beim PISA-Test im Jahre 2006 nur sehr mittelmäßig abgeschnitten hatten. Die NMS ist wie die Hauptschule eine Pflichtschule mit einem allgemeinen Bildungsauftrag, welcher im Schulorganisationsgesetz festgelegt ist. Im Gegensatz zu den Hauptschulen gibt es keine Leistungsgruppen mehr, sondern eine innere Differenzierung. Bei der Leistungsfeststellung geht es mehr um die Bewertung des Kompetenzzuwachses und nicht mehr nur um das Abprüfen von eingelerntem Wissen, und neben Ziffernnoten im Zeugnis gibt es noch eine verbale Beurteilung. (vgl. Fuchs 2010, 53ff).

Dieser Schulversuch war kein fertiges Konzept, sondern ein Entwicklungsprozess, der von allen Beteiligten mitgestaltet wurde. In ihrer Präambel zum neuen Schulversuch reklamierte die eigens eingesetzte Expertenkommission „eine leistungsorientierte Ausbildung mit vielfältigen - auch praktischen, sinnlichen und außerschulischen - Erfahrungen für alle SchülerInnen, durch die deren Selbstvertrauen, Selbsttätigkeit und Selbständigkeit gestärkt, aber auch ihre sozialen Fähigkeiten durch das Leben in einer gestalteten Gemeinschaft entwickelt werden. Die unterschiedlich begabten, zum Teil auch aus verschiedenen Kulturen kommenden SchülerInnen werden individuell an ihre jeweilige Leistungshöchstgrenze herangeführt. Damit erlernen sie u.a. den sozialen Umgang miteinander und erwerben die Fähigkeit, lebenslang zu lernen, sich zu bilden, sich neuen Herausforderungen zu stellen und Veränderungen in der Gesellschaft angstfrei und mit Neugierde zu begegnen.“ (Fuchs 2010, 57).

Die Relevanz der Alltagsorientierung soll zu einer neuen Lernkultur beitragen, in welcher die Schüler/innen die individuelle Möglichkeit erhalten, auf ihren Erfahrungen aufbauen zu können und an ihre Leistungshöchstgrenze herangeführt zu werden. Durch eine gemeinsame Schule für alle ist eine größere Chancengleichheit gegeben, da Berufslaufbahnentscheidungen vielfach von den Eltern gefällt werden, wobei dann oft soziales Prestige und auch Elternwünsche im Vordergrund stehen. Im Rahmen einer solchen frühen Selektion sind Kinder aus bildungsferneren Schichten benachteiligt, weil in ihrer Alltagswelt andere Fähigkeiten eine größere Rolle als der Erwerb von Sprach- und Lesekompetenzen spielen. Durch eine bewusste Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus der Alltagswelt und den Mustern, die durch diese Erfahrungen produziert worden sind, können Barrieren des Lernens und Veränderns erkannt und durch das Erkennen auch leichter behoben werden. (vgl. Fuchs 2010, 57f).

Der Schulversuch Neue Mittelschule wurde vom Bildungsministerium begleitet, wobei der hohe finanzielle Aufwand, mit dem gearbeitet wurde, auffällt. Der Erfolg und die Motivation der betreuten Personengruppen waren aber eher bescheiden. Im Rahmen dieser Entwicklungsarbeit zur Neuen Mittelschule fehlte es an konkreten Aussagen und theoretischen Grundlagen, die Verständnis erreichen und motivieren hätten können. Die Schaffung der Grundlagen für eine neue Schulkultur sowie für eine neue Lernkultur wurde seitens des Lehrpersonals den Entwicklungsteams an den einzelnen Schulstandorten überlassen, die vom Entwicklungsteam des Ministeriums mittels gesamtösterreichischen Weiterbildungsveranstaltungen begleitet wurden. (vgl. Fuchs 2010, 59ff).

In der NMS Praxisschule findet die ganztägige Betreuung der Kinder in Form einer schulischen Tagesbetreuung statt: Während die Lernzeit von Fachlehrer/innen begleitet wird, gestalten die Freizeit akademisch geprüfte Freizeitpädagogen bzw. Freizeitpädagoginnen. In den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch erfolgt der Unterricht in Form des sog. „Teamteaching“, aber auch in den sog. Lernfeldern arbeiten AHS-Lehrer/innen und NMS- Lehrer/innen intensiv zusammen. Da dieser Schulstandort eine Praxisschule ist, absolvieren Studierende der Pädagogischen Hochschule ihre Schulpraxis an dieser Schule, welche von Praxisschullehrer/innen unterstützt und begleitet wird. Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule werden auch wissenschaftlich begleitete Forschungsprojekte durchgeführt und ein intensiver Austausch mit Fachleuten gepflogen. In der achten Schulstufe wird ein Abschlusszeugnis ausgestellt: falls in den Hauptfächern eine vertiefende Beurteilung vorliegt, ist der Besuch von weiterführenden Schulen ohne Aufnahmeprüfung möglich, bei einer grundlegenden Beurteilung in nur einem Hauptfach obliegt es der Klassenkonferenz, für einen Aufstieg in eine weiterführende Schule ohne Aufnahmeprüfung zu entscheiden.4

Der Elternverein sieht sich als das Bindeglied zwischen Schule (Schulleitung und Lehrerschaft), den Kindern als Schüler und den Eltern als Erziehungsberechtigte, um die Interessen aller drei Seiten zum Wohle einer gelungenen Bildung zu vertreten.

[...]


1 Siehe Wiechmann 2006, 14.

2 Siehe http://www3.ph-kaernten.ac.at/organisation/praxisschulen/praxisschule-neue- mittelschule/leitbild/ (Zugriff: 10.06.2016).

3 Siehe http://www3.ph-kaernten.ac.at/organisation/praxisschulen/praxisschule-neue- mittelschule/schulprofil/ (Zugriff: 10.06.2016).

4 Siehe http://www3.ph-kaernten.ac.at/organisation/praxisschulen/praxisschule-neue- mittelschule/schulprofil/ (Zugriff: 10.06.2016).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Neue Mittelschule. Theorie und Praxis des Unterrichtens am Beispiel der NMS Praxisschule in Klagenfurt
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,00
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V335198
ISBN (eBook)
9783668252462
ISBN (Buch)
9783668252479
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entscheidungsfeld der Unterrichtsmethoden, NMS Praxisschule in Klagenfurt, didaktischer Entscheidungsraum
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2016, Die Neue Mittelschule. Theorie und Praxis des Unterrichtens am Beispiel der NMS Praxisschule in Klagenfurt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335198

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