Punk im Lichte der Foucaultschen Macht- und Diskurstheorie


Seminararbeit, 2001

23 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zentrale macht- und diskursanalytische Thesen und Begriffe

3. Was ist Punk?

4. Punk in der Bundesrepublik Deutschland - Von Hansaplast zu den Chaos - Tagen in Hannover

5. Punk in der DDR - ein Sonderfall?

6. Machtstrategien und -Praktiken im Umgang mit Punk

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

In der 68er Revolte kam es zu einer Renaissance der kritischen Repressionstheorie, insbesondere in Form des Freudmarxismus. Foucault schreibt dazu:

Bei den Psychoanalytikern, Psychologen und Soziologen findet sich diese Auffassung häufig, derzufolge die Macht wesentlich die Regel, das Gesetz, das Verbot ist.1

Und weiter:

Wir fragen, wo Macht ist, wer sie besitzt, von welchen Regeln sie regiert wird und was für ein Gesetzsystem sie über den sozialen Körper setzt.2

In seinen früheren Schriften, bis hin zu ,,Die Ordnung des Diskurses" vertrat auch Foucault eine spezifische Form dieser Repressionshypothese. Danach jedoch kritisierte er diese als viel zu einfach. Foucault will nun versuchen,

eine Analyse der Macht zu entwickeln oder besser: die Richtung zu zeigen, in der man eine Analyse der Macht versuchen könnte, die nicht einfach eine juristische, negative Auffassung der Macht wäre, sondern die Macht als Technologie begreift,3

da die Repressionshypothese die überaus komplexen, produktiven und daher um einiges gefährlicheren Mechanismen der Macht übersieht. Denn diese Macht unterdrückt nicht einfach nur Subjektivität, sondern sie ist es, die diese Subjektivität zuerst produziert. In diesem Zusammenhang untersucht Foucault das Zusammenspiel von Machtpraktiken und Diskursen, da dieses Zusammenspiel die Grundlage der Produktivität bildet. Foucault entwickelt seine Theorie an Hand der Sexualität, meines Erachtens nach werden diese Mechanismen der Macht ebenfalls am Beispiel des Punk deutlich.

Millionen von Jugendlichen definieren sich in ihrer Individualität über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe innerhalb der modernen Popkultur, seien es Punks, Techno-Kids, Hip-Hoper, ,,Grufties", Bluser oder einfach nur ,,Normalos". Doch wie kommt es, daß Subkulturen, die sich als Kulturen der Außenseiter verstanden, plötzlich zu Massenkulturen werden? Beispiele der letzten Jahre sind dafür der Grunge um seine Ikone Kurt Cobain sowie der Techno. Andere dagegen, zum Beispiel der Punk, verschwinden in der (öffentlichen) Bedeutungslosigkeit, werden tabuisiert beziehungsweise werden um ihre Radikalität gebracht und nur noch einige Elemente fließen in andere Bereiche der Popkultur ein.

Meiner Meinung nach lassen sich hier Machtstrategien wie Eingrenzung und Ausgrenzung, Formation von Diskursen, Akzeptanz bzw. Ablehnung von Diskursen deutlich erkennen. Ich werde versuchen zu zeigen, daß trotz der unterschiedlichen politischen Verhältnisse in Ost- und West-, bzw. Gesamtdeutschland im Zusammenhang mit dem Punk dieselben Strategien, wenn auch auf die besonderen Situationen spezifiziert, angewendet wurden.

Als Beispiele sollen mir hierbei vor allem die Chaos-Tage in Hannover und die (vor allem musikalische) Subkultur in der DDR, für die die Musik-Sendung PAROCKTIKUM des Jugendradio DT64 eine zentrale Rolle spielte, dienen. Die Chaos-Tage wurden ausgewählt, weil sie besonders stark im öffentlichen Bewußtsein präsent sind und hier die zu beschreibenden Mechanismen am deutlichsten zu Tage treten. Das Beispiel aus der DDR soll kein Gegenbeispiel darstellen, vielmehr sollen dieselben Strategien einer Macht im Foucaultschen Sinne an einem anderem Aspekt des Phänomen Punk in einem anderen gesellschaftlichen System beleuchtet werden.

Untersucht werden soll eine ,,Menschenführung", deren Mechanismen überall wirken, aber am Beispiel des Umgangs mit dem Phänomen Punk besonders deutlich wird.

Foucault verwendet den Begriff Menschenführung, da

...sich ein Begriff wie Führung gerade Kraft seines Doppelsinns gut dazu [eignet], das spezifische an den Machtverhältnissen zu erfassen. ,,Führung" ist zugleich die Tätigkeit des ,,Anführens" anderer (vermöge mehr oder weniger strikter Zwangsmechanismen) und die Weise des Sich-Aufführens in einem mehr oder weniger offenem Feld von Möglichkeiten. Machtausübung besteht im ",,Führen der Führungen" und in der Schaffung von Wahrscheinlichkeiten.4

Hannelore Bublitz bemerkt dazu:

Gegenstand der ,,Menschenführung" sind diejenigen Regierungstechniken und Regulierungstechnologien, mit deren Hilfe das Individuum und die Bevölkerung ,,geführt" werden, so daß sie berechenbar und damit auf eine (sich) selbstregulierende Weise regierbar sind.

Im folgenden sollen zunächst die wichtigsten macht- und diskursanalytischen Thesen und Begriffe Foucaults skizziert werden. Danach folgt eine kurze Darstellung des Punk im allgemeinen, sowie eine Rekonstruktion der Chaos-Tage und der Sendung PAROCKTIKUM als spezielle Aspekte dieses Phänomens. Daraufhin soll dann abschließend gezeigt werden, daß die Repressionshypothese auch im Bezug auf den Punk zu kurz greift und daß die Foucaultsche Macht- und Diskursanalyse weitreichendere Ergebnisse liefert.

2. Zentrale macht- und diskursanalytische Thesen und Begriffe

Foucaults Ausgangspunkt ist eine Kritik der modernen Erkenntnistheorie seit Descartes. Der Annahme einer ursprünglichen Erfahrung, für welche die Gegenstände Träger von Wahrheit und Bedeutung darstellen, die Sprache nur noch ausdrücken muß5 stellt Foucault die These entgegen, daß es nichts hinter den Diskursen gebe; Welt sei nur durch Sprache zu haben, wird durch sie nicht etwa repräsentiert, sondern allererst konstituiert. Diese Sprache wird von einer symbolischen Ordnung bestimmt. Ebenso wird Wahrnehmung stets durch die diskursive Einbindung der Wahrnehmenden geprägt und ermöglicht, auch sie ist also keineswegs ursprünglich. Der Mensch als Subjekt ist somit abhängig von den Diskursen, in denen er erkennt und spricht und die ihn selbst hervorbringen und ausmachen.

Was versteht nun Foucault unter Diskursen? Zum einen verwendet er einen weiten Diskursbegriff, so spricht er in ,,Die Ordnung des Diskurses" vom ,,großen unaufhörlichen und ordnungslosen Rauschen des Diskurses"6. Dieser Diskurs erzeugt Angst und wird mit Hilfe zahlreicher Verbote und Regeln gebändigt, da er ordnungslos und unberechenbar ist. Zum anderen ist Diskurs ein wissenssoziologischer Begriff, der ,,eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören"7 bezeichnet. Unter Aussage versteht Foucault ,,die völlig individualisierte, kontingente, anonyme und ebenso knappe wie nackte Materialität des zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort wirklich Gesagten"8. Aussagen werden nun gemäß bestimmten, historisch variablen Regeln zu Formationen verbunden. Die Untersuchungen dieser Formationen sowie deren Bedingungen, als auch der Aussagen sind Gegenstand der Diskursanalyse.

Diskurse bzw. diskursive Praktiken stehen nun in einer engen Beziehung zu Praktiken der Macht und des (Wissen)-Begehrens. In ,,Die Archäologie des Wissens" vertrat Foucault die These, daß diese Praktiken von den Diskursen abhängig seien, diskursive Praktiken beziehen sich auf nichtdiskursive Praktiken in bildender Weise.9 In ,,Die Ordnung des Diskurses" geht er dagegen davon aus, daß der Diskurs bzw. die diskursiven Praktiken nicht- diskursiven Bedingungen unterstehen.10 Die Macht würde versuchen, den Diskurs zu bändigen, zu verknappen, zu kontrollieren und zu organisieren. Foucault benennt den Ausschluß, das Verbot, die Tabuisierung von Themen, die Ritualisierung von Redesituationen, die Entmündigung der Wahnsinnigen, die Grenzziehung zwischen wahr und falsch sowie das Prinzip des Autors als Beispiele für diese Praktiken.11

In ,,Der Wille zur Macht" führt Foucault zur Kennzeichnung des Macht/Wissen- Komplexes nun eigens den Begriff des Dispositivs ein. Dispositive sind nun ,,machtstrategische Verknüpfungen von Diskursen und Praktiken, Wissen und Macht"12. Foucault beschreibt somit einen Machtholismus, die Dispositive der Macht beinhalten somit Diskurse und Praktiken, Wissen und Macht. Die Produktivität dieser Macht zeigt sich in den Disziplinen, mit denen einzelne Körper abgerichtet, normalisiert werden sollen.

Die Disziplin fabriziert [...] unterworfene und geübte Körper, fügsame und gelehrige Körper. Die Disziplin steigert die Kräfte des Körpers (um die ökonomische Nützlichkeit zu erhöhen) und schwächt diese selben Kräfte (um sie politisch fügsam zu machen.13

Foucault untersuchte diese Praktiken körperlicher Disziplinierung zunächst an Hand des Gefängnisses, er stellte jedoch fest, daß die Disziplinen auch in anderen Einrichtungen wirksam sind: in der Schule, im Krankenhaus, in der Armee und in der Fabrik. In ,,Überwachen und Strafen" werden die Disziplinen als Verteilung der Individuen im Raum, Kontrolle der Tätigkeit, vor allem in Form von Zeitplanung, die Organisation von Entwicklungen und die Zusammensetzung von Kräften bestimmt.14

Anhand des Punk sollen nun die Funktionsweisen der Macht im Sinne Foucaults näher erläutert werden. Des weiteren soll gezeigt werden, daß die Macht die Legitimisierung der Anwendung dieser Praktiken wiederum aus dem, von ihr hervorgebrachtem, Diskurs bezieht. Demnach ist das Verhältnis Macht-Diskurs kein einseitiges Verhältnis, sondern vielmehr ein ständiges Wechselspiel. Dies folgt unter anderem aus der Bestimmung des Menschen als ein den Diskursen unterworfenes Subjekt. Und eben dieser Mensch ist ja der Ausführende der Praktiken der Macht.

3. Was ist Punk?

Das Wort ,,Punk" kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie miserabel, Müll, Rowdy, Strichjunge oder auch Aussteiger. Es wird heute als Bezeichnung für eine bestimmte Musikrichtung ebenso wie für Angehörige einer bestimmten Subkultur verwendet. Punk wird im allgemeinen folgendermaßen definiert:

[engl. Punk, ,,Schund, Dreck"] ein Jugendlicher, der einer um 1977 in Großbritannien aufgekommenen Form des Auftretens (Punk) anhängt, gekennzeichnet durch aggressive Hoffnungslosigkeit u. schroffe Ablehnung bürgerlicher Werte. Die Punker tragen das Haar meist auffallend gefärbt; als Kleidung bevorzugen sie schwarze Lederjacken u. -hosen, oft in paramilitär. Aufmachung (Punk Look). Die mit der Bewegung entstandene Musik (Punk-Rock) zeichnet sich durch musikalische Simplizität u. provokative Texte aus; sie wurde vor allem durch die engl. Gruppe ,,Sex Pistols" bekannt15.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Punk im Lichte der Foucaultschen Macht- und Diskurstheorie
Hochschule
Universität Leipzig  (FB Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Hermeneutik der Erschöpfung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V3352
ISBN (eBook)
9783638120531
ISBN (Buch)
9783640111602
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Untersuchung, Punk, Berücksichtigung, Foucaultschen, Macht-, Diskurstheorie, Seminar, Hermeneutik, Erschöpfung
Arbeit zitieren
Ingo Teichert (Autor), 2001, Punk im Lichte der Foucaultschen Macht- und Diskurstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3352

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