Kulturelles und geschichtliches Gedächtnis durch Wahrheitsaussagen. Die Todesszenen in Józef Mackiewicz' „Sprawa pułkownika Miasojedowa“


Seminararbeit, 2015

12 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von „Russen“ zu „Deutschen“, das ambivalente „Gestern“ und „Morgen“ zwischen Individuum und Ära

3. Analysen über Todesszenen im Roman

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die gesamte polnische Literaturwissenschaft nach dem zweiten Weltkrieg lag deutlich in einem Dilemma. Einerseits wurde die kommunistische Volksrepublik Polen durch Unterstützung der UdSSR gerade erst gegründet, andererseits war die Ausprägung zur Wahrheit über einige wichtige, geschichtliche Ereignisse sehr wichtig für die sogenannte „Treue“ zur kommunistischen Propaganda. Daher waren einige polnische Exilschriftsteller wegen ihrer Tätigkeiten während des Kriegs oder Aussagen zu den geschichtlichen Ereignissen in Panik geraten.

Józef Mackiewicz ist ein Vertreter davon. Während des Warschauer Aufstands von Warschau ist er ins ausländische Exil gegangen, danach kehrte er nie wieder nach Polen zurück. Blickt man in seinem Lebenslauf genauer zurück, stellt man fest, dass er während des Zweiten Weltkriegs von der internationalen Katyn-Kommission zur Untersuchung des Katyn- Massakers eingeladen wurde. Das führte in der Nachkriegszeit zu seinem Berufsverbot, ausgelöst von der kommunistischen Partei. Im Namen der sogenannten „Verdrehung“ der Wahrheit von kommunistischer Propaganda zum Katyn-Massaker war sein Interview „Widziałem na własne oczy“ (übersetzt: Ich sah mit meinen eigenen Augen.) auch ein Tabuthema in der Volksrepublik.

Das Werk „Sprawa pułkownika Miasojedowa“ wurde im Jahr 1962 in einem Londoner Exilverlag veröffentlicht.1 Dieses Werk erzählt die Geschichte auf Basis der Hauptfigur Oberst Mjassojedow. Die Lebensgeschichte ist eng mit den geschichtlichen Zusammenhängen verbunden.

Die vorliegende Hausarbeit konzentriert sich auf dieses Werk und gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil wird auf die geschichtlichen Hintergründe eingegangen, um den narrativen Lebenslauf der Hauptfigur mit zeitgemäßen geschichtlichen Hintergründen in Verbindung zu setzen. Im zweiten Teil werden die Einzelheiten des Romans, in dem auch Todesszenen aufgetreten sind und auch mit entsprechenden historischen Ereignissen verbunden sind, schrittweise mit literarischen Erzähltechniken analysiert. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Individuum und Geschichte. Die Hauptfigur selbst ist ein Erlebender während der brutalen geschichtlichen Wendepunkte und ist für das gesamte polnische Volk während dieses Zeitraums bedeutsam. Daher gelten er und seine Frau als eine Miniatur der polnischen Geschichte. Im Fazit werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einigen Werken von Mackiewicz verglichen, um ein besseres Verständnis zu seiner Mentalität entwickeln zu können.

2. Von „Russen“ zu „Deutschen“, das ambivalente „Gestern“ und „Morgen“ zwischen Individuum und Ära.

Der Roman beginnt chronologisch in seinem ersten Teil zwischen 1903 und 1915, damals ist Polen bereits 108 Jahre unter russischer Herrschaft.2

Die geschichtlichen Hintergründe des Romans lassen sich in drei Phasen teilen, nämlich die Vorgeschichte unter russischer Herrschaft (von 1795 bis 1919), die Wiederunabhängigkeit Polens (1919 bis 1939) sowie die Herrschaft unter Nazideutschland (1939 bis 1945). Nach dreimaliger Teilungen Polens gibt es in den revolutionären Jahren des späten 19. Jahrhundert sogar Sympathiewellen zwischen deutschen und polnischen Nationalbewegungen. Beide wollen nach französischem Vorbild den Nationalstaat gründen. Eine romantisch- schwärmerische Polenbegeisterung breitet sich in Deutschland aus. Während des europäischen Völkerfrühlings 1848 streben polnische und deutsche Demokraten ein Wiedererstehen Polens an. Aber die relativ gute Beziehung zwischen dem Deutschen Reich und Polen wandelt sich allmählich kompliziert um. Nach der Reichsgründung werden die Polen in Preußen als zweitklassige Bürger betrachtet.3,4 Einerseits wegen des Mangels an Arbeitskräften füllen die Polen die Lücke im Ruhrgebiet, andererseits scheint die Angst von Deutschen vor Überfremdung in Deutschland unausrottbar.5 Nach dem Ersten Weltkrieg eskalieren die Anfeindungen zwischen Polen und Deutschen, vor allem erhält Polen nach der Wiederunabhängigkeit den direkten Zugang zum Meer.6,7

Die zweite Hauptfigur, die Witwe Klara Mjassojedow kommt aus Preußen, daher sieht der Autor die Absicht zur Erwähnung ihrer Abstammung, was im zweiten Teil des Romans eine wichtige Rolle spielt. Im zweiten Teil des Romans lernt Klara Mjassojedow die dritte Hauptfigur, Marian Szatkowski, kennen und lieben. Später wird das Paar endlich die Ausreisedokumente nach Wilno erhalten. Aber die ruhige Zeit dauert nicht lange an, da der Zweite Weltkrieg ausbricht. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt erfolgt die vierte Teilung Polens, während Wilno von der Sowjetunion besetzt wurde. Klara möchte nach Nazideutschland fliehen, aber Marian zögert. Hier stellt sich bereits die Frage, warum Klara nicht in der Sowjetunion bleiben sondern nach Nazideutschland umsiedeln möchte? Entsprechend des historischen Hintergrundes bricht der Krieg zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion noch nicht aus. Unter sowjetischer Besatzung ist es in Wilno bis 1941 eigentlich sicher. Hier finden sich vermutlich Parallelen zu dem Lebenslauf des Autors, der sich aus Hass gegenüber dem Kommunismus dafür entschied, nach Nazideutschland umzusiedeln. Eine Mischung der antikommunistischen Emotion des Autors und der ambivalenten Ära bestimmen die Entscheidung von Klara. Da sie ursprünglich aus Holstein stammt, ist ihre Entscheidung nicht überraschend. Genau das passt zu ihrer späteren Entscheidung, zusammen mit ihrem Ehemann in die Schweiz zu fliehen.

Der Roman endet mit dem grausamen Ende der beiden Hauptfiguren bei der Bombardierung Dresdens. Der Tod Marians, der mit Ausweispapieren und seiner Ehefrau glücklich nach Nazideutschland umsiedeln konnte und dann dort starb, spiegelt das Schicksal des polnischen Volkes wider. Eigentlich war es gar nicht möglich, die entsprechenden Dokumente zu besorgen. Diese Auffälligkeit kann als „Bestimmtheit“ bezeichnet werden, ein „Sad- Ending“ für das polnische Volk. Das ist auch ein Aufruf des Autors, die polnischen Opfer nicht zu vernachlässigen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Deutschen und Polen eine Übergangsphase von Sympathiewellen zu Anfeindungen erleben. Die Polen als Bürger des russischen Zarenreichs können überhaupt kein echtes Vertrauen gewinnen, obwohl Mjassojedow als ein Pole schon zum Oberst ernannt wurde. Mit der Verdrängungspolitik in Nazideutschland und der Russifizierungspolitik wird der Lebensraum von Witwe Mjassojedow verdrängt. Daher wird ihre Tragödie im zweiten Teil eigentlich schon von voraussehbarer, geschichtlicher Wende bestimmt. Geographisch lag Polen nach der Wiederunabhängigkeit zwischen zwei großen feindlichen Ländern, darum war das bittere Schicksal nach kurzen 20 Jahren unvermeidlich. Der Roman über erzählte Lebensgeschichten von Hauptfiguren ist fiktional, aber wie die Hauptfiguren miteinander umgehen, spiegelt jedoch umgekehrt die Geschichte wider.

3. Analysen über Todesszenen im Roman

Das 64. Unterkapitel, auch das letzte Kapitel des Falls Sergej Mjassojedows, beschreibt dessen Todesszene. Der Autor hat dazu nur paar Sätze über seinen Tod geschrieben:

„Es war drei Uhr und fünfzig Minuten nach Mitternacht. Die Nacht war schwarz wie gewöhnlich im März. Zum Mondaufgang fehlten noch sechsundvierzig Minuten. Zum Sonnenaufgang zwei Stunden und siebenundvierzig Minuten. Später wurde bekannt, dass Mjassojedow sich in den vorletzten Minuten nicht sehr würdevoll benahm. Er zerschlug seinen Kneifer und fügte sich mit en Glassplittern in der Zelle drei Wunden am Hals und eine am linken Handgelenk zu.“8

Die Handlungen über seine Hinrichtung werden vom Autor nicht beschrieben. Als er sein Urteil zur Todesstrafe hört, wird er „blasser und blasser“. Sein tiefster seelischer Schrei über seine Unschuld ist sicher sinnlos für die endgültige Entscheidung des Richtergremiums. Ein früherer Oberst bei der russischen Armee wird als Verräter zum Todesstrafe verurteilt, der psychologische Zusammenbruch wird ins bis letzte Detail beschrieben. So darf er beispielsweise zwischen der Verfahren zu Todesstrafe und Hinrichtung zwei Telegramme schreiben. Das erste soll eigentlich zu seiner Frau, das zweite zu seiner Mutter geschickt werden. Die Inhalte der beiden Telegramme sind identisch. Tatsächlich aber werden die beiden Telegramme gar nicht an die Empfänger gesandt, sondern später an das Protokoll geheftet und zu den Akten gelegt. Die beiden Telegramme an Verwandte spielen zwar keine wichtige Rolle beim Einfluss auf die endgültige Entscheidung, aber sie waren tatsächlich die letzte theoretische Überlebenshoffnung für ihn. Die zwei Telegramme wirken wie eine verschlossene Tür. Sie wirken auch wie ein Symbol für das polnischen Volk, das ihre Schicksal nicht selbst bestimmen kann, sondern durch die Dritte willkürlich behandelt wird. Der Grund der Hinrichtung Mjassojedows wird auch als russische nationalchauvinistische Stimmung definiert.9 Das Mitspracherecht der polnischen Völker im Zarenreich Russlands sieht hier eher sehr gering aus.

Die öffentliche Meinung über Mjassojedow ist auch als schlecht einzustufen. Der Gattungsbegriff „Mjassojedow“ wird so definiert: „Von Mund zu Mund, von Redaktion zu Redaktion ging das Gerücht von den unerhörten Verbrechen und den schwindelerregenden Millionen Mark“.10 Die Medien fokussierten auf das Symbol „Mjassojedow“ und wegen der extremen Orientierung der öffentlichen Meinungen zur „Affäre des Oberst Mjassojedow“ wurden die Völker auch irrtümlich begleitet, daher sieht man bei dieser Affäre keine Entstehung des menschlichen Mitleids.

[...]


1 Gall (2012), S. 214.

2 Seit der dritten Teilung des polnischen Staats 1795 war Polen bereits chronologisch 108 Jahre unter russischer Herrschaft, das war eben der Anfang des narrativen geschichtlichen Hintergrundes bei diesem Werk.

3 Jäger-Dabek (2006), S.94-95.

4 Nach der Einigung Deutschlands lebten 2,4 Millionen Polen in dem Deutschen Reich, das waren zehn Prozent der Bevölkerung. Es gab die Glaubenskonflikte zwischen Deutschen und Polen, die Religionszuweisung schien in diesem Sinne einfach: preußisch- protestantisch und polnisch- katholisch.

5 Vgl. Jäger-Dabek (2006), S.96-97.

6 Vgl. Jäger-Dabek (2006), S.98.

7 Gemäß Versailler Vertrag wurde Danzig- obwohl zu 95 Prozent von Deutschen bewohnt- aus dem Reichsverband herausgelöst und wurde eine freie Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes.

8 Mackiewicz, Jozef (1967), S. 369.

9 Gall (2012), S.215.

10 Mackiewicz, Jozef (1967), S.374.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Kulturelles und geschichtliches Gedächtnis durch Wahrheitsaussagen. Die Todesszenen in Józef Mackiewicz' „Sprawa pułkownika Miasojedowa“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Slavistik)
Veranstaltung
Geschichte als Stoff der polnischen Literatur (Polonistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V335264
ISBN (eBook)
9783668254022
ISBN (Buch)
9783668254039
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturelles, gedächtnis, wahrheitsaussagen, todesszenen, józef, mackiewicz, sprawa, miasojedowa
Arbeit zitieren
Weicheng Yu (Autor), 2015, Kulturelles und geschichtliches Gedächtnis durch Wahrheitsaussagen. Die Todesszenen in Józef Mackiewicz' „Sprawa pułkownika Miasojedowa“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335264

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