Inzest als Motiv in "Schlafes Bruder" von Robert Schneider


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rolle des Inzests in der Beschreibung Eschbergs und seiner Bewohner

3. Inzest als Mitursache für das Scheitern von Elias‘ Liebe

4. Inzestmotive in Peters Verhältnis zu Elias

5. Fazit: Inzesteinfluss und Bewertung durch den Erzähler

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Robert Schneiders 1992 erschienener Roman „Schlafes Bruder“ ist ein ungewöhnliches Werk. Schneider gelang der schwierige und nur von Wenigen gemeisterte Spagat zwischen hoher literarischer Qualität und Massenerfolg. Dementsprechend ist „Schlafes Bruder“ eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und als solche „nicht nur [der] Lektüre, sondern auch [der] Analyse“ würdig (Moritz 1998: 10). Viele Kritiker, Kulturjournalisten und auch Philologen haben dies erkannt und umgesetzt. Gleich einer Schatztruhe ist es nicht nur eine Geschichte, die „Schlafes Bruder“ seinen Lesern schenkt; umgekehrt, es sind deren sehr viele. Es ist die Coming- of-Age-Story eines ungewöhnlichen Kindes; es ist die Geschichte eines Individuums, welches in seiner Umgebung erstickt; es ist eine Heiligenlegende; eine Ode an die Kraft der Musik; es ist ein idealtypischer Künstlerroman; nicht zuletzt: die Chronik eines vergessenen Dorfes, Zeugnis über eine untergegangene Welt.

Mit diesen und einer Vielzahl an anderen Perspektiven näherten sich die bereits existierenden Analysen Schneiders Roman. Diese Hausarbeit ist ein Versuch, eine weitere Perspektive hinzuzufügen, welche in der mir bekannten Sekundärliteratur bisher nur wenig Beachtung fand: „Schlafes Bruder“ ist auch eine Geschichte über Inzest und seine Folgen. Es ist erstaunlich, wie gering diese Perspektive geschätzt zu sein scheint, wo sie doch so naheliegend ist: der Protagonist Johannes Elias Alder ist in seine Cousine verliebt, und diese Liebe ist - neben seiner musikalischen Begabung - das Leitthema des Romans; Peter Alder, des Protagonisten einziger Freund und sein ihn gleichzeitig liebendes und manipulierendes alter ego ist ebenfalls ein Cousin. Die Umgebung, in welcher die Hauptfiguren leben, das fiktive vorarlbergische Dorf Eschberg, besteht aus nur zwei Familien, den Aldern und Lampartern, welche sich nur untereinander fortpflanzen. Inzest ist in „Schlafes Bruder“ also allgegenwärtig, wenn auch nicht als zentraler Betrachtungsgegenstand, sondern - als was eigentlich? Mehr als ein unbedeutendes Hintergrundrauschen (wie der jedes Geräusch fühlende Elias vielleicht sagen würde) ist es allemal. Dies zu klären ist mein Ziel in dieser Arbeit. Dementsprechend lautet die Fragestellung:

„Welche Rolle spielt Inzest in der Handlung von Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ und wie wird er vom Erzähler bewertet?“

Um diese Frage zu beantworten, werde ich drei Schritte unternehmen, nämlich eine Analyse, welchen Stellenwert Inzest in a) dem Leben der Eschberger, b) der Liebe von Elias und Elsbeth und c) Peters Verhältnis zu Elias einnimmt. Ziel ist also, herauszufinden, inwiefern Inzest einen Einfluss auf diese zentralen Bereiche des Romans hat, genauer: lassen sich im Roman Hinweise darauf finden, dass die Allgegenwart von Inzest in Eschberg einen wichtigen, gar entscheidenden Einfluss auf die Handlung der Geschichte hat?

Um dies zu erfahren, werde ich mich sowohl mit erzählerischen, als auch mit sprachlichen Merkmalen in der Beschreibung von Eschberg und den „Paaren“ Elias/Elsbeth und Peter/Elias beschäftigen, um dann im Fazit zusammenzufassen, ob, und wenn, dann wie sehr Inzest als Ursache für das vom Erzähler Berichtete taugt und wie er diesen bewertet. Die fundamentale Frage, mit welcher der Leser auf der letzten Seite alleine gelassen wird, die naive und doch so tiefgründige Frage eines Kindes - „Frau Mutter, was meint Liebe?“ (S. 204)1 - werde ich nicht beantworten können. Aber vielleicht die Frage: was meint Inzest?

2. Rolle des Inzests in der Beschreibung Eschbergs und seiner Bewohner

Der Hauptschauplatz des Romans, das Dorf Eschberg, wird dem Leser in allen Facetten sehr unsympathisch präsentiert. Es ist eine rückständige, isolierte Welt, welche, wenn es nach dem Erzähler ginge, niemals hätte existieren sollen, weil „Gott dort den Menschen nie gewollt hatte.“ (S. 10). Eschberg ist arm und wird hauptsächlich von Bauern bewohnt, deren Horizont kaum weiter als bis nach Innsbruck reicht. (S. 16). Auch der Umstand, dass insgesamt drei große Brände das Dorf bis hin zur völligen Auslöschung heimsuchten, verleiht Eschberg eine morbide Atmosphäre.

Von den Bewohnern des Dorfes spricht der auktoriale Erzähler ebenso wenig schmeichelhaft. Das soziale Leben in Eschberg ist geprägt von Streit, und die Zweige der einzigen beiden Familien sind oftmals untereinander verfeindet, so auch die Elternhäuser von Elias sowie Elsbeth und Peter. Die Eschberger sind, so der Erzähler, an sich keiner Silbe würdig:

„Trotzdem wäre es in allem vertane Zeit, die Geschichte der Eschberger Bauern zu beschreiben, das armselige Einerlei ihres Jahreslaufs, ihre bösen Händel, ihren absonderlich fanatischen Glauben, ihren nicht zu übertreffenden Starrsinn gegen die Neuerungen von draußen [...]“ (S. 12 f.)

Der Erzähler geht sogar so weit, Gott dafür zu verfluchen, den Protagonisten Elias in diese Umgebung gesetzt zu haben. Die Relevanz des Schauplatzes ist also damit gegeben, dass er eine Art Antithese bildet zu dem, was Elias ausmacht, und mitverantwortlich ist für seinen Tod. Das soziale Leben in Eschberg ist in manchen Aspekten widersprüchlich, was es noch unsympathischer zu machen scheint: trotz des „fanatischen Glaubens“ sind viele Eschberger wollüstig und dem Alkohol zugeneigt, und das Verwenden von liturgischen Phrasen in trivialem Kontext (S. 66) sowie häufige Verweise auf die Habgier und Hinterhältigkeit der Eschberger, wie etwa das jahrzehntelange Zurückfordern der Schulden für nur scheinbar selbstlose Hilfeleistungen nach dem Ersten Feuer (S. 90) lassen darauf schließen, dass ihr Glaube eher auf Konformismus denn auf Frömmigkeit beruht. Selbst der Dorfpriester ist „ein leidenschaftlicher Verehrer alles Weiblichen.“ (S. 20), was unter anderem auch zu Elias‘ Geburt führt, dessen leiblicher Vater der Geistliche ist.

Dies ist der Kontext, welchem auch das inzestuöse Fortpflanzungsverhalten zugeordnet werden kann. Der Erzähler verweist schon zu Beginn auf die Schäden, welche jahrzehnte- und jahrhundertelange Inzucht hervorgerufen haben (S. 12). Diese sind hauptsächlich körperlicher Natur: so fallen Elias‘ Deformationen in der Schule nicht weiter auf, seine Mitschüler sind „Wasserköpf[e], Blatterngesichtig[e], Mongoloid[e] und Inzüchtig[e]“ (S. 53). Überhaupt, Trisomie 21 scheint das häufigste Symptom der ungesunden Fortpflanzungsweise zu sein: die Krankheit ist in Eschberg so verbreitet, dass die Seffin, Elias‘ Mutter, ihrem außergewöhnlichen Sohn einen mongoloiden bevorzugt hätte (den sie im Nachhinein auch zur Welt bringt (S. 50 f.)) Der Inzest unter den Dorfbewohnern ist nicht immer freiwilliger Natur: so sind inzestuöse Vergewaltigungen - ausgehend von der Beiläufigkeit, mit welcher der Erzähler sie schildert (S. 191) - nichts Ungewöhnliches.

Eine pervertierte Form von Sexualität und animalischer Charakter sind wichtige Bestandteile des Eschberger Lebens, zumindest wird dies vom Erzähler nahegelegt. Ein Beleg dafür ist, wie wenig sich die Eschberger Frauen unter Kontrolle halten können, sobald Elias bereits als Zehnjähriger ein überdurchschnittlich großes Glied trägt. (S. 54). Ein weiterer Hinweis auf die leichte Verführbarkeit der Dörfler sind die Folgen der Schaupredigerrede: Feldau von Feldbergs Aufforderung, sich der körperlichen Lust hinzugeben, lassen sich die Eschberger nicht zwei Mal sagen; sie führt zu der für ein kleines Dorf beachtlichen Zahl von zwölf Geburten und drei Kindsmorden (S. 103). Auch das frauenverachtende Element wird erwähnt. Es spiegelt sich darin wider, dass nach der Hochzeit die Braut ihren Namen verliert und dem ihres Mannes anpasst: aus Agathe wird „die Seffin“, aus Elsbeth „die Lukasin“, etc. Dass diese seltsame Wortkonstruktion nicht besonders elegant daherkommt, ist kein Zufall, sondern deutet darauf hin, dass es sich hier um ein Stilmittel des Erzählers handelt, die Verrohung der Dorfbewohner zu betonen.

Inzest ist ein wichtiges Element in der unsympathischen Darstellung der Eschberger. Diese Darstellung lässt sich auch als Assoziationskette deuten: Inzest - Lüsternheit - niederer Charakter. Inzest ist ein identitätsbildendes Merkmal der Dörfler. Was diese These zudem noch entscheidend stärkt, ist der Umstand, dass die einzige positive Figur im Roman - Elias - keiner inzestuösen Verbindung entstammt. Es ergibt sich eine Parallele zwischen den vom Erzähler als göttliche Strafe präsentierten Feuern und der sündigen Lebensweise der Eschberger, zu welcher das Inzuchtverhalten letztlich gehört.

3. Inzest als Mitursache für das Scheitern von Elias’ Liebe

Der Erzähler macht keinen Hehl daraus, dass eine Liebesbeziehung zwischen Elias und Elsbeth nicht entstehen kann. Mehr noch, er erklärt den tragischen Charakter von Elias’ Liebe damit, dass sie „unsäglich“ sei (S. 9). Er stellt also einen Kausalzusammenhang her: eine „unsägliche“ Liebe kann nicht glücklich enden. Das dahinterstehende Weltbild lässt sich durchaus in christlich-abendländischer, voraufklärerischer Tradition verorten: was nicht von Gott vorgesehen ist, wird bestraft. Die Frage, ob sich das auf Elias und Elsbeth beziehen lässt, ist noch offen; doch diese Denkweise, welche der Erzähler hier aufweist, stützt im Falle der Brände Eschbergs, dass es sich bei ihnen tatsächlich um eine Strafe Gottes für das Brechen seiner Gesetze - also auch des Inzest-Tabus - handelt.

Was diese Liebe denn so „unsäglich“ macht, ist eine schwierigere Frage. Ein Vergehen gegen Gottes Wille ist sie zumindest nicht - umgekehrt, Elias’ tragische Liebe ist von Gott gewollt (S. 78), auch wenn er ihn zu einem späteren Zeitpunkt vorübergehend von ihr erlöst, um Elias den Schmerz zu nehmen (S. 149).

Auch kann diese „Unsäglichkeit“ nicht dem Umstand geschuldet sein, dass es sich bei Elsbeth um Elias‘ Cousine handelt - wenngleich in höheren gesellschaftlichen Schichten solche Beziehungen zur Handlungszeit des Romans durchaus möglich waren, sind sie unter Menschen niederer Herkunft verurteilt gewesen; jedoch würde das in diesem speziellen Fall keinen wirklichen Sinn ergeben, da inzestuöse Verhältnisse in Eschberg ja normal sind. Zumindest findet sich im ganzen Roman kein Hinweis darauf, dass die Verwandtschaft der beiden Protagonisten ihrer Liebe im Weg stünde. Hinzu kommt, dass ihre verwandtschaftliche Verbindung nicht so nah ist, wie sie scheint - da Elias‘ leiblicher Vater der Kurat gewesen ist, ist Nulf Alder, Elsbeths Vater, nicht sein leiblicher Onkel.

Drei Perspektiven auf den Grund der „Unsäglichkeit“ von Elsbeths und Elias‘ Liebe sind es, die wesentlich mehr Sinn ergeben. Erstens die, dass es sich im Kern nicht um eine echte Liebe handelt: nachdem Gott, in Gestalt des nabellosen Kindes, Elias von seinen Gefühlen befreit, stellt dieser schnell fest, dass sein Leben dadurch leer wurde, und rekonstruiert sie. Der „zweite Anlauf“ seiner Liebe ist, im Gegensatz zu dem, was er empfunden hat, als er das Herz der noch Ungeborenen schlagen hörte (S. 38), eine Illusion. Sie kann sogar als eine Ersatzreligion betrachtet werden, in die sich Elias in vollem Bewusstsein flüchtet, nachdem er die Leere eines erlösten, aber lieblosen Daseins verspürt hat (vgl. Körtner 1998: 95 ff.). Mit Inzest hat all dies nichts zu tun.

Die zweite Perspektive liegt in dem Unterschied zwischen Elias und Elsbeth begründet. Es wurde bereits in der Einleitung erwähnt, dass „Schlafes Bruder“ auch ein Roman über den von Mittelmaß umgebenen Genius ist; weite Teile der Handlung sind darauf ausgelegt, die Unterschiede zwischen Elias und den übrigen Eschbergern zu verdeutlichen. In diesem Sinne ist auch Elsbeth nicht fähig, Elias’ Wesen zu erkennen. Sie bewundert ihn zwar und ist von seiner Gutherzigkeit und der Feinheit seinsr Sinne ebenso fasziniert wie von seiner Musik (S. 109), kann ihm jedoch nicht mit denselben Gefühlen begegnen, welche sie in ihm auslöst. Sie ist bis zum Schluss nicht mal dazu im Stande, ihre Rolle in seinem Leben überhaupt zu verstehen - „Vielleicht sei er nur deswegen von Eschberg weggegangen, weil er hier seine Liebe nicht habe finden können.“ (S. 204). So gesehen, musste Elias’ erhabene Hingabe an Elsbeths „im positiven Sinne durchschnittlichen“ (Werner 1998: 121) Vorstellungen von Liebe scheitern. Auch hier also eine Erklärung, welche nicht in Inzest begründet ist.

Es ist die dritte Perspektive, die mit Inzest in Verbindung gebracht werden kann. Sie offenbart sich bei Elias‘ und Elsbeths Fahrt nach Götzberg. Der Leser wird Zeuge dessen, wie sich Elsbeth in einem inneren Monolog zwischen Elias und dem von Peter beworbenen Lukas Alder für Letzteren entscheidet. Tragischer Weise werden Elias ausgerechnet die positiven Seiten seiner Außergewöhnlichkeit zum Verhängnis:

„[...] ein Mannsbild müsse tapfer und mutig durch das Jammertal des Lebens schreiten. Das sagte der Herr Vater. [...] Und er müsste einfach entschlossener und stärker sein im Leben. [...] Gottlob sei der Lukas ganz anders. Was sie da mit ihm nach der Kirmes erlebt hatte, das habe sie derart durstig gemacht. [...] Sie habe auch nur die elenden Gefühle eines Weibes. Aber davon verstünde der da nichts. Nein, Elias Alder sei kein Mann.“ (S. 139 f.)

Der platonische Charakter von Elias‘ Liebe, seine Gutherzigkeit und seine feine Art stehen im Gegensatz zur grobschlächtigen, triebgesteuerten und hartherzigen Mentalität der Eschberger, unter denen Lukas keine Ausnahme ist. Geht man also von der in Abschnitt 2 aufgestellten These aus, dass die inzestuösen Familienverhältnisse in Eschberg nicht nur ein Grund für die körperliche, sondern auch für die moralische Absonderlichkeit der Eschberger ist, so entscheidet sich Elsbeth schlussendlich - leicht überspitzt ausgedrückt - nicht für die Ausnahmeerscheinung, die „aus einer ganz anderen Ferne“ (S. 100) stammt (und nebenbei als Sohn des Kuraten keinem inzüchtigen Verhältnis entspross), sondern für das durchschnittliche Produkt der Eschberg‘schen Inzucht.

4. Inzestmotive in Peters Verhältnis zu Elias

„Und Elias gehorchte dem Freund fast willenlos. [...] Elias liebte den Peter.“ (S. 44). Eine solche Aussage scheint auf den ersten Blick seltsam, wo doch seine Liebe zu Elsbeth so besitzergreifend ist, dass sie kaum andere tiefliegende emotionale Bindungen zulässt. Jedoch ist dies mit dem Umstand, dass Peter sein einziger Freund ist, hinreichend erklärt. Der Ursprung dieser Freundschaft ist es, der im Kontext der Fragestellung dieser Arbeit interessant ist, denn die Freundschaft begann mit einer Entscheidung Peters.

Peter ist, ebenso wie Elsbeth, eher fasziniert von Elias und seinen Fähigkeiten, als in herkömmlichem Sinne verliebt. Je mehr man sich mit Peters Psychologie beschäftigt, desto mehr wird klar, dass die Liebe zu Elias völlig der Logik seines Denkens entspricht. Das einzige, was Peter begeistern kann, ist scheinbar die Schwäche von Anderen, dies zeigt sich in seiner Tierquälerei - es ist von „Rührung“ (S. 73) die Rede -, der sadistischen Folter an der Burga (S. 125 - 129), seinem „begierig[en]“ Begaffen der Kranken im Siechenhaus (S. 165) und der angedeuteten Onanie beim Gedanken an das Feuerlegen (S. 72). So auch seine Reaktion auf Elias Wutgebrüll angesichts des Spottes der Dorfkinder: Peter ist der einzige, der nicht wegrennt, sondern sich beeindruckt dazu entscheidet, Elias nahezukommen (S. 43 f.), nicht aus Mitleid, sondern eben aufgrund dessen Absonderlichkeit. Gleichzeitig ist er als erster der Dorfbewohner von Elias’ Orgelspiel fasziniert (S. 96): es ist das Ungewöhnliche, das Bizarre, was Peter liebt, im Positiven wie im Negativen, und seine Art, die Liebe auszudrücken, ist es, sich Elias gefügig zu machen. Die Frage, ob Peter denn überhaupt wahre Liebe für Elias empfindet, ist also durchaus berechtigt; die Fürsorge jedoch, die er kurz vor Elias’ Tod entwickelt, und der Gesinnungswandel, den er danach erlebt, sprechen allerdings dagegen.

Inzest spielt, so bislang die Beobachtung, in Peters Verhältnis zu Elias keine exponierte Rolle: dass sie Cousins sind, ist in Eschberg nichts Ungewöhnliches, und wäre Peter wohl nicht mal als eigenartig aufgefallen. Auch seine Homosexualität wird vom Erzähler nicht skandalisiert. Mit einem analytischen Ansatz in Peters Hingabe zu Elias inzestspezifische Motive zu entdecken, scheint nicht möglich.

Anders ist es mit einem interpretativen Ansatz. Betrachtet man etwas genauer Peters familiäre Herkunft, ergibt sich eine Konstellation, welche zu einer freudianischen Perspektive praktisch einlädt: Peter ist der ideale Kandidat für einen ausgeprägten Ödipus-Komplex. Er hasst seinen Vater, was aufgrund dessen Grausamkeit keine Überraschung ist; er will ihn töten (S. 68); gleichzeitig ähnelt er ihm in seiner eigenen Brutalität und Gefühlskälte. Unterdessen fühlt er sich - nicht sexuell, jedoch emotional - stark zu seiner Mutter hingezogen und sucht bei ihr Schutz (S. 100), welchen sie ihren Kindern aber aus Furcht vor dem Ehemann verweigert. Ein typisches Ödipus-Komplex- belastetes Kind würde den Hass auf den Vater durch eine enge Mutterbindung kompensieren können; Peter dagegen wird diese Möglichkeit durch die Angst der Nulfin verwehrt. Aus dieser Perspektive betrachtet, findet Peter in Elias eine Art Ersatz-Mutter, denn Elias verkörpert die klassischen Eigenschaften der Mutterliebe: Zärtlichkeit, moralische Reinheit, Fürsorge, etc. Lässt man sich auf diese Betrachtungsweise ein, so liegt es tatsächlich durchaus im Bereich des Möglichen, dass das inzestuöse Element in Peters Liebe zu Elias nicht die Verwandtschaft mit ihm ist, sondern die Rolle des Elias als Kanal für unterdrückte Mutterliebe. Doch wie bereits erwähnt, handelt es sich hier um einen interpretativen, beinahe schon spekulativen Ansatz, und es ist eher davon auszugehen, dass das Element des Inzests in Peters Verhältnis zu Elias eine geringere Rolle spielt, als in den bisher untersuchten Beziehungen.

5. Fazit: Inzesteinfluss und Bewertung durch den Erzähler

Das Inzestthema in „Schlafes Bruder“ zu analysieren, ist eine ungewöhnliche Aufgabe, wie sich bei der Bearbeitung des Stoffes gezeigt hat. Im Gegensatz zu den meisten im Seminar behandelten Texten, in welchen die Skandalisierung eines inzestuösen Verhältnisses entweder zentrales Thema ist (vgl. „Der blonde Eckbert“) oder das Verständnis von Inzest als Tabu (vgl. „Das Leben der schwedischen Gräfin“) gesetzt ist, verhält es sich in „Schlafes Bruder“ anders: während in vielen Texten der deutschsprachigen Literatur die Tragik der Figuren darin besteht, dem öffentlichen Druck wegen einer Inzest-Beziehung nicht standhalten zu können, findet in Eschberg ein solcher Druck nicht statt. Das macht die Inzestthematik in „Schlafes Bruder“ zu einer Ausnahmeerscheinung.

Inzest spielt in Schneiders Roman ohne Frage nicht die zentrale Rolle, und doch ist er von nicht zu vernachlässigender Bedeutung, und zwar vor allen Dingen als wichtiger Bestandteil des Schauplatzes, in den Elias hineingeboren wird.

Die Deutung, dass das strukturell-inzestuöse Fortpflanzungsverhalten der Eschberger Symbolcharakter trägt, ist sehr plausibel. Eschberg als „Institution“ ist als Elias’ wahrer Antagonist zu verstehen, denn die Rückständigkeit und Enge des Dorfes sowie die bis hin zur Abscheulichkeit durchgehend unsympathische Darstellung der Eschberger sind die Mächte, die Elias daran hindern, sein Talent zu entfalten. Inzest ist ein Element dieser Darstellung. Auch sprachlich bringt der Erzähler dies zum Ausdruck, etwa indem er „Inzüchtige“ in einer Reihe mit negativ konnotierten Begriffen verortet (S. 53) oder auch den abwertenden Begriff der „Unzucht“ verwendet (S. 191). Der Inzest der Eschberger trägt morbiden Charakter. Mit den Bränden Eschbergs wird auch der strukturelle Inzest bestraft. Und nimmt man die These an, dass der Inzest nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Schäden der Eschberger bedingt, spielt er tatsächlich auch, wie in Abschnitt 3 dargelegt, eine entscheidende Rolle in der Entscheidung Elsbeths für Lukas und gegen Elias. Nur in der Hingabe Peters zu Elias scheint Inzest - lässt man die oben geschilderte interpretative freudianische These außer Acht - keine entscheidende Rolle zu spielen.

Was die Bewertung des Inzests durch den Erzähler angeht, so trägt sie keinen plakativen Charakter. Der Erzähler moralisiert nicht; und dennoch wird der Inzest bewertet, und zwar - eine weitere Besonderheit des Romans - auf subtile, differenzierte Art und Weise. Dramaturgisch und sprachlich (siehe „Unzucht“) ist Inzest gleichzeitig Grund und Symbol für den Verfall Eschbergs und das Scheitern der scheinbar einzigen reinen Liebe. Doch es ist nicht der Umstand, dass Elsbeth und Elias enge Verwandte sind, der die Liebe scheitern lässt, und auch sonst gibt der Erzähler keine Hinweise darauf, dass dies zu verurteilen wäre. Ein Grund dafür könnte vielleicht sein, dass es zwischen Elias und Elsbeth ebenso wie zwischen Peter und Elias nie zum sexuellen Akt kommt. Das von den Eschbergern gebrochene Inzest-Tabu wird nicht überschritten.

Es handelt sich also bei der Bewertung des Inzests durch den Erzähler eigentlich um eine Bewertung der Liebe. Der Gegensatz, den der Erzähler aufbaut, ist der Gegensatz zwischen einer von den Eschbergern vertretenen sexualisierten Wollust und dem Ideal von Elias’ platonischer, hingebungsvoller Liebe. Im ersten Fall wird Inzest vom Erzähler als negativ dargestellt; im zweiten nicht, denn das Inzest-Tabu ist für den Erzähler nur in Verbindung mit animalischer Sexualität vorhanden. Diese These wird vom theologischen Aspekt der Handlung gestärkt: die Eschberger hat Gott „nie gewollt“ (S.10), und sie werden von ihm systematisch vernichtet; Elias’ Liebe zu Elsbeth war jedoch Gottes Plan. „Was meint Inzest?“, das ergibt sich als abschließende Schlussfolgerung, ist in Schneiders Roman nicht mehr und nicht weniger als Bestandteil der zentralen Frage „Was meint Liebe?“.

„ Was kommt, ist von Unerheblichkeit. Es ist das Zu-Ende-Erz ä hlen einer nunmehr unbedeutenden Welt. “ (S. 199)

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Schneider, Robert: „ Schlafes Bruder “ , Philipp Reclam jun., Stuttgart, 30. Auflage 2007. Erstveröffentlichung bei Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1992.

Sekundärliteratur

Freud, Sigmund: „ Totem und Tabu “, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1991, Erstveröffentlichung bei Hugo Heller, Wien, 1913.

Hoff, Dagmar von: „ Familiengeheimnisse. Inzest in Literatur und Film der Gegenwart “, Böhlau Verlag, Köln, 2003.

Körtner, Ulrich H.J.: „ Liebe, Schlaf und Tod. Ein theologischer Versuch zu Robert

Schneiders ‚ Schlafes Bruder ‘“, in: Moritz, Reiner (Hrsg.): „Ü ber ‚ Schlafes Bruder ‘ . Materialien zu Robert Schneiders Roman “, Reclam Verlag, Leipzig, 3. Auflage 1998, S. 92 - 100

Meyer-Krentler, Eckhardt: „ Arbeitstechniken Literaturwissenschaft “, Wilhelm Fink Verlag, München, 6. Unveränderte Auflage 1996

Moritz, Reiner (Hrsg.): „Ü ber ‚ Schlafes Bruder ‘ . Materialien zu Robert Schneiders Roman “, Reclam Verlag, Leipzig, 3. Auflage 1998

Werner, Mark: „‚ Schlafes Bruder ‘ - eine Heiligenlegende? “, in:

Moritz, Reiner (Hrsg.): „Ü ber ‚ Schlafes Bruder ‘ . Materialien zu Robert Schneiders Roman “, Reclam Verlag, Leipzig, 3. Auflage 1998, S. 100 - 123

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1 Schneider, Robert: „ Schlafes Bruder “ , Philipp Reclam jun., Stuttgart, 30. Auflage 2007. Hier und im Folgenden beziehen sich alle Seitenzahlen - falls nicht anders gekennzeichnet - auf diese Ausgabe.

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Details

Titel
Inzest als Motiv in "Schlafes Bruder" von Robert Schneider
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Einführung in die Textanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V335402
ISBN (eBook)
9783668254640
ISBN (Buch)
9783668254657
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robert Schneider, Schlafes Bruder, Inzest
Arbeit zitieren
Alexander Eydlin (Autor:in), 2016, Inzest als Motiv in "Schlafes Bruder" von Robert Schneider, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335402

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