Bin ich, da ich die türkische und deutsche Sprache gleichzeitig gelernt habe und beim Sprechen mit anderen Bilingualen sprachliche Elemente vermische, als Semilingual zu bezeichnen? Habe ich deswegen wie weitere bilingual Aufgewachsene eine fehlende Sprachkompetenz?
Genau mit dieser Fragestellung beschäftigt sich diese Hausarbeit aus psycho- und soziolinguistischer Sicht, indem sie Bilingualismus und Code-Switching im Allgemeinen untersucht. Dabei bedient sie sich dem theoretischen Ansatz, welcher hauptsächlich auf die Forschung des Psycholinguisten Francois Grosjean (1982, 2008), früherer Lehrstuhlinhaber der linguistischen Fakultät der University of Neuchatel, sowie Dr. Ira Gawlitzek und Prof. Dr. Rosemarie Tracy (1996, 2010), beide Lehrbeauftragte an der Universität Mannheim, zurückzuführen ist.
In diesem Sinne wird diese Hausarbeit zunächst alternative Definitionen des Begriffs Bilingualismus gegenüberstellen um anschließend durch die Metapher des Bilingual Bootstrapping den Prozess des Zweispracherwerbs zu erläutern. Danach gilt der Fokus dem Konzept des Code-Switching im Hinblick auf Begrifflichkeit, Gründe und wandelnder Einstellungen in der Wissenschaft. Schließlich belegen Beispiele, dass das Code-Switching einer Regelmäßigkeit unterliegt und nicht als ein Defizit des bilingualen Sprechers anzusehen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bilinguale Sprachkompetenz
2.1 Definitionen des Begriffs Bilingualismus
2.2 Bilingual Bootstrapping
3. Das Konzept des Code-Switching
4. Code-Switching – Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?
4.1 Einstellungen zum Bilingualismus und zum Code-Switching in der Forschung
4.2 Gründe für das Code-Switching
4.3 Beispiel für den bewussten Einsatz des Code-Switching
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht aus psycho- und soziolinguistischer Perspektive, ob das bei bilingualen Sprechern auftretende Code-Switching als Anzeichen mangelnder Sprachkompetenz oder Semilingualismus gewertet werden muss, oder ob es sich dabei um einen regelgeleiteten, natürlichen Prozess handelt.
- Definitionen und Konzepte des Bilingualismus
- Die Theorie des Bilingual Bootstrapping im Erstspracherwerb
- Analyse des Code-Switching als kommunikative Strategie
- Wissenschaftliche Einstellungen zur Sprachmischung im Wandel
Auszug aus dem Buch
4.2 Gründe für das Code-Switching
Grosjean (1982) nennt viele unterschiedliche Gründe für das Code-Switching. Unter anderem bezieht er dieses Phänomen auf das Prinzip der Most Available Word Strategie: Very often a bilingual knows a word in both language X and language Y, but the language Y word is more available at that moment when speaking language X. He or she may switch to language Y to say the word but later on in the conversation will use the equivalent word in language X. (Grosjean 1982: 151)
Nach dieser Strategie beinhaltet Code-Switching also nicht eine Inkompetenz des Sprechers beide Sprachen in gleichem Maße zu sprechen, sondern eine Sprache ist im Moment des Sprechens einfach „more available“ (Grosjean 1982: 151). Dieses Phänomen tritt besonders auf, wenn der bilinguale Sprecher zum Zeitpunkt der Konversation „tired, lazy, or angry“ ist (Grosjean 1982: 151). Weitere Gründe für das Code-Switching fasst Grosjean (1982: 152) in der folgenden Tabelle zusammen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die oft negative gesellschaftliche Wahrnehmung von Sprachmischungen bei bilingualen Kindern und stellt die Forschungsfrage, ob Code-Switching ein Defizit darstellt.
2. Bilinguale Sprachkompetenz: Dieses Kapitel erörtert verschiedene theoretische Ansätze zur Definition von Bilingualismus und führt das Konzept des Bilingual Bootstrapping ein.
3. Das Konzept des Code-Switching: Hier werden die Faktoren für eine Sprachdominanz dargelegt und Code-Switching als linguistisches Phänomen gegenüber dem Lexical Borrowing abgegrenzt.
4. Code-Switching – Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?: Dieses Kapitel untersucht den Wandel der wissenschaftlichen Einstellung zum Code-Switching, analysiert motivationale Hintergründe und belegt die Regelhaftigkeit durch eine Fallstudie.
5. Schlussfolgerung: Die Arbeit resümiert, dass Code-Switching kein Defizit, sondern einen bewussten, strategischen und regelgeleiteten Prozess darstellt, der nicht mit mangelnder Sprachkompetenz gleichzusetzen ist.
Schlüsselwörter
Bilingualismus, Code-Switching, Sprachkompetenz, Erstspracherwerb, Bilingual Bootstrapping, Semilingualismus, Sprachmischung, Soziolinguistik, Psycholinguistik, Sprachproduktion, Sprachinterferenz, Sprachwandel, Regelhaftigkeit, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das Phänomen des Code-Switching bei zweisprachig aufwachsenden Personen als Defizit oder Mangel an Sprachkompetenz zu interpretieren ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Begriff des Bilingualismus, der Prozess des Spracherwerbs (Bilingual Bootstrapping) sowie die wissenschaftliche Einordnung und Funktion von Code-Switching.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die häufig verbreitete Ansicht zu widerlegen, dass Code-Switching ein Zeichen von „Semilingualismus“ oder einer fehlerhaften Sprachbeherrschung ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziolinguistischer und psycholinguistischer Ansätze, insbesondere unter Rückgriff auf die Forschung von Francois Grosjean und anderen Experten für Bilingualismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Definitionen, die Analyse der Ursachen für Code-Switching (z.B. „Most Available Word“-Strategie) und die Untersuchung der Regelhaftigkeit dieses Phänomens.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Bilingualismus, Code-Switching, Sprachkompetenz, Spracherwerb und die Unterscheidung zwischen dem „monolingualen“ und „bilingualen“ Modus.
Was besagt die „One-System Hypothesis“ im Kontext des Spracherwerbs?
Sie postuliert, dass Kinder zu Beginn beide Sprachen als ein einziges, gemischtes System erwerben, bevor sie im Verlauf der Entwicklung in zwei separate Systeme differenzieren.
Wie unterscheidet sich Code-Switching vom Lexical Borrowing?
Im Gegensatz zum Lexical Borrowing werden beim Code-Switching die Elemente aus der anderen Sprache nicht morphologisch oder phonologisch an die Basissprache angepasst.
- Arbeit zitieren
- Sitem Kolburan (Autor:in), 2014, Das Code-Switching bei bilingualen Sprechern. Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335565