Das Konzept des Unheimlichen von Sigmund Freud in der modernen bildenden Kunst. Die Ausstellung "The Uncanny" von Mike Kelley


Essay, 2015
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Freuds Konzept des Unheimlichen

3. Das unheimliche in der modernen Bildenden Kunst: Mike Kelleys Ausstellung „The uncanny“

4. Warum der Künstler auf Elemente des unheimlichen zurückgreift

5. Fazit

6. Quellenangaben

1. Einleitung

Im Jahre 2004 hat Mike Kelley, ein Bildhauer aus Los Angeles, eine Ausstellung im Tate Liverpool Museum unter dem Titel „The Uncanny“ zusammengestellt. Teil der Ausstellung waren moderne Kunststücke – u.a. Installationen, Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen etc. – die Elemente aufweisen, die der Definition Sigmund Freuds des Unheimlichen zuzuordnen sind (Tate Liverpool). Doch warum sind Elemente des Unheimlichen in diesen Kunststücken aufzufinden? Genau mit dieser Fragestellung beschäftigt sich diese Hausarbeit. In diesem Sinne ist die Seminararbeit in drei Hauptabschnitte gegliedert: Zunächst soll Freuds Konzept des Unheimlichen definiert und analysiert werden. Danach werden einige Kunststücke der Ausstellung exemplarisch genauer untersucht und beschrieben. Schließlich soll die Fragestellung beantwortet werden, warum Künstler Elemente des Unheimlichen in ihre Kunststücke einfließen lassen.

Durch diese Untersuchung soll ersichtlich werden, dass Sigmund Freuds Definition des Unheimlichen immer noch ein aktuelles Konzept ist, das sich auch auf moderne Bereiche des Lebens, wie zum Beispiel auf die bildende Kunst, auswirken kann.

2. Freuds Konzept des Unheimlichen

Sigmund Freud (314f.) beschreibt das Unheimliche als ein Synonym des Heimlichen. Auch wenn diese Definition auf den ersten Blick paradox erscheint, wird bei genauerer Betrachtung die eigentliche Implikation deutlich:

Das Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist. (Freud 314)

Somit ist das Unheimliche eigentlich das, was uns einst heimlich war und welches wir in unserer Vergangenheit verdrängt haben.

Ferner unterteilt Freud das Unheimliche in zwei Hauptkategorien; nämlich in das Unheimliche des Erlebens und in das Unheimliche der Vorstellung. Diese Unterteilung hält er für sinnvoll, da wie er meint, nicht alles, was wir verdrängen unheimlich sein muss (319). Dies soll im Folgenden genauer erläutert werden.

Das Unheimliche des Erlebens und das Unheimliche der Vorstellung. Freud zufolge lässt sich das Unheimliche in die Kategorie des Erlebten und des Vorgestellten unterteilen (319). Das Unheimliche des Erlebens inkludiert dabei „überwundene“ Überzeugungen (Freud 320) Beispielsweise gehören dazu eintreffende Ahnungen und Zufälle. Weiterhin gehört auch der „böse Blick“ dazu. Wenn wir also beispielsweise ein großes Haus besitzen, fürchten wir den Neid unserer Nachbarn, da wir ihnen dadurch böse Absichten zutrauen. Weiterhin gehören nach Freud auch „[a]bgetrennte Glieder“ (Freud 316), der „Animismus“, die „Allmacht der Gedanken“ und alles, „was mit dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und Gespenstern zusammenhängt“ zu dem Unheimlichen des Erlebens (314). Außerdem finden wir Menschen unheimlich, denen wir „böse Absichten“ zutrauen, oder die an Fallsucht leiden (Freud 316). Auch die Möglichkeit eines Doppelgängers erscheint vielen Menschen als unheimlich (Freud 309). Denn durch die „uneingeschränkte Selbstliebe“ und den „primären Narzißmus“ der Menschen wird der Doppelgänger als der „unheimliche Vorbote des Todes“ angesehen (Freud 309).

Freud sieht ein, dass die heutige Generation nicht mehr an diese Beispiele glaubt, jedoch meint er auch, dass die Menschen heute auch nicht zu hundert Prozent davon überzeugt sind, dass diese nicht existieren:

Wir - oder unsere primitiven Urahnen - haben dereinst diese Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten,[…]. Heute glauben wir nicht mehr daran, […], aber wir fühlen uns dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher […]. Sowie sich nun etwas in unserem Leben ereignet, was diesen alten abgelegten Überzeugungen eine Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir das Gefühl des Unheimlichen, zu dem man das Urteil ergänzen kann (Freud 320).

Das Unheimliche des Erlebens sind somit zum einen „überwundene primitive Überzeugungen“ und zum anderen „verdrängte infantile Komplexe“ (Freud 321). Hierbei sind die Begriffe „überwinden“ und „verdrängen“ wichtige Bedeutungsträger im Freudschen Sinne. Verdrängte infantile Komplexe können zum Beispiel der Kastrationskomplex oder die Mutterleibphantasie sein, die im Alltag in unterschiedlichen Situationen als psychische Realität erlebt und als unheimlich empfunden werden. Zu den Erscheinungsformen des Kastrationskomplexes gehört zum Beispiel die Angst vor Selbstblendung (Freud 307), und die Mutterleibphantasie erscheint in der männlichen Angst vor weiblichen Genitale (Freud 317).

Im Gegensatz zu dem Unheimlichen des Erlebten, muss es sich bei dem Unheimlichen der Vorstellung nicht um verdrängte oder überwundene Inhalte handeln. Zum Beispiel gehört zu dem Unheimlichen der Vorstellung vor allem die Fiktion. Freud beschreibt hierbei, dass in der Dichtung vieles nicht unheimlich ist, was im Alltag als unheimlich empfunden wäre:

Das paradox klingende Ergebnis ist, daß in der Dichtung vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung viele Möglichkeiten bestehen unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben wegfallen. (Freud 321)

Dies bedeutet, dass viele Elemente die in der Fiktion wiederzufinden sind, wie zum Beispiel in Märchen, im realen Leben unheimlich wären. Jedoch hebt die Fiktion den Anspruch auf eine Realität auf und dadurch werden fiktive Motive nicht als unheimlich empfunden.

3. Das Unheimliche in der modernen Bildenden Kunst: Mike Kelleys Ausstellung „The uncanny“

Im Jahre 2004 hat Mike Kelleys moderne Kunststücke, wie Statuen, Installationen und Gemälde unter dem Titel „The Uncanny“ ausgestellt. Dabei ist der Titel, wie von Kelleys selbst bestätigt, eine deutliche Anspielung auf Freuds Konzept des Unheimlichen (Tate Liverpool). Im Folgenden werden einige Kunststücke der Ausstellung exemplarisch analysiert um nachzuvollziehen, warum diese in die Ausstellung aufgenommen wurden, die das Thema des Unheimlichen behandelt.

Beschreibung und Interpretation der Kunststücke

Die Skulptur „No Visible Means of Escape“ (1996) des Künstlers Marc Quinn besteht aus dunkelbraunem Gummi und hängt durch ein weißes Seil gebunden von der Decke herunter.[1] Zu sehen ist eine menschenartige Figur, dessen hinterer und vorderer Körperteil durch den Kopf verbunden vertikal von der Decke herunterhängt. In dieser Skulptur ist der Mensch nicht mehr als eine Einheit zu erkennen, sondern sie ist entzwei gespalten. In der Tat wird jede Art der „Ichteilung“ von Freud als unheimlich beschrieben (Freud 309). Zudem erinnert die dunkelbraune Farbe der Skulptur an etwas Verdorbenes und an etwas nicht mehr Lebhaftes. Somit wird das gespaltene Ich gleichzeitig mit dem Tod in Verbindung gesetzt, welcher nach Freud ebenso als unheimlich empfunden wird (314).

Die Skulptur „Untitled (Leg)“ (1989-1990) des Künstlers Robert Gober besteht aus Wachs, Baumwolle, Leder, Holz – und ungewöhnlicherweise aus menschlichem Haar (Tate Liverpool).[2] Zu sehen ist ein behaartes männliches Bein, das ohne jegliche Verbindung zu einem restlichen menschlichen Körper, an einer Wand klebt. „Abgetrennte Glieder“ (Freud 316), wie dieses abgetrennte Bein, werden von Freud als unheimlich beschrieben.

Die Skulptur „Beverly Edmier“ von Keith Edmier besteht aus unterschiedlichen Stoffen und stellt eine schwangere Frau dar.[3] Die Frau, sowie ihre Klamotten, bestehen aus Rottönen. Dabei besteht der Bauch aus dem dunkelsten Rotton und erinnert an menschliches Blut und Fleisch und sieht weniger aus wie ein Ort, an dem man sich selbst gerne befunden hätte. Freud beschreibt, dass die verdrängte „Phantasie vom Leben im Mutterleib“ (Freud 317) als ein infantiler Komplex, der in verschiedenen Erscheinungsformen im Alltag als unheimlich empfundene Realität zurückkehren kann.

Auf dem Bild „ Magic“ von Nayland Blake hingegen ist eine Puppe zu erkennen, die in einer Kiste steht, an welcher ein Haufen lebloser Pflanzen liegt.[4] Mike Kelley beschreibt seine Wahl dieses Kunststück in die Aufstellung abzunehmen folgendermaßen:

[The uncanny] also seems related to déjà vu, the feeling of having experienced something before, the particulars […] being unrecallable […] These feelings seem related to so-called out-of-body experiences […]. All of these feelings are provoked by an object, a dead object that has a life of its own, a life that is somehow dependent on you, and is intimately connected in some secret manner to your life. (Tate Liverpool)

Somit verbindet Mike Kelley mit der leblosen Puppe, bei denen sich der Mensch selbst von außen betrachtet. Nach Freud ist der Doppelgänger ein ausführlich beschriebenes Element des Unheimlichen (Freud 309f.).

4. Warum der Künstler auf Elemente des unheimlichen zurückgreift

Aus den Kunststücken der Ausstellung wurde ersichtlich, dass unterschiedliche Künstler unabhängig voneinander Elemente des Unheimlichen in ihre Kunstwerke eingebaut haben. Hierbei stellt sich die Frage, warum diese Motive in diesen Kunstwerken aufzufinden sind. Joachim Pfeiffer (148) beschreibt, dass Freud zufolge der Künstler den Bildinhalt das Resultat eines „Schaffensprozesses“ ist. Es handelt sich um einen Verweis auf „frühkindliche Konfliktsituationen und entsprechende Lebenszusammenhänge, die durch Erfahrungen im Hier- und Jetzt aktualisiert werden“ (Pfeiffer 148). Infantile verdrängte Momente kommen also beim Erschaffen eines Kunstwerkes „affektiv“ in die Realität zurück.

[...]


[1] http://www.tate.org.uk/art/artworks/quinn-no-visible-means-of-escape-iv-t07238

[2] http://www.tate.org.uk/whats-on/tate-liverpool/exhibition/mike-kelley-uncanny

[3] http://www.tate.org.uk/art/artworks/edmier-beverly-edmier-1967-t07747

[4] http://www.tate.org.uk/whats-on/tate-liverpool/exhibition/mike-kelley-uncanny/mike-kelley-uncanny-room-guide-uncanny

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Details

Titel
Das Konzept des Unheimlichen von Sigmund Freud in der modernen bildenden Kunst. Die Ausstellung "The Uncanny" von Mike Kelley
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hauptseminar Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V335586
ISBN (eBook)
9783668256514
ISBN (Buch)
9783668256521
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzept, unheimlichen, sigmund, freud, kunst, ausstellung, uncanny, mike, kelley
Arbeit zitieren
Sitem Kolburan (Autor), 2015, Das Konzept des Unheimlichen von Sigmund Freud in der modernen bildenden Kunst. Die Ausstellung "The Uncanny" von Mike Kelley, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335586

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