Der Capability Approach. Eine Anwendung auf das Thema „Selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Behinderung“


Hausarbeit, 2015

23 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Grundzüge aristotelischer Theorie in Bezug auf den Capability Approach

II. Drei Bedeutungsdimensionen von Gerechtigkeit

III. Normenethik
a. Utilitarismus
b. Vertragstheorien
c. Gerechtigkeitstheorien
d. John Rawls Theorie der Gerechtigkeit

IV. Der Capability Approach
a. Capability Approach nach Amartya Sen
b. Capabilities Approach nach Martha Nussbaum

V. Kritik am Capability Approach

VI. Soziale Arbeit und Befähigungsgerechtigkeit

VII. Exkurs: Selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Beeinträchtigung im Kontext der Capabilities
a. Behinderung/ Beeinträchtigung
b. Selbstbestimmung bei Beeinträchtigung
c. Wohnen mit Beeinträchtigung

VIII. Fazit

IX. Literaturverzeichnis

Einleitung

Für den größeren Teil der deutschen Bevölkerung ist Selbstbestimmung heute bereits seit der Kindheit selbstverständlich. Dieser Umstand ist wohl insbesondere der stabilen Demokratie geschuldet. Erwachsene Menschen können relativ frei über Arbeit, Freizeit, Wohnen, Leben, Partnerschaft und Finanzen entscheiden. Jedem Menschen sind natürlich in seiner Wahlfreiheit insofern Grenzen gesetzt, wie sie an die Grenzen anderer Menschen stoßen, oder auch an die finanziellen oder kognitiven Grenzen der eigenen Person. Menschen mit Behinderung sehen sich im Vergleich vermehrt Grenzen und Fremdbestimmungen gegenüber. Ein Großteil der Betroffenen kann seinen Arbeitsplatz nicht frei wählen, sondern muss sich mit dem arrangieren, was angeboten wird. Viele haben nicht die Möglichkeit frei zu entscheiden, wo und mit wem sie leben wollen. Sie müssen auch erleben, dass Partnerschaften und Sexualität unterbunden werden. Die Freizeit, der Tag, die Mahlzeiten werden verplant und das „Taschengeld“ wird zugewiesen. Hinzu kommen dann noch die persönlichen kognitiven, seelischen oder körperlichen Beeinträchtigungen, die kompensiert werden müssen. Die Wohnwünsche von Menschen mit Behinderung können in der Regel nur insofern umgesetzt werden, als es etwa im Wohnheim und in der Wohngruppe freie Plätze gibt oder der Unterstützungsbedarf eher gering ist, so dass die ambulante Wohnbetreuung in Frage kommt, oder die Angehörigen genug Ressourcen besitzen, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Die meisten Wohnformen beinhalten eine relativ große Abhängigkeit der Betroffenen von anderen Menschen. Aber abhängig zu sein, bedeutet fremdbestimmt zu sein. In Fachzeitschriften werden vermehrt innovative Modellprojekte für selbstbestimmtes Wohnen vorgestellt. Können Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben?

Im Capability Approach geht es um eine Herstellung von Gerechtigkeit durch Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben. Ist diese Theorie geeignet um Menschen mit Behinderung die freie Wahl ihrer Wohnmöglichkeiten zu ermöglichen?

Dem soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.

Wichtig erschien, zu verdeutlichen an welche Theorien der Normenethik der Capability Approach sich anlehnt und von welchen er sich abgrenzt.

I. Grundzüge aristotelischer Theorie in Bezug auf den Capability Approach

Der Capabilities-Ansatz steht in der Tradition der aristotelischen praktischen Philosophie, die gleichermaßen auf die Ökonomie, die Ethik und die Staats- und Lebenskunst bezogen ist (vgl. Oelkers et.al. 2008, S. 85).

Nach Aristoteles strebt der Mensch nach dem vollkommen Guten als Endziel allen Handelns, denn hierin sieht er das Glück verankert, welches der Mensch um seiner selbst willen erreichen will. Allein die Glückseligkeit macht das Leben so begehrenswert, dass der Mensch keine anderen Bedürfnisse mehr zu haben braucht. Aristoteles verbindet das Glück mit der Vernunft, denn die Vernunft ist die vollkommenste Fähigkeit bzw. Tugend des Menschen. Er unterscheidet zwei alternative Möglichkeiten des Glücks als zwei vollkommene Gegenstände der Vernunft. Das Glück des theoretischen Lebens ist die in reiner Theorie erfasste Wahrheit, in der sich der weise Mensch selbst genügt. Das Glück des praktischen Lebens ist das gute Leben und Handeln in Gesellschaft und Polis (Politik). Dieses Glück wird nach Aristoteles durch vernunftgemäße Tätigkeiten im Haus, (Arbeit, Anm. CP), in Freundschaft, Nachbarschaft und Politik begründet. Vernunftbestimmte Tätigkeiten bestimmen für ihn das Erreichen von Glück. Lustbestimmte Tätigkeiten schließt er zum Erreichen von Glück aus. Allerdings sieht er in der vernunftgemäßen Praxis auch einen Gewinn von Lust und Freude als richtig an (vgl. Anzenbacher 2012, S.151-152). Aristoteles weist darauf hin, dass das Gelingen von Glück in vielfacher Hinsicht von äußeren Lebensverhältnissen, wie Gesundheit, Wohlstand, Freunden und Familie, abhängt. Die Menschen haben nur beschränkten Einfluss auf diese Faktoren. Allerdings überlässt Aristoteles die Bedingungen der Lebensumstände dem biographischen Zufall und weist ein Erreichen von Glück nur dem Tugendhaften, sprich Vernunftbegabten, zu (vgl. ebd., S.155).

Aristoteles unterscheidet zudem zwei Arten von Selbstliebe, die sich in ihren Zielen im praktischen Leben unterscheiden. Zunächst geht es um die naturalistische Selbstliebe des Egoisten. Der Egoist strebt nach einem Maximum begrenzt verfügbarer Güter und erkämpft seinen Vorteil auch zum Nachteil anderer. Die zweite Form von Selbstliebe ist durch die Vernunft aus sich selbst motiviert. Hier geht es um Güter, die an sich unbegrenzt zur Verfügung stehen. Die Aneignung dieser Güter beeinträchtigt die Rechte anderer Menschen nicht, sondern fördert die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit. Die Aneignung dieser Güter aus Selbstliebe führt zu eigener Vollkommenheit und zum Wohl der Mitmenschen im Sinne der Humanität. Nach Aristoteles kann nur die zweite Form von Selbstliebe zu Glück und Sinn führen (vgl. ebd., S.161-162).

II. Drei Bedeutungsdimensionen von Gerechtigkeit

„Regeln der Gerechtigkeit betreffen wechselseitige Ansprüche, verbindliche Rechte und Pflichten. Sie artikulieren das, was Menschen einander schulden. Was soziale Beziehungen als freiwillige Gabe bereichert, bleibt davon unterschieden.“ (Maaser 2010, S. 57)

Auch die bedeutendste gerechtigkeitstheoretische Unterscheidung von Gerechtigkeit stammt von Aristoteles. Im 5. Buch der Nikomachischen Ethik führte er eine weitreichende Differenzierung ein: die Unterscheidung von Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva) und Tauschgerechtigkeit (iustitia commutativa). Unter Verteilungsgerechtigkeit verstand Aristoteles eine Gabe von Gütern von einer Person an eine andere, die sich der Gabe als würdig erweist. Eine soziale Gleichheit wurde von ihm nicht angedacht. Würde setzte er mit Stand oder Verdienst gleich. Gleichheit und Gerechtigkeit galten nur für freie männliche Bürger. Die Tauschgerechtigkeit war für ihn der Austausch äquivalenter Güter oder Leistungen als zweiseitige gerechte Beziehung (vgl. Maaser 2010, S. 58-59).

Auf dem aristotelischen Gerechtigkeitsverständnis bauen die drei Grunddimensionen eines modernen Gerechtigkeitsbegriffs auf.

1. In der Gesetzesgerechtigkeit werden vor dem Gesetz alle Menschen als gleich angesehen und deshalb mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet.
2. In der Tausch- oder Leistungsgerechtigkeit wird eine Gleichheit von Leistung und Gegenleistung benannt.
3. Das Anliegen der austeilenden Gerechtigkeit ist, jedem Menschen das ihm um seiner Würde willen Zustehende und Notwendige zukommen zu lassen.

Zu Bedenken ist für die Soziale Arbeit, dass sich die Bedeutungsdimensionen von Gerechtigkeit erst im Laufe der Geschichte durch menschliche Erfahrungen von Unterdrückung und Missachtung entwickelt haben. Vor Beginn der Neuzeit bildete die vorfindliche Gesellschaftsordnung die Grundlage für Gerechtigkeit. Die Ständeunterschiede galten als naturgegeben und unveränderlich. Jedem das Seine bedeutete, jedem das, was ihm nach seinem gesellschaftlichen Stand zustand. Zu Beginn der Neuzeit löste sich diese Gesellschaftsformation unter politischem und wirtschaftlichem Druck auf. In den folgenden dynamisch-liberalen Gesellschaftsordnungen ging es vorrangig um Leistungsgerechtigkeit. Aber die Unterlegenheit der Leistungskraft Arbeit gegenüber dem Eigentum führte zu breiter Verelendung der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Dieses soziale Problem verschaffte dem Verständnis einer Verteilungsgerechtigkeit Raum. Verteilungsgerechtigkeit meint Bedürfnis- und Chancengerechtigkeit. Bedürfnisgerechtigkeit zielt auf die gleiche Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse ab. Chancengleichheit meint gleiche Zugangsmöglichkeiten zu soziokulturellen Kompetenzen und sozioökonomischen Ressourcen einer Gesellschaft (vgl. Lob-Hüdepohl/ Lesch 2007, S. 130-131).

III. Normenethik

Großmaß und Perko (2011, S. 23-24) beschreiben eine Einteilung der philosophischen Ethik in eine angewandte Ethik und eine reine Grundlagenethik. Die normative Ethik ist eine Form der Grundlagenethik. Sie erörtert welche Werte, Normen und Moralprinzipien als Maßstab für menschliches Handeln gelten sollen. Das Sollen wird kritisch im Kontext gesellschaftlicher Diskurse, Menschenbilder oder auch rechtlicher Grundlagen betrachtet. Die für den Capabilities- Ansatz grundlegenden ethischen Theorien sind, wie der Ansatz selbst, Formen der normativen Ethik.

a. Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine konsequentialistische Moraltheorie. Das bedeutet, dass die moralische Qualität von Handlungen und Normen empirisch-rational nach deren Folgen beurteilt wird. Im Zentrum stehen die Interessen der Gemeinschaft und nicht die individuellen Interessen des Menschen. Als Begründer des Utilitarismus gilt Jeremy Bentham (1748-1832). Bekanntester Vertreter war John Stuart Mill mit seinem Werk „Utilitarianism“ im Jahr 1863. Heute werden im Utilitarismus vier Prinzipien zur moralischen Beurteilung von Handlungen und Normen dargestellt. Im Konsequenzprinzip erfolgt die Beurteilung ausschließlich anhandder Auswirkungen der Handlung. Die Handlung selbst ist in sich niemals richtig oder falsch, nur die Wirkung der Handlung kann moralisch bewertet werden. Das Utilitätsprinzip bewertet die Kriterien, nach denen die Auswirkungen einer Handlung beurteilt werden. Die Folgen der Handlung sollen der Verwirklichung des „in sich Guten“ dienen. Im Hedonismusprinzip wird das „in sich Gute“ definiert. Es ist das menschliche Glück, dass jede Person für sich selber bestimmt. Das menschliche Glück umfasst die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Interessen. Ausschlaggebend aus hedonistischer Sicht ist aber die Quantität des Glücksgefühls und nicht die Qualität des Glücks. So gilt eine Handlung schon dann als moralisch richtig, wenn sie gute Folgen hat und nicht erst dann, wenn sie die besten Folgen nach sich zieht. Das Sozialprinzip lehnt einen egoistischen Hedonismus ab. Die Handlung kann nicht als moralisch gut bewertet werden, wenn sie nur das Glück des Handelnden zur Folge hat, sondern möglichst das Glück aller Betroffenen. Bentham benennt das Prinzip des größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl. Es geht also um den größtmöglichen Durchschnittsnutzen von Handlungen und Normen für eine Gesellschaft (vgl. Anzenbacher 2012, S. 31-34).

Aus utilitaristischer Sicht können somit auch Handlungen, die wir intuitiv als unmoralisch ansehen, als gerechtfertigt angesehen werden, solange sie dem Allgemeinwohl dienen. Die Tötung eines Menschen ist möglicherweise akzeptabel, wenn durch diese Tat das Leben mehrerer Menschen gerettet werden kann. Und auch soziale Ungerechtigkeit innerhalb der drei Dimensionen von Gerechtigkeit könnte aus dieser Perspektive als moralisch akzeptabel angesehen werden. Es wäre zum Beispiel unter Umständen kein Problem eine Minderheit für einen extrem niedrigen Lohn arbeiten zu lassen, wenn es der Gesellschaft einen entsprechend großen Nutzen bringt. Typische Beispiele für die Argumentationsweise sind die Berechnung des Bruttosozialprodukts oder des Pro-Kopf-Einkommens eines Landes. Eswird davon ausgegangen, dass es einer Gesellschaft umso besser geht, je höher diese Werte sind, aber eine gerechte Verteilung zeigen diese Werte nicht auf (vgl. ebd., S. 34 und Stettner 2007, S. 13).

b. Vertragstheorien

Bekannte Vertreter des kontraktualistischen Paradigmas sind Kant, Locke, Hobbes und Rousseau. Sie haben die grundlegenden Argumente dargelegt, die bis heute auch für die modernen Vertragstheorien etwa von James Buchanan oder John Rawls gelten.

Grundgedanke des kontraktualistischen Paradigmas ist die Annahme, dass alle Menschen ein elementares Interesse daran haben, dass bestimmte Regeln befolgt werden. Deshalb zeigen sie eine Bereitschaft zur Übernahme eines hypothetischen Vertrages, der zur Einhaltung der Regeln verpflichtet (vgl. Stettner 2007, 26).

Dieser Grundgedanke lässt sich folgendermaßen darlegen: Solange es in einer Gruppe von Menschen kein Recht, keine Moral und keine regulierende Instanz gibt, lebt jedes Individuum sehr gefährlich. Jede und Jeder muss um sein oder ihr Leben fürchten und der materielle Besitz ist unsicher. Alle müssen einen hohen Aufwand für ihre Sicherheit betreiben. Unter diesen Umständen ist kein gesellschaftlicher Fortschritt möglich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle zu der Einsicht kommen, dass es besser ist innerhalb eines „Vertrages“ darauf zu verzichten, sich gegenseitig zu töten oder zu berauben. Selbst, wenn es nicht zu einer gerechten Verteilung der Güter kommt, profitieren auch die Ärmsten von ihren Rechten. Aber nur wenn alle dem vereinbarten Vertrag zustimmen, können die Regeln auf Dauer gelten. Zum Schutz der vereinbarten Rechte werden Sanktionen bei Rechtsverletzungen benannt und eine Instanz geschaffen, die die Legitimation zur Durchsetzung der Rechte besitzt (vgl. Lob-Hüdepohl/Lesch 2007, S. 72-73).

„Allein vom wohlverstandenen langfristigen Eigeninteresse aller Einzelnen her lassen sich also die meisten Grundregeln der Moral, bestimmte Rechte der Einzelnen und die Institutionen des demokratischen Staates begründen.“ (Lob-Hüdepohl/Lesch 2007, S. 73)

c. Gerechtigkeitstheorien

Gerechtigkeitstheoretische Argumentationsformen folgen im Gegensatz zur Teleologie (gr. Telos = Zweck, Ziel) des Utilitarismus dem deontologischen Moralprinzip als Gerechtigkeitsprinzip. Deontologische Positionen betrachten eine Handlung an sich unabhängig von den Folgen als moralisch oder unmoralisch (vgl. Anzenbacher 2012, S. 32 u. 128). Handlungen müssen demnach mit bestimmten Regelnoder Prinzipien übereinstimmen, die sich daran orientieren, was anderen gegenüber getan werden darf. Das Richtige hat den Vorrang vor dem Guten. Orientierung gibt der Kategorische Imperativ Kants, der in der sogenannten „Goldenen Regel“ zum Ausdruck kommt: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“ Menschen handeln nach diesem Prinzip als autonome Vernunftwesen nicht als triebgesteuerte Naturwesen (vgl. Stettner 2007, S. 25). Das Gerechtigkeitsprinzip drückt die gleiche Freiheit und Unverfügbarkeit für alle Personen aus. Das bedeutet, dass Normen grundsätzlich konsensfähig sein müssen. Prinzipiell müssen also allebetroffenen Personen dieser Norm zustimmen können und diese somit als gerecht ansehen. Normen sind nach diesem Verständnis nur dann gültig, wenn sie gerecht für alle sind. Die Abwägung einen Menschen zu töten, um das Leben mehrere Menschen zu retten, wäre innerhalb der deontologischen Sichtweise keine moralisch akzeptable Handlung, zumal es moralisch durchaus erlaubt sein könnte, den Tod eines Menschen nicht zu verhindern (vgl. ebnd., S. 25 u. Anzenbacher 2012, S. 128).

d. John Rawls Theorie der Gerechtigkeit

„...den Fähigkeitenansatz von gegenwärtigen Versionen des Kontraktualismus abgrenzen, insbesondere von der von Rawls vertretenen Variante. Im Grunde handelt es sich bei diesen Ansätzen jedoch um enge Verwandte des Fähigkeitenansatzes. Letzterer ist ursprünglich vor allem als Alternative zu ökonomisch-utilitaristischen Theorien entwickelt worden,…“ (Nussbaum 1999, S. 105-106)

Lob-Hüdepohl und Lesch beschreiben Rawls Theorie der Gerechtigkeit als eine „vertragstheoretische Reformulierung des kategorischen Imperativs Kants“. (2007, S. 75) Somit kann man seinen Ansatz als eine Mischform der Vertrags- und Gerechtigkeitstheorien ansehen, die sich klar vom Utilitarismus mit seinem Guten als größtmöglicher Nutzensumme für die Gesellschaft abgrenzt. Für Rawls hat das Gerechte Vorrang vor dem utilitaristisch Gutem. Die deontologischen Gerechtigkeitsgrundsätze besitzen für ihn die höchste normative Qualität. Er bezeichnet diese Gerechtigkeit als Fairness (Anzenbacher 2012, S. 256).

Auch Rawls stellt sich eine Gruppe von Menschen vor, die einen Gesellschaftsvertrag schließen wollen. Aber für ihn sind die Beweggründe der Betroffenen keine rein ökonomischen. Er geht von einem sogenannten Urzustand aus, aus dem heraus die Menschen ihr Zusammenleben festlegen. Für diesen Urzustand legt er zwei idealisierte Annahmen fest. Zum einen setzt er voraus, dass alle Vertragspartner gleichwertig miteinbezogen werden und Entscheidungen nur im Konsens getroffen werden. Und zum anderen beschreibt er den sogenannten „Schleier des Nichtwissens“, der den Beteiligten eine Sicht auf die Zukunft unmöglich macht. Sie wissen nicht, wer sie in der Zukunft, über die entschieden wird, sein werden. Weder das Geschlecht, noch das Alter noch der gesellschaftliche Status ist bekannt. Diese besonderen Bedingungen führen dazu, dass maximale Grundfreiheiten für jede/ jeden etabliert werden, denn jede denkbare Ungleichheit würde im Urzustand zurückgewiesen werden. Anders verhält es sich mit der Verteilung sozialer und wirtschaftlicher Güter. Hier könnte eine Gleichstellung aller zu einer Benachteiligung der Ärmsten führen, deshalb entscheidet die Gruppe eine Ungleichverteilung zugunsten einer besseren Produktivität, von der die Benachteiligten möglicherweise mehr profitieren, als wenn sie gleichgestellt wären. Es wird also versucht werden, für die Ärmsten das beste Ergebnis zu erzielen. Daraus ergibt sich Rawls „Differenzprinzip“:

„Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein: (a) sie müssen […] den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen und (b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offen stehen.“ (Rawls 1993, S. 336)

Demnach lassen sich Menschen im Urzustand nur auf eine kapitalistische Wirtschaft ein, wenn sie in dem Fall, dass sie selbst nicht über Kapital und Arbeitskraft verfügen sollten,zumindest ein menschenwürdiges Minimum an Leistungen erhalten werden.

Leider vermag Rawls den Schleier des Nichtwissens nicht hinreichend zu begründen. Daher beruht seine Konstruktion letztlich auf moralischen Intuitionen (vgl. Lob-Hüdepohl/ Lesch 2007, S. 76-77).

Auf diese Gerechtigkeitsgrundsätze baut Rawls seine Theorie des Guten auf. In der schwachen Theorie des Guten geht es um das Wohl des Menscheninnerhalb eines erfolgreichen Lebensplans. Und in der vollständigen Theorie des Guten geht es um den moralisch wertvollen Menschen, der die moralische Persönlichkeit besitzt, die sich alle Beteiligten im Urzustand von den anderen Beteiligten wünschen. Hier übernimmt Rawls ethische Themen des guten Lebens nach Aristoteles (vgl. Anzenbacher 2012, S. 256-257). Als besonders problematisch in Rawls Ansatz und anderen Vertragstheorien wird die Tatsache angesehen, dass nur zur Rationalität fähige Menschen zur moralischen Gemeinschaft gehören. Etwa Menschen mit geistiger Behinderung, kleine Kinder oder Demenzerkrankte werden nicht in Entscheidungen miteinbezogen. Sie erhalten ihre Berücksichtigung innerhalb der Gesellschaft nur aufgrund der Interessen der rationalen Personen (Stettner 2007, S. 27).

IV. Der Capability Approach

„[Der] Capabilities- Ansatz ist ein […] gerechtigkeitstheoretischer Ansatz, der die Frage nach einem guten Leben bzw. einer gelingenden praktischen Lebensführung in den Mittelpunkt stellt“ (Otto, Ziegler 2010, S. 9). Die Theorie geht ursprünglich auf zwei Autoren zurück, die unabhängig voneinander und in unterschiedlicher Tradition stehend begannen, sich mit dem Konstrukt Gerechtigkeit durch Befähigung zu befassen. Nachfolgend sollen zunächst die Ausführungen des Ökonomen Amartya Sen vorgestellt werden, um anschließend auf die Theorie der Philosophin Martha Nussbaum einzugehen.

a. Capability Approach nach Amartya Sen

Sen begann seine Arbeit am Capability Approach auf der „Suche nach einer Perspektive, die individuelle Vorteile besser erfasst als Rawls‘ Konzentration auf Grundgüter“ (Sen 2013, S. 259). Er war unzufrieden mit rein ökonomisch und monetär konzentrierten Ansätzen der Bemessung von sozialer Ungleichheit wie beispielsweise des Vergleichs des Bruttoinlandsprodukts (vgl. ebd., S. 253f.). Diese sagen laut Sen zu wenig über individuelle Möglichkeiten aus. Viel mehr sollten wirtschaftlich finanzielle Aspekte bezogen auf tatsächliche Verwirklichungschancen von Individuen und Gruppen innerhalb einer Nation betrachtet werden. Diese Idee setzte Sen unter anderem in seinem Beitrag zur Entwicklung des Human Development Index um, der regelmäßig von der UN herausgegeben wird (vgl. ebd., S. 253f.).

Ebenso baute Sen seine Überlegungen auf theoretischer Ebene in Form des Capability Approachs aus.

Capabilities bezeichnet Sen als Verwirklichungschancen (vgl. ebd., S. 259). Es geht um die Frage, inwieweit eine Person oder Gruppe innerhalb einer Gesellschaft in der Lage ist, das umzusetzen, was sie „mit gutem Grund hoch schätzt“ (Sen 2013, S. 259). Anders als bei Rawls‘ Grundgütern steht also eine sehr persönliche Perspektive im Mittelpunkt des Capability Approachs. Gerechtigkeit definiert Sen nicht als „alle bekommen das Gleiche“, wie es bei Rawls Grundgütern der Fall ist, sondern als „alle bekommen die Chance auf das, was sie hoch schätzen“. Nicht die objektive Gleichheit, sondern viel mehr die individuelle Wahrnehmung von Lebensqualität wird also zum Maßstab von Gerechtigkeit.

[...]

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Details

Titel
Der Capability Approach. Eine Anwendung auf das Thema „Selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Behinderung“
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (ISBS)
Veranstaltung
Ehtik der Sozialen Dienste
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V335914
ISBN (eBook)
9783668257207
ISBN (Buch)
9783668257214
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
capability, approach, eine, anwendung, thema, selbstbestimmtes, wohnen, menschen, behinderung
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Der Capability Approach. Eine Anwendung auf das Thema „Selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Behinderung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335914

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