Grußriten und ihre Funktion im kulturellen Vergleich


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einführung

II) Ziele und Absichten

III) Formen der Begrüßung
III1) Wer grüßt wen, wann und wieso?
III2) Gruß ist nicht gleich Gruß
III3) Funktionen des Grußes
III4) Gruß-Geschenke

IV) Was ist Kultur?
IV1) Der Kultur-Begriff
IV2) Kontakt- und Distanzkulturen

V) Die Welt lässt grüßen
V1) Die Westliche Welt
V1.1) Europa: Zwischen Händedruck, Umarmung und Bruderkuss
V1.2) Amerika: Grußriten einer Großmacht
V2) Asiatische Kulturen
V2.1) Japan und China: Begrüßung mit Ab- und Anstand
V2.2) Indien und Thailand: Kommunikation über Hände und Augen
V3) Arabische Kulturen in Nordafrika

VI) Schlusswort

VII) Bibliographie

I) Einführung

„Kurz, jedes Volk hat gewisse Gewohnheiten und Gebräuche,

die den anderen nicht allein unbekannt sind,

sondern auch wild und wunderbar vorkommen.“[1]

Die Normen und Riten der eigenen Kultur werden als selbstverständlich angesehen und oftmals vergisst man darüber, dass andere Kulturen auch andere Umgangsformen besitzen, deren Verletzung gravierende Folgen nach sich ziehen kann. Damit eine Völkerverständigung – ob im großen oder kleinen Rahmen – nicht bereits im Keim erstickt wird, ist es notwendig, dass bereits bei der ersten vorsichtigen Annäherung eine gemeinsame Sprache gesprochen wird. Nicht unbedingt ist dabei die tatsächliche Kenntnis und Fertigkeit der jeweiligen Landessprache von Nöten – wichtiger erscheint mir hierbei die Einhaltung landestypischer Verhaltensregeln, insbesondere der Begrüßungsrituale. Das korrekte Verhalten der Grußpartner kann dabei entscheidend für den weiteren Verlauf der Begegnung sein, besonders wenn sich Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen gegenüberstehen. Der Respekt vor der fremden Kultur stellt dabei den Ausgangspunkt für ein interkulturelles Miteinander dar und spiegelt sich beim Knüpfen erster Kontakte in der Art und Weise der Begrüßung.

II) Ziele und Absichten

Ausschlaggebend für die Erstellung dieser Arbeit war die Frage, warum es überhaupt unterschiedliche Arten von Begrüßung auf der Welt gibt und ob es nicht einfacher für den Umgang miteinander wäre, wenn sich alle Menschen unabhängig von der kulturellen Zugehörigkeit, vom Alter oder der sozialen Stellung auf dieselbe Weise begrüßen würden. Da dies jedoch nicht der Fall ist, müssen sich moralische, gesellschaftliche, kulturelle oder religiöse Gründe für das unterschiedliche Begrüßungsverhalten feststellen lassen, deren Untersuchung ich mich in dieser Arbeit widmen werde. Beginnen möchte ich mit einer grundlegenden Unterscheidung der verschiedenen Grußarten und Funktionen von Begrüßung. In diesem Zusammenhang werde ich auf spezifische westlich, asiatisch und arabisch geprägte Begrüßungsarten der sogenannten modernen Zivilisationen eingehen. Die Miteinbeziehung des jeweiligen religiösen bzw. kulturgeschichtlichen Hintergrundes ist dabei für die Analyse der Unterschiede und Ähnlichkeiten im Grußverhalten von großer Wichtigkeit.

III) Formen der Begrüßung

III1) Wer grüßt wen, wann und wieso?

Die Begrüßung im Alltag läuft meist automatisch ab, ohne dass sich die Grußpartner der damit verbundenen Rituale bewusst sind, die einen reibungslosen Ablauf der Begrüßung bedingen. Dass es sich um keine „universalische Natur der Begrüßung“[2] handelt, zeigt sich meist im Kontakt mit anderen Kulturen, die mit dem Akt der Begrüßung andere Rituale verbinden. Ausschlaggebend für den Vollzug der Begrüßung sind folgende, im Voraus festgelegte Bedingungen[3]:

A: Wann wird gegrüßt?
B: Wer grüßt wen zuerst?
C: Gewünschte Reaktion auf den Gruß?

In Punkt A spielt sowohl der Zeitpunkt der Begrüßung, als auch die räumliche Distanz zwischen den Grußpartnern und deren Beziehung zueinander eine Rolle. Der Grußverlauf ist davon abhängig, ob sich die Grußpartner im selben Zimmer oder auf verschiedenen Straßenseiten befinden, ob sie in privater oder geschäftlicher Beziehung zueinander stehen oder ob es sich um eine Begegnung am Mittagstisch oder in der Nacht handelt. Bei allen Grußsituationen ist die Frage „Wer grüßt wen zuerst?“ von entscheidender Bedeutung für die Kontaktaufnahme. Davon abhängig ist erneut die Intensität der Beziehung der Grußpartner, der Rang ihrer sozialen Stellung, aber auch individuelle Beweggründe. Damit eine Begrüßung eingeleitet werden kann, ist es wichtig, dass der Akt der Begrüßung deutlich von anderen Handlungen abgegrenzt wird. Dazu dienen z.B. Grußgesten wie „der Händegruß oder der Augengruß, das Lächeln“[4], Grußfloskeln in verschiedenen Sprachen, internationalisierte Grußwörter (z.B. Ciao) oder religiöse Grüße. Die Kontaktaufnahme durch einen Gruß hängt dabei eng mit einer erwarteten Grußreaktion zusammen. Diese ist jedoch davon abhängig, ob von den Grußpartnern bestimmte Grußregeln oder persönliche Grenzen eingehalten werden, die wiederum in jeder Kultur anders gewichtet sind und unterschiedlich interpretiert werden können.

III2) Gruß ist nicht gleich Gruß

Trotz der verschiedenen kulturellen Formen und Lebensweisen, können sich die Menschen nur aus einem begrenzten Repertoire an Grußformen bedienen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, welche der Grußmöglichkeiten zur Kontaktaufnahme gewählt wird. Die Wahl der Grußform entscheidet sich dabei durch vielerlei Faktoren, wie z.B. dem gesellschaftlichen Status von Grüßendem und Begrüßtem, der sozialen Beziehung oder dem Alter der jeweiligen Grußpartner. Durch die Begrüßung geht auch hervor, um welche Art von Gruß es sich handelt. Dazu lassen sich die Grüße in traditionelle und besondere Grußformen unterteilen.[5]

Zu den traditionellen Formen gehören u.a. Tageszeit abhängige Grüße, z.B. verbale Grußfloskeln wie „Gute Nacht“, die mittels bestimmter Wunschformeln wie „Schlaf gut“ eine Verstärkung erfahren.[6] Beim alltäglichen Begrüßungs- bzw. Abschiedsritual, dessen Handlungen immer miteinander in Bezug stehen („Es gibt keinen Abschied ohne Begrüßung...“[7]) findet ein Austausch von zusätzlichen Wünschen, Befindlichkeitsfragen oder gutgemeinten Ratschlägen statt, die umso ausführlicher ausfallen, je intensiver der persönliche Bezug unter den Grußpartnern ist.[8] Derartige traditionelle Grußformen werden häufig unterlegt mit Grußgebärden wie „Verneigung, Hutabnehmen, Handschlag, Knicks, Diener, auf die Schulter klopfen, Umarmung und Kuß...“[9]. Erneut gilt hier die soziale Stellung der Grußpartner als Auswahlkriterium für eine angemessene Grußgebärde.

Neben den traditionellen sind auch besondere Grußformen bekannt. Diese reichen von Glückwünschen (Geburtstag, Hochzeitstag etc.) bzw. Beileidsbekundungen, über religiöse Grüße (z.B. „Grüß Gott“), Gesellschaftsgrüße (bei Ansprachen, Präsentationen etc.) bis hin zu speziellen Grußformeln bestimmter Berufsstände (z.B. „Weidmanns Heil“).[10] Solche Grüße sind jedoch situationsabhängig und können nicht bei jeder Gelegenheit verwendet werden.

III3) Funktionen des Grußes

Die bekannteste und im Alltag am häufigsten angewandte Funktion der Begrüßung dient der Kontaktaufnahme sowie der Pflege von bereits bestehenden sozialen Beziehungen: „Es ist Sitte, Bekannte, Nachbarn und Freunde zu grüßen.“[11] Die Funktion des Grüßens geht jedoch in vielen Fällen weit über die bloße Kontaktaufnahme hinaus. Der Gruß kann zu Zwecken der Huldigung bzw. Unterwerfung, zur Ehrerbietung und Anteilnahme ausgesprochen werden; er kann Menschen voneinander abgrenzen und wertmindernde Wirkung haben, als auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken.[12] Im Grußbrauch, z.B. bei Hochzeitsriten oder in volkstümlichen Reimen dient er „als schmückendes Beiwerk zu festlicher Ausgestaltung“.[13]

III4) Gruß-Geschenke

In vielen Kulturen geht die Begrüßung von Fremden bzw. Gästen einher mit einem Geschenk, das „Gastfreundschaft und innige Verbundenheit“[14] zum Ausdruck bringen soll. Der Austausch von Geschenken fördert die soziale Beziehung der Beteiligten[15], er kann jedoch auch als „symbolische Entmündigung“ verstanden werden, wenn das Geschenk „die Stärke des Gebenden und den Rang des Beschenkten“ demonstriert[16]. Das Schenken in Verbindung mit einer Grußsituation drückt meistens „friedliche Absicht“ aus und wird als „Bitte um Wohlgesinntheit“ und Geste „einer gewissen Verbindlichkeit“ angesehen.[17] Deshalb ist es in vielen Kulturen (z.B. im Deutschen) für den Gastgeber beschämend, wenn das Gastgeschenk unangemessen teuer ist. Das Ablehnen eines Geschenks gilt im Allgemeinen als unhöflich und wird als „Zeichen der Unwürde des Gastgebers“[18] aufgefasst. Diese Verhaltensregel bringt den Gast in einer fremden Kultur oft in schwierige Situationen und verlangt teilweise Überwindung, z.B. wenn es sich um das Verzehren von landesüblichen Speisen handelt, die nicht immer dem Geschmack des Fremden entsprechen müssen. Häufig zu beobachten ist eine Unterbewertung des eigenen, mitgebrachten Geschenks: „Es ist nur eine Kleinigkeit. Das ist doch nichts Besonderes!“[19] Gründe für ein solches Verhalten können in der Angst vor dem Nichtgefallen des Geschenkes oder in der Unterordnung des Gastes vor dem Gastgeber liegen. Wie bei allen Grußhandlungen ist auch bei dem Gruß-Geschenk der Zeitpunkt der Handlung (Geschenkübergabe bei Begrüßung oder Abschied) und der Initiator des Grußes (hier: der Schenkende) maßgeblich für die Funktion des Grußes. So dient z.B. das Abschiedsgeschenk im Unterschied zum Begrüßungsgeschenk nicht der sozialen Eingliederung des Gastes/des Fremden, sondern gilt als Zeichen der Dankbarkeit, der Fürsorge und als Andenken an eine gemeinsame Zeit.[20]

Eine grundlegende Voraussetzung für das Verschenken und das Annehmen eines Geschenks ist das Verhältnis des Einzelnen zu materiellem Besitz.[21] Das Verständnis von Eigen und Fremd ist dabei kulturell bedingt. In Kulturen mit ausgeprägtem Sozialverhalten und geringem Anspruch auf Eigentum ist es deshalb üblich, Geschenke weiterzureichen und zu Teilen, damit jeder in den Genuss des Geschenkes kommt.[22] Bedenkt man unser eigenes, westlich geprägtes Schenkverhalten, so würde ein solches Teilen des mitgebrachten Geschenks Verwirrung stiften und dem Schenkenden den Eindruck vermitteln, der Gastgeber habe keinen Gefallen an seinem Geschenk.

[...]


[1] Montaigne, Michel de: Essais. Ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz. Band 3, Zürich 1992, S. 369.

[2] Zakharine, Dmitri: Zwischen dem Bruderkuss und Hand-shake. Zur Symbolik öffentlicher Begrüßungsrituale in er ost- und westeuropäische Moderne. Kulturwissenschaftliches Forschungskolleg der Universität Konstanz, Konstanz 2003, S. 1.

[3] Vgl. Otterstedt, Carola: Abschied im Alltag: Grußformen und Abschiedsgestaltung im interkulturellen Vergleich. München 1993, S. 18.

[4] Ebenda, S. 17.

[5] Butt, Ilsegret: Studien zu Wesen und Form des Grußes, insbesondere des magischen Grußes. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Würzburg 1968, S. 61-67.

[6] Ebenda, S. 62.

[7] Otterstedt, Carola: Abschied im Alltag, a.a.O., S. 16.

[8] Butt, Ilsegret: Studien zu Wesen und Form des Grußes, a.a.O., S. 62f.

[9] Ebenda, S. 61.

[10] Ebenda, S. 65-67.

[11] Ebenda, S. 43.

[12] Ebenda, S. 31-51.

[13] Ebenda, S. 52.

[14] Otterstedt, Carola: Abschied im Alltag, a.a.O., S. 158.

[15] Ebenda.

[16] Zakharine, Dmitri: Zwischen dem Bruderkuss und Hand-shake, a.a.O., S. 25.

[17] Otterstedt, Carola: Abschied im Alltag, a.a.O., S. 160.

[18] Ebenda, S. 170.

[19] Ebenda.

[20] Ebenda, S. 162f.

[21] Ebenda, S. 160.

[22] Ebenda, S. 171.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Grußriten und ihre Funktion im kulturellen Vergleich
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Ethnographie und Visualität
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V33612
ISBN (eBook)
9783638340472
ISBN (Buch)
9783638842853
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grußriten, Funktion, Vergleich, Ethnographie, Visualität
Arbeit zitieren
Amely Braunger (Autor), 2004, Grußriten und ihre Funktion im kulturellen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33612

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