'Wörterbuch' von Jenny Erpenbeck. Die Diktatur der Erziehung


Rezension / Literaturbericht, 2016

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurze Zusammenfassung

1. Einleitung
Psychogramm einer Anti-Heldin
Innenwelt als unergründliche „terra incognita“
„Anti-Wörterbuch“ der Uneindeutigkeit
Trauma der Erinnerung
Zerstörerische Auswirkungen psychischer Gewaltakte
Zeitgeschichtliche Bezüge
Anti-Entwicklungsroman
Erforschung der „terra incognita“ im Prozess des Schreibens
Lesarten

2. „Wörterbuch“ im Spiegel der Kritik

3. Erlebte Wirklichkeit und Romangeschehen im Vergleich: Verfallssymptome und Spurenbeseitigung
Jugenderinnerungen an Ostberlin
Spurenbeseitigung der Militärdiktatur im Roman
Spurenbeseitigung in der kapitalistischen Gesellschaft
Inversion der Bedeutungen
Spurensuche: Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart

4. Literarisches Schreiben als „Übersetzung“, „Experiment“ und „Spiel“ mit dem Leser
Schreiben als Prozess des Spurenlegens
Dynamik des Angedeuteten, Nicht-Gesagten oder Verschwiegenen
„Spannungsverhältnis zwischen innen und außen“
Schreiben als „Experiment“ mit ungewissem Ausgang
Thematik der nachgeholten bzw. verlorenen Kindheit

Benutzte Literatur

Kurze Zusammenfassung

1. Einleitung

„Wörterbuch“ liest sich wie der missglückte Versuch einer jungen Frau, traumatische Kindheitserlebnisse zu verarbeiten und eine eigene Identität aufzubauen. Das Innenleben der Protagonistin gleicht einer zerklüfteten Seelenlandschaft mit qualvollen Erinnerungen, von denen sie sich vergeblich zu befreien versucht. Im Unterschied zu einem Wörterbuch im konventionellen Sinne, handelt es sich nicht etwa um ein systematisch aufgebautes praktisches Nachschlagewerk. Der Roman entspricht eher einem „Anti-Wörterbuch“, in dem die Übereinstimmung von Wort und Bedeutung verloren gegangen ist. Durch die von den Eltern ausgeübten Akte psychischer Gewalt werden ursprünglich gelernte Bedeutungen zerstört bzw. ins Gegenteil verkehrt. Verschiedene Lesarten eröffnen mehrere Zugänge zum Verständnis des Romangeschehens. Das Buch ist kein Entwicklungsroman, vor allem aber kein Kinder- oder Familienroman, sondern das Protokoll einer aufgezwungenen Biografie, die keine Weiterentwicklung zulässt.

2. „Wörterbuch“ im Spiegel der Kritik

Rezensionen und kritische Analysen des Romans lassen sich in Kategorien aufteilen, denen man jeweils eine These voranstellen könnte. Hier werden acht solcher Thesen gebildet und diskutiert, z. B. dahingehend, dass der Aufbau einer eigenen Identität wegen der realitätsverzerrenden und –verfälschenden Sprache der Eltern und des gesellschaftlichen Umfeldes nicht möglich ist.

3. Erlebte Wirklichkeit und Romangeschehen im Vergleich: Verfallssymptome und Spurenbeseitigung

Bestimmte Passagen des Romans erinnern an die von der Autorin erlebten Verhältnisse zu DDR-Zeiten in Ostberlin, z. B. hinsichtlich staatlicher Ordnungsbegriffe, bestimmter Verfallssymptome und deren Beseitigung. Während die Beseitigung des Verfalls in der kapitalistischen Gesellschaft auf einen perfektionistischen Fortschrittsbegriff des technisch Machbaren gegründet ist, steht der Verfall im Roman symbolisch für das Streben nach Freiheit innerhalb der Bevölkerung. Trotz gewisser Ähnlichkeiten zwischen erlebter Realität und Romangeschehen handelt es sich nicht um einen autobiografischen Schlüsselroman oder eine Entlarvung des DDR-Regimes als politisches Unterdrückungssystem.

4. Literarisches Schreiben als „Übersetzung“, „Experiment“ und „Spiel“ mit dem Leser

Die Autorin betont die Bedeutung einer Spurensuche und betrachtet das literarische Schreiben als „Übersetzung“ oder „Experiment“ bzw. als Prozess des Spurenlegens mit der Aufforderung an den Leser, unter der Oberfläche Verborgenes, Angedeutetes, Halb- oder Gar-nicht-Gesagtes aufzuspüren und zu entschlüsseln.

1. Einleitung

Psychogramm einer Anti-Heldin

Mit dem 2004 im Eichborn-Verlag erschienenen Roman „Wörterbuch“[1] entwirft Jenny Erpenbeck im Stil eines inneren Monologs das Psychogramm einer im kindlichen Entwickkungsstadium steckengebliebenen jungen Frau, der es nicht gelingt, sich aus dem Einfluss einer übermächtigen Vaterfigur zu lösen und eine eigene Identität zu entwickeln. Im Rückblendeverfahren werden in einer Sequenz scheinbar willkürlich aneinander gereihter Szenen und Episoden missglückte Versuche dargeboten, sich gegenüber der zerstörerischen Gewalt des Vaters zu behaupten und einen selbst gewählten Entwicklungsweg einzuschlagen. Die namenlose Ich-Erzählerin kann als Anti-Heldin und weiblicher Gegenentwurf zu einer expressionistischen Heldenfigur aufgefasst werden, die - wie der Protagonist in Walter Hasenclevers Drama „Der Sohn“ - voller Sendungsbewusstsein und Pathos gegen ihren Vater revoltiert, sich triumphierend über ihn erhebt und wie neu geboren zu einem Leben auf höherer Ebene aufschwingt. Demgegenüber scheint Erpenbecks Protagonistin – bildlich gesprochen - das Schicksal der rätselhaften „schwarzgekleideten Engel“ (WB, 16) teilen zu müssen, die vom Himmel ins Meer stürzen und darin untergehen. Ihr wird kein Leben in Aussicht gestellt, das in eine höhere Daseinsstufe einmündet oder zumindest eine neue Perspektive im irdischen Leben eröffnet. Ihr steht kein Therapeut beratend zur Seite, der ihr dabei hilft, traumatische Kindheitserlebnisse zu verarbeiten. Im Unterschied zu einer sich gegenüber ihrer verständnislosen Umgebung behauptenden expressionistischen Zentralfigur, trifft sie – mit Ausnahme von Leidensgenossen – nur auf übermächtige Gegenspieler, denen sie nicht gewachsen ist.

Innenwelt als unergründliche „terra incognita“

Das Innenleben der Erzählerin erweist sich als eine Art „terra incognita“, eine unerforschte, unergründliche, zerklüftete Seelenlandschaft, die sich dem Zugriff der Sprache und damit der Mitteilbarkeit zu widersetzen scheint, oder wie ein Labyrinth von „Gehirnwindungen“, in dem irgendwo ein winziger Rest („ein Löffelchen“) ihres einstigen Ichs versteckt ist. (WB, 9) Analog zum Zerschneiden von Nahrung, wird das wiederholt im Text aufgerufene Instrument des „Messers“ wie ein Skalpell benutzt, um das eigene Innenleben zu sezieren bzw. es in einem selbstzerstörerischen Akt gegen sich selbst zu richten, „um die Erinnerung abzustechen“. (Ebd.) In diesem mit intensiven Bildern angereicherten

Psychodrama muss Erpenbecks Zentralfigur als willfähriges Objekt ihrer Eltern und ihrer Umgebung die ihr aufgezwungene Rolle einer „ Selbstauslöschung innerhalb eines geschlossenen Systems“ (Marx in : Marx/Schöll, 97) übernehmen, ohne sich dagegen zur Wehr setzen zu können.

„Anti-Wörterbuch“ der Uneindeutigkeit

Das „Wörterbuch“ von Jenny Erpenbeck ist kein praktisches Nachschlagewerk mit einer Auswahl von Einträgen, bei denen nach dem Kriterium der Eindeutigkeit das Verhältnis von Signifikant (Zeichen, Wort) und Signifikat (Bezeichnetes, Inhalt, Bedeutung) unverrückbar festgelegt worden ist. Zwar scheint das nach Art eines Erstlese-Bildwörterbuchs gestaltete Umschlagbild gerade diesen Gedanken nahezulegen. Der Zusammenhang zwischen den bildlichen Darstellungen und den ihnen zugeordneten Wörtern wirkt auf den ersten Blick klar und widerspruchsfrei wie eine mathematische Gleichung. Der Leser weiß natürlich von vornherein, dass es sich bei diesem Buch nicht um ein Lexikon, sondern um einen literarischen Text handelt, weiß also – bevor er angefangen hat zu lesen –, dass der Titel im konventionellen Sinne nicht wörtlich zu verstehen ist. Aber er weiß noch nicht, in welche Richtung es gehen wird. Doch die aufmerksame Lektüre der ersten vier bis fünf Seiten, die man als Exposition oder Eröffnungsszenen betrachten kann, vermitteln eine Reihe aufschlussreicher Anhaltspunkte für die Orientierung im weiteren Verlauf des Geschehens. Denn es gibt – im Unterschied zu konventionellen Romanen – keine durchgängig entwickelte Handlung, keine raumzeitlich gegliederte Abfolge kontinuierlich aufeinander aufbauender Handlungsschritte, keine eindeutigen Richtungsangaben, Voraus- oder Rückweisungen (Prolepsen oder Analepsen), durch die das Geschehen transparent und nachvollziehbar wird. Wer Eindeutigkeit erwartet, wird in diesem Roman eher eine Art „Anti-Wörterbuch“ vorfinden, in dem die passgenaue Übereinstimmung von Wort und Bedeutung und die Verständigungsfunktion von Sprache in Zweifel gezogen wird. Wenn er sich auf die hier praktizierte Form literarischen Schreibens einlässt, wird er erkennen, dass Sprache mit verschiedenen Inhalten gefüllt, zum Zwecke von Machtausübung missbraucht und als repressives Instrument (hier drängt sich wieder die Assoziation eines sezierenden Skalpells auf!) mit dem Ziel der Manipulation, der Unterwerfung und letztlich der Zerstörung der Persönlichkeit eingesetzt werden kann. Der Text ist frei von bitterer Ironie und beißender Satire, aber man gewinnt zuweilen den Eindruck, die Autorin betreibe ein Spiel mit den Erwartungen derjenigen Leser, die sich auf ein übersichtlich gegliedertes und in konventioneller Sprache verfasstes Romangeschehen eingestellt haben.

Trauma der Erinnerung

Derartige Erwartungen werden beim Lesen der Eröffnungsszenen bereits im Keim erstickt. Ein Symptom für die innere Zerrissenheit der homodiegetischen und autodiegetischen Ich-Erzählerin, die hier – nach dem Verfahren einer von Szene zu Szene schwenkenden Filmkamera – Stationen ihrer eigene Geschichte beleuchtet, ist bereits darin zu sehen, dass sie mit Fragen beginnt. Sie scheint sich ratsuchend an einen imaginären Zuhörer bzw. den Leser zu wenden und will ihn offenbar ins Geschehen mit einbeziehen. Dem Leser wird bald klar, dass er sich nicht entspannt zurücklehnen und einen ungetrübten Lesegenuss erwarten kann: „Wozu sind denn meine Augen da“, insistiert die Erzählerin, indem sie die Unzuverlässigkeit ihrer Wahrnehmungen hervorhebt, „wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?“ (WB, 9) Gleich darauf zeigt sich, dass die Protagonistin zum Zeitpunkt des Erzählens offensichtlich kein Kind mehr ist. Denn sie spricht von „Erinnerung“ und leidet- wie bereits erwähnt - unverkennbar unter dem zwanghaften Drang, in einem Akt der Selbstzerstörung (man könnte auch von einem verzeifelten Versuch der Selbst befreiung sprechen) diese Erinnerung auszulöschen. Sie erzählt also aus der Perspektive eines Kindes, jedoch zurückblickend (retrospektiv) von der Warte der jungen Frau aus, die sie zu diesem Zeitpunkt offensichtlich ist. Ihre (Vor-)Geschichte entfaltet sich erst nach und nach in einzelnen fragmentarischen, montageartig aneinandergefügten Episoden.

Zerstörerische Auswirkungen psychischer Gewaltakte

„Vater und Mutter. Ball. Auto. Das vielleicht [sic] die einzigen Wörter, die heil waren, als ich sie lernte. Und auch die dann verkehrt, aus mir gerissen und andersherum wieder eingesetzt, das Gegenteil von Ball wieder Ball, von Vater und Mutter Vater und Mutter.“ (Ebd.) Die dem Kind von den Eltern zugefügten Akte psychischer Gewalt offenbaren sich in konkreten Bildern, die an herausgerissene Pflanzen erinnern, die man verkehrt herum – d. h. mit den Wurzeln nach oben – in den Boden steckt und die deswegen vertrocknen. Durch diese psychischen Gewaltakte ist das kindliche Vertrauen in den Zusammenhang von einstmals „heilen Wörtern“ und deren Bedeutungen – und damit das Vertrauen in die Eltern als verlässliche Erziehungsinstanzen – zutiefst erschüttert worden. Die ursprünglichen Bedeutungen wurden beschädigt bzw. zerstört. Stattdessen wurden den Wörtern andere Bedeutungen aufgepfropft, die zu den Wahrnehmungen des Kindes im Widerspruch stehen. Daher zweifelt das Kind an der Zuverlässigkeit seiner Wahrnehmungen. Die Erinnerung ist verzerrt. Das Gehirn erzeugt Trugbilder, für die es keine Entsprechungen in der Wirklichkeit mehr vorfindet. Die dadurch entstandenen Doppeldeutigkeiten und Diskrepanzen wirken bedrohlich und beängstigend. Unterdrückte Aggressionen werden auf das eigene Ich umgleitet und finden ihren konkreten Ausdruck im Bild des sezierenden Messers. Im weiteren Handlungsverlauf erweist sich das Messer als außergewöhnlich mehrdeutiger und schillernder Begriff, der zwischen den beiden Polen eines alltäglichen Gebrauchsgegenstandes und einer gefährlichen – auch gegen sich selbst gerichteten Waffe – hin- und herpendelt.

[...]


[1] Alle Zitate stammen aus der im Literaturverzeichnis angegebenen Ausgabe. Die Seitenangaben werden in runde Klammern gesetzt und mit dem Kürzel WB eingleitet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
'Wörterbuch' von Jenny Erpenbeck. Die Diktatur der Erziehung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V336239
ISBN (eBook)
9783668259324
ISBN (Buch)
9783668259331
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wörterbuch, Jenny Erpenbeck, Diktatur, Erziehung
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2016, 'Wörterbuch' von Jenny Erpenbeck. Die Diktatur der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336239

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