Das Leid in der Liebe. Gottfrieds Liebesauffassung und seine Kritik an Ovid


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Gottfrieds Liebesauffassung: Liebe mit Leid
II.1 Die Ankündigung der Liebesgeschichte im Prolog
II.2 Tristans Namensgebung

III Exkurs: Gottfrieds Kenntnis der Werke Ovids

IV Das Leid in der Liebe
IV.1 Tristans Auftritt vor Markes Hof
IV.2 Die Gandin-Episode
IV.3 Das Hündchen Petitcriu
IV.4 Die Minnegrotte

V Exkurs: Der andere Ovid
VI Der Fragmentschluss
VI.1 Isolde Weißhand
VI.2 Heilung von der Liebe?

VII Schlussbemerkung

VIII Bibliographie

I Einleitung

Gottfried von Straßburg und Ovid, darüber haben sich schon viele Interpreten Gedanken gemacht. Umso mehr Literatur gibt es zu diesem Thema, und umso mehr Textstellen, die sich nach der Meinung dieses oder jenes Interpreten an ovidianisches Gedankengut anlehnen und einmal mehr, einmal weniger einleuchtend sind. Aus diesem Grunde erhebe ich in dieser Arbeit nicht den Anspruch auf vollständige Wiedergabe sämtlicher ovidianischer Passagen.

Vielmehr möchte ich mich auf Gottfrieds Liebesauffassung in der Auseinandersetzung mit Ovid konzentrieren. Ich möchte herausfinden, warum Gottfried Ovid kritisiert und wie er seine Kritik aufbaut. Außerdem möchte ich herausarbeiten, wie sein Verhältnis zu Ovid generell beschaffen ist.

In meiner Arbeit folge ich den Regeln der neuen Rechtschreibung.

II Gottfrieds Liebesauffassung: Liebe mit Leid

Gottfried von Straßburg vermittelt in seinem Roman, wie wahre Liebe beschaffen sein sollte. Er reflektiert an vielen Stellen über das Wesen der Liebe und führt immer wieder auf, was für ihn zu dieser Liebe zählt, nämlich Vertrauen, gegenseitiges Beistehen und Zusammenhalten der Liebenden, ob in Freude oder Leid[1], – geradezu ein Einswerden der beiden Geliebten zu einer Einheit, wie es Isolde bei ihrem Abschied von Tristan formuliert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Doch für Gottfried ist es vor allem das Leid, das die Liebe Tristans und Isoldes charakterisiert und ohne das diese Liebe undenkbar wäre. Das Leid ist untrennbar mit der Liebe verbunden, es wird sogar aktiv von den Liebenden gesucht. Diese Verknüpfung von Freude und Leid ist Gottfried äußerst wichtig, er zeigt sie immer wieder in verschiedenen Szenen auf – auf einige davon werde ich später noch eingehen – und beginnt damit schon im Prolog.

II.1 Die Ankündigung der Liebesgeschichte im Prolog

Gottfried beginnt seinen Prolog mit dem strophischen Teil (T 1-44), in dem er über das Verhältnis von Kunst und Kunstkritik referiert. Dabei gewinnt er mittels einiger sehr geschickt eingesetzter rhetorischer Kunstgriffe sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Sympathie des Publikums.[3]

Im stichischen Teil des Prologes (T 45-242) beschreibt Gottfried das Thema seines Romans, er definiert sein Publikum, die „edelen herzen“ (T 47), als Menschen, die nicht lediglich die Freuden des Lebens in Anspruch nehmen, sondern Freude und Leid, Leben und Tod zusammen in ihrem Herzen tragen. (T 50-63). Im Anschluss daran begründet er auch, warum er die Mühen des Dichtens auf sich genommen hat:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Er will mit seinem Werk also den edlen Herzen Beschäftigung verschaffen und so ihre Liebesnot verringern.[4] Allgemein sei bekannt, so fährt Gottfried fort, dass Beschäftigung dem Liebenden helfe, seine Liebespein zu lindern, während Untätigkeit diese eher noch vergrößere (T Vv. 77-92). Der Dichter bezieht sich hier auf einen Rat, den Ovid in seiner „Remedia amoris“ den Liebenden gibt[5]:

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Sinngemäß gibt Gottfried also den Ratschlag Ovids wieder, doch tut er dies nur, um diesem im Folgenden in einem entscheidenden Punkt zu widersprechen: Ovid rät den Liebenden davon ab, traurige Liebesgeschichten zu lesen, teneros ne tange poetas (Rem. 757)[7], eine Ansicht, der Gottfried fast zustimmen könnte, der ich vil nâch gevolgen wil (T 102). Dagegen spreche allerdings eine Erfahrung, nämlich die, dass der wahre Liebende eine Freude nicht aufgebe, wenn sich ihr das Leid beimischt, und dass er der Sehnsucht nicht zu entkommen versuche, da die Sehnsucht die Liebe doch eher vergrößere.[8] Der Liebende, so Gottfried, suche geradezu das Leid in der Liebe, denn

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die edlen Herzen, die Gottfried sich als Zuhörer wünscht, streben also nach dem Leid in der Liebe, sie nehmen es an und vermissen es sogar, wenn es fehlt. Im Gegensatz zu den nur Freude begehrenden Liebenden Ovids versuchen sie die Sehnsucht nicht zu verdrängen, sondern lieben die Sehnsucht dafür, dass sie ihre Liebe vergrößert. Für diese edlen Herzen nun schreibt Gottfried seine sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte und beschreibt in ihr zwei dieser edlen Herzen: Tristan und Isolde.

II.2 Tristans Namensgebung

Trauer und Leid sind von Beginn an ein Teil von Tristans Schicksal. Schon sein Vater Riwalin trägt in seinem Namen riuwe, also Trauer. Blanscheflur empfängt ihren Sohn, als sie den tödlich verwundeten Riwalin heimlich an seinem Bett aufsucht (T 1280-1323). Mit dem Kind empfängt die Schöne ihren Tod, wie der Erzähler berichtet (T 1338); aufgrund ihrer unehelichen Schwangerschaft ist sie zunächst jedoch gezwungen von Markes Hof zu fliehen. In Parmenien, seiner Heimat, muss Riwalin gegen Morgan in den Krieg ziehen; er fällt in diesem Kampf. Blanscheflur schenkt ihrem Sohn das Leben, kurz bevor sie selber vor Trauer über den Tod ihres Mannes stirbt (T 1700-1748).

Tristans Ziehvater Rual überlegt lange, welchen Namen er dem Kind geben soll: er trahte ange und ange, / waz namen ime gebære / nach sînen dingen wære (T V 1982ff). Gottfried läßt ihn jene Szenen der Elternvorgeschichte noch einmal beschreiben, die von Trauer und Leid beherrscht werden, und bringt sie so auch dem Leser noch einmal in Erinnerung, bevor er Rual zu dem Schluss kommen läßt, dass Tristan der angemessene Name für das Kind ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tristan ist also bereits nach Trauer und Leid benannt und dieser Name ist ihm, wie der Erzähler sagt, angemessen, er stimmt mit dem Schicksal und dem Wesen seines Trägers überein. Trauer und Leid bestimmen somit Tristans Identität, in seinem Namen weisen sie schon darauf hin, dass es auch Trauer und Leid sein werden, die in seinem Leben und seiner Liebe entscheidend mitwirken.

III Exkurs: Gottfrieds Kenntnis der Werke Ovids

Ovid gehört zu den am meisten rezipierten Dichtern des Mittelalters, seine Werke und Geschichten waren bekannt und sind immer wieder aufgegriffen worden. Ovid wurde als praeceptor amoris, also als Lehrer der Liebe, gerühmt; seine Werke hatten großen Einfluss auf die Liebesdichtung des Mittelalters[9]. Auch Gottfried lehnt sich in vielen Aussagen seines Romans an Ovid an.

Daraus ergibt sich die Frage, an welchen Stellen und zu welchem Zweck Gottfried die Werke Ovids heranzieht. Um dieser Frage nachzugehen habe ich eine Auswahl an Szenen des „Tristan“ getroffen, in denen sich Gottfried der Werke Ovids bedient.

[...]


[1] Vgl. Schröder, Text und Interpretation, S. 9.

[2] Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. v. Karl Marold. Unveränderter vierter Abdruck nach dem dritten mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977. Im Folgenden zitiere ich unter Angabe der Sigle „T“.

[3] Vgl. Kern, Gottfried und Ovid, S.39.

[4] Vgl. Rocher, Monumenta amoris, S.169.

[5] Vgl. Kern, Gottfried und Ovid, S. 40.

[6] Ovid: Heilmittel gegen die Liebe; Die Pflege des weiblichen Gesichtes. Lat. und dt. von Friedrich Walter Lenz. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Berlin 1969. Im Folgenden zitiere ich unter Angabe der Abkürzung „Rem.“. Übersetzung: 135So höre denn: Wenn ich finde, daß du meiner heilenden Kunst zugänglich bist, so ist mein dringender Rat, daß du zuerst das Nichtstun meidest. 137Es hat die Wirkung, daß du dich auf Liebeleien einläßt, und hat es einmal diese Wirkung gehabt, so behält es sie bei; es ist Anlaß und Nährboden des süßen Unheils. 139Kannst du das Nichtstun meistern, so ist es um Cupidos Bogen geschehen, verachtet liegt die Fackel auf dem Boden und ausgelöscht. 141Wie die Platane an den Reben ihre Freude hat, wie die Pappel am Wasser und wie das Schilfrohr am sumpfigen Boden, 143so liebt Venus das Nichtstun. Wisse, der du auf das Ende deiner Liebe bedacht bist: Liebe weicht der Tätigkeit. Sei tätig, und du wirst sicher sein. 145Erschlaffung und Übermaß an Schlaf, wenn niemand dich ruft, weil er dich braucht, Würfelspiel und Erschütterung deiner Schläfen durch zuviel Wein 147berauben den Geist, ohne zu verwunden, seiner ganzen Kraft: Hinterlistig strömt Amor in das arglose, unbewehrte Herz. 149Dem müßig Herumsitzenden pflegt dieser Knabe nachzustellen, die Tätigen verabscheut er: Fülle deinen leeren Geist mit einem Werk, das ihn festhält.

[7] Übersetzung: Rühre die zarten Dichter nicht an.

[8] Vgl. Kern, Gottfried und Ovid, S. 41.

[9] Vgl. Usener, Verhinderte Liebschaft, S. 225f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Leid in der Liebe. Gottfrieds Liebesauffassung und seine Kritik an Ovid
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1-2
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V33630
ISBN (eBook)
9783638340618
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leid, Liebe, Gottfrieds, Liebesauffassung, Kritik, Ovid, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Deininger (Autor), 2005, Das Leid in der Liebe. Gottfrieds Liebesauffassung und seine Kritik an Ovid, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33630

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