Erscheinungsformen von schulischer Gewalt. Zu den Begriffen der individuellen, institutionellen und strukturellen Gewalt


Bachelorarbeit, 2013
37 Seiten, Note: 2.7
Julian Funk (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Erscheinungsformen von Gewalt im schulischen Kontext
2.1 Definition von Gewalt
2.2 Individuelle Gewalt
2.2.1 Physische Gewalt
2.2.2 Psychische Gewalt
2.2.3 Mobbing
2.3 Institutionelle Gewalt
2.4 Strukturelle Gewalt

3. Unterschiede nach Geschlecht, Alter und Schulform
3.1 Geschlecht
3.2 Alter
3.3 Schulform

4. Theorien zur Entstehung schulischer Gewalt
4.1 Psychologische Theorien
4.1.1 Trieb- und Instinkttheorie
4.1.2 Frustrations-Aggressionstheorie
4.1.3 Lerntheorie
4.2 Soziologische Theorien
4.2.1 Anomietheorie
4.2.2 Etikettierungstheorie
4.2.3 Soziale Kontrolltheorie

5. Ursachen von Gewalt an Schulen
5.1 Familie
5.2 Peer-Groups
5.3 Institution „Schule“

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Die Problematik „Gewalt an Schulen“ wird in den Medien aufgegriffen und übertrieben verzerrt. Doch bei aller Kritik an dieser oft überzogenen Berichterstattung, muss es eine gesellschaftliche Wahrheit zu dieser Thematik geben (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 14). Wenn man die Historie dieser Angelegenheit betrachtet, zeigt sich, dass es noch nie eine gewaltfreie Schule gab und es diese vermutlich nie geben wird (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 7). Daher soll mit dieser Arbeit die verschiedenen Formen von Gewalt an Schulen aufgezeigt und verdeutlicht werden, wie diese im schulischen Kontext auftreten. Denn letztlich ist die Gewalt an Schulen ein Einflussfaktor, welcher alle Ebenen der Beteiligten, d.h. Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Schulleiter in tragenderweise berührt (DOLLASE 2010, 32). Schüler betrifft es in zwei Richtungen. Zum einen, als Opfer von Gewalt, innerhalb derer sich die negative Lernumgebung, welche durch eben diese Gewalt entstanden ist, in verminderter Leistungsfähigkeit niederschlägt. Vor allem hinsichtlich der weitreichenden und nachhaltigen Konsequenzen aus den verminderten schulischen Leistungen, ist dieser Zustand für Schüler untragbar. Zum anderen können Schüler auch aktiv Gewalt ausüben. Die Folgen davon sind stets Disziplinierungsmaßnahmen durch die Eltern oder die Schule, die im Umkehrschluss oft zu gesteigerter Frustration der Schüler* und damit zur Eskalation von Gewalt führen können (DOLLASE 2010, 33). Die Eltern der Schüler müssen wiederum mit den daraus resultierenden Folgen umgehen und ihre Kinder als „Opfer“ von Gewalt, aber auch als „Täter“ betreuen. Schwerpunkt jeder elterlichen Erziehung sollte dabei eine nicht aggressionsfördernde Methode und Maßnahme sein. Lehrkräfte, als dritte Partei im Umfeld von „Gewalt an Schulen“ sind dazu angehalten schulische Gewalt zu verhindern und zu unterbinden, sie können diese aber leider durch ihre Handlungsweisen sogar begünstigen. Unzufriedene und frustrierte Lehrkräfte sind häufig mit ihrer Arbeit überfordert und lassen ihren Unmut in Form von aggressivem Verhalten an ihren Schülern aus (KUNTSCHE 2006, 153ff.). Dies kann im Umkehrschluss wiederum zu aggressivem Schülerverhalten führen.

Die vorgelegte Arbeit befasst sich also mit der Frage welche Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen es gibt und wodurch diese verursacht werden. Zusätzlich soll überprüft werden, ob sich die Erscheinungsformen anhand von psychologischen und soziologischen Theorien erklären lassen. Weiter wird dargestellt, ob sich in Bezug auf Alter, Geschlecht und Schulform Unterschiede im Auftreten der Formen von Gewalt an Schulen ergeben.

Die vorgelegte Arbeit gliedert sich in fünf Teilbereiche, in denen dem Leser ein umfänglicher Blick auf die Thematik der Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen gegeben werden soll. Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen gelegt und der Gewaltbegriff wird hinreichend definiert. Es wird die Frage beantwortet, welche Formen von Gewalt es an Schulen gibt und wie sich diese darstellen. Daran anschließend erfolgt in Kapitel drei eine Differenzierung der Erscheinungsformen bezüglich Alter, Geschlecht und Schulform um die Unterschiede nach diesen Kriterien zu verdeutlichen. Im vierten Kapitel wird versucht aufgrund von psychologischen und soziologischen Theorien Gewalt an Schulen zu erklären. Kapitel fünf beschäftigt sich mit den Ursachen von Gewalt an Schulen in den Bereichen Familie, Peer-Groups und der Institution „Schule“. Die Arbeit endet mit einem Fazit zur Thematik.

2. Erscheinungsformen von Gewalt im schulischen Kontext

Da es unterschiedliche Auffassungen des Gewaltbegriffs gibt, werden nun im Folgenden allgemeine und spezifische Definitionen dargelegt. In den drei weiteren Teilen des Kapitels werden die Erscheinungsformen von Gewalt im schulischen Kontext beschrieben und erläutert

2.1 Definition von Gewalt

Um die Erscheinungsformen der Gewalt im schulischen Alltag zu beschreiben, muss erst die Bedeutung des Gewaltbegriffs geklärt werden. Der Begriff „Gewalt“ stammt von dem althochdeutschen Wort „waltan“ und bedeutet so viel wie „beherrschen“ oder „Macht ausüben“. Im häufigsten Fall wird der Begriff aber verwendet, wenn jemand einem Objekt Schaden zufügt. Es wäre falsch den Begriff nur auf die körperliche, also physische Gewalt zu beschränken, da die psychische Gewalt (z. B. verbale Beleidigungen, Abwendung) in den letzten Jahren immer stärker zugenommen hat. So wird auch in dieser Arbeit unterschieden zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden. Gewalt hat es schon immer gegeben. Das Auftreten von Gewalt zwischen Menschen, war schon immer ein Anzeichnen dafür, dass in den sozialen Interaktionen Unzufriedenheit herrscht (HURRELMAN & BRÜNDEL 2007, 16). Seit Jahrtausenden bekriegen sich Menschen und Völker mit Gewalt und machen sich so zu Opfern und Tätern. Biblisch betrachtet stellen Kain und Abel eines der ältesten Beispiele dar (OSTENDORF 2002, 5). In der Wissenschaft wie auch im Alltagsverständis ist keine einheitliche Auffassung von Gewalt vorhanden. Dies erschwert eine einheitliche, genaue Definition des Begriffs und was darunter erfasst werden soll (SCHUBARTH 2013, 16). Es herrscht aber Konsens darüber, Gewalt als Konflikt zwischen mindestens zwei Menschen zu bezeichnen, bei dem eine Seite physische Mittel anwendet um seinem Gegenüber zu schaden (SCHWIND & BAUMANN 1990, 38). Nach Hurrelmann und Bründel wird die Aggression, die sich gegen Objekte richtet, im öffentlichen Sprachgebrauch wie auch in der wissenschaftlichen Forschung als „Gewalt“ betitelt. Im Unterschied zum Begriff „Aggression“ bezeichnet der Begriff „Gewalt“ die auf ein Objekt gerichtete schädigende Handlung besser und hat sich deshalb alltagssprachlich stärker durchgesetzt (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 12). In der Erziehungswissenschaftlichen Forschung wird das Thema „Gewalt an Schulen“ erst seit Beginn des vorigen Jahrzehnts explizit beleuchtet. Seit diesem Zeitpunkt stellt diese gesellschaftliche Angelegenheit eines der meist diskutierten Probleme in der erziehungswissenschaftlichen Forschung dar (FOJANTY-JOST 2000, 9). Nach Gatzemann tritt Gewalt auf „wenn ungenügend sozialisierte Jugendliche oder Gruppen die Fähigkeit verlieren, ihr Verhalten und ihren Umgang bewusst zu steuern“ (GATZEMANN 2000, 45). Die Schule als Institution stellt gesellschaftliche Struktur- und Chancenbedingungen dar, wie sie auch in der Gesamtgesellschaft vorhanden sind. Die Basisbedingungen für die Entstehung von Gewalt und Aggression liegen außerhalb der Institution „Schule“. Dadurch kann die Schule auf diese Ausgangsbedingungen nur partiell einwirken, bzw. diese beeinflussen. Schüler werden nicht als aggressive Jugendliche geboren, sondern entwickeln sich erst im Laufe ihrer Sozialisation zu solchen (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 50). Die bereits genannten Formen werden noch ergänzt durch die institutionelle und strukturelle Gewalt. Die bereits erwähnten Formen der physischen und psychischen Gewalt mit Ausnahme des Vandalismus, beziehen sich auf die Interaktion zwischen Personen. Bei institutioneller und struktureller Gewalt handelt es sich um entpersonalisierte Gewaltformen, z.B. Gewalt durch das Zeugnis oder die Schulpflicht (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 22). Im Folgenden werden nun die individuelle Gewalt mit ihren Unterarten, im Speziellen die physische, psychische und eine Mischform, sowie die institutionelle Gewalt und die strukturelle Gewalt erläutert.

2.2 Individuelle Gewalt

Die individuelle Gewalt tritt meist im privaten Bereich auf, d.h. in der Familie oder im Freundeskreis. Sie kann aber auch in einer Institution wie der Schule auftreten. Daraus folgt, dass diese Form der Gewalt meist von der Öffentlichkeit unbemerkt stattfindet und sich so deren Eingreifen entzieht (IMBUSCH 2002, 46). Diese individuelle, also personale Gewalt, ist an den deutschen Schulen stark verbreitet. Die Unterarten physische (körperliche), psychische (geistige) Gewalt sowie eine Mischform genannt Mobbing/Bullying, werden im folgenden speziell betrachtet.

Nach Hurrelmann und Bründel geht die „individuelle Gewalt von einzelnen Akteuren aus und richtet sich gegen einzelne oder mehrere Personen oder Sachen (Sachbeschädigung, Vandalismus)“ (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 17). Darunter fallen im Schulkontext z. B. das „Fertigmachen“ von Mitschülern mit körperlichen und psychischen Attacken, das Demolieren von Schuleigentum was im Allgemeinen als Vandalismus bezeichnet wird, und, wie die vorher genannte Mischform aus physischer und psychischer Gewalt, die man allgemein als „Mobbing“ bezeichnet.

2.2.1 Physische Gewalt

Die physische, also körperliche Gewalt beschreibt einen Konflikt zwischen zwei oder mehreren Personen bei der mindestens eine Seite physische Mittel anwendet um seinem Kontrahenten körperlich zu schädigen. Zur physischen Gewalt zählen körperliche Angriffe, Erpressungen und Sachbeschädigungen Es wird ein physischer Zwang eingesetzt der zu körperlich geschädigten Opfern führt (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 19f.). Im schulischen Kontext sind die leichten Erscheinungsformen der physischen Gewalt zwischen Schülern meistens Treten, Stoßen oder Schlagen. Eine Studie von Lösel und Bliesener (2003) zeigt, dass ca. 4% der Jungen ihre Mitschüler mehr als einmal die Woche traten oder schlugen und ca. 2 % der Befragten berichteten über mehr als zehn Körperverletzungen im letzten Jahr (LÖSEL & BLIESENER 2003, 140). Diese gemäßigten Formen können aber eskalieren und in harten Schlägereien und Raufereien enden. Mittlerweile gibt es das Phänomen des „Happy-Slapping“, dass Schneider als „spielerisches Kräftemessen unter Gleichstarken“ beschreibt (SCHNEIDER 2009, 732). Diese sogenannten „Spaßkämpfchen,“ in denen sich die Schüler gegenseitig hochschaukeln, enden häufig in brutalen Konfrontationen bzw. eskalieren (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 63). Es kann auch zu physischer Gewalt gegenüber Lehrkräften kommen, dies ist aber sehr selten. Nach einer Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung aus dem Jahr 2005 sind 11 % aller Unfälle im schulischen Bereich auf körperliche Gewalt, also sogenannte „Raufunfälle“ zurückzuführen (DEUTSCHE GESETZLICHE UNFALLVERSICHERUNG 2005).

Physische Gewalt wird auch gegenüber Gegenständen ausgeübt. Hier spricht man von „Vandalismus“ also mittelbarer Gewalt, weil sie nicht gegen Personen sondern Sachen gerichtet ist (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 19-31). Die Zeitung „Die Welt“ berichtete, dass der Hamburger Senat den Schaden an Hamburger Schulen im Jahr 2006 durch Vandalismus auf 113.000 Euro beziffert. Dies entspricht ungefähr dem doppelten Wert aus dem Jahre 2005 (DIE WELT, 2007). Beispiele im schulischen Kontext für Vandalismus sind z. B. das Zerstören von Stühlen, Tischen und Tafeln, sowie anderer Schuleinrichtung, aber auch das Demolieren von Fahrzeugen der Lehrerschaft.

2.2.2 Psychische Gewalt

Die psychische, also geistige, Gewalt beschreibt Konflikte zwischen Personen die ohne körperliche Gewaltaktionen ablaufen, aber mindestens genauso viel Schaden anrichten. Nach Hurrelmann & Bründel ist psychische Gewalt „die Schädigung und Verletzung eines oder mehrerer anderer Menschen durch Abwendung, Ablehnung, Abwertung, Entzug von Vertrauen, Entmutigung und Erpressung. Sie kann sich auf Worte stützen und wird dann als verbale Gewalt bezeichnet, die meist auf Beleidigung, Erniedrigung und Entwürdigung ausgerichtet ist“ (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 19). Allgemein bekannt ist, dass das gesprochene Wort oft wirkungsvoller als ein Faustschlag ist. Hier setzt in der Forschung auch die Kritik an, dass ein allzu eng definierter physischer Gewaltbegriff verwendet wird. Psychische Gewalt äußert sich dadurch, dass Einzelne ausgegrenzt und abgewertet werden indem sie beleidigt, erniedrigt oder emotional erpresst werden. Durch psychische Gewalt kann ein Mensch oft schlimmer verletzt werden, als durch körperliche Gewaltanwendung. Im Gegensatz zur physischen Gewalt die z.B. durch Kratzer oder ein blaues Auge sichtbar sind, sind die Schäden der psychischen Gewalt nicht klar sichtbar und wirken im Verborgenen (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 20f.).

Erscheinungsformen psychischer Gewalt im schulischen Kontext sind zum Beispiel die verbale Aggression wie das Beschimpfen und Beleidigen von Mitschülern oder Lehrern. Unstrittig ist, dass diese Form die am stärksten verbreitete Erscheinungsform im schulischen Kontext und zugleich die Form darstellt, die in der Wahrnehmung in Studien am stärksten zugenommen hat (SCHUBARTH 2000, 82).

In einer Studie in Hessen und Sachsen beobachteten mehr als 60 % der Schüler dies mehrmals wöchentlich und auch täglich (MELZER, SCHUBARTH & EHNINGER 2004, 109). Darüber hinaus gibt es nonverbale Aggressionen, die sich in Gesten, Mimiken oder Blicken, durch die die Mitschüler provoziert werden ausdrücken. Im Weiteren zählen hierzu indirekte Strategien wie das Abwerten von Mitschülern oder Lehrern durch Verbreitung von Gerüchten, durch Gebung von Spitznamen oder das Aufziehen von Mitschülern. Außerdem findet man im schulischen Kontext das Ausschließen aus Gruppen, indem man andere Schüler anstiftet bestimmte Mitschüler abzulehnen, um sie so auszugrenzen. Hierzu gehört auch das Beschmieren von Tischen mit feindlichen Botschaften. Durch den technischen Fortschritt sind neue Formen psychischer Gewalt hinzugekommen. Schädigungen psychischer Natur können nun auch durch neue Medien geschehen, wie das senden von E-Mails, SMS, oder „Facebook-Nachrichten“ mit denen ein Mitschüler unter Druck gesetzt werden kann (SCHUBARTH 2007, 50ff.).

Die Schädigungen durch psychische Gewalt sind nicht direkt sichtbar und wirken im Verborgenen. Obwohl die psychische Gewalt durch das Wirken im Verborgenen nicht messbar bzw. greifbar ist, wächst die Wahrnehmung in der Gesellschaft für diese Form der Gewalt (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 74)

Das „Mobbing“ oder auch „Bullying“ genannt, stellt eine Mischform aus den beiden vorher genannten Erscheinungsformen dar und enthält somit Elemente physischer als auch psychischer Gewalt. Der Begriff beschreibt das dauerhafte „Drangsalieren“ Einzelner. Einer der führenden Forscher in diesem Bereich, Olweus, definiert „Mobbing“ wie folgt: „Ein Schüler ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist“ (OLWEUS 1995, 22). Mobbing stellt eine besondere Ausprägung schulischer Gewalt dar. Der Begriff beschreibt eine aggressive Schädigungshandlung über einen längeren Zeitraum, bei der die Akteure unterschiedliche Kräfteverhältnisse aufweisen. Da es sich hierbei um eine psychisch und physische Mischform handelt können Mobbing-Attacken körperliche wie auch verbale Anteile beinhalten (OLWEUS 1995, 22). Obwohl physische Gewalt oft auf psychische Gewalt folgt, bedeutet das nicht, dass alle Gewalthandlungen unter dem Begriff Mobbing zusammengefasst werden können. Eine Schlägerei zwischen zwei gleichstarken Mitschülern fällt damit nicht unter diese Definition. Mobbing kennzeichnet sich durch die dauerhafte und ungleichgewichtige Beziehung der Akteure. Ein stärkerer Schüler nutzt seine körperliche Überlegenheit aus um einen schwächeren Mitschüler dauerhaft psychischen und physischen Schaden zuzufügen (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 22).

2.3 Institutionelle Gewalt

Bei der institutionellen Gewalt handelt es sich um eine entpersonalisierte Form der Gewalt. Die bisher genannten Formen beziehen sich immer auf unmittelbare Interaktionen zwischen Personen, d.h. Gewalt wird immer, ob physisch oder psychisch, von einer konkreten Person gegen eine andere ausgeübt. Bei den Interaktionen zwischen Lehrern und Schülern wirkt zudem der Faktor der Institution. Die Lehrkraft stellt somit ein ausführendes Organ der Institution Schule dar. (TILLMANN, HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2007, 22).

In dieser Form der Gewalt werden z. B. durch Vertreter des Staates, oder wie genannt, durch eine Institution, wie die Schule, Zwangseingriffe physischer oder psychischer Natur angedroht oder durchgeführt. Dies dient dazu ein kollektives Unterwerfungs- und Abhängigkeitsverhältnis der Organisationsmitglieder zu erwirken. Der zentrale Zweck der Schule als Institution ist die Vermittlung von Bildung und die Durchführung von Unterricht, um somit das Ziel zu erreichen, dass die Schülerschaft in ihren kognitiven und sozialen Kompetenzen optimal gefördert wird und zur Fähigkeit der Selbstbestimmung gelangt (HURRELMANN & BRÜNDEL 2007, 20-21).

Die Institution „Schule“ tritt gegenüber den Schülern in machtvoller Weise auf und fordert Anpassung und Leistung. Durch sie wird spontanes und bedürfnisorientiertes Verhalten der Schüler verhindert. Eine Institution, wie die Schule, verteilt zwar zum einen Chancen, aber gleichzeitig liest sie aus, wer nicht den Leistungsanforderungen entspricht. Die Ergebnisse der Schüler werden individuell bewertet und münden in Schulabschlüssen mit unterschiedlicher Qualität, die über den weiteren Lebensweg bestimmen. Die Handlungsweise der Schule bezeichnet man als „institutionelle Gewalt“. Sie kann z. B. auftreten in Form von Gewalt durch den Stoffplan oder Gewalt durch das Versetzungszeugnis. Durch eine solche Definition wird der Gewaltbegriff entpersonalisiert und zum Bestandteil institutioneller Handlungsweisen (TILLMANN & HOLLER-NOWITZKI, HOLTAPPELS, MEIER & PAPP 2008, 22).

Vertreter dieser Definitionen verweisen darauf, dass Gewalt, die sich nicht auf die unmittelbare Interaktion zwischen zwei Personen bezieht, sehr schwer erkennbar ist und es gerade deshalb wichtig sei, diese erkennbar zu machen (NEIDHARDT 1986, 119).

2.4 Strukturelle Gewalt

Der Begriff der strukturellen Gewalt stammt von dem Friedensforscher Johan Galtung. Er nahm damit eine bedeutende Erweiterung des Gewaltbegriffs vor.

[...]


* Im Folgenden wird statt von Schülerinnen und Schülern von Schülern gesprochen.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Erscheinungsformen von schulischer Gewalt. Zu den Begriffen der individuellen, institutionellen und strukturellen Gewalt
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik)
Note
2.7
Autor
Jahr
2013
Seiten
37
Katalognummer
V336365
ISBN (eBook)
9783668260818
ISBN (Buch)
9783668260825
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erscheinungsformen, gewalt, begriffen
Arbeit zitieren
Julian Funk (Autor), 2013, Erscheinungsformen von schulischer Gewalt. Zu den Begriffen der individuellen, institutionellen und strukturellen Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336365

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Erscheinungsformen von schulischer Gewalt. Zu den Begriffen der individuellen, institutionellen und strukturellen Gewalt


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden