Goethes Islambeziehung im Kontext seiner Beziehung zur Religion


Essay, 2002

8 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Goethes Islambeziehung im Kontext seiner Beziehung zur Religion

" Im Islam leben und sterben wir alle "

Dieses Bekenntnis gab der alte Goethe. Welche Bewandtnis es hiermit hat ist Thema nachfolgender Betrachtung. Dazu wird seine Beziehung zu den Religionen, in erster Linie Christentum und Islam, sowie seine eigene Auffassung des Glaubens dargelegt werden. Dabei werden allerdings seine literarischen Produktionen so weit möglich außer Acht gelassen. Vorab sei nur festgestellt, dass seine besondere Beziehung zum Islam sich in mehreren Werken niederschlug, darunter das wichtigste der West Östliche Divan.

Bevor ich auf Goethes Affinität zum Islam eingehe, möchte ich seine wichtigsten Gedanken zu Religiosität darlegen, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Es wird von einer Entwicklung aufgrund seines Alters ausgegangen. Erste Religionserfahrungen machte er früh. Ein verheerendes Erdbeben in Lissabon, ließ den sechsjährigen zu der Erkenntnis gelangen, dass der im ersten Glaubensartikel als gnädig und weise dargestellte Gott diesem Bild nicht entsprach. Dazu gesellte sich die Unterscheidung zwischen gesetzlicher Kirche und anderen religiösen Ausprägungen in den Jahren der Aufklärung, die einerseits das Bemühen um ein rationaleres Christentum förderte und sich andererseits als ein Katalysator für neue christliche Bewegungen, welche nichtrationale, erfahrungsbezogene Elemente der christlichen Tradition höher stellten, wie z. B. der Pietismus, erwies. Deswegen begann er schon als Kind seinen ganz persönlichen Zugang zu Gott und Religion zu suchen und gelangte zu der Erkenntnis, dass das Göttliche in unmittelbarer Verbindung mit der Natur gesehen werden muss. Mit den Jahren wird sich dies zu einem pantheistischen Glauben ausweiten. Als Konfirmand fallen ihm die Mängel des Protestantentum sowie Unstimmigkeiten zwischen innerer Religion des Herzens und äußerer Kirchenreligion besonders ins Auge. Man kann letztlich feststellen, dass Goethe, ein durchaus gläubiger Mensch, wesentlichen Aspekten der christlichen Lehre jedoch ablehnend gegenüber stand. So sagt er selber über sich, dass er zwar kein Widerchrist oder Unchrist, jedoch ein dezidierter Nichtchrist sei. ( an Lavater 29.07.1782)

Aufgrund seiner Bibelfestigkeit erkannte er die textimmanenten Widersprüche zwischen Überlieferung und Wirklichkeit. Er lehnte den strengen Dogmatismus der Kirche ab, da er ihn der reinen Lehre und Liebe Christus gegenüber als unsinnig empfand.

Goethe nimmt Anstoß an Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Die Kirche lehrt, dass Adam und Eva durch ihren Ungehorsam gegen den Willen Gottes verstoßen hätten und damit aus seiner Gnade herausgefallen seien. Seither habe zur Strafe sich die gesamte Natur verschlechtert, Krankheit und Tod seien Folge der Erbsünde und auch moralisch neige der Mensch nun zum Bösen. Diese Lehren passten nicht in die Zeit der Aufklärung, in der die Menschen den Humanitätsbegriff neu definierten. Ein Ziel war die selbständige Entwicklung des menschlichen Geistes. Er sollte aus seiner Unmündigkeit heraustreten. Dies bedeutete natürlich auch die Überwindung des christlichen Dogmas und die Zuwendung zu einer natürlichen Religion, welche die Welt zwar als von Gott erschaffen betrachtete, aber ihren gesetzmäßigen Verlauf seinem Einwirken entzog. Goethe folgte diesem Gedankengang bezogen auf Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit womit auch die Erlöserrolle Christi hinfällig wurde. Allerdings wandte er sich auch schon relativ früh

( ca. 1773) der Lehre des Spinoza zu, welcher betont, dass die Menschen keinen absoluten freien Willen, sondern nur einzelne Willensakte haben. Alles folgt mit Notwendigkeit aus dem ewigen Ratsschluß Gottes und deswegen sollen Fügungen des Schicksals mit Gleichmut erwartet und ertragen werden. Das bedeutet aber, dass Gott letztlich doch auf den Verlauf einwirken kann. Hier muß wiederum die pantheistische Religionsauffassung Goethes in den Vordergrund treten. Während die Kirche vom Dasein Gottes ausgeht, legt Goethe Spinozas Lehre so aus, dass sie nicht das Dasein Gottes beweise sondern sagt das Dasein sei Gott. Das Dasein ist aber letztlich der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen, die Natur.

Mit zunehmendem Alter wird die Ergebenheit in den Willen Gottes eine wichtige Rolle spielen, worauf an späterer Stelle eingegangen werden wird.

Abschließend sei festzustellen, dass Goethe der Vorstellung der Trinität keinerlei Bedeutung beimaß. Die Dreifaltigkeit, beschlossen auf dem Konzil in Nizäa 324, welches die Frage nach der Göttlichkeit Jesus behandelte, wurde beschlossen, dass Gott und Jesus gleiche Weseneinheiten und von gleicher Substanz seien. 6o Jahre später wurde dies auf einem zweiten Konzil auf den Heiligen Geist ausgeweitet. So entstand ein christlicher Glaube, der von einem Gott in drei Personen sprach. Wenn nun aber die Natur als allumfassendes Ganzes als göttlich betrachtet wird, schließt das die Dreifaltigkeit aus und nur eine Einheit Gottes kann angenommen werden. Das ist eine der wichtigsten Lehren des Islams, der demzufolge auch Jesus nicht als Gottes Sohn sondern als einen der Propheten anerkennt. Auch Goethe hing der Auffassung der Einheit Gottes an, wie später noch festzustellen sein wird. Er betrachtete Jesus nicht als das von der Kirche überzogen dargestellte Bild des Sohn Gottes sondern als einen Menschen, der im humanitären Sinn gehandelt hat, als einen der ersten Sozialreformer.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Goethes Islambeziehung im Kontext seiner Beziehung zur Religion
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Prüfung zum Magister
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
8
Katalognummer
V3364
ISBN (eBook)
9783638120616
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Islam, Religion
Arbeit zitieren
Petra Sayas (Autor), 2002, Goethes Islambeziehung im Kontext seiner Beziehung zur Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3364

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