Partnerschaft, Kinderwunsch und sexueller Missbrauch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung


Hausarbeit, 2005
56 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Partnerschaft, Elternschaft und Kinderwunsch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.1 Partnerschaft bei Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.1.1 Mögliche Schwierigkeiten bei der Partnersuche
2.1.2 Mögliche Schwierigkeiten innerhalb einer Partnerschaft
2.1.2.1 Kommunikationsprobleme und Konfliktfähigkeit
2.1.2.2 Pflege von Beziehungen
2.1.3 Einschränkende Faktoren und Rahmenbedingungen für Partnerschaften von Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.1.3.1 Leben in Wohneinrichtungen
2.1.3.2 Leben im Elternhaus
2.2 Modelle der Betreuung
2.2.1 Betreutes Wohnen
2.2.2 Kinderwunsch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.2.3 Reaktionen des Umfeldes auf eine Schwangerschaft
2.2.3.1 Wie geht das Fachpersonal mit der Situation Schwangerschaft um?
2.3 Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.3.1 Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten - ein soziales Problem?
2.3.1.1 Fremdbestimmung und Benachteiligung
2.3.2 Elternschaft als Chance
2.3.3 Modelle der Unterstützung und Begleitung von Eltern mit geistiger Behinderung
2.3.4 Beratungs- und Unterstützungsangebote für Eltern und Kinder
2.3.5 Erziehungs-Assistenz

3 Sexuellen Missbrauch
3.1 Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch Menschen mit Lernschwierigkeiten
3.1.1 Physische Risikofaktoren
3.1.2 Psychische Risikofaktoren
3.1.3 Gesellschaftliche Risikofaktoren
3.1.4 Signale und Folgen von Gewalterfahrungen
3.1.5 Täterschaft
3.1.5.1 Sexueller Missbrauch von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Institutionen
3.1.5.2 Behandlung des Opfers
3.1.6 Prävention

4 Schlusswort:

5 Literaturverzeichnisse

6 Internetquellenverzeichnis

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich während der Anfertigung dieser Arbeit unterstützt und motiviert haben.

Vor allem aber meinen Eltern, meinem 3 Monate alten Sohn Aren und meiner Frau Elvan, möchte ich dafür danken, dass sie mich so herzlich unterstützten.

1 Einleitung

Das Thema „Partnerschaft, Kinderwunsch und Sexueller Missbrauch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung“ wird schon lange von der Gesellschaften und auch von Wissenschaftlern diskutiert und aus verschiedenen Perspektiven analysiert. So wichtig das Thema ist, so sehr ist es auch immer noch ein großes Tabuthema. Die Menschen mit einer geistigen Behinderung werden oft selbst ein Leben lang als Kinder, als „ große Kinder“ betrachtet. Das heißt, wenn sie als „Große Kinder“ angesehen werden, dann hat sie die genitale Sexualität nicht zu interessieren. Doch gesteht man ihnen die Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu, wie Fachpersonal bzw. auch die Theorie fordert, dann muss die Entdeckung bzw.as Leben der eigenen Sexualität auch anerkannt werden. Dass sich damit noch ein weiteres großes Diskussionsthema, nämlich Kinderwunsch und Elternschaft von Menschen mit einer geistigen Behinderung, auftut, wird erst seit ein paar Jahren zunehmend öffentlich diskutiert[1]. Pixa-Kettner sagte: „Wurde das Thema der Elternschaft geistig behinderter Menschen in der Vergangenheit doch einmal diskutiert, so geschah dies meist sehr emotional und in einer Atmosphäre gegenseitiger Vorwürfe und Beschuldigungen“[2]. Dabei bezieht Kapitel zwei sich im Allgemeinen auf Partnerschaften, Elternschaft und Kinderwunsch bei geistiger Behinderung. Ob unsere Gesellschaft auf dem Weg der Akzeptanz ist, wird dieser Teil zeigen.

In unserer Gesellschaft ist das Thema sexuelle Gewalt bei Menschen mit einer geistigen Behinderung stark tabuisiert. Es ist die Meinung verbreitet, dass durch die Familie oder eine Institution Menschen mit einer geistigen Behinderung vor Gewalterfahrungen geschützt werden. Oft gelingt dies auch, doch sind häufig auch Täter im engsten Familienkreis zu finden. Auf die Risikofaktoren bei behinderten Menschen sowie Signale und Folgen eines sexuellen Missbrauchs werde ich noch genauer in den Kapitel drei eingehen. Im Kapitel drei habe ich die Täterschaft sowie deren rechtliche Folgen erörtert. Oft werden Signale der Opfer zu spät erkannt oder falsch interpretiert. Sehr wichtig erscheint mir das Kapitel 3.1.4, da es darin um die Behandlung des Opfers geht. Dann versuche ich noch Präventionsmöglichkeiten zu erläutern, die die sexuelle Ausbeutung bei Menschen mit einer geistigen Behinderung, verhindern sollen.

2 Partnerschaft, Elternschaft und Kinderwunsch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten

2.1 Partnerschaft bei Menschen mit Lernschwierigkeiten

Partnerschaften haben für Menschen mit geistiger Behinderung dieselbe Bedeutung wie für Personen ohne Behinderung[3]. Eine Beziehung einzugehen bedeutet immer auch Vertrauen, Geborgenheit, gegenseitige Fürsorge, Verständnis, emotionale Sicherheit und nicht zuletzt sexuelle Befriedigung zu erfahren. Verbunden mit dem Wunsch nach einer Partnerschaft ist im Fall von behinderten Menschen auch immer der Wunsch nach Normalität und gesellschaftlicher Akzeptanz. Durch eine Partnerschaft fühlen sich behinderte Menschen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, als normal. Das stärkt natürlich ihr Selbstwertgefühl und sie können sich selber mit ihrer Behinderung mehr und mehr akzeptieren[4].

Eine harmonische Partnerschaft wirkt sich durchwegs positiv auf die unmittelbar Betroffenen, aber auch auf deren Umfeld aus. Viele haben plötzlich, z.T. sogar das erste Mal in ihrem Leben, das Gefühl, attraktiv und begehrenswert für andere zu sein. Sie erfahren dadurch eine Aufwertung ihrer Person, indem sie nun einen Menschen an ihrer Seite haben, der ihnen Zuwendung schenkt, sie umsorgt und liebevoll behandelt, und das alles nicht, weil er sich dazu verpflichtet fühlt wie dies z.B. bei Familienmitgliedern, BetreuerInnen und TherapeutInnen meist der Fall ist, sondern aus freien Stücken - kurzum aus Liebe[5].

Es ist weiters positiv hervorzuheben, dass aufgrund der gegenseitigen Unterstützung der Partner der Alltag leichter bewältigt werden kann. Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten und Kompetenzen ein. Dadurch dass sich einige hervorragend ergänzen, sind in Partnerschaften lebende Behinderte oft sogar weniger auf Hilfe und Unterstützung von außen angewiesen als Alleinstehende[6]. Als zusätzliche, nicht zu unterschätzende positive Nebeneffekte einer funktionierenden Partnerschaft sind eine erhöhte Lebenszufriedenheit, weniger Verhaltensproblematiken, ein Rückgang an aggressiven Verhaltensweisen sowie eine deutliche Verbesserung der Körperpflege und Hygiene zu nennen[7].

Oft wird aber dem Bedürfnis geistig behinderter Menschen nach Partnerschaft keine Beachtung geschenkt. Hier gilt es allerdings noch einmal zu betonen, dass jeder Mensch ein Recht auf Partnerschaft, zwischenmenschliche Beziehungen, Liebe und Sexualität hat. Leider geht es z.T. sogar soweit, dass Beziehungen seitens der Eltern oder BetreuerInnen untersagt werden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass geistig behinderte Menschen in die Rolle des lebenslangen Kindseins gedrängt werden, ein Kind, das ständig beschützt werden muss vor eventuellen Enttäuschungen. Es wird außer Acht gelassen, dass auch geistig Behinderte die psychosozialen Prozesse des Erwachsenseins erleben wie z.B. die Distanzierung von Werten und Normen der Eltern, die Abnabelung von den Eltern, das Erwachsenwerden und –sein sowie die Sexualität. Und genau hier, nämlich bei der Sexualität, scheint das Hauptproblem für das Verhindern wollen von Partnerschaften zu liegen. Das Thema Sexualität wird so lang als nur möglich totgeschwiegen. Menschen mit geistiger Behinderung wird Asexualität unterstellt. Allein dies zeigt wohl schon genügend auf, inwieweit wir z.T. noch von einer Normalisierung der Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung entfernt sind, wenn wir ihnen nicht einmal ermöglichen, was für jeden Menschen ohne Behinderung selbstverständlich zu sein scheint, nämlich erstens, sexuelle Bedürfnisse zu haben, und diese zweitens auch ausleben und befriedigen zu dürfen, unabhängig davon, ob eine Partnerschaft besteht oder nicht[8]. „Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen dieser Beziehungen ist, dass Eltern und Betreuer zu ihnen eine positive Einstellung haben und sie bewusst fördern“[9].

Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, würde man die partnerschaftlichen Beziehungen von geistig behinderten Menschen endlich auch als etwas Selbstverständliches und Normales betrachten. Denn es ist nicht zu unterschätzen, wie eng die sexuelle Selbstbestimmung mit der generellen Möglichkeit an Selbstbestimmung in der Lebensführung und -gestaltung geistig behinderter Menschen verbunden ist. Mehr Toleranz von Seiten der Gesellschaft wäre also wünschenswert.

2.1.1 Mögliche Schwierigkeiten bei der Partnersuche

Die Partnersuche erweist sich in den meisten Fällen als äußerst problematisch, was vor allem auf den Mangel an sozialen Kontaktmöglichkeiten sowie den Mangel an Mobilität zurückzuführen ist. Das Leben spielt sich für viele geistig behinderte Menschen nur zwischen Elternhaus bzw. Wohneinrichtung, Arbeitsplatz und Therapiezentrum ab. Man ist eigentlich ständig von denselben Leuten umgeben, hat kaum Möglichkeiten neue Bekanntschaften zu machen. Sowohl von Seiten der Eltern als auch von BetreuerInnen wird das Bedürfnis von behinderten Menschen nach Partnerschaft oftmals nicht besonders ernst genommen, es werden keine Kontaktmöglichkeiten geboten und Verabredungen ohne das Wissen und die Unterstützung anderer sind kaum möglich.

In der letzten Zeit gibt es zwar ein vermehrtes Angebot an Kontaktanzeigen, Workshops und Partnerschaftsvermittlungen speziell für Menschen mit geistiger Behinderung, um dem Single-Dasein ein Ende zu bereiten und natürlich auch aufgrund des Bekanntwerdens der bereits genannten positiven Nebeneffekte einer Paarbeziehung. Es sollte auch im Vorfeld schon daran gedacht werden, geistig behinderte Menschen für den Ernstfall, sprich für das erste Date, vorzubereiten. So kann beispielsweise durch das Durchspielen von konkreten Situationen Blick- und Flirtkontakt sowie Konversation (Small Talk) geübt werden. Sie sollen lernen Interesse zu bekunden, jemanden anzusprechen, ein Rendezvous zu gestalten. Werden all diese Dinge nicht schon im Vorhinein angesprochen, kommt es oft im Fall eines tatsächlichen Treffens zu Unsicherheiten, vielleicht sogar zur Absage der Verabredung aufgrund der Angst vor einer möglichen Enttäuschung[10]. „Unsicherheit und Angst vor Misserfolg und Ablehnung verhindern dann oft die weitere Suche nach einem passenden Partner“[11].

Erschwert hinzu kommen bei der Partnersuche die oft unrealistischen Wünsche von geistigbehinderten Menschen. Aufgrund der Schwierigkeiten mit der eigener Behinderung klarzukommen, sie anzunehmen und zu akzeptieren, entwickeln sie entweder

- vollkommen unrealistische Partnervorstellungen, welche in weiterer Folge reale Kontakte und Partnerschaften oftmals verhindern
- oder aber ihre unrealistischen Wünsche richten sich an Beziehungen zu BetreuerInnen und Pflegepersonal.[12]

„Wir haben den Eindruck, dass sich sexuelle und erotische Wünsche bei Menschen mit mittelgradiger und schwerer geistiger Behinderung eher auf Betreuer bzw. Betreuerinnen richten als auf andere behinderte Menschen in ihrer Gruppe‘‘[13].

2.1.2 Mögliche Schwierigkeiten innerhalb einer Partnerschaft

Schwierige Phasen durchlebt jede Beziehung einmal, so natürlich auch jene von geistig behinderten Menschen. Die Motive für eventuell auftretende Spannungen können vielfältig sein:

- „Kommunikationsprobleme,
- mangelnde Pflege der Beziehung,
- Schwierigkeit, Konflikte zu lösen,
- unterschiedliche Auffassungen über Nähe und Distanz,
- Einmischung oder Beeinflussung seitens der Eltern bzw. Betreuer zu ungunsten der Partnerschaft,
- unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse,
- mangelnde oder unzureichende professionelle Unterstützung“[14].

Auf einige der eben genannten Probleme wird nun im folgenden näher eingegangen:

2.1.2.1 Kommunikationsprobleme und Konfliktfähigkeit

Dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein zentraler Bestandteil einer Beziehung ist, ist wohl allseits bekannt. Nur indem über Probleme, Spannungen und Unzufriedenheiten gesprochen wird, können Lösungen gefunden und Abhilfe geschaffen werden. Allerdings kommt es aufgrund mangelnder Ausdrucksmöglichkeiten geistig Behinderter oftmals erst gar nicht zur Artikulierung der Schwierigkeiten und zur Auseinandersetzung mit den Problemen. Alles wird hinuntergeschluckt bis es irgendwann nicht mehr aushaltbar ist. Dann kann es aber oftmals schon zu spät sein um die Beziehung noch zu retten. Zur Problembewältigung und zur Erarbeitung von möglichen Lösungswegen sollte deshalb auch nicht davor zurückgescheut werden, professionelle Unterstützung und Beratung hinzuzuziehen. Auch das Sprechen über sich selbst, das Äußern seiner Wünsche und Bedürfnisse sowie das Ausdrücken von persönlichen Erlebnissen und Empfindungen kann Schwierigkeiten bereiten. Das alles hat zur Folge, dass eine bestehende Beziehung oftmals aufgrund großer Missverständnisse und unüberbrückbarer Differenzen scheitert.[15]

2.1.2.2 Pflege von Beziehungen

Partnerschaften werden häufig als wenig bis gar nicht zufrieden stellend erlebt. Ein Grund dafür kann sein, dass die Partner nicht in der Lage sind, aufeinander einzugehen, sie stellen sich selbst in den Mittelpunkt, vergessen auf den anderen und wollen in erster Linie, dass all ihre Wünsche und Bedürfnisse – am besten immer und sofort – erfüllt und befriedigt werden. Sie setzen zu hohe Erwartungen in ihren Partner und von einem gegenseitigen Geben und Nehmen kann keine Rede sein. Wichtig wäre hier wiederum, dass den geistig Behinderten bereits im Vorfeld einer Beziehung die Bedingungen für eine funktionierende Partnerschaft von BetreuerInnen und Fachleuten erklärt und verdeutlicht werden und sie auch die Möglichkeit bekommen, sich bestimmte Fähigkeiten anzueignen[16].

2.1.3 Einschränkende Faktoren und Rahmenbedingungen für Partnerschaften von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Findet sich trotz aller Erschwernisse bei der Suche nach der großen Liebe dennoch ein Mensch mit dem man eine Beziehung eingehen möchte, setzen sich die Probleme fort. Viele Beziehungen scheitern z.B. aufgrund von enormen räumlichen Einschränkungen:

2.1.3.1 Leben in Wohneinrichtungen

Aufgrund der Raumaufteilung in den Wohneinrichtungen bieten sich für Paare oft keine Möglichkeiten für ungestörte Zweisamkeit und sexuelle Begegnungen. Es fehlen intime und geschützte Räume, in denen ohne Beobachtung und Kontrolle das Sexualleben ausgelebt werden kann. Der Raum für Privat- und Intimleben ist also enorm eingeschränkt, ungestörte Rückzugsmöglichkeiten fehlen. Denn der überwiegende Teil der in den Wohneinrichtungen vorzufindenden Zimmer sind nach wie vor Zwei- oder Mehrbettzimmer, was zur Folge hat, dass Unbeteiligte unweigerlich teilhaben am Privatleben und auch an der Sexualität der Mitbewohner. Aufgrund des Mangels an Einzelzimmern müssen Beziehungen öffentlich verhandelt werden, zumindest dann, wenn Intimitäten gewünscht werden. Aus der trauten Zweisamkeit wird also schon bald eine öffentliche Angelegenheit. Auch die oftmals unflexiblen Besuchs- und Übernachtungsregelungen können nicht gerade als beziehungsfördernd angesehen werden[17].

2.1.3.2 Leben im Elternhaus

Circa. die Hälfte der Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland lebt bei ihren Eltern, steht also unter der ständigen Kontrolle und dem erzieherischem Einfluss und dies schränkt natürlich die Beziehungserfahrungen enorm ein. Es geht sogar soweit, dass Partnerschaften und sexuelle Aktivitäten erst gar nicht zugelassen werden. Aus Angst vor einer möglichen Schwangerschaft der geistig behinderten Tochter, aus Unsicherheit und Trennungsängsten sowie aus Eifersucht werden sowohl Freund- und vor allem Partnerschaften als auch sexuelle Aktivitäten von Seiten der Eltern häufig verboten[18].

Die Betroffenen befinden sich allerdings in einer äußerst schwierigen Lage: sie sind sozial abhängig von ihren Eltern, allein fühlen sie sich unsicher. Selbst im Erwachsenenalter ist noch eine sehr starke emotionale Bindung an die Eltern festzustellen, was zur Folge hat, dass der eigene Wunsch nach einer Partnerschaft zurückgestellt wird, um die Eltern nicht zu verlieren oder zu verletzen. Hier wird der enorme Einfluss, den die Eltern auf das Leben und die Entscheidungen ihrer Kinder, auch wenn diese schon erwachsen sind, immer noch haben, deutlich sichtbar. Man nimmt ihnen somit schon von vornherein jede Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen, geschweige denn ein eigenes Leben zu führen.[19]

Eine unterstützende Haltung sowohl von Seiten der Eltern als auch der BetreuerInnen in den Wohneinrichtungen wäre förderlich und notwendig um dem Wunsch von behinderten Menschen nach Partnerschaft und Sexualität nachzukommen und dem Anspruch auf Normalität und Selbstbestimmtheit gerecht zu werden. Noch sieht die Realität allerdings meist etwas anders aus.[20]

2.2 Modelle der Betreuung

Die tatsächliche Wohnsituation Erwachsener mit geistiger Behinderung in Deutschland und Österreich sieht in etwa so aus:

- Laut Statistik leben circa 50% noch bei ihren Eltern oder bei Geschwistern, rund ein Viertel ist in Wohnheimen untergebracht, wo es gilt sich dem Gruppenleben unterzuordnen.
- Beinahe 16,7% befinden sich in Psychiatrien, Krankenhäusern, Altenheimen oder sonstigen Einrichtungen.
- Nur ein relativ kleiner Prozentsatz lebt tatsächlich in Individualwohnungen oder offenen Wohnstätten[21].

Dabei wird seit den letzten Jahren und Jahrzehnten vermehrt versucht, das Leben der geistig Behinderten so normal wie möglich zu gestalten. Integration wird großgeschrieben, das Leben als Außenseiter soll der Vergangenheit angehören. Ziel ist es, Behinderte selbstständig werden zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Auch die heutige Gesellschaft soll endlich akzeptieren, dass Menschen mit geistiger Behinderung durchaus in der Lage sind, eigenständig zu agieren und nicht auf Sonderbehandlungen und -einrichtungen angewiesen sind[22]. Auch und gerade für eine Partnerschaft geistig behinderter Menschen ist es enorm wichtig, dass ein Zusammenleben ermöglicht wird, dass sie selbständig leben und agieren können, dass ihnen aber dennoch – je nach Bedarf – bei der Bewältigung des Alltags unterstützend zur Seite gestanden wird.

2.2.1 Betreutes Wohnen

Betreutes Wohnen bedeutet, dass behinderte Menschen in Einzel- oder Gruppenwohnungen zusammenleben und ambulant betreut werden. Von manchen Einrichtungen wird zusätzlich die Möglichkeit des so genannten „Beschützten Paarwohnens“ angeboten um dem Wunsch von Paaren nach Zusammenleben gerecht zu werden. Die Vorteile des Betreuten Wohnens liegen darin, dass die BewohnerInnen lernen, den Alltag allein zu bewältigen und selbständiger zu werden. Sie fühlen sich nicht länger ausgegrenzt und abgeschoben, sondern integriert und somit als Teil der normalen, nicht behinderten Welt.

Weitere positive Effekte, die diese Form der Lebensweise mit sich bringt, sind, dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, seinen Tagesrhythmus selber zu bestimmen, dass heißt, man muss sich nicht länger an bestimmte Vorgaben von Institutionen halten. Außerdem erfährt man eine altersgemäße Behandlung, das heißt, man ist nicht mehr das ewige Kind, für das einem die Eltern oder BetreuerInnen teilweise gehalten haben, sondern man übernimmt die dem jeweiligen Alter entsprechende Rolle. Zudem werden angemessene Kontakte zwischen den Geschlechtern ermöglicht, und auch für Paare werden gesonderte Wohnungen angeboten, sodass einer Partnerschaft nichts mehr im Weg steht[23].

Im Idealfall werden die BetreuerInnen lediglich als bezahlte ArbeitnehmerInnen der behinderten Menschen, die ihr Leben selber in die Hand genommen haben, gesehen. In diesem Zusammenhang wird von „Independent Living“, einem selbstbestimmten Leben gesprochen:

„Definition der amerikanischen ‘INDEPENDENT-LIVING-BEWEGUNG’: Selbstbestimmt leben heißt, KONTROLLE ÜBER DAS EIGENE LEBEN zu haben, basierend auf der Wahlmöglichkeit zwischen akzeptablen Alternativen, die die Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer bei der Bewältigung des Alltags minimieren. Das schließt das Recht ein, seine eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können, an dem öffentlichen Leben der Gemeinde teilzuhaben, verschiedenste soziale Rollen wahrzunehmen und Entscheidungen fällen zu können, ohne dabei in die psychologische oder körperliche Abhängigkeit anderer zu geraten. Unabhängigkeit (’Independence‘) ist ein relatives Konzept, das jeder persönlich für sich bestimmen muss“[24].

2.2.2 Kinderwunsch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten

Viele geistig behinderte Mütter glauben, „dass Mann und Kind die Lösung ihrer sozialen Schwierigkeiten darstellen“[25].

Teilweise herrscht in der heutigen Gesellschaft noch immer die Annahme, dass eine Partnerschaft nur dann sinnvoll bzw. normal ist, wenn ein Kind da ist. Ein Kind wird als krönendes Highlight der Liebe zweier Menschen betrachtet. Auch in den Köpfen von behinderten Menschen hat sich diese Vorstellung verankert. Der Kinderwunsch steht oftmals für das Bedürfnis nach Veränderung und Neuorientierung – ein Bedürfnis, welches bei Menschen mit geistiger Behinderung meist unberücksichtigt bleibt. Durch eine Elternschaft bieten sich neue Chancen, weil diese mitunter auch mit dem Status des Erwachsenseins verbunden wird. Man kann sich nun von den eigenen Eltern lösen, seine eigene Familie gründen und sein Leben, so gut es geht, selber in die Hand nehmen. Als eher unschöne Gründe für den Wunsch nach einem Kind sind eine unbefriedigende Arbeitssituation sowie Partnerschaftsprobleme zu nennen, die so überspielt und kompensiert werden sollen.[26]

Laut Pixa- Kettner sind Hauptgründe gegen den Kinderwunsch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung vor allem:

„ - Geistig behinderte Eltern sind mit der Pflege und Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert,
- geistige und seelische Beeinträchtigung der Kinder aufgrund mangelnder Förderung durch ihre geistig behinderten Eltern,
- die Gefahr der Vererbbarkeit der geistigen Behinderung,
- die problematische Finanzierung und
- die fehlenden Hilfsangebote (Sexualassistenz, Haushaltshilfen etc.)“[27].

All diese Argumente sind nachvollziehbar. Doch findet man diese Probleme nicht auch bei Menschen ohne Behinderung? Es gibt genug Mütter und Väter ohne Behinderung, die ihren Kindern genauso nicht gerecht werden in Sachen Erziehung, körperliche und seelische Pflege. Kein Mensch würde diesen von vornherein verbieten Kinder zu kriegen, und wenn doch, diese ihnen sofort entziehen. Bevor ein solcher Schritt getätigt werden würde, wären im Vorfeld sehr viele Hilfen und Angeboten gestellt worden. Und genau diese Chancen werden geistig behinderten Eltern oft nicht geboten.[28]

Nach Pixa-Kettner ein wichtiges Problem ist die Begleitungsmöglichkeiten für geistigbehinderte Elternpaare. Sie fordert wie folgt: „Angemessene Unterstützung im familiären Alltag und umfassende Informationen über Leistungen, die von Familien mit geistig behinderten Eltern(teilen) in Anspruch genommen werden können, erscheinen zur Entlastung aller an der Elternschaft beteiligten Personen dringend erforderlich“[29].

[...]


[1] Vgl. Grimm, in: Walter 1992, S.299 / vgl. Pixa-Kettner 1996, S.2

[2] Pixa-Kettner 1996, S.3

[3] Vgl.Walter 1992, S.295

[4] Ebd., S.295

[5] Vgl. Hennies/Sasse, in: Wüllenweber 2004, S. 65ff. / Vgl. Walter 1992, S 295

[6] Hennies/Sasse, in: Wüllenweber 2004, S. 66f.

[7] Vgl. Mattke, in: Wüllenweber 2004,S. 55

[8] Vgl. Hennies/Sasse, in: Wüllenweber 2004, S.69

[9] (Huber zit.n. Mayr-Möldner 2005, 13).

[10] Vgl. Hennies / Sasse, in : Wüllenweber 2004, S.70f.

[11] Hennies/Mittendorf/Sasse 2001,S. 259, zit. n. Hennies/Sasse, in: Wüllenweber 2004, S. 70

[12] Vgl. Mattke, in: Wüllenweber 2004, S. 53

[13] Reuther-Dommer / Stachowiak , zit.n. Mattke in : Wüllenweber 2004, 53

[14] Hennies / Sasse, in : Wüllenweber 2004, S. 71

[15] Vgl. Hennies / Sasse, in : Wüllenweber 2004, S.71ff.

[16] Vgl. Ebd., S.72f.

[17] Vgl. Hennies / Sasse, in : Wüllenweber 2004, S. 67f./ Vgl. Mattke, in : Wüllenweber 2004, S.50

[18] Vgl. Hennies / Sasse, in : Wüllenweber 2004, S. 68f.

[19] Vgl. Ebd., S. 69

[20] Vgl. Mattke, in : Wüllenweber 2004, S. 46

[21] Vgl. Schönwiese 2003, S. 40

[22] Vgl. Ebd., 40

[23] Vgl. Schönwiese 2003,45ff.

[24] Frehe in Schönwiese 2003, 51

[25] zit. n. Walter/ Hoyler-Herrmann 1987, S.134

[26] Vgl. Mayr-Möldner 2005, 18

[27] vgl. Pixa-Kettner 1996, S. 175, zit. n. Treiber, im Internet

[28] Vgl. Ebd., im Internet

[29] Pixa-Kettner 1996, S. 188

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Partnerschaft, Kinderwunsch und sexueller Missbrauch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung
Autor
Jahr
2005
Seiten
56
Katalognummer
V336418
ISBN (eBook)
9783668261983
ISBN (Buch)
9783668261990
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partnerschaft, Kinderwunsch, sexueller Missbrauch, geistige Behinderung
Arbeit zitieren
Özlem Çelik (Autor), 2005, Partnerschaft, Kinderwunsch und sexueller Missbrauch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336418

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