Beobachtungen an der Fassade von Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
27 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geographischer und historischer Kontext

3 Gesamtanlage
3.1 Baugeschichte
3.2 Grundriss
3.3 Restaurierung

4 Westfassade
4.1 Beschreibung
4.2 Bildprogramm
4.3 Deutung

5 Ausarbeitung und Auswirkungen

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung einer für die romanische Baugeschichte Frankreichs bedeutsamen Kirche, die an der der einstigen Schnittstelle zwischen Orient und Okzident gebaut wurde. Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers war in mancher Hinsicht wegweisend für die Errichtung und Gestaltung programmatisch aufgeladener Kirchenfassaden. Nach einer Zusammenfassung der Geschichte von Region, Stadt und Kirche betrachten wir den heutigen Zustand des Bauwerks, insbesondere im Hinblick auf die neuerlich erfolgte Restaurierung. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Westfassade in ihrer wohlproportionierten Gesamtanlage und dem ikonographisch reichhaltigen Bildprogramm, dessen Hauptthema, die Menschwerdung Christi, im Detail aufgezeigt werden soll. Betrachtungen zu Einzelheiten der Ausführung, ihre Bedeutung hinsichtlich der Ausstrahlung von Notre-Dame-la-Grande und die Zusammenfassung der Ergebnisse schließen die Arbeit ab.

2 Geographischer und historischer Kontext

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Poitiers liegt auf einem Bergsporn zwischen den Flüssen Clain und Boivre und beherrscht den Durchgang zwischen armorikanischem Massiv und dem Zentralmassiv. Von den Kelten besiedelt, wurde der Ort, der Limonum genannt wurde, das Haupt- oppidum des gallischen Stammes der Pictones (auch als Pictavi bekannt). Nach der Eroberung durch Caesar entwickelte sich eine blühende römische Stadt mit Fo­rum, Amphitheater, Triumphbogen, Merkurtempel, Thermen etc., die sich im 4. Jh. mit einer weiten Befestigungsmauer umgab.[1]

Der erste Bischof, mit dem sich das Christentum in Poitiers durchsetzte, war der Hl. Hilarius (351-368), ein orthodoxer Vorkämpfer gegen die arianische Häresie. Sainte-Croix, eine der frühesten Klostergründungen, wurde im 6. Jahrhundert von Königin Radegunde gestiftet. Die Tochter des thüringischen Königs Bertachar wurde im Jahre 531 Kriegsbeute ihres späteren Gemahls, des Frankenkönigs Chlothar. Von ihm geschieden, floh sie nach Poitiers, gründete mit den reichen Mitteln, die sie als ehemalige, jedoch unwillige Merowingerkönigin mitbrachte, das Kloster und empfing vom byzantinischen Kaiser die kostbare Kreuzreliquie, die nunmehr dort verehrt wurde und der Abtei ihren Namen gab. Sie starb am 13. August 587 und liegt in Sainte-Radegonde begraben.

Nachdem die Araber die iberische Halbinsel rasch erobert hatten, stießen sie 719 über die Pyrenäen vor und besetzten Narbonne. Die Einnahme des belagerten Toulouse konnte Eudo, der nominell vom fränkischen König abhängige Herzog von Aquitanien, im Jahre 721 noch abwenden. Bald darauf aber erfolgten neue arabische Einfälle in Aquitanien und Burgund.[2] Im Frühjahr 732 startete der neue Statthalter ‛Abdarrahmān von Pamplona aus eine Offensive durch das Baskenland nach Aquitanien, besiegte Eudo bei Bordeaux und erreichte Poitiers, wo die Kirche Saint-Hilaire ein Raub der Flammen wurde. Eudo, der mit dem von den Arabern abgefallenen Berberfürsten Munnūz ein Zweckbündnis zum Schutz vor weiteren arabischen Angriffen eingegangen war, floh hilfesuchend zu Karl Martell, der den Arabern auf ihrem Weg nach Tours mit einem Heer aus Franken und Burgundern entgegentrat. An einem Samstag im Oktober 732 kam es zur Schlacht, in der ‛Abdarrahmān fiel. Sein Heer floh nach Narbonne. Allmählich gelang es Karl in zahlreichen weiteren Kämpfen, die Invasoren aus Südgallien herauszudrängen. Ein Hemmnis des Aufstiegs der Karolinger im Frankenreich fiel damit weg, und so nahm im Jahre 768 Pippin III. Poitiers für sein Herrschergeschlecht in Besitz.

Unter Karl dem Großen wurde Aquitanien Unterkönigreich, das nach dessen Tod sein Sohn Pippin beherrschte. Dieser gründete 828 die Abtei Saint-Cyprien jenseits des Clain extra muros. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des großen Kollegiatstifts Notre-Dame-la-Grande, das nahe dem Grab des hl. Hilarius lag. Im Jahre 838 vereinigte Karl der Kahle nach Pippins, seines Bruders, Tod Aquitanien mit dem Westfränkischen Reich. Es löste sich gegen Ende des 9. Jahrhunderts – nicht zuletzt bedingt durch normannische Einfälle, die wiederholt auch Poitiers plünderten – auf, worauf sich, wie in Deutschland, große Territorien bildeten. Poitiers wurde Hauptstadt der Grafschaft Poitou, Teil des Herzogtums Guyenne (Aquitanien). Das Haus der Grafen von Poitou, die später gleichzeitig Herzöge von Aquitanien waren, trat schon vor Mitte des 9. Jahrhunderts auf, als die karolingische Zentralgewalt zerfiel, und regierte bis zum Jahr 1137.

Seit dem zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts blühte die Grafschaft Poitou wieder auf und erlebte einen starken Bevölkerungszuwachs, der den Neu- bzw. Ausbau von zahlreichen Gotteshäusern nach sich zog. Unter der Obhut seiner mächtig gewordenen Fürsten und einhergehend mit der Kirchenreform, zu deren Zielen es gehörte, den Einfluss von Laien in der Kirche zurückzudrängen, kam es in den nächsten rund 100 Jahren zur Wiederherstellung der Abtei Saint-Cyprien und der Gründung von Sainte-Trinité, Saint-Pierre-le-Puellier, Saint-Nicolas und Saint-Jean-de-Montierneuf, um nur einige zu nennen. Die bereits bestehenden großen Kirchen[3] aber wurden im zeitgenössischen romanischen Stil umgestaltet und ausgeschmückt, so auch Notre-Dame-la-Grande, die unter anderem ihre großartige Westfassade erhielt, die in dieser Arbeit im Folgenden gewürdigt werden soll. Die genannten Umstände sorgten jedenfalls für ein reiches Betätigungsfeld für alle diejenigen, die an den Bau- und Renovierungsarbeiten beteiligt waren. So darf es nicht verwundern, dass die hochromanischen Kirchen zu Poitiers die Kunst ganz Aquitaniens und darüber hinaus beeinflusst haben.

Zur Mitte des 12. Jahrhunderts hin erstarrte die lebendige Sakralkunst der Region, da die neue geistliche Reformbewegung, die einen eremitischen Gegenkurs zum etablierten Mönchtum und dem Prunk des zentralistisch regierenden Papsts steuerte, in Aquitanien nur schwer Fuß fassen konnte. Das Herzogtum hielt dem konservativen (Gegen-)Papst Anaklet II. die Treue und fiel erst nach dessen Tod im Jahre 1138 in den Machtbereich Innozenz’ II. Zum anderen heiratete Eleonore von Aquitanien 1152 ihren zweiten Gemahl Heinrich II. Plantagenêt, Herzog von der Normandie, den späteren König von England. Poitiers geriet damit bald aufs neue zwischen die Fronten zweier großer Reiche, sah im Jahre 1356 die zweite – für die Franzosen katastrophale – Schlacht vor seinen Toren, wechselte mehrmals den Besitzer und erlitt wiederum Plünderei. Erst nach dem Hundertjäh­rigen Krieg, in dessen Verlauf die Stadt vom aus Paris verdrängten Dauphin Karl (VII.) zu einer seiner „Hauptstädte“ emporgehoben wurde, gehörte Poitiers end­gültig zu Frankreich und wurde Universitätsstadt und Verwaltungssitz.[4]

3 Gesamtanlage

3.1 Baugeschichte

Gemäß der frühesten urkundlichen Erwähnung aus dem 10. Jahrhundert, darf man annehmen, dass die Kirche Notre-Dame-la-Grande zur Zeit Karls des Großen erbaut wurde.[5] Der lateinische Name Sancta Maria Major legt die Verbindung zu der nach dem Konzil von Ephesos in Rom errichteten Hauptbasilika nahe.[6] In einer Schrift des Jahres 965 werden uns die Namen der ersten Äbte Lau­non und Séguin überliefert. Das Kapitel der Kanoniker wurde von denselben Äbten geführt, die auch dem Kapitel der Kathedrale[7] angehörten. Ihr Pfarrbezirk erstreckte sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadtmauern. Das zugehörige Kloster wurde im 13. Jahrhundert gebaut und lag nördlich der Kirche. Im 19. Jahrhundert wurde es abge­brochen. Heute befindet sich dort der Hof der Juristischen Fakultät (Abb. 2). So wie die anderen Kirchen des 11. Jahrhunderts sich in Poitiers und anderswo durch tour-porches oder porches profondes (abgesehen von Saint-Jean-de-Montierneuf) im Westen auszeichneten, machte Notre-Dame-la-Grande, so ist zu vermuten, wohl keine Ausnahme.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im 11. Jahrhundert entstand die neue Kirche, die sich durch prachtvolle Skulptu­ren und Malereien, aber auch durch die Verlängerung des Gebäudes und die Schaffung einer reich geschmückten Fas­sade auszeichnete. Nach neuesten Forschungsergebnissen[9] wurde Notre-Dame-la-Grande in ihrer neuen Gestalt am 9. Juli 1086 vom späteren Papst Urban II., einem konsequenten Förderer der gregorianischen Reform, geweiht. Alle anderen Umstände der Bauerweiterung liegen im Dunkeln, genauere Kenntnisse der Gebäudegeschichte erlangen wir erst anlässlich der Hinzufügung von Seitenkapellen im 15. und 16. Jahrhundert.

1385 vermachte Jean de Berry, Graf von Poitou, dem Kloster den Vorplatz südlich der Kirche, und ließ das Mauerwerk vermittels einer Bretterkonstruktion vor abgeladenem Mist und Abfällen schützen. Anfang des 15. Jahrhundert genehmigten die Kanoniker die Errichtung von Seitenkapellen. Die erste (im Nordosten) war Jean de Torsay zugestanden worden. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts vermehrten sich die Familienkapellen um Notre-Dame-la-Grande. So bauten im Jahre 1475 der ehemalige Seneschall Yvon du Fou und seine Frau Anne Mouraud die aufwendige Kapelle Sainte-Anne an der Südseite.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die früheste erhaltene Abbildung aus der Sammlung Gaignières[11] gibt einen Eindruck wieder, wie die Kirche gegen Ende des Mittelalters ausgesehen haben mag. Umgeben von guten Dutzend Marktständen, die lediglich Haupt- und Südportal freiließen, während an der Westfassade vor das Fenster eine Nische gesetzt wurde, die die Statuen der drei Stadtpatrone aufnahm: die Jungfrau der Schlüssel, den hl. Hilarius und die hl. Radegunde. 1562 verwüsteten die Protestanten die Kirche und schlugen vielen Statuen an der Fassade die Köpfe ab. Abgesehen von Restaurierungen blieb Notre-Dame-la-Grande von da an bis auf den heutigen Tag unangetastet.

3.2 Grundriss

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kirche ist dreischiffig und hat einen Chorumgang mit Radialkapellen, aber kein Querhaus. Es fehlt also der kreuzförmige Grundriss, was für ein Gotteshaus dieser Bedeutung bemerkenswert ist. Das Joch zwischen Mittel­schiff und Chor, deren Längsachsen voneinander etwas abweichen, erfährt stärkere Betonung, denn hierüber erhebt sich der Glockenturm. In Höhe der Mitte des Kirchenschiffes schließt sich an die Südwand eine kleine romanische Vorhalle an. Die sehr schmalen Seitenschiffe werden direkt beleuchtet, das höhere und breitere Mittel­schiff ist jedoch relativ dunkel, da das Licht lediglich durch das Fenster in der Westwand fallen kann. Der Bau weist also aus heutiger Sicht eine Reihe von Unvollkommenheiten auf.

[...]


[1] Länger der Mauer: 2,6 km, umwehrtes Areal: 43 ha, nach: Robert Favreau, Art. Poitiers, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von Norbert Angermann u.a., München 1995, Bd. 7, Sp. 40.

[2] 725 Zerstörung von Autun.

[3] Saint-Hilaire-le-Grand, Sainte-Radegonde, Saint-Nicolas, Saint-Porchaire, Saint-Jean-de-Montierneuf u.a., nach Anat Tcherikover, High Romanesque Sculpture in the Duchy of Aquitaine, c.1090-1140 (= Clarendon Studies in the History of Art, Nr. 18), Oxford 1997, S. 7.

[4] Das heutige Poitiers hat 83.000 Einwohner und ist Hauptstadt der Region Poitou-Charentes und des Départements Vienne.

[5] Erste Erwähnung vom 20. Juni 924 im Chartularium von Saint-Sauveur der Abtei Redon, ed. in: Aurélien de Courson (Hrsg.), Cartulaire de l’abbaye de Redon en Bretagne (= Collection de documents inédits sur l’histoire de France. 1. Histoire politique), Nr. 283, S. 230, zit. nach: Robert Favreau, L’église et l’établissement canonial au Moyen Age (IXe-XVe s.), in: Marie-Thérèse Camus und Claude Andrault-Schmitt (Hrsg.), Notre-Dame-la-Grande de Poitiers. L’Œuvre Romane, Paris 2002, S. 16, Anm. 5. Vgl. auch die entsprechende Internetpräsentation: Cartulaire de l'Abbaye de Redon, http://www.ouest-france.fr/dossiershtm/
cartulaire/.

[6] Das dritte ökumenische Konzil, das in Ephesos im Jahre 431 stattfand, legte die Gottesmutterschaft Mariens als verbindliche christliche Lehraussage fest.

[7] Saint-Pierre, die Mitte des 12. Jahrhunderts begonnene Kathedrale, wurde erst 1379 geweiht, nach: Robert Favreau, Art. Poitiers, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von Norbert Angermann u.a., München 1995, Bd. 7, Sp. 41.

[8] Gegen Ende des 11. und zu Anfang des 12. Jahrhunderts begegnet uns die Errichtung einer großen, programmatisch durchgestalteten Fassade vielerorts in Frankreich (z. B. Parthenay-le-Vieux, Aulnay, Civray, Saint-Jouin-de-Marnes).

[9] Robert Favreau, L’église et l’établissement canonial au Moyen Age (IXe-XVe s.), in: Marie-Thérèse Camus und Claude Andrault-Schmitt (Hrsg.), Notre-Dame-la-Grande de Poitiers. L’Œuvre Romane, Paris 2002, S. 17-19.

[10] Robert Favreau, L’église et l’établissement canonial au Moyen Age (IXe-XVe s.), in: Marie-Thérèse Camus und Claude Andrault-Schmitt (Hrsg.), Notre-Dame-la-Grande de Poitiers. L’Œuvre Romane, Paris 2002, S. 27-31.

[11] Bibliothèque nationale de France, Va 412a.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Beobachtungen an der Fassade von Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Romanische Monumentalskulptur in Frankreich
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V33643
ISBN (eBook)
9783638340717
Dateigröße
2523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Eine kluge und sorgfältige Auseinandersetzung mit diesem schönen Bauwerk." Kommentar des Korrektors
Schlagworte
Beobachtungen, Fassade, Notre-Dame-la-Grande, Poitiers, Romanische, Monumentalskulptur, Frankreich
Arbeit zitieren
Julian Redlin (Autor), 2003, Beobachtungen an der Fassade von Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33643

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