Xavier Naidoo im Shitstorm. Möglichkeiten und Grenzen der Reputationswiederherstellung


Seminararbeit, 2016

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Praktische Herleitung: Erläuterung und Herleitung des Sachverhalts
2.1 Reaktionen der Gesellschaft
2.2 Reaktionen der Medien
2.3 Reaktionen einiger prominenter Künstler
2.4 Reaktion des Senders NDR
2.5 Reaktion von Xavier Naidoo
2.6 Zusammenfassung der Zwischenergebnisse

3 Theoretische Ableitung der praktischen Grundlegung
3.1 Reputation im Kontext der Mediengesellschaft
3.2 Reputation als Element des Issue Managements
3.3 Reputationswiederherstellung und -sicherung
3.3.1 Möglichkeiten der Reputationswiederherstellung und -sicherung
3.3.2 Grenzen der Reputationswiederherstellung und -sicherung

4 Maßnahmen der Reputationswiederherstellung am Beispiel Xavier Naidoos im Kontext der Mediengesellschaft
4.1 Reputation Naidoos
4.2 Reputation der Sender NDR und ARD

5 Schlussbetrachtung

6 Verzeichnis über verwendete Quellen
6.1 Literatur
6.2 Studien / Paper
6.3 Online-Presse

7 Anhang

1 Einleitung

Ein Shitstorm (engl. „firestorm“) bezeichnet eine Krise, bei der innerhalb von kürzester Zeit kritische Berichte, Nachrichten und Kommentare zu bzw. über ein Objekt in den Medien verbreitet werden (Gathmann, 10.06.2010).1 Durch die kritischen Äußerungen über ein Objekt kann dessen Reputation angegriffen und somit verringert werden (vgl. Himmelreich et al, 2015, S. 183). Auslöser der kritischen Äußerungen und damit einhergehende Motive für einen Shitstorm sind nach Coombs der Abbau von Frust/Ärger, der Infragestellung des gesellschaftlichen Auftrags, der Kundenservice und der falschen Nutzung von Social Media (vgl. Coombs, 2014, S. 7).

Diese Seminararbeit ist im Rahmen der Veranstaltung „Shitstorms“ entstanden. Sie soll die Möglichkeiten und Grenzen der Reputationswiederherstellung am Beispiel des deutschen Sängers Xavier Naidoo beleuchten. Hierfür wurde die folgende Forschungsfrage entwickelt:

Inwiefern lassen sich die Reaktionen der Beteiligten in die vorliegende Theorie einordnen und wie sind die Reaktionen fachlich zu bewerten?

In der praktischen Herleitung (Kapitel 2) wird der deutsche Sänger Naidoo vorgestellt. Es wird erläutert, wie sich seine Reputation im Laufe eines Zeitraums durch öffentliche Auftritte und geäußerte Ansichten entwickelt hat. Es bildet die Grundlage für die Zusammenfassung und Klusterung der Medienberichte mit dem Ziel, die unterschiedlichen Perspektiven auf Sachverhalte und Positionen zu verdeutlichen. Aus der praktischen Herleitung werden im Kapitel 3 die theoretischen Zusammenhänge abgeleitet. Es werden relevante Begriffe wie Reputation und Issue Management definiert und Möglichkeiten der Reputationswiederherstellung und -sicherung aufgedeckt. Die praktische Herleitung und die theoretische Ableitung werden in Kapitel 4 in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Die Vorgehensweise der Beteiligten in der praktischen Herleitung wird fachlich bewertet und es werden Maßnahmen abgeleitet. Dabei wird die Forschungsfrage zusammenfassend beantwortet. Die Schlussbetrachtung (Kapitel 5) fasst noch einmal die Kernaussagen der Arbeit zusammen. Hier wird die Verfasserin dieser Arbeit eine kurze kritische Stellungnahme zur Arbeit abgeben.

2 Praktische Herleitung: Erläuterung und Herleitung des zugrunde liegenden Sachverhalts

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) gab am 19. November 2015 bekannt, dass der deutsche Popsänger Xavier Naidoo die Bundesrepublik Deutschland bei dem Wettbewerb Eurovision Song Contest (ESC) 2016 repräsentieren soll (Hamburger Abendblatt, 23.11.2015). So veröffentlichte der NDR auf seiner Homepage die Pressemitteilung „Eurovision Song Contest 2016: Xavier Naidoo singt für Deutschland“ und kündigt damit einen der „erfolgreichsten Künstler Deutschlands“ als Vertreter beim ESC 2016 an (NDR, 19.11.2015). Naidoo wurde am 02.10.1971 in Mannheim, Deutschland als Kind eines Inders und einer Südafrikanerin geboren (vgl. Who is Who, 15.02.2016). Der ESC (deutsch: Liederwettbewerb der Eurovision) ist ein Musikwettbewerb an dem die Länder teilnehmen dürfen, die Mitglied in der europäischen Rundfunkunion (EBU) sind (vgl. Eurovision FAQ, 15.02.2016).

Die Reaktionen auf die Ankündigung divergierten sehr voneinander und es begann eine intensive Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern der Nominierung Naidoos. Nach den massiven Widerständen entschied sich der NDR um und zog die Nominierung zurück (vgl. Spiegel Online, 21.11.2015). Der NDR begründete seinen Rückzug damit, dass der Sänger in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Anlässen durch kontroverse politische Äußerungen negativ auffiel (vgl. Hamburger Abendblatt, 23.11.2015). Naidoo ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger, jedoch auch gleichzeitig einer der umstrittensten (vgl. RP Online, 19.11.2015). So äußerte er sich zum Beispiel bereits 1999 in einem Interview mit der Zeitschrift Musikexpress: „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim" (RP Online, 23.11.2015). Im Jahr 2011 im Morgenmagazin von ARD(Fernsehsender ARD: Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) und ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag, und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei" (RP Online, 23.11.2015). Im selben Jahr klagte Naidoo ehemalige Regierungsmitglieder wegen Hochverrats im Rahmen der Finanz- und Bankenkrise an. "Da bin ich zwar erstmal abgewiesen worden, klage aber weiter. Ich habe recherchiert und Anwälte bemüht, um zu sehen, was möglich ist. Denn oftmals lassen die Gesetze solche Klagen nicht zu, weil die Staaten die Verantwortlichen schützen wollen", so Naidoo (Schokarth, 05.12.2011).

Im Jahr 2012 veröffentlichte Naidoo gemeinsam mit dem deutschen Rapper Kool Savas ein Lied mit dem Titel "Wo sind sie jetzt", das den Eindruck vermittelt, Naidoo sei homophob (vgl. RP Online, 23.11.2015). "Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht, Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet. Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe" ist eine Zeile aus diesem Lied. Die beiden Sänger, die Verantwortlichen der Vertriebsfirma Tonpool Medien GmbH sowie der Plattenlabels Naidoo Records und Essah Entertainment wurden nach der Veröffentlichung des Lieds von der Jugendorganisation der Linkspartei ['solid] und der Landesarbeitsgemeinschaft queer.NRW wegen Volksverhetzung und dem Aufruf zum Totschlag bei den Staatsanwaltschaften in Berlin, Mannheim und Hannover angezeigt (DieLinke, 15.11.2012). Naidoo verteidigt sich in einem Interview gegenüber dem niedersächsischem Radiosender FFN: "Da geht es um furchtbare Ritualmorde an Kindern, die tatsächlich ganz viel in Europa passieren, über die aber nie jemand spricht, nie jemand berichtet." (RP Online, 23.11.2015). Am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2014 sprach er vor rechtspopulistisch orientierten Bürgern im Berliner Regierungsviertel, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen. Daraus wurde von den Medien geschlussfolgert, dass Naidoo ähnlich gesinnt sei, wenn er vor ihnen spricht (RP Online, 23.11.2015). Dem entgegnete Naidoo, „ich hab keine Ahnung, wer hier steht, ich repräsentiere die Liebe.“ Naidoo kritisierte auf derselben Veranstaltung die Darstellung der Terroranschläge in den USA am 11.09.2001 und sagte "Wer das als Wahrheit hinnimmt, was da geschehen ist, der hat den Schleier vor den Augen." (RP Online, 23.11.2015). Auf dem US- amerikanischen Videoportal YouTube-Video veröffentlichte der Sänger ein Video, in dem er fragt ob „Deutschland 'ne Verfassung (hat)? Weil wir eigentlich kein richtiges Land sind, sondern immer noch besetzt (sind)?" Er forderte das Publikum auf, Informationen zu hinterfragen und nicht als gegeben hinzunehmen, „macht euch schlau, vielleicht ist das, was wir erzählt haben aber auch alles Bullshit", (RP Online, 23.11.2015). Die Amadeu Antonio Stiftung veröffentlichte auf ihrer Website „Netz-gegen- nazis.de“ einen Artikel über diesen Auftritt mit dem Titel „Xavier Naidoo: Telegramm für X oder wie bringe ich Reichsbürger-Inhalte ins Fernsehen“. Naidoo stellte daraufhin bei dem zuständigen Gericht einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung. Dieses Verfahren wurde im Sommer 2015 mit einem Vergleich beendet (Prothmann, Rhein Neckar Blog, 29.08.2015). Die Stadt Mannheim kritisierte Naidoo ebenfalls wegen des Auftritts und erkannte ihm seinen Ehrenbürgertitel ab, da, laut Aussage des Mannheimer Oberbürgermeisters Peter Kurz, Naidoo folgende Aussage: "im Einzelnen radikal libertäre, anti-staatliche Positionen, mit denen wir uns als Stadt in keiner Weise identifizieren können" (Rhein Neckar Zeitung, 10.10.14) vertrete.

2.1 Reaktionen der Gesellschaft

Die Gesellschaft reagierte teils mit großem Widerstand auf die Nominierung Naidoos, Deutschland beim ESC 2016 zu repräsentieren. Insbesondere in den sozialen Medien äußerten sich Organisationen und Privatpersonen zu der Nominierung (vgl. W&V, 23.11.2015). Der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) bezeichnete die Nominierung als "äußerst kritisch", da seine Lieder nach Aussage des Verbandsprechers Tobias Zimmermann Gewaltfantasien gegen Homosexuelle schüren würden (LSVD, 16.02.2015). In den sozialen Netzwerken erschienen diverse Posts, zum Beispiel auf Twitter: „Ich finds toll, dass Deutschland einen latent homophoben Religionsklemmi zur schwulsten Veranstaltung des Jahres schickt. #ESC2016 (Carline Mohr, Mohrenpost, 19.11.15) oder „Wir schicken also nen neurechten Verschwörungsgläubigen zum #ESC? Hatte gehofft, das wär noch nicht repräsentativ für Schland. #XavierNaidoo (KWiNK, LeKWiNK, 18.11.2015). Twitter-User Goschi postete am 23.11.2015: „Die Tweets sind doch nicht das ausschlaggebende gewesen, aber der Sturmlauf über jede Ebene (Petitionen, Zeitungsartikel, Feuilleton-Berichte, Leserbriefe, usw. usf.) sehr vieler Seiten war durchaus erheblich. Und das zu Recht, jemand wie X. Naidoo, der mit gefährlichen Meinungen aus dem Portfolio rechtsnationalistischer Esoteriker hausieren geht kann keine Vertretung für ein Land an so einer Veranstaltung sein, ein öffentlich rechtlicher Sender darf so jemandem nicht auch noch eine Plattform bieten.“

Auch aus der Politik kam Widerstand. "Es ist kein Zeichen von Stärke, wenn die ARD nicht mehr dem Zuschauerwillen vertraut, sondern einfach mal festsetzt, welcher Künstler Deutschland beim ESC repräsentieren soll. Demokratie sieht anders aus", so die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Claudia Roth (Spiegel Online, 15.02.2016). In einer Meinungsumfrage der Tageszeitung Tagesspiegel (Anzahl Teilnehmer 5003) stimmten 51% für die Teilnahme Naidoos und 49% gegen seine Teilnahme am ESC (Stand 15.02.16, Tagesspiegel, 15.02.2016). Gleichzeitig fragte die Zeitung, ob der NDR die Nominierung Naidoos zurecht zurückgezogen hat. 32% antworteten mit Ja und 68% mit Nein (Tagesspiegel, 15.02.2016). Die Online Petition gegen die Teilnahme Naidoos, eröffnet von Tobias Langer, haben 13.066 Menschen (Stand 26.11.2015, 17:31 Uhr) unterzeichnet (Online Petition Deutschland).

Zwischen den Posts und Beiträgen, die eine Abneigung gegen Naidoos Nominierung ausdrückten, fanden sich auch Unterstützer. Auf Facebook schrieb der User Ron Collins (23.11.2015): „Billiger shitstorm-Hype! Eine Handvoll halbschlaue wettern gegen einen der besten Sänger Deutschlands?? Nur weil er sich für Themen ausspricht, für die andere zu feige sind? Traurig... Aber er soll und wird darüber stehen können. Er muss niemanden was beweisen. Bitte, nehmt diese elenden Twittern nicht so für voll!!“ Als Antwort auf die Online-Petition gegen die Teilnahme wurde eine Petition von Helmut Richard Brox für die Teilnahme Naidoos erstellt („Deine Stimme für Xavier Naidoo. Jetzt erst recht Solidarität zeigen“, Online-Petition, 20.11.2015). 8.403 Teilnehmer unterstützten Naidoo mit ihrer Unterschrift (Stand 27.11.2015, 07:18 Uhr).

2.2 Reaktionen der Medien

In den verschiedensten Medienformaten wie Zeitungen, Online Presse und Fernsehen haben auch ihre Vertreter Stellung genommen. Die Zeit Online postete am 19.11.2015 auf Twitter „Die ARD schickt Xavier #Naidoo für Deutschland zum #ESC und bringt sich in Erklärungsnot.“ Mit Aussagen: „Wenn das Netz die Kontrolle übernimmt“, (RP Online, 23.11.2015), „Dieser Holzweg“, (Spiegel Online, 21.11.2015, in Anlehnung an Naidoos Lied „Dieser Weg“) oder „ARD und Xavier Naidoo - Waterloo“ (Tagesspiegel, 24.11.2015, in Anlehnung an die Schlacht von Waterloo im Jahr 1815) titelten Zeitschriften, Online-Zeitungen und Posts in den sozialen Medien. Die MAZ (Märkische Allgemeine Zeitung) empfahl dem NDR „einfach mal zu googeln“, denn das „hätte es dabei geholfen, vorher zu erkennen, welche Sprengkraft die Idee hatte, Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest 2016 zu schicken“, (MAZ Online, 23.11.2015). Online Plattformen erhoben Umfragen und erstellten Petitionen sowohl für als auch gegen die Nominierung von Xavier Naidoo (vgl. Watson, 21.11.2015). Die geäußerte Kritik war sehr groß und nach Meinung der RP Online „in Teilen berechtigt und in Teilen überspitzt“ (23.11.2015). Dieses Verhalten sei bei einer Netzdebatte aber durchaus üblich (vgl. RP Online, 23.11.2015). An den Reaktionen der Medien selbst wird deutlich, welche Macht das Internet auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung in der Diskussion um die Nominierung Naidoos hat (RP Online, 23.11.2015). Der Programmleiter im Bereich Fiktion und Unterhaltung beim NDR Thomas Schreiber hat, laut RP Online, diese Macht unterschätzt und das Internet vergessen einzubinden. Der Hashtag #XavierNaidoo schaffte es innerhalb von Stunden in die „Trending Topics“ bei Twitter (vgl. RP Online, 23.11.2015). Damit hat das NDR Schwäche gezeigt und RP Online empfahl, dass die „Entscheidungsträger (des NDR) den Umgang mit den Dynamiken im World Wide Web schnell lernen (sollten)“, (RP Online, 23.11.2015).

Neben den starken Widerständen zeigten sich in den sozialen Medien auch Befürworter der Nominierung. So antwortete Spiegel Online auf die negativen Kommentare: „Es ist nicht ein rechtsextremer und schwulenfeindlicher Verschwörungstheoretiker von der Bundesregierung als deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen bestellt worden. Es ist ein passabler und erstaunlich erfolgreicher Soulmusiker vom NDR gebeten worden, bei einem paneuropäischen Hüpf- und Gesangswettbewerb aufzutreten (…)“, (Spiegel Online, 21.11.2015). Auch die MAZ versuchte zu hinterfragen: „Ist mit Naidoo fair umgegangen worden? Nein. Er ist kein Engel, er hat viel Mist geredet. Aber das gilt auch für seine Jäger“, (MAZ Online, 23.11.2015). Spiegel Online wies weiter darauf hin, dass Naidoo „nun einmal einer der erfolgreichsten deutschen Popstars (…)“ und seine Nominierung im Grunde „eine sichere Bank (…)“, sei. Er sei ein „Messias des Mainstream, der dessen bizarre Ansichten nicht teilen muss, um sich an seiner Stimme zu erfreuen“, (Spiegel Online, 21.11.2015). Auch die Verhaltensweise des NDR Naidoo im Alleingang zu nominieren, fand in den Medien Beachtung. Nach den starken Widerständen und der Rücknahme der Nominierung Naidoos, wurde der NDR öffentlich scharf kritisiert. „Das Hin und Her offenbart, wie ahnungslos die Verantwortlichen sind - und wie wenig Rückgrat sie haben“, (Spiegel Online, 21.11.2015).

2.3 Reaktionen einiger prominenter Künstler

Künstlerkollegen Naidoos befürworteten die Nominierung und unterstützen ihn durch ihre Posts auf Facebook und Twitter. So veröffentlichte der deutsche Komiker und Autor Michael Mittermeier am 20.11.2015 ein Foto von sich und Naidoo mit einem Statement auf Facebook, mit dem er seinen Freund und Kollegen unterstützen will: „Es ist unglaublich mit welcher Hetze Xavier durch die Presse getrieben wird, weil er nun für uns beim ESC antreten soll. Viele Journalisten sollten sich schämen, in Dauerschleife ein paar Zitate abzuschreiben (wow, immerhin 5) - einfach willkürlich aus verschiedenen Jahren und jeweils aus jeglichem Zusammenhang gerissen. Das ist wirklich die billigste Form von widerlicher Meinungsmache. Homophobie, Rassismus und Rechtsextremismus“, (Facebook Seite von Michael Mittermeier, 20.11.2015, Originalpost im Anhang). Am nächsten Tag bezeichnete er den Verlauf der Bekanntgabe der Nominierung und die darauffolgenden Reaktion in den Medien als einen „billig initiierten Presse-Shitstorm“, (Facebook Seite von Michael Mittermeier, 21.11.2015, Originalpost im Anhang). Der deutsche Schauspieler und Produzent Til Schweiger teilte das Bild von Mittermeier, dass Naidoo und Kollegen zeigt und unterstützte die Aussage von Mittermeier. Er bezeichnete den Shitstorm als „Form von Terrorismus“ und forderte die Facebook-Gemeinde auf, sich auf andere Probleme zu konzentrieren (Facebook Seite von Til Schweiger, 20.11.2015, Originalpost im Anhang). Auch der deutsch-irische Sänger Rea Garvey spricht sich für Naidoo und gegen das Verhalten der Medien und der Gesellschaft aus. „Jeder der denkt, ich würde mein Zuhause mit einem Rassisten, einem Schwulenhasser oder einem Extremisten teilen, der kennt mich nicht und will es wahrscheinlich auch nicht, weil die Lügen und Unwahrheiten eine Welt schaffen, in der sich Hater wie Helden in einem Fantasyfilm fühlen. Diese Männer sind meine Freunde und wenn ich an ihrer Seite stehe, dann würde ich sie als meine Brüder bezeichnen“, (Facebook Seite von Rea Garvey, 20.11.2015, Originalpost im Anhang). Auch die deutsche Band PUR reagierte mit Unverständnis auf den Shitstorm: „Die negative Stimmen zu diesem Thema haben wir mit Unverständnis aufgenommen und können diese nicht teilen. Wir haben Xavier als toleranten, respektvollen und von christlichen Werten geprägten Menschen erlebt, der sich kümmert, neugierig und weltoffen ist“, (Facebook Seite von PUR, 20.11.2015, Originalpost im Anhang). Ironisch beleuchtete der ehemalige Handballspieler Stefan Kretzschmar den Shitstorm: „Xavier doch nicht für Deutschland beim ESC 2016. Die Begründung würde Sie nur verunsichern“ (news.de, 21.11.2015) und nimmt damit Bezug auf die Aussage von Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach der Absage des Länderspiels Deutschland gegen die Niederlande aufgrund einer Terrorwarnung (Die Welt, 18.11.2015).

Insgesamt haben sich rund 120 deutsche/internationale Prominente, darunter Künstler, Kulturschaffende und Vertreter der Musikindustrie, für die Nominierung und Teilnahme Xavier Naidoos am ESC 2016 ausgesprochen. Initiiert durch Naidoos Konzertveranstalter Marek Lieberberg haben Prominente1 am 27.11.2015 eine ganzseitige Anzeige (s. Anhang) in der Tageszeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung mit der Überschrift „Menschen für Naidoo“ geschaltet. Auch aus der Politik kamen Unterstützer, zum Beispiel der Abgeordnete Lars Zimmermann (CDU) oder die Pastorin und Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) Antje Vollmer (vgl. Feddersen, 30.11.2015).

2.4 Reaktion des Senders NDR

Der Öffentlich-Rechtliche Sender NDR reagierte überrascht auf den breiten Widerstand. „Es war klar, dass er polarisiert, aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht", erklärte Programmleiter Bereich Fiktion & Unterhaltung beim NDR Thomas Schreiber (Facebook Seite des NDR, 21.11.2015, Originalpost im Anhang). Laut ARD-Programmdirektor Volker Herres war die Entscheidung für die Nominierung Naidoos allein Schreibers Idee. Er betonte, dass auch der Entschluss der Rücknahme der Nominierung allein vom NDR gefasst worden sei. Damit wies Herres die Schuldzuweisungen von der Sendegemeinschaft ARD, zu der der NDR gehört, zurück und sagte der Zeitung Welt am Sonntag, dass "die Nominierungs-Entscheidung beim NDR (liegt), der den ESC allein verantwortet und in das ARD- Gemeinschaftsprogramm einbringt", (W&V, 23.11.2015). Diskussionen gab es innerhalb des Senders nicht nur wegen der Vorgehensweise sondern auch wegen des Sachverhalts der Nominierung Naidoos. Naidoo habe "mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss", so Programmdirektor Volker Herres (Hamburger Abendblatt, 23.11.2015). "Wir haben das (die Reaktionen der Öffentlichkeit) falsch eingeschätzt.“ Kurze Zeit später teilte Schreiber in einer Pressemitteilung mit, dass die „laufenden Diskussionen dem ESC ernsthaft schaden (könnten und das) aus diesem Grund Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten (wird)“, (NDR, 21.11.2015).

2.5 Reaktion von Xavier Naidoo

Naidoo selbst reagierte mit einem Post auf seiner Facebook Seite auf die Widerstände in Form eines Shitstorms. „Vor einigen Monaten ist die ARD auf mich zugekommen und hat mich gebeten, im nächsten Jahr für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm anzutreten. Das war der alleinige Vorschlag der ARD. Ich habe nach reichlicher Überlegung schließlich zugesagt, weil dieser Wettbewerb (der ESC) ein ganz besonderes Ereignis für mich gewesen wäre.“ Auf die Rücknahme der Nominierung antwortete Naidoo, dass, wenn sich die „Entscheidung geändert (hat), (es) das ok für mich (ist). Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst“, (Facebook Seite von Xavier Naidoo, 21.11.2015, Originalpost im Anhang). Die Sprecherin des Künstlers, Merle Lotz, machte zu vertraglichen Details keine Angaben und verwies auf die Äußerungen Naidoos auf seiner Homepage und bei Facebook (vgl. W&V, 23.11.2015).

2.6 Zusammenfassung der Zwischenergebnisse

Die Reaktionen der Gesellschaft, der Medien, des Senders NDR und Naidoos selbst zeigen, wie emotional eine Pressemitteilung aufgenommen werden kann. Hier wird sehr deutlich, welchen signifikanten Einfluss die beteiligten Parteien auf den Verlauf des Shitstorms und auf die Reputation eines Künstlers (im weiteren Verlauf dieser Arbeit als Objekt bezeichnet) haben kann (vgl. Coombs, 10 2007, S. 163). Die bisherigen Auftritte, Aussagen und Ansichten die der Sänger geteilt hat und die in den Medien publiziert worden sind, haben zu einer schlechten Reputation geführt. Diese Historie führte zu der Rücknahme der Nominierung Naidoos für den ESC 2016. Auslöser der kritischen Äußerungen und damit einhergehend das Motiv für diesen Shitstorm sind nach Coombs der Abbau von Frust/Ärger der Stakeholder über Naidoo und der Infragestellung des gesellschaftlichen Auftrags Naidoos (vgl. Coombs, 2014, S. 7). Dieser Sachverhalt soll im Folgenden theoretisch abgeleitet werden.

[...]


1 Im dpa-Archiv scheint Shitstorm erstmalig im Februar 2012 aufzutauchen, die ersten Medienberichte stammen aus dem Sommer 2010 (Lobo, 19.02.2013).

1 U.a.: Alex Auer, Mario Adorf, Azad, Farid Bang, David Banks, Birgit Bauer, Dirk Baur, Tom Beck, Dirk Becker, Tim Bendzko, Tom Boy, Roswitha Brenner, Heinz Canibol, Anja Caspary, Yvonne Catterfeld, Bülent Ceylan, China, Roger Cicero, Jan Delay, Samy Deluxe, Die Prinzen, Dr. D, Astrid Eckstein, Philippe van Eecke, Willy Ehrmann, El PresidenTe D, Angelica Fleer, Katja Friedberg, Andreas Gabalier, Joe Garvey, Rea Garvey, Gerd Gebhardt, Jorge Gonzales, Prof. Dr. Christof Graf, Peter Gramsch, Matthias Grosch, Ralf Gustke, Michael Herberger, Bernd Herrmann, Marcus Hotze, Annette Humpe, Karsten Jahnke, Jacky Jedlicki, Christian Jürgens, Jürgen Jürgens, Jules Kalmbacher, Sophie Kammann, Guido Karp, KC Rebell, Mark Keller, Michael Klimas, Ralf Kokemüller, Michael "Kosho" Koschorrek, Julia Kraushaar, Heinz Rudolf Kunze, Peer Kurrer, Jochen Leuschner, Marek Lieberberg, Andre Lieberberg, Daniel Lieberberg, Hagen Liebing, Jan Josef Liefers, Johnny Logan, Michael Lohmann, Konrad von Löhneysen, Anna Loos, Edward Maclean, Tim Wälzer, Robbee Mariano, Milan Martelli, Silke Marthen, Alexander Maurus, Mario Mendrzycki, Gregor Meyle, Gudrun Mittermeier, Michael Mittermeier, Mousse T, Mr. Dürr, Patrick Mushatsi-Kareba, Max Matzke, Nature Tom, Ingo Nommsen, Tino Mac, Kay One, Neil Palmer, Miriam Bielhau, Friederike Pracht, Katharina Pracht, Peter Pracht, Pur, Alex Richter, Ruben Rodriguez, Nico Röger, Julia Röntgen, Michael Russ, Dominik Sanz, Sasha, Kool Savas, Rabea Schif, Richard Schönherz, Atze Schröder, Klaus-Peter Schulenberg, Til Schweiger, Linda Seidensticker, Billy, Sir Thomas, Rüdiger Skoczowsky, Rolf Stahlhöfen, Michael Stark, Christina Stürmer, Nico Suave, TaiDai, Tdissooo!, The Bosshoss, Thomas D, Antje Vollmer, Steffen Wink, Daniel Wirtz, Dr. Frank Wolf, Thomas Wolf und Lars Zimmermann (Stern, 28.11.2015)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Xavier Naidoo im Shitstorm. Möglichkeiten und Grenzen der Reputationswiederherstellung
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Unternehmensentwicklung)
Veranstaltung
Shitstorms - Eine Betrachtung aus Unternehmens- und Konsumentensicht
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V336452
ISBN (eBook)
9783668263338
ISBN (Buch)
9783668263345
Dateigröße
1331 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
shitstorm, naidoo, marketing, pr, public relations, social media, reputation, Reputationswiederherstellung, Reputationssicherrung
Arbeit zitieren
Sandra Intemann (Autor:in), 2016, Xavier Naidoo im Shitstorm. Möglichkeiten und Grenzen der Reputationswiederherstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336452

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