"Don Carlos, Infant von Spanien" Szene V/10. Eine Analyse


Referat / Aufsatz (Schule), 2008

3 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Thema:Schillers „Don Carlos“, ein dramatisches Gedicht zwischen Absolutismus und Aufklärung

Text: Friedrich Schiller DON CARLOS, Infant von Spanien. – insbesondere Szene V/10 (S. 219-224), also die vorletzte Szene der sogenannten „Katastrophe“

Aufgabe: Analysieren und interpretieren Sie die Szene V/10 nach dem linearen Verfahren

In dem zehnten Auftritt des fünften Aktes aus dem Drama „Don Carlos – Infant von Spanien“, welches von Friedrich Schimmer 1787 veröffentlicht wurde, geht es um einen Konflikt zwischen König Philipp II. und dem Großinquisitor über das Verhalten des Regenten in Bezug auf den Marquis von Posa.

Die Handlung ereignet sich zur Zeit Philipps II., dem Sohn des großen spanischen Königs und römischen Kaisers Karl V., also im 16. Jahrhundert. Philipp regiert im Vergleich zu seinem weltoffenen Vater Karl in eher despotischer und konservativer Manier. Der spanische Königshof wird von Gerüchten über mögliche Inzucht in der Herrscherfamilie geplagt und in den spanischen Niederlanden, dem heutigen Holland und Belgien, droht ein Glaubenskonflikt revolutionären Charakters. Vor allem die Flandern fordern die Legitimität ihres protestantischen Glaubens. Der König, verlassen von seinem angestammten Berater, weiß keinen Ausweg mehr und vertraut auf den lang ersehnten „Menschen“ (vgl. III/5) Marquis von Posa. Nachdem dieser ihm seine Visionen und Ideen deutlich gemacht hat, nimmt Philipp ihn in seinen Dienst (vgl. III/10). Posa allerdings nutzt diese Chance aus und verfolgt weiter eigene Motive. Der König bemerkt die Intrige und lässt den Marquis, welchen er trotz seines protestantischen Glaubens nicht der Inquisition überlieferte, am Ende des Dramas ermorden (vgl. V./3). Carlos versucht den Plan Posas, die zu Spanien gehörenden Niederlande zu befreien, zu vollenden und gerät damit selbst ins Visier der Inquisition. Der König weiß nicht mehr weiter und bittet seinen „Lehrer“ (V. 5147), den Großinquisitor um Rat. Dieser tadelt den König für seine verfehlte Politik und fordert am Schluss der Szene Carlos als Opfer für die Inquisition ein. Es ist zu vermuten, dass Don Carlos, genau wie Posa, am Ende des Stücks stirbt. Damit wäre die Katastrophe perfekt. Zu Beginn der Szene V/10 erscheint der blinde Inquisitor auf Wunsch Philipps in einem Vorzimmer des Königs. Beide führen nach langer Zeit wieder ein Gespräch. „Ich erneure einen Auftritt / Vergangener Jahre“ (V. 3145 f.). Der Großinquisitor, als Vorsitzender der Inquisition ein mächtiger Mann im absolutistischen Spanien des 16. Jahrhunderts, war für die Ausbildung Philipp II. und auch Karl V. zuständig. Nach Auffassung des Inquisitors war Karl V. der bei weitem bessere Herrscher, wenn er sagt: „Rat bedurfte / Mein Zögling Karl, Ihr großer Vater, niemals“ (V. 5147 f.). Die Inquisition beeinflusste damit schon früh das Denken und spätere Handeln der spanischen Monarchen. Anliegen Philipps ist der Mord an Posa. „Ich habe / Gemordet, Kardinal und keine Ruhe “ (V. 5149 f.). Philipp spricht von einem „Betrug, der ohne Beispiel ist “ (V. 5149 f.), doch der Inquisitor weiß schon seit langem um das Geschehen und den Menschen Posa (vgl. V. 5153 f.). Die Inquisition ist bereits seit langem über Posa informiert, da er als Ketzer bekannt war und beschattet worden ist. „Sein Leben / Liegt angefangen und beschlossen in / Der Santa Case heiligen Registern“ (V. 5155 ff.). Philipp ist erstaunt und die wahre Macht der Inquisition, die vom Dominikanerorden administriert wird, offenbart sich. „Er war schon außer meines Reiches Grenzen“ (V. 5160). „Wo er sein mochte, war ich auch“ (V. 5161). Diese Aussagen von König und Inquisitor verdeutlichen, dass die Inquisition über ein noch weit größeres Gebiet herrscht als das spanischen Königshaus. Neben Spanien herrschte die Inquisition auch in anderen europäischen Ländern wie Portugal, Italien oder dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Es wird deutlich, dass König und Inquisition nicht kooperativ zusammenarbeiten, sondern die Inquisition eher aus dem Verborgenen heraus handelt. Diese Eigenschaft sorgt für Angst und Misstrauen in der Bevölkerung und trägt erheblich zur Unmündigkeit der Menschen bei. Philipp ist über das Geschehen erzürnt und wirft dem Inquisitor Desinformation vor. „Warum versäumte man, / Mich zu erinnern?“ (V. 5162 f.). Der greise Großinquisitor kontert bewusst mit einem Vorwurf. Er unterstellt Philipp die Toleranz gegenüber Posa, von welchem er doch gewusst habe, dass er ein Ketzer ist. „Ein Blick entlarvte Ihnen / Den Ketzer “ (V. 5166 f.). Der Inquisitor äußert seine Vorwürfe mehrfach gekonnt in rhetorischen fragen, wie zum Beispiel: „Was vermochte Sie das Opfer / Dem heil’gen Amt zu unterschlagen?“ (V. 5167 f.), „Darf einer Gnade finden, / Mit welchem Recht wurden Hunderttausend / Geopfert?“ (V. 5172 ff.) oder „Was befugte Sie, / Des Ordens heil’ge Güter anzutasten?“ (V. 5178 f.). Diese Vorwürfe des Inquisitors unterstreichen wiederholt, dass der König wenig Mitspracherecht in Bezug auf die Arbeit der Inquisition hat. Die Inquisition wollte an Posa ein Exempel statuieren: „Durch uns zu sterben, war er da“ (V. 5180). Die Hinrichtungsmethoden der Inquisition waren perfide und sprachen jeder menschlichen Würde Hohn ab, der Inquisitor jedoch bezeichnet sie als die „prahlende Vernunft“ (V. 5183). Der Inquisitor und seine Organisation sind durch Philipps Tat um „die Arbeit vieler Jahre“ (V. 5185) beraubt. Als Beweggrund für seine Taten gibt der König „Leidenschaft“ (V. 5187) an. Doch der Inquisitor lässt diese nicht gelten, was an seinem „unwilligen Kopfschütteln“ (Regieanweisung) zu sehen ist. Der König bringt seine mangelnde Erfahrung als Ausrede vor und fordert „Geduld“ (V. 5194). Der Inquisitor reagiert dem Wortlaut nach barsch und stellt dem König seine Unzufriedenheit aus (vgl. V. 5194 f.). Der Inquisitor kann nicht verstehen, was Philipp sich von Posa versprochen hat. „Was konnte / Er neues ihnen vorzuzeigen haben“ (V. 5213 f.). Er unterstellt, dass Philipp auf die „prahlerische Sprache“ (V. 5217) des „Weltverbesserers“ (V. 5217) Posa hereingefallen ist. Er sieht in Posa also nicht den Mann mit umwälzenden Ideen, sondern lediglich den machtgierigen Blender. Mit der rhetorischen Frage „Muss ich / Die Elemente der Monarchenkunst / Mit meinem grauen Schüler überhören?“ (V. 5266 ff.), erinnert der Inquisitor an das Machtverhältnis und an die Vergangenheit des Königs. Der König empfindet den Maßstab, an welchem ihn der Marquis misst, als zu groß und gesteht sich seine Menschlichkeit ein. „Ich bin ein kleiner Mensch, ich fühl’s – Du forderst / Von dem Geschöpf, was nur der Schöpfer leistet“ (V. 5235 f.). Diese Aussage Philipps steht in starkem Wiederspruch zu absolutistischen Monarchie, in der der Regent sich als von Gottes Gnaden Bestimmter sieht. Der Inquisitor erweist sich als milde und begnügt sich, Philipp „als Mutter“ (V. 5243) zu bestrafen. Zu diesem Punkt vollzieht sich ein Rollenwechsel im Gespräch. Philipp wird fortan selbstbewusster und versucht Bedingungen zu stellen. „Nicht diese Sprache! Mäßige dich Priester!“ (V. 5247). Als Alternative für den König bezüglich Carlos bietet sich zum einen die Flucht seines Sohnes oder zum anderen der Mord an selbigem (vgl. V. 5265 f.). Nach einigen Überlegungen, wie auch dem eigenen Rücktritt (vgl. V 5277) willigt Philipp ein Don Carlos an die Inquisition zu übergeben. Diese Option fällt ihm zunächst schwer. „Es ist mein einz’ger Sohn – Wem hab ich / Gesammelt?“. Später jedoch sind sich der Inquisitor und Philipp einig. „Wir sind einig. Kommt“ (V. 5280 f.).

Außerdem fällt auf, dass der König den Inquisitor duzt. Der Inquisitor jedoch siezt den König. Dieser Unterschied ist auf das Hofzeremoniell zurückzuführen, welches die herausragende Position des Königs im Staat sichert. Dem Gesprächsverlauf aber lässt sich entnehmen, dass der Inquisitor eher den König kontrolliert. Diese Auffälligkeit könnte ihren Ursprung in der nicht unerheblichen Macht der Inquisition haben. Auf diese Macht gründete historisch das despotische, fast tyrannische Handeln Philipp II. Ins Auge fällt weiterhin, dass das Menschenbild Posas deutlich von dem des Inquisitors abweicht. So empfindet dieser die Menschen als unnütz. „Wozu Menschen? Menschen sind / Für sie nur Zahlen, weiter nichts“ (V. 5225 f.) Posa hingegen fordert das „Menschenglück“ und die „Gedankenfreiheit“ (vgl. III/10) für jeden Einzelnen. Diesen Kontrast im vorliegenden Drama bringt der Autor Schiller bewusst ein. Er will seinem „aufklärten“ Publikum die Verhältnisse in einer „unmündigen“ Gesellschaft aufzeigen. Er verleiht mit dem Ende des Dramas, an welchem Philipp II. in absolutistische Zustände zurückverfällt, seiner eigenen Meinung Ausdruck. Seiner Auffassung nach, kann nur ein aufgeklärter Monarch die geforderten ideellen Ziele „Menschenglück“ und „Gedankenfreiheit“ (vgl. III/10) gewährleisten. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet handelt es sich bei vorliegendem Auftritt, dem vorletzten und entscheidenden Teil der Katastrophe, um einen der wichtigsten im Drama Schillers.

Schiller ist es meiner Meinung nach gelungen die Verhältnisse im Spanien des 16. Jahrhunderts zu verdeutlichen. Der König löst mit Hilfe des Großinquisitors die prekäre Situation, verfällt jedoch in alte, absolutistische, Zustände. Er wird durch jene Zwänge endgültig aller Möglichkeiten – humanen, natürlichen, väterlichen, moralischen – Handelns beraubt und scheitert in tragischer Schuld, völlig zerrüttet. Dieser Auftritt stellt meinem Empfinden nach ein angemessenes Ende für dieses Drama Schillers dar und regt Zuschauer, wie Leser, zum Nachdenken über Humanität beziehungsweise Inhumanität in Politik, Geschichte und Gesellschaft an.

Literaturangabe:

Schiller, Friedrich. „Don Carlos Infant von Spanien“. Schöningh Verlag. 2. Ausgabe. 2007

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Details

Titel
"Don Carlos, Infant von Spanien" Szene V/10. Eine Analyse
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
3
Katalognummer
V336462
ISBN (eBook)
9783668311657
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Don Carlos, Schiller, Analyse, X. Akt
Arbeit zitieren
Paul Scholz (Autor), 2008, "Don Carlos, Infant von Spanien" Szene V/10. Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336462

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