Ökonomische Betrachtung des Ehebruchs. Wollust als Gefahr für die langfristige Maximierung des Nutzens


Seminararbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Gliederung

A. Der Seitensprung durch die ökonomische Brille: Eine thematische Hinführung

B. Ökonomische Betrachtung des Ehebruchs
1. Die ökonomische Theorie der Ehe
2. Die Trennung als Konsequenz des Seitensprungs
3. Der verhaltensökonomische Einfluss sexueller Erregung
4. Die Wollust im individuellen Nutzenkalkül
5. Der Aspekt der Zukunftsdiskontierung
6. Der Seitensprung in der geschlechtsspezifischen Empirie

C. Wollust als Gefahr für die langfristige Nutzenmaximierung - ein Fazit

D. Quellenverzeichnis
1. Literaturquellen
2. Internetquellen

A. Der Seitensprung durch die ökonomische Brille: Eine thematische Hinführung

Betrogen durch den Partner: Die wenigsten Menschen können sich einen gravierenderen Vertrauensbruch vorstellen als körperliche Untreue, so einschneidend ist die Tat in den intimsten und vertraulichsten Raum in der Partnerschaft zweier Menschen. Das gilt besonders für die Ehe als maximale Institutionalisierung der Beziehung zwischen Mann und Frau. In den meisten Kulturkreisen gilt der Ehebruch nicht nur als schwere Sünde, er ist auch eine Art emotionales Horrorszenario und laut einer Untersuchung von 150 Kulturen im Jahr 2006 der am häufigsten genannte Scheidungsgrund.1 Statistiken, wonach in den meisten westlichen Ländern 50 bis 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen schon einmal untreu waren, mögen schockieren. Sie zeigen aber vor allem, dass die Betrüger mitten unter uns sind. Ehebruch und Untreue sind auf dem Vormarsch, längst finden sich im Internet nicht nur harmlose Partnervermittlungsseiten, die sich dem Zustandekommen herkömmlicher Beziehungen verschrieben haben. Und längst grassieren nicht nur pornographische Inhalte, die dem Konsumenten nur Bild - und Videomaterial, aber keine tatsächlich praktizierten sexuellen Kontakte vermitteln. Nein, offen werben Internetseiten für den „Seitensprung und Affäre mit Niveau“ oder für „Fremdgehen für Anfänger“.2

Was steckt dahinter? Für die Bibel liegt der Fall klar: „Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, (…). Das ist es, was den Menschen unrein macht“, heißt es in Matthäus 15,19. Für die Katholische Kirche ist die sexuelle Wollust sogar eine Todsünde - eine Klassifizierung, über die der Katechismus recht deutlich wird: „In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor“3, heißt es hier. Das Vorziehen eines minderen Gutes - ökonomischer könnte sich der kirchliche Sündenkatalog an dieser Stelle nicht ausdrücken. Und so will auch die vorliegende Arbeit nicht moralisieren oder sich der Beziehungstherapie verschreiben. Sie zählt nicht alle möglichen Gründe auf, die zu einem Ehebruch führen könnten, sondern geht von sexueller Erregung und Verführung als Auslöser ehelicher Untreue aus. Ganz unromantisch und ökonomisch betrachtet sie den Seitensprung als Konsequenz einer gewöhnlichen Güter - und Nutzenabwägung.

Dafür müssen vereinfachende Grundannahmen gestellt werden. So wird die Trennung nicht als Option, sondern als unabwendbare Konsequenz bereits des einmaligen Seitensprungs angesehen. Auch eine Verheimlichung der Tat wird ausgeschlossen, weil diese entweder freiwillig gestanden oder unfreiwillig aufgedeckt werde. Damit kann der Ehebruch als das behandelt werden, was er in vielen Fällen ist. Ein Scheidungsgrund, der für den Verlust aller positiven Externalitäten und Nutzeneffekte verantwortlich ist, die mit der ehelichen Gemeinschaft verbunden sind. Ein rational handelnder Ehebrecher muss sich folglich einen gewaltigen Nutzenvorteil des einmaligen Seitensprungs gegenüber dem Nutzen seiner Ehe versprechen.

Doch handelt ein Ehebrecher überhaupt rational, oder ist er nicht zumindest zeitweise nicht nur moralisch, sondern auch in seinem Handlungskalkül auf Abwegen? Worin liegt der Nutzen von Heirat und Ehe und worin der eines Seitensprungs, was erklärt abweichende Präferenzen zwischen den mit beiden Optionen jeweils verbundenen Güterbündeln? Dürfen kirchlich formulierte Todsünden wie die Wollust in der Verhaltensökonomie einen Stellenwert haben oder sind sie für die Erklärung allzu menschlichen Verhaltens verzichtbar geworden?

Um diesen und mehr Fragen auf den Grund zu gehen, widmet sich die Arbeit zunächst der Nutzenkalkulation im Vorfeld der Eheschließung, wie sie in der Ökonomischen Theorie der Ehe nach Gary S. Becker sowie in den Ergänzungen des Mannheimer Volkswirts Roland Vaubel festgehalten ist. Bevor eine verhaltensökonomische Untersuchung des Ehebruchs unternommen wird, werden die Auswirkungen sexueller Erregung auf das Handeln von Individuen näher beleuchtet, wobei die Ausführungen von Dan Ariely im Rahmen seines Buches „Predictably Irrational: The Hidden Forces That Shape Our Decisions“ als Grundlage dienen. Die Triebbefriedigung als Zweckhandlung wird anschließend als Nutzenkalkulation behandelt, wobei eine Differenzierung zwischen kurzfristiger und langfristiger Nutzenbestimmung stattfindet. Die dabei aufgeworfene Frage, was Individuen zur Abkehr von der langfristigen Nutzenmaximierung bringen kann, wird mit einem Bezug auf die Studie „Do pretty women inspire men to discount future“ der kanadischen Psychologen Margo Wilson und Martin Daly vorgenommen, welche den Stellenwert eines langfristigen Nutzenkalküls unter sexueller Erregung beleuchtet haben. Das bekannte populärwissenschaftliche Buch „Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen“ von Allan und Barbara Pease dient im Anschluss dazu, die Ergebnisse der Studie auf die Empirie rund um Mann und Frau anzuwenden.

B. Ökonomische Betrachtung des Ehebruchs

1. Die ökonomische Theorie der Ehe

Der US-amerikanische Ökonom Gary Stanley Becker erhielt 1992 den Wirtschaftsnobelpreis „für seine Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens und menschlicher Zusammenarbeit“. Auf den engsten vorstellbaren Grad menschlicher Zusammenarbeit hatte Becker bereits 1974 seinen mikroökonomischen Fundus angewandt - in Gestalt der „Ökonomischen Theorie der Ehe“.4 Er betrachtete sowohl Heirat als auch anschließende Ehe dabei primär aus der herkömmlichen Kosten-Nutzen-Analyse. Als Grundannahme diente Becker dabei die individuelle Nutzenmaximierung im Kalkül jedes Partners. Es müsse ein positiver Nutzeneffekt im Vergleich zum Singleleben vorliegen, sonst hätten die Partner ja auch einfach unverheiratet bleiben können - zumindest in Ländern ohne arrangierte Ehen. Der Heiratende ist für Becker also ein homo oeconomicus. Durch die ohne familiäre Arrangements aufkommende Konkurrenz bei der Partnersuche entstehe ferner ein Heiratsmarkt, dessen Gleichgewicht Becker als zweite Grundannahme dient.

Als konkrete Nutzeneffekte, für Becker „commodities“5, einer ehelichen Gemeinschaft führt er in erster Linie den Wunsch nach gemeinsamen Kindern auf, die vor allem in stabilen Ehen und nicht in losen Partnerschaften aufwüchsen. Auch die physische und emotionale Attraktivität des Partners nennt Becker als positiven Nutzen bei der Eheschließung. Als dritten offensichtlichen Nutzeneffekt führt er die Kostenreduzierung durch die eheliche Gemeinschaft auf. So müssten für den Konsum gemeinsamer Freizeit keine Zeit-, Telekommunikations- oder Mobilitätskosten mehr aufgebracht werden, wenn die Partner ohnehin zusammenlebten.

Der Mannheimer Volkswirt Roland Vaubel hat Beckers Überlegungen zum positiven Nutzen aus der ehelichen Gemeinschaft vertieft.6 Er ergänzt Beckers Ausführungen um „gegenseitige positive externe Effekte“ durch die Freude, die Eheleute einander schenkten. Dazu zählt Vaubel nicht nur die Liebe und damit verbundene Glücksgefühle, sondern auch den mit einer Ehe einhergehenden Prestigegewinn durch den Nutzen des Partners zu Repräsentationszwecken. Hinsichtlich des Kinderwunschs hebt Vaubel das Komplementärverhältnis von Mann und Frau hervor. Keiner der beiden Produktionsfaktoren bei der Kindszeugung sei substituierbar. Dies ist zwar noch kein hinreichender Grund, eine bestimmte Person zu heiraten, jedoch ein Grund, überhaupt den Bund der Ehe einzugehen. Auch über die genetische Reproduktion hinaus ergänzten sich Mann und Frau sinnvoll, durch Arbeitsteilung, die zunehme, je unterschiedlicher und damit komplementärer die Partner einander seien. Vaubel räumt allerdings ein, dass die industrielle Revolution einen nicht unerheblichen Teil dieses Nutzeneffekts zunichte gemacht hätte. So würden immer mehr klassische Hausfrauentätigkeiten mittlerweile von elektronischen Geräten übernommen. Durch die abnehmende Möglichkeit der Spezialisierung würden Mann und Frau vermehrt zu konkurrierenden Wettbewerbern, der Zusammenhalt in der Organisation, also der Ehe, sinke. Als vierten Nutzeneffekt durch die Ehe betrachtet Vauber die Realisierung sozialer Skalenerträge. Ein zusätzliches Ehe- bzw. auch Familienmitglied sei mehr wert, als es koste, was die gemeinsame Nutzung von Wohnraum, Fahrzeugen oder Geräten betrifft. Diese Skalenerträge seien allerdings nur solange von Nutzen, solange nicht eine gewisse Hemmschwelle erreicht werde, ab der positive Externalitäten durch Rivalität im Konsum zu negativen würden. Solche Skalenerträge sind in Deutschland allein steuerrechtlich gegeben: Sowohl das Ehegattensplitting als auch das diskutierte Familiensplitting bieten Eheleuten monetäre Vergünstigungen als positiven Nutzeneffekt aus der Eheschließung bzw. Familiengründung.

2. Die Trennung als Konsequenz des Seitensprungs

Auch die vorliegende Arbeit wird von Beckers Betrachtung der Eheleute als homi oeconomici nicht abweichen. Die Aggregation der aufgeführten positiven Nutzeneffekte lässt eigentlich vieles dafür sprechen, sich im Konsum des Gutes Ehe nicht einzuschränken und die Zeit in der ehelichen Gemeinschaft zu maximieren. Dennoch finden Trennungen statt und werden viele Ehen geschieden. Für Becker trennen sich Paare, wenn der Erwartungsnutzen der Ehe unter das Nutzenniveau absinkt, das nach einer Trennung und durch diese realisiert würde.7 Wenn die Partner also feststellen, dass sie ihre Nutzenmaximierung nicht in der ehelichen Gemeinschaft, sondern nur außerhalb dieser erreichen können, entschließen sie sich zur Trennung.

Neben einer mannigfaltig großen Zahl an Gründen, warum Ehepartner zu einer solchen Entscheidung kommen können, könnte dafür auch der Ehebruch verantwortlich sein. Der betrogene Partner erträgt die Verletzung und womöglich öffentliche Demütigung nicht länger und entscheidet sich für die Auflösung der Gemeinschaft. Wir wollen dies nicht nur als optional, sondern sogar als standardisierte Konsequenz aus dem erlittenen Seitensprung ansehen. Zwar werden nur rund 40 Prozent der Seitensprünge jemals bekannt.8 Und natürlich bewältigen viele Paare einen Seitensprung ohne Trennung, weil ihnen die einmalige Tat dann doch zu nichtig erscheint, um eine jahrzehntelange Beziehung zu beenden. Immer aber, auch in diesen Fällen, ist der Erwartungswert des Seitensprung mit Kosten verbunden. Ob zerstörtes Vertrauen, Enttäuschung oder Wut bei möglichen Kindern - einen Seitensprung steckt keine monogam konzipierte Ehe so einfach weg. Um das Nutzenkalkül des Ehebrechers greifbar zu machen, um zu verdeutlichen, was auch ein noch so guter Lügner aufs Spiel setzt und zumindest riskiert - trotz der theoretischen Möglichkeit, sich ohne Trennung zu „arrangieren“ - blenden wir die sechzigprozentige Erfolgswahrscheinlichkeit der Vertuschung aus. Es gelte also vereinfachend, dass jeder Seitensprung entweder freiwillig gestanden oder unfreiwillig aufgedeckt werde und dass dieser Betrugsfall zwangsläufig mit einer Trennung ende. Ist also vom Seitensprung die Rede, so ist ein einmaliger Fehltritt gemeint, keine längerfristige Affäre, der in dieser Arbeit nicht auf den Grund gegangen werden soll. Es gelte ferner, dass der Ehebrecher selbst diese Trennung nicht durch den Seitensprung gezielt herbeiführen wollte. Sonst könnte er Ehe oder Beziehung ja auch einfach beenden. Wir gehen also in Gesellschaften ohne Zwangsverheiratung davon aus, dass der Seitensprung nicht einem Handlungskalkül geschuldet war, das die Trennung der Ehe zum Ziel hatte. Vielmehr sei der Ehebrecher eigentlich am Fortbestand der ehelichen Gemeinschaft interessiert.

Doch was heißt hier „eigentlich“, warum sollte er denn dann fremdgehen? Der Grund ist so banal wie beängstigend: Eine Versuchungssituation gepaart mit sexueller Erregung müssen sein Nutzenkalkül gründlich auf den Kopf gestellt haben, sind seine Präferenzen doch eigentlich auf das eheliche Leben ausgerichtet. Auch ein liebender Ehepartner scheint nicht davor gefeit, kurzfristigen Verschiebungen in seinem individuellen Nutzenkalkül nachzugehen und dabei Ehe und Familie aufs Spiel zu setzen. Die Konsequenz in der langen Frist liegt auf der Hand: Es ist der Verlust aller oben aufgeführten Nutzeneffekte und Externalitäten der ehelichen Gemeinschaft.

[...]


1 Vgl. Pease (2009), S. 159.

2 Vgl. Google-Suche, Stichwort Seitensprung.

3 vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (1997), Dritter Teil, Artikel 8 IV

4 Vgl. Becker, Schultz (1974), S. 299-351.

5 Vgl. Becker, Schultz (1974), S. 302.

6 Vgl. Vaubel (2014).

7 Vgl. Becker, Schultz (1974), S. 388.

8 Vgl. Pease (2009), S. 159.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ökonomische Betrachtung des Ehebruchs. Wollust als Gefahr für die langfristige Maximierung des Nutzens
Hochschule
Universität Passau  (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Behavioral Economics and the Seven Sins
Note
1,8
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V336486
ISBN (eBook)
9783668263512
ISBN (Buch)
9783668263529
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhaltensökonomik, Behavioral Economics, Ehebruch, Sieben Todsünden, Seitensprung, Ökonomische Theorie der Ehe
Arbeit zitieren
Lukas Lange (Autor), 2014, Ökonomische Betrachtung des Ehebruchs. Wollust als Gefahr für die langfristige Maximierung des Nutzens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336486

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