Krieg und Zeichentrick. Animation in der politischen Dokumentation als ästhetisches Mittel zur Darstellung des Schreckens

"Waltz with Bashir" von Ari Folman


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. INHALT

3. POLITISCHER HINTERGRUND: DER LIBANONKRIEG UND DIE MASSAKER IN SABRA UND SCHATILA (1982)

4. DIE FORMALE SPRENGKRAFT: „DOKUMENTARFILM IM ZEICHENTRICKGEWAND“

5. FILMISCHE TECHNIKEN ALS VEHIKEL ZUR FREIHEIT

6. ÄSTHETIK

7. DIE FILMMUSIK VON MAX RICHTER

8. GENRE: MEHR ALS EIN

9. FAZIT

10. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Waltz with Bashir ist ein autobiographischer, dokumentarischer Animationsfilm des Regis- seurs Ari Folman, der 1982 als achtzehnjähriger israelischer Soldat im Libanon stationiert war.

Die vorliegende Hausarbeit versucht am Beispiel dieses speziellen Dokumentarfilms zu klä- ren, inwieweit die Kunst der Animation Krieg, Grausamkeit und persönliche Traumata ernst- haft beleuchten kann oder ob ein Comic grundsätzlich eine Verharmlosung des Gezeigten bedeutet. Inwieweit kann möglicherweise ein Animationsfilm mit den unterschiedlichsten stilistischen Mitteln einiges an tiefgründiger Vermittlung leisten, was in realistischen Filmen schwer oder überhaupt nicht darstellbar ist? Macht die Animation als ein ästhetisches Mittel der Verfremdung vielleicht die Rekonstruktion grausamer Kriegserfahrungen und die Verar- beitung der daraus resultierenden psychischen Folgen erträglicher? Oder gelingt die Darstel- lung und Bewertung von Kriegen und ihren Konsequenzen im Medium Film eher durch eine reale, unverfremdete Umsetzung?

Um diese Fragen zu untersuchen, wird zunächst die Handlung des Films und ihr politischer Hintergrund erläutert, um eine Verständnisgrundlage für die nachfolgende Analyse zu schaf- fen. Diese befasst sich mit den formalen, technischen und ästhetischen Besonderheiten sowie mit dem Einsatz der Musik und ihrer emotionalen Wirkung. Anschließend wird Waltz with Bashir vor dem Hintergrund des Antikriegsfilm-Genres interpretiert und im Kontrast zu rea- len Dokumentarfilmen betrachtet. Während der gesamten Arbeit wird meine Analyse durch alternative Standpunkte, Belege aus der Forschungsliteratur und Zitate des Regisseurs diskur- siv erweitert. Ihren Abschluss findet die vorliegende Arbeit in den Schlussbemerkungen, die die Ergebnisse meiner Analyse zusammenfassen und sie im bestehenden Diskurs eindeutig positionieren.

2. Inhalt

Eines Abends erfährt der Regisseur und Protagonist Ari Folman von seinem Freund, dass dieser von einem immer wiederkehrenden, schrecklichen Albtraum geplagt wird, in dem er von einem Rudel bösartiger, mordgieriger Hunde gejagt wird.

Die zwei Männer vermuten, dass es eine Verbindung zu ihrem Einsatz im ersten Libanonkrieg (1982) geben muss. Ari ist darüber beunruhigt, dass er an diese Periode seines Lebens kaum mehr Erinnerungen hat. Er fasst den Mut, alte Kampfgenossen und Freunde sowie den Kriegsreporter Ron zu treffen und sie zu interviewen, um die Wahrheit über diese Zeit und über sich selbst herauszufinden. Während Ari nach und nach tiefer in diese verdrängte Perio- de seiner Vergangenheit eintaucht, beginnt sein Gedächtnis, immer mehr Puzzleteile über diese Zeit in teils surrealen Bildern zusammenzusetzen. Geträumte, erinnerte und reale Bege- benheiten verdichten sich zu einem Ganzen, welches der Wahrheit des von ihm real Erlebten immer näher kommt: Folman saß nämlich als ein Soldat seiner Truppe auf den Dächern der Flüchtlingslager von Sabra und Schatila und sah den Massakern der christlichen Falangisten nicht nur tatenlos zu, sondern unterstützte das Morden sogar durch den Abschuss von Leucht- granaten. An dem Punkt, an dem Ari die Realität zulassen kann, ihr sozusagen ins Gesicht blickt, wechselt der Film von der Animation zu den realen schockierenden Bildern der Er- mordeten.

3. Politischer Hintergrund: Der Libanonkrieg und die Massaker in Sabra und Schatila (1982)

Der Libanonkonflikt von 1982 fand inmitten des libanesischen Bürgerkriegs statt und war eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Israelis und ihren Verbündeten (Falange) auf der einen Seite und syrischen Truppen und Kämpfern der PLO auf der anderen und gilt als einer der großen Nah-Ost-Konflikte. Der Name dieser militärischen Aktion von israelischer Seite war Frieden f ü r Galil ä a, jedoch geriet Israel in der Weltöffentlichkeit schwer unter Druck und selbst viele kritische Stimmen aus den eigenen Reihen betrachteten das Ganze als Angriffskrieg. Es war das erste Mal in der Geschichte des Staates Israel, dass es sich nicht um einen Verteidigungskrieg handelte. Vielmehr begann er mit dem israelischen Einmarsch im Südlibanon als Reaktion auf regelmäßige Attacken terroristischer Gruppierungen, vor allem der PLO, die von dort aus operierten, und eskalierte mit den Massakern in den beiden Palästinenserlagern der Beiruter Stadtviertel Sabra und Schatila.

Der Filmtitel Waltz with Bashir ist ein Verweis auf den mit Israel verbündeten, christlich- maronitischen libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel, der 1982 mit über zwanzig weite- ren Begleitern Opfer eines terroristischen Anschlags durch syrische Gruppierungen wurde. Als Rache für die Ermordung ihres Führers stürmten falangistische Milizen nachts die paläs- tinensischen Flüchtlingslager von Sabra und Schatila. Die im unmittelbaren Umfeld lagernden Israelischen Streitkräfte duldeten das nicht nur, sondern unterstützten die Massaker darüber hinaus durch das Abschießen von Leuchtraketen. Das offen erklärte Ziel der christlichen Kräfte war es, die Lager von palästinensischen Kämpfern zu befreien. Diese hatten sich je- doch durch Vermittlung der USA bereits zwei Wochen zuvor nach Tunesien zurückgezogen, so dass die Massaker wissentlich hauptsächlich gegen unbewaffnete Zivilisten, unter ihnen viele Frauen, Kinder und Ältere, gerichtet waren. Erst nach drei Tagen hatte das grausame Gemetzel ein Ende, die Zahl der Opfer wird auf bis zu 3000 geschätzt.

4. Die formale Sprengkraft: „Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand“

1 Waltz with Bashir wird auf der deutschen Homepage zum Film als der „erste animierte Do- kumentarfilm in Spielfilmlänge“2 bezeichnet. Wie das Genre des Dokumentarfilms bereits vorwegnimmt, besitzt dieser non-fiktionale, autobiographische Animationsfilm einen hohen Grad an Authentizität. So sind alle vorkommenden Charaktere und Beteiligten real und haben ihrer Mitwirkung an diesem Projekt zugestimmt. Alle Interviews beruhen auf tatsächlich stattgefundenen Gesprächen derselben, wenn auch umbenannten Personen, sogar die Stimmen sind original.

Während der gesamte Film als Comic verfilmt wurde, werden am Ende echte Dokumentar- aufnahmen der Ermordeten gezeigt. Kritiker warfen die Frage auf, ob dies bloß ein Zögern Folmans sei, „der den animierten Sequenzen letztlich doch nicht die Beweiskraft des fotogra- fischen Bildes zutraute“3. Das dokumentarische Material wird jedoch zur Grundlage für die Erinnerungsfetzen des Ex-Soldaten, dem es so zum ersten Mal möglich ist, die Wahrheit über seine Rolle und Mitverantwortung in diesem Krieg zu erkennen. Er wählt also als eine Art ästhetischer Verfremdung die Animation und wechselt erst in der letzten Minute in reale Bil- der, sozusagen als abschließender Authentizitätsbeweis für den Zuschauer:

Ich hatte Angst, dass die Leute aus dem Kino gehen und sagen ‚Oh, was für ein cooler Animationsfilm mit netten Bildern und toller Musik’. Und darüber vergessen sie die Tatsache, dass Tausende Menschen ermordet, abgeschlachtet wurden in diesem Massaker. Ich dachte, 50 Sekunden Originalaufnahmen würden den ganzen Film ins richtige Verhältnis setzen. Ich denke, das ist gelungen.4

Bei diesem Statement lässt Folman sich selbst interessanterweise außen vor, ich bin aber überzeugt, dass die Form des Comics, und zwar zu allererst für ihn als Protagonisten selbst, dann nicht mehr benötigt wird, wenn die Realität für ihn aushaltbar geworden ist.

5. Filmische Techniken als Vehikel zur Freiheit

The freedom to do whatever you wanna do. I think the traditional documentary is really strict and defined by rules, if you ask me. And I was tired of those rules. I was looking for a new way to tell a story. [...] It’s all about freedom and artistic freedom is the main thing for me.5

Auf der Grundlage der über einjährigen Recherchen schrieb Folman ein genaues Drehbuch, das er vollständig in einem Studio umsetzen wollte. Er erarbeitete gemeinsam mit dem Animationsdirektor Goodman ein detailliertes Storyboard, aus dessen Zeichnungen dann ein Videoboard entstand, welches schließlich animiert wurde. Insgesamt wurden fast zweitausend einzelne Zeichnungen von vier Illustratoren gemalt.

Die vollkommen ungewöhnliche Wahl der künstlerischen Techniken, vor allem die des Zeichnens, erlaubt es Folman, zwischen der Realität im Film und seinen persönlichen traumatischen Erinnerungen bruchlos hin und her zu wechseln.

Wenn Sie all die Fragmente des Films nehmen - verlorene Erinnerung, das Unterbewusste, Halluzinati- onen, Tagträume, Krieg, Tod, Drogen - da kann man die Geschichte nicht anders erzählen als gezeich- net. Ich brauchte totale Freiheit, die hätte die technische Struktur eines Dokumentarfilms mir nicht ge- geben. Deshalb musste ich etwas Extremes machen, etwas anderes. Das war für mich das Zeichnen.6

Die Animation als Mittel der Verfremdung macht es den Zuschauern möglich, emotional zu- rückzutreten und politische Themen wie Krieg, Gewalt und Schuld, insbesondere persönliche Verantwortung, ohne den unmittelbaren Schock realistischer Bilder zu reflektieren und zu analysieren. Der Nachdruck des Erzählten steigt dadurch enorm und das Bewusstsein dafür, dass es sich trotz Animation um Realität handelt, bleibt während des gesamten Films außer- gewöhnlich präsent: „Das Reale hängt nicht am Photographischen.“7 Die Animation macht möglicherweise sogar die Wiederherstellung des Erinnerten und somit die Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit überhaupt erst möglich: „Ich hatte lineare Erinnerungen mit schwarzen Löchern, die es zu füllen galt. Ich wollte zeigen, wie das funktioniert.“8

Eindrucksvolle Vorläufer-Kunstwerke dieses Phänomens der gezeichneten Dokumentation sind beispielsweise im literarischen Bereich die Graphic Novel Maus - Die Geschichte eines Ü berlebenden von Art Spiegelman über einen Ausschwitzüberlebenden und Rutu Modans Das Erbe, welches auf liebevolle und mitfühlende Art und Weise die über Generationen dau- ernden Verletzungen der Opfer des zweiten Weltkriegs und ihrer Familien widerspiegelt. Oder, im Metier Film, Marjane Satrapis großartige Animation ihrer Kindheit im Iran Persepo- lis.

[...]


1 C. Meyer: Dokanimation (2013), URL: http://www.filmdienst.de/filmdienst- inhaltsangabe/einzelansicht/dokanimation,158008.html (Stand: 10.3.16)

2 Offizielle deutsche Website zum Film, URL: http://waltz-with-bashir.pandorafilm.de/film.php (Stand: 10.3.16)

3 C. Meyer: Dokanimation (2013), URL: S.o.

4 S. Albers: Der etwas andere Kriegsfilm (2008), URL: http://www.stern.de/kultur/film/oscar/interview-zu--waltz-with- bashir--der-etwas-andere-kriegsfilm-3742264.html (Stand: 10.3.16)

5 Interview by movieweb: Waltz with Bashir - Exclusive: Director Ari Folman Interview (2010), URL: https://www.youtube.com/watch?v=px16TpOdR48 (Stand: 10.3.16)

6 S. Albers: Der etwas andere Kriegsfilm (2008), URL: http://www.stern.de/kultur/film/oscar/interview-zu--waltz-with- bashir--der-etwas-andere-kriegsfilm-3742264.html (Stand: 10.3.16)

7 Wulff, H. J.: Der Schock des Realen. (2008) In: tà katoptrizómena - Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik, Heft 61 (2009).

8 S. Vahabzadeh: Vom Mainstreem umarmt (2010), URL: http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-gespraech-regisseur-ari- folman-vom-mainstream-umarmt-1.530884 (Stand: 10.3.16)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Krieg und Zeichentrick. Animation in der politischen Dokumentation als ästhetisches Mittel zur Darstellung des Schreckens
Untertitel
"Waltz with Bashir" von Ari Folman
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Medien und Krieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V336494
ISBN (eBook)
9783668263598
ISBN (Buch)
9783668263604
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
krieg, zeichentrick, animation, dokumentation, mittel, darstellung, schreckens, waltz, bashir, folman
Arbeit zitieren
Lilian Killmeyer (Autor), 2015, Krieg und Zeichentrick. Animation in der politischen Dokumentation als ästhetisches Mittel zur Darstellung des Schreckens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336494

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