Mit der zunehmenden Zahl an kindlichen Entwicklungsstörungen wachsen zeitgleich eine Reihe von neuen pädagogischen und psychologischen Professionen heran, die sich dem neu entdeckten Problem sogleich annehmen. Der Diskurs und die Debatten rund um die kindliche Entwicklung sind nicht nur auf einem gefühlten Höhepunkt angelangt. Noch nie zuvor gab es ein derartiges Angebot an Spezialisten, das mit den verschiedenen Problemen, die mit kindlicher Entwicklung einher zu gehen scheinen, betraut wird.
Ist eine normale Kindheit von heute noch dieselbe, wie Jahrzehnte zuvor? All diese Entwicklungen lassen den Verdacht aufkommen, dass dem nicht so sein kann. Kaum ein Kind leidet heutzutage nicht an irgendwelchen Entwicklungsdefiziten, braucht keine Unterstützung von Experten, um in seiner Entwicklung nicht auf die „schiefe Bahn“ zu geraten. Doch dieser Blick und die Beurteilung dessen, was heutzutage als normale Kindheit angesehen wird, ist historisch gesehen neu. Was in Bezug auf kindliche Entwicklung als normal gilt, unterliegt immer der diskursiven Definition und unterscheidet sich daher von Epoche zu Epoche, genauso, wie die jeweils gültigen Störungskategorien, so zumindest die Annahme.
Die Entdeckung der Störungskategorie „Legasthenie“, als ein Beispiel von moderner Anormalität in Bezug auf die kindliche Entwicklung, kann ein Verständnis davon vermitteln, wie es zur Pathologisierung von bestimmten Aspekten von Kindheit in unserer Gesellschaft kommen kann und welche unhinterfragten Normalitätsannahmen dem zugrunde liegen. Zentral soll hierfür eine diskursanalytische Perspektive sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Eine ganz normale Kindheit
2. Ein diskursanalytischer Blick auf die Normalität und Pathologisierung von kindlicher Entwicklung am Beispiel Legasthenie
2.1 Normalität von Kindheit
2.1.1 Entstehung der Idee eines „normalen“ Kindes
2.1.2 Normalität, Normativität und Symbolik
2.2 Pathologisierung kindlicher Entwicklung am Beispiel Legasthenie
2.2.1 Die Konstruktion von Störungskategorien am Beispiel „Legasthenie“
2.2.2 Laien- und Expertendiskurse
2.2.3 Folgen der „Entdeckung“ der Legasthenie
3. Die Logik des Verdachts und seine Folgen für die Normalität von Kindheit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht aus einer diskursanalytischen Perspektive, wie Normalitätsvorstellungen in der Kindheitsforschung konstruiert werden und welche Rolle die Pathologisierung kindlicher Entwicklung – exemplarisch dargestellt am Beispiel der Legasthenie – dabei spielt. Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch eine „Logik des Verdachts“ Eingriffe in das Leben von Kindern legitimiert werden und wie sich dadurch der gesellschaftliche Umgang mit kindlicher Entwicklung nachhaltig verändert hat.
- Soziohistorischer Wandel von Normalitätsbegriffen in der Kindheit
- Die diskursive Konstruktion von Störungskategorien (Beispiel Legasthenie)
- Das Zusammenwirken von Laien- und Expertendiskursen
- Die Etablierung der „Logik des Verdachts“ als Überwachungsinstrument
- Auswirkungen der Pathologisierung auf das Bild der Kindheit
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die Konstruktion von Störungskategorien am Beispiel „Legasthenie“
Wie bereits zuvor erläutert, hat der quantitative Wissensbestand in Bezug auf Kinder seit dem 17. Jahrhundert stetig zugenommen. Man stelle sich die Fülle der seitdem gewonnenen Daten der Vermessung und Quantifizierung des kindlichen Körpers bis zu der kindlichen Psyche und Entwicklung vor, die bis heute andauert. Legasthenie als eines der aktuell interessantesten Gebiete der Kindheitsforschung ist nur eine von vielen Kategorien, die aus der zunächst ungeordneten Menge an Daten, unter Anderem durch Expertendiskurse, etabliert wurde. Es soll deutlich gemacht werden, dass die Menge der Daten auch jede andere Kategorie kindlicher Realität zugelassen hätte und damit herausgearbeitet werden, warum gerade diese Kategorie heutzutage einen so hohen Stellenwert inne hat.
Die Etablierung einer Störungskategorie ist immer abhängig von dem jeweils gültigen Begriff der Normalität, in diesem Fall also der Normalität der kindlichen Entwicklung. Wie diese Normalität aussieht, kann man zum Einen daran erkennen, welche Störungskategorien im Moment in wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen kursieren. Wie Legasthenie zu einer anerkannten Entwicklungsstörung erhoben wurde, kann eine Studie von Bühler-Niederberger (1991) anschaulich erklären. In dieser hat sie drei unterschiedliche Phasen der Anerkennung dieser Störungskategorie identifizieren können, die im Folgenden rekonstruiert werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Eine ganz normale Kindheit: Das Kapitel führt in die Thematik ein und stellt die Frage, wie Normalität in Bezug auf Kinder definiert wird und warum die Entdeckung neuer Entwicklungsstörungen heute zunimmt.
2. Ein diskursanalytischer Blick auf die Normalität und Pathologisierung von kindlicher Entwicklung am Beispiel Legasthenie: Dieser Hauptteil analysiert die historischen und diskursiven Prozesse, die zur Entstehung von Normalitätsvorstellungen und Störungskategorien führen, wobei die Legasthenie als zentrales Fallbeispiel dient.
3. Die Logik des Verdachts und seine Folgen für die Normalität von Kindheit: Das Fazit fasst zusammen, wie die „Logik des Verdachts“ zu einem Paradigmenwechsel führte, der Kindheit als systematisch zu überwachendes und korrigierendes Feld etabliert hat.
Schlüsselwörter
Normalität, Kindheit, Diskursanalyse, Legasthenie, Pathologisierung, Störungskategorie, Kindheitsforschung, Logik des Verdachts, Entwicklungsstörung, Normativität, Expertendiskurs, Laiendiskurs, soziale Konstruktion, Klientifizierung, Überwachung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Diskurse darüber entscheiden, was als „normale“ kindliche Entwicklung gilt und wie abweichendes Verhalten als Störung konstruiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Geschichte der Normalitätsbegriffe, die Rolle von Expertenwissen bei der Konstruktion von Diagnosen und die Auswirkungen dieser Prozesse auf Kinder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung der „Logik des Verdachts“, die dazu führt, dass kindliche Entwicklung zunehmend als defizitär wahrgenommen und kontrolliert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich einer diskursanalytischen Perspektive, um die Entstehung und Etablierung der Störungskategorie „Legasthenie“ nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird anhand der Legasthenie detailliert aufgezeigt, wie durch das Zusammenspiel von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Professionen neue Störungsbilder geschaffen und gesellschaftlich verankert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Normalität, Kindheit, Diskursanalyse, Pathologisierung, Legasthenie und die Logik des Verdachts.
Wie unterscheidet sich Normalität von Normativität in dieser Analyse?
Während Normalität einen statistischen Durchschnitt beschreibt, bezeichnet Normativität den wertenden Anspruch, Kinder durch Interventionen in diesen Durchschnittsbereich zurückzuführen.
Was versteht die Autorin unter der „Logik des Verdachts“?
Damit ist ein gesellschaftlicher Zustand gemeint, in dem jedes kindliche Verhalten präventiv als potenzielle Störung interpretiert wird, um eine „Anormalität“ frühzeitig zu erkennen.
Warum wird die Legasthenie als „Expertenunternehmen“ bezeichnet?
Der Begriff verdeutlicht, dass die Entdeckung und Etablierung der Störung auch den Eigeninteressen von Fachgruppen diente, um neue Arbeitsfelder zu erschließen.
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- Isabella Wächter (Author), 2015, Ein diskursanalytischer Blick auf die Normalität und Pathologisierung von kindlicher Entwicklung am Beispiel Legasthenie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336525