Massendarstellungen in "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?".

Von der unorganisierten Menge zum heroisierten Arbeiterkollektiv


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Massen in „Kuhle Wampe“

2. Der Film „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“
2.1. Handlungskritische Einordnung
2.2. Zensurgeschichte und historischer Hintergrund

3. Massentheoretische Grundlagen
3.1. Die Masse als Bedrohung des Individuums und der Kultur
3.2. Die Masse als selbstloses Kollektiv
3.3. Der Massen- und Mengenbegriff

4. Von der unorganisierten Menge zum heroisierten Arbeiterkollektiv
4.1. Die Menge durch Wettkampf zerrüttet
4.2. Die Masse durch Wettkampf vereint
4.2.1. Kollektives Marschieren
4.2.2. Wettkämpfe und Aufführung
4.2.3. Ende des Sportfestes

5. Massentheoretischer Kontrast

6. Literaturverzeichnis

1. Massen in „Kuhle Wampe“

„Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ ist ein proletarischer Film, der 1932 von einem Künstlerkollektiv veröffentlicht wurde. Die Hauptverantwortlichen sind Slatan Dudow (Regie und Drehbuch), Bertolt Brecht (Drehbuch), Ernst Ottwald (Drehbuch) und Hanns Eisler (Musik). Obwohl der Film in der Forschung bereits ausgiebig behandelt wurde, fanden die Massenszenen nie die zentrale Aufmerksamkeit der Betrachtung. Sie werden meist kurz behandelt und in die inhaltlichen Ergebnisse der übrigen Szenen eingeordnet.[1] Daher beschäftigt sich diese Arbeit mit der Darstellung von Massen in „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“. Dafür sind zwei längere Szenen relevant, die am Beginn und am Ende des Films stehen. Bei der ersten handelt es sich um die Arbeitssuche der jungen Arbeitslosen. Die zweite Szene zeigt das Sportfest der proletarischen Arbeitersportbewegung. Es ist zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Szenen hinsichtlich der Darstellung von Massen bzw. Mengen im Film besteht und inwieweit dieser durch Massentheorien gestützt bzw. widerlegt wird. So soll sich zeigen, wie die Verantwortlichen das (junge) Proletariat und damit die Masse[2] darstellen möchten und ihre Intentionen mit filmischen Mitteln umsetzen.

Um die Darstellung der Massen als exemplarischen Teil des Proletariats im Kontext der Handlung besser verstehen zu können, wird zunächst eine handlungskritische Einordnung der Szenen vorgenommen. Zusätzlich werden die historischen Umstände mit dem Kernaspekt der Zensur des Films kurz dargestellt, da sich so die Sicht des damaligen Zuschauers und die Intentionen der Verantwortlichen in 1932 nachvollziehen lassen. Anschließend folgt ein Überblick über für diese Arbeit produktive Massentheorien mit deren unterschiedlichen Ausrichtungen. Inwieweit sich diese Theorien mit der inhaltlichen und filmischen Umsetzung von Masse im Film decken und welche Rückschlüsse dies auf die Intention der Verantwortlichen zulässt, untersucht schließlich der Hauptteil.

2. Der Film „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“

2.1. Handlungskritische Einordnung

„Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ lässt sich in drei Handlungsabschnitte unterteilen, die durch Überschriften im Film gekennzeichnet sind.[3] Diese Teile können trotz des inhaltlichen Zusammenhangs unabhängig voneinander betrachtet werden und bieten jeweils ihre eigene Perspektive auf die Probleme der Zeit.[4]

Zu Beginn wird die vergebliche Jagd von jungen Arbeitslosen nach einer Anstellung gezeigt. Das mühsame und erfolglose Hetzen von einer möglichen Arbeitsstelle zur nächsten wird vor allem in der Montage mit dem Motiv der Fahrräder auf dem Asphalt deutlich. Dazu hat Hans Eisler eine schrille Musik komponiert, die besonders eindrucksvoll den ständigen Druck auf der Suche nach Arbeit vergegenwärtigt. Die Suche wirkt wie ein Wettkampf,[5] bei dem jeder Kontrahent vergeblich um eine Arbeitsstelle ringt und sich selbst der nächste zu sein scheint. So wird bereits die Suche nach Arbeit zur Arbeit selbst.[6] Ein einzelnes Schicksal wird beispielhaft ausgeführt. Nach der für den Sohn Bönike erneut erfolglosen Suche und der Nachricht über die wegfallende Unterstützung für junge Arbeitslose wählt dieser den Freitod als letzten Ausweg. Die Eltern spenden zuvor keinen Trost, sondern beschuldigen den jungen Arbeitslosen, dass er sich nicht genügend anstrenge. Anstatt Zweifel am System und Kritik am Wegfall der Unterstützung zu üben, werfen die Eltern ihrem Sohn fehlende Tüchtigkeit vor. Dieser Teil stellt bereits eine deutliche Kritik an der bestehenden Not und Armut der unteren Schichten dar, die durch Notverordnungen wie z.B. die Streichung der Arbeitslosenunterstützung für junge Erwachsene Anfang der 1930er Jahre noch deutlich verschärft wurde.[7] Zusätzlich kritisiert er den vorwiegend älteren Teil des Proletariats und das Kleinbürgertum aufgrund ihrer passiven Rolle.[8]

Der zweite Teil zeigt den erzwungenen Auszug der Familie aus ihrer Berliner Wohnung, da sie die Miete nicht länger bezahlen kann. Die Familie findet durch die Hilfe von Annis Freund Fritz Zuflucht in der Zeltsiedlung „Kuhle Wampe“ vor der Stadt am Berliner Müggelsee. Im weiteren Verlauf wird mit dokumentarischen Naturszenen, die vom Lied „Das Frühjahr“ begleitet werden, auf den Geschlechtsverkehr und die Schwangerschaft Annis hingewiesen.[9] Es kommt zur Verlobung in Kuhle Wampe bei der erneut die Kritik am Kleinbürgertum[10] und der älteren Generation des Proletariats deutlich wird. Anscheinend sind die Teilnehmer und Nutznießer der Feier nicht willens etwas an den bestehenden Missständen zu verändern. Stattdessen trinken sie jede Menge Alkohol und betäuben sich, um die Umstände erträglich zu machen. Am Ende löst Anni die Verbindung auf und zieht zu ihrer Freundin Gerda nach Berlin.

Im dritten Teil werden Sportwettkämpfe gezeigt, die durch die proletarische Arbeitersportbewegung organisiert werden. Anni hat sich nun entschieden wieder eine Rolle innerhalb dieser Bewegung einzunehmen. Die Abtreibung des Kindes wird lediglich angedeutet, da während des Zensurverfahrens Szenen geschnitten werden mussten.[11] Tatsächlich kann Anni ihre Abtreibung nur durch die Unterstützung der proletarischen Gemeinschaft bezahlen. Die Inszenierung des Sportfestes durch Massendarstellungen soll den Wendepunkt und die neue Stütze im Leben von Anni markieren. Auch das immer wieder gesungene „Solidaritätslied“ nimmt eine entscheidende Rolle in diesem Teil des Films ein. Nach Ende der proletarischen Wettkämpfe werden Heimfahrende der Veranstaltung in einem Bahnwaggon gezeigt. Hier entsteht ein Gespräch über einen Zeitungsartikel, der von der Vernichtung brasilianischen Kaffees berichtet. In dem Gespräch prallen verschiedene Ideologien und damit auch exemplarische Vertreter unterschiedlicher Gesellschaftsschichten aufeinander. Der Film schließt mit der pathetischen Aussage von Gerda, dass lediglich jene, denen die Welt nicht gefällt auch die Muße haben diese zu verändern.

2.2. Zensurgeschichte und historischer Hintergrund

Kritische Filme allgemein und insbesondere solche mit kommunistischer Tendenz unterlagen ab 1930 vor dem Hintergrund der reaktionären Entwicklung der Weimarer Republik einer zunehmend politischen Zensur.[12] Seit Ende März 1932 gab es eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der Filmprüfstelle Berlin über das Verbot von „Kuhle Wampe“, da der Film aufgrund von seinem „Gesamteindruck und seiner Gesamtwirkung bei der notwendigen besonderen Berücksichtigung der gegenwärtigen Zeitumstände geeignet ist, die öffentliche Sicherheit, - Ordnung und lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden“[13].

Mit „der notwendigen besonderen Berücksichtigung der gegenwärtigen Zeitumstände“ war vor allem die wirtschaftlich und politisch instabile Lage zum Ende der Weimarer Republik gemeint. Die seit 1929 andauernde Weltwirtschaftskrise hatte Deutschland schwer getroffen und vor allem das Kleinbürgertum und der Mittelstand drohten in die Armut abzurutschen. Mit 7 Millionen Arbeitslosen (das entsprach fast 45 % der Erwerbsfähigen) in 1932 war die Gefahr der Verarmung aufgrund eines Verlustes der Arbeitsstelle auf ihrem Höhepunkt.[14] Hinzu kam eine Radikalisierung der Wählerschaften und Parteien hin zu konservativ nationalen und militärisch geprägten Parteien (NSDAP, DNVP) auf der einen - und sozialistisch kommunistischen Parteien auf der anderen Seite (KPD, USPD).[15] Bis Juli 1932 war die SPD noch die stärkste Partei, die in dem Film einen Angriff auf die Regierung und deren Politik sah.[16]

Obwohl die Filmprüfstelle das Verbot vom 31.03.1932 mit der Gesamtwirkung des Films begründete, waren dennoch einige anschließend gekürzte oder ganz herausgeschnittene Szenen ausschlaggebend. Eine Freigabe konnte erst nach Entfernung dieser Szenen erreicht werden. So wurde eine Szene, in der Nacktbadende gezeigt werden, entfernt, da die Zensoren mit der im Hintergrund läutenden Kirchenglocke nicht einverstanden waren und darin eine Verhöhnung der Kirche sahen.[17] Des Weiteren wurde in dem monotonen Verhalten des Richters, der über die Exmittierungen entscheidet eine Herabwürdigung der Justiz und in dem expliziten Erwähnen der Notverordnung als ausschlaggebendes Element für den Selbstmord des jungen Bönike eine allzu deutliche Kritik an der damaligen Regierung gesehen.[18] Das Thema der Abtreibung wird zwar in der freigegebenen Fassung angedeutet, aber nicht so eindeutig thematisiert wie ursprünglich gewollt. Dort kann Anni das Kind nicht abtreiben, da es 90 RM kostet und ein günstigeres Angebot ihr aufgrund mangelnder Hygiene zu gefährlich ist. Erst durch die Hilfe der Arbeitersportjugend kann sie das Geld für die Abtreibung aufbringen.

3. Massentheoretische Grundlagen

Im folgenden Teil der Arbeit wird ein kleiner Ausschnitt zu wesentlichen Theorien der Psychologie und Soziologie von Massen vorgestellt. Diese Theorien sind bereits zu umfangreich, als dass sie hier in Gänze dargestellt werden könnten. Daher sind sie auf die wichtigsten Aspekte reduziert. Der Begriff der Masse ist heute überwiegend als wissenschaftlich unzureichend anzusehen.[19] Die Theorien werden also nicht selbst diskutiert, sondern im Zusammenhang mit dem zugrunde liegenden Film betrachtet. So ergibt sich ein Bild über die Wahrnehmung der Masse in „Kuhle Wampe“ zur Zeit seiner Entstehung und im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts.

3.1. Die Masse als Bedrohung des Individuums und der Kultur

Massenbewegungen kamen erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sichtbare gesellschaftliche Kraft auf. Sie wurden zunächst vor allem durch das Proletariat als große Gruppe von Angehörigen der Unterschicht getragen.[20] Dadurch beeinflusst wurde ein Massenbegriff etabliert, der zwar auf Massenpsychologie fußt, im Ergebnis aber deutliche Kritik an der „Vermassung“ der Gesellschaft und dem damit einhergehenden „Verfall der Kultur“ erklärt.

Le Bon beschreibt die Masse 1895 als eine zerstörerische Kraft, deren Herrschaft stets Auflösung bedeutet und die nur bei gleichzeitigem kulturellen Verfall bestehen kann.[21] Er setzt sie „Mikroben, welche die Auflösung geschwächter Körper oder Leichen“ herbeiführen, gleich und erklärt das Zeitalter der Massen, und damit gleichzeitig des kulturellen Verfalls, für angebrochen.[22] Das Individuum ist schließlich Leidtragender der Massengesellschaft. Es zeichnet sich in der Masse durch Anonymität, eine radikale Herabsetzung der kognitiven Fähigkeiten, Senkung des Verantwortungsbewusstseins und eine Zunahme der Gefühlsbestimmtheit aus.[23]

Ebenso wie Le Bon sieht auch De Man das Individuum im Zeitalter der Massen bedroht. Er beschreibt die Vermassung der Gesellschaft als einen Zustand, in dem die Massen alle gesellschaftlichen und historischen Vorgänge bestimmen.[24] Die sich lediglich durch Quantität und keinerlei Qualität auszeichnenden Massen sind durch ihren „Mangel an individueller Differenzierung“ geprägt.[25] „Sie [die Masse] agiert nicht, sie reagiert nur.“[26] Ein zentrales Merkmal von Massen ist nach De Man somit deren reaktionäres Verhalten. Er bezeichnet die Massengesellschaft als ein Ungleichgewicht von Kollektiv und Individuum zugunsten des Kollektivs.[27] In diesem lebt das Individuum entfremdet und isoliert als gesichtsloses Wesen in einem anonymen Geflecht von Großstädten, Industriebetrieben und Großorganisationen.[28]

Röpke knüpft diese Entwicklung an die Bevölkerungsvermehrung, industrielle Organisation und politisch-soziale Maßnahmen des Staates.[29] Daraus entsteht für ihn schließlich der Prozess der Proletarisierung, der verhindert, dass sich Individuen in der Massengesellschaft positiv entfalten können.[30] So zeigt sich auch bei Röpke, dass er durch die Massenbewegungen der proletarischen Arbeiterbewegung beeinflusst war und den Begriff des Proletariats eng mit dem Begriff der Masse verknüpft.

Schließlich ist auch die Demokratie als günstiger Umstand für das Entstehen von Massenbewegungen durch die Masse selbst bedroht.[31] Masse kann lediglich durch Majorität etwas entscheiden. Die Majorität muss auf dem Weg zur Herrschaft wiederum mit allen Mitteln der Propaganda und Täuschung versuchen die Gunst der Masse zu gewinnen.[32] Diese wird somit als demokratieunfähig eingestuft und unter eine Herrschaft der Eliten degradiert.

Es wird insgesamt deutlich, dass Massentheorien zu einer unmittelbaren Kritik der Entwicklung von gesellschaftlicher und sozialer Ordnung wurden. Der Vorstellung von Masse wurden Attribute wie Ekel, Verachtung und die Verrohung des Individuums entgegengebracht.[33]

3.2. Die Masse als selbstloses Kollektiv

Was viele Theorien der Massenpsychologie bzw. Massensoziologie prägt, ist die Distanz zum Untersuchungsgegenstand in ihren Beobachtungen. Sie beobachten und definieren die Masse als etwas Separates mit Blick von außen. Daraus folgt ein Prinzip der Elite.[34] Alles, was nicht Masse ist, gehört dieser an. Wer die Masse aus diesem Blickwinkel definiert, nimmt sich gleichzeitig von eben jener aus und ordnet sich der kleinen individualbasierten Gruppe der Eliten zu. In der Disposition von Masse und Individuum zeigt sich die Einseitigkeit der Theorien. Während das Individuum stets positiv und als erhaltenswert dargestellt wird, zeigt die Masse einen Verlust der Kultur des Individuums und die gesellschaftliche Verrohung auf.[35] Die Elite fühlt sich bedroht durch die fortschreitende Industrialisierung, Arbeitsteilung und dem Streben der Menschen nach kultureller und gesellschaftlicher Selbstbestimmung.[36] Somit kommt es durch die Perspektive eines äußeren Betrachters zu einem überwiegend negativen Bild der Masse in Wissenschaft und Literatur.

Einen Bruch dieser Darstellungsform liefert Canetti, der seine eigenen Erfahrungen in Massen als junger Mensch in seiner Autobiographie geschildert hat.[37] Ihm geht es bei der Darstellung um die Zustandsveränderung des Individuums, wenn es sich als Teil einer Masse fühlt. Canetti beschreibt diesen Zustand als „rauschhaft“ und eine „Steigerung der Erlebnismöglichkeiten“.[38] Schließlich beobachtet Canetti ein „Mehrwerden der Person“, die mit Gleichgesinnten eine höhere Einheit bildet bzw. bilden möchte.[39] Er differenziert in der Folge zwischen dem positiven Moment der Selbstlosigkeit und dem negativen, weil unheimlichen, Moment der Fremdbestimmung innerhalb von Massen.[40] Canetti zeigt, dass das Individuum auch in der modernen Massengesellschaft nicht verloren geht, sondern innerhalb eines Kollektivs weiter existiert.

Auch Geiger weist dem Begriff der Masse ein positiveres Bild zu.[41] Er betrachtet sie als „den von der destruktiv-revolutionär bewegten Vielheit getragenen sozialen Verband“[42]. Die „aktuelle Masse“, die für einen kurzen Zeitraum einen Zusammenschluss aus vielen Menschen darstellt, ist für ihn lediglich eine „additive Vielheit“ ohne höhere Sinnebene. Dieser „additiven Vielheit“ wurden unter dem allgemeinen Begriff der Masse viele negative Merkmale zugeschrieben. Daher muss die „kollektive Vielheit“ getrennt von ihr betrachtet werden.[43] Die Masse ist schließlich mit der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Bewegung verknüpft, die durch Aktionen in Erscheinung tritt. Sie wird hier also keineswegs als lediglich reaktionär, sondern als aktiv beschrieben. Diese „revolutionäre Masse“ ist für ihn enger mit dem Massenbegriff zu verbinden als die kurzfristige „aktuelle Masse“, da ihr eine ideelle Einheit der Menschen vorausgeht.[44] Die ideelle Einheit verbindet schließlich die bloße Quantität mit Qualität und schreibt dem Massenbegriff neben dem potenziell zerstörerischen Element eine positivere Bedeutung zu.

3.3. Der Massen- und Mengenbegriff

Die Masse wurde zunächst häufig mit dem rein quantitativen physischen Zusammenschluss von Menschen gleichgesetzt.[45] Der Begriff entwickelte sich ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings, sodass eine Abgrenzung zum Mengenbegriff herausgearbeitet wurde. De Man fasst 1942 zusammen, dass der Massenbegriff die Notwendigkeit einer soziologischen Schicksalsgemeinschaft und eine Identität der psychologischen Einwirkungen und Reaktionen beinhaltet.[46] Dies deutet bereits auf die durch Canetti und Geiger entwickelten Massenbegriffe hin, da die Masse als Kollektiv zu einer höheren (Sinn-)Einheit zusammenwächst und sich somit vom rein quantitativen Begriff der Menge abgrenzt. Unter diesen Kriterien sollen auch die ausgewählten Szenen in „Kuhle Wampe“ als Massen- oder Mengenszenen interpretiert werden. Außerdem ist im folgenden Teil der Arbeit der Begriff der Masse nur schwer vom Begriff der proletarischen Arbeiterbewegung zu trennen, da sich diese bereits als Masse definiert. Auch wenn exemplarische[47] Nahaufnahmen im Kontext der Massenszenen betrachtet werden, deuten diese dennoch auf das gesamte Kollektiv der jungen Arbeiterschaft hin.

[...]


[1] Vgl. Unger: Diskontinuitäten im Erwerbsleben, S. 521 f.; Happel: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt, S. 202f; Gersch: Film bei Brecht, S. 130 f.

[2] So kann es sich auch um Szenen mit Individuen handeln, die exemplarisch als Teil der Masse gezeichnet werden. Vgl. Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 93-95.

[3] Happel: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?, S. 174; Unger: Diskontinuitäten im Erwerbsleben, S. 505; Gersch: Film bei Brecht, S. 129.

[4] Scheunemann: Dreigroschenoper und Kuhle Wampe, S. 426; Happel: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?, S. 174.

[5] Unger: Diskontinuitäten im Erwerbsleben, S. 507 f.

[6] Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 90.

[7] Ebd., S. 90.

[8] Kracauer: Von Caligari zu Hitler, S. 260.

[9] „Das Spiel der Geschlechter erneuert sich Jedes Frühjahr. […] Und es gebiert die Erde das Neue Ohne Vorsicht.“; Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 31 f.

[10] „Lumpenkleinbürgertum“, Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 90.

[11] Ebd., S. 116.

[12] Happel: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?, S. 176.

[13] Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 110.

[14] Ebd., S. 177.

[15] Ebd., S. 178 f.

[16] Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 114, 145.

[17] Ebd., S. 116.

[18] Kracauer: Von Caligari zu Hitler, S. 258.

[19] Franke begründet dies mit der inhaltlichen und analytischen Mangelhaftigkeit der im Massenbegriff vereinten Sichtweisen (Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 88 f., 285, 288 f.).

[20] Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 273. So wurde der Massenbegriff in einigen Theorien direkt an das Proletariat gekoppelt (z.B. Röpke: Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 29 und Geiger: Die Masse und ihre Aktion, S. 122).

[21] Le Bon: Psychologie der Masse, S. 4 f.

[22] Ebd., S. 5.

[23] Friedrich: Das Erlebnis und die Masse, S. 132.

[24] De Man: Vermassung und Kulturverfall, S. 44; Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 40.

[25] De Man: Vermassung und Kulturverfall, S. 96.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Röpke: Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 28 f.

[30] Ebd., S. 29.

[31] Jaspers: Die geistige Situation der Zeit, S. 92.

[32] Ebd.

[33] Friedrich: Das Erlebnis und die Masse, S. 125.

[34] Vgl. Le Bon: Psychologie der Masse, S. 4 f.; Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 276.

[35] Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 275 f.

[36] Vgl. Röpke: Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 29.

[37] Friedrich: Das Erlebnis und die Masse, S. 130. Dabei geht es unter anderem um die Erfahrungen in Menschenmassen im Wiener Arbeiteraufstand von 1927.

[38] Canetti: Die Fackel im Ohr, S. 94, 109.

[39] Ebd.; Friedrich: Das Erlebnis und die Masse, S. 132 f.

[40] Canetti: Die Fackel im Ohr, S. 109.

[41] Franke: Der Begriff der Masse in der Sozialwissenschaft, S. 75.

[42] Geiger: Die Masse und ihre Aktion, S. 37.

[43] Ebd.

[44] Ebd., S. 78f, 117, 122.

[45] De Man: Vermassung und Kulturverfall, S. 43; Vgl. den Begriff der „additiven Vielheit“ bei Geiger: Die Masse und ihre Aktion, S. 37.

[46] De Man: Vermassung und Kulturverfall, S. 43.

[47] Zur Beispielhaftigkeit und Übertragbarkeit von einzelnen Inhalten im Film siehe das Protokoll der Zensur in: Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films und Materialien, S. 93-95.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Massendarstellungen in "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?".
Untertitel
Von der unorganisierten Menge zum heroisierten Arbeiterkollektiv
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Filme der Weimarer Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V336557
ISBN (eBook)
9783668266506
ISBN (Buch)
9783668266513
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt, Massenszenen, Film, Massentheorien, filmische Mittel
Arbeit zitieren
Sebastian Kroker (Autor), 2016, Massendarstellungen in "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?"., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336557

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