Bildbeschreibung von Édouard Manets "Un bar aux Folies Bergère" (1882)


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: sehr gut
Madeleine Zimmer (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Bildbeschreibung

Farbe

Vorgeschichte und Bedeutung

Vergleichswerk

Schlusswort

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Bild „Un bar aux Folies Bergère“ von Edouard Manet aus 1882. Das Bild ist Öl auf Leinwand und mißt 96 mal 130 Zentimeter. Es befindet sich in Courtald Gallery in London. Manets Unterschrift befindet sich auf einem Flaschenetikett unten in der linken Bildecke.Zunächst folgt eine Bildbeschreibung mit besonderem Augenmerk auf die Darstellung der Spiegelung und ihre Bedeutung.

Bildbeschreibung

Fronatal vor dem Betrachter, genau in der Mitte des Bildes, sehen wir eine junge Frau stehen, deren Arme gegen die Marmorplatte gestützt sind. Mit ihren symmetrisch gestützen Armen und steilen Oberkörper erscheint sie in der Form eines Dreiecks und bildet auf diese Weise mit dem vor ihr stehenden Marmortisch eine Art von Waage, bei der die Glasflaschen, die sich auf dem Tisch befinden, als Gewichte fungieren. Das junge Mädchen hat Stirnfransen und die restlichen Haare sind zu einem einfachen Zopf gebunden. Sie trägt ein dunkelblaues Gewand. Auf den Ärmeln und auf dem eckigen Brustauschnitt ist ein reiches weißes Spitzenwerk zu sehen. Der Brustauschnitt wird in der Mitte teilweise durch einen kleinen Blumenstrauß verdeckt. Darunter folgt eine Reihe von vermutlich silbernen Knöpfen. Die junge Frau ist unauffällig geschmückt- auf ihrem Hals ist ein Medaillon ganz oben, an ihren Ohren sind Perlen und auf ihrem rechten Arm, unter dem Spitzenwerk des dreiviertellangen Ärmels, ist ein goldenes Armband, das die Harmonie der erwähnten Dreieckskomposition durcheinander bringt. Hinter der jungen Frau ist ein Spiegel, der sich über die ganze Bildfläche erstreckt, und den wir auf den ersten Blick möglicherweise nicht als Spiegel identizifieren würden. Jedoch erkennen wir ihn an der goldenen Rahmenleiste (unten in den Lücken zwischen den Flaschen und Gläsern) und an den Verschmierungen, die den Hintergrund an gewissen Stellen unklar machen. In dem Spiegel reflektiert sich die gegenüberliegende Seite des Lokals. Wir sehen einen saalartigen Raum, der durch eine Balkonbrüstung in zwei Ebenen unterteilt wird. Auf der glatten Balkonbrüstung befinden sich viele sitzende Menschen bzw. Zuschauer. Die meisten sind elegant gekleidet; sie tragen Handschuhe, Hüte und manche haben bei sich auch Operngläser. Die Atmosphäre im Hintergrund erscheint feierlich und lebendig. In der rechten Bildecke ganz oben, können wir zwei Beine einer Akrobatin auf einem Trapez wahrnehmen. Im Großen und Ganzen handelt es sich, also, um eine Darstellung des Nachtlebens mit akrobatischer Darbeitung, die jedoch auf dem Bild anscheinend nicht von großer Bedeutung ist. Weiter können wir zwei/drei große Kugellampen und zwei wesentlich größere und prächtige Kronenleuchter sehen. Möglicherweise befinden sich hinter den Kronenleuchtern weitere Spiegelflächen, weshalb uns der Hintergrund so endlos und verwirrend erscheint. Die Glasflaschen und die Kristallschale auf der Marmortheke sind auch als Teil der Spiegelreflexion dargestellt, aber ungewöhnlicherweise verkehrt- das heißt, die Spiegelung erscheint auf dem falschen Spiegelrand. Auf dem Spiegel ist auch die Rückenfigur des Mädchens abgebildet. Diese erscheint weniger steif als ihre Figur in Vorderansicht und sie ist leicht gebeugt zu einer anderen Figur, die wir auch im Spiegel zu sehen bekommen. Und zwar ist es die Figur eines Herren mit Zylinderhut und Schnurrbart in der rechten Ecke des Bildes.[1]

Die Spiegelung der Rückenfigur des Mädchens ist schräg dargestellt und die Spiegelung der Flaschengruppe links passt nicht zu der eigentlichen Darstellungen dieser Objekte vor der Spiegelebene. Die Raumkomposition und die Spiegelebene machen dieses Werk einzigartig. Der Spiegel, der hinter der jungen Frau ist, und der den gesamten Hintergrund des Bildes füllt, zeigt uns paradoxerweise nicht das, was hinter ihr ist, sondern das, was vor ihr ist. Die Darstellung von einem Spiegel im Hintergrund des Bildes war an sich zu dieser Zeit nichts Neues. Was charakteristisch bei Manets Bild ist, ist aber die Wirkung, die durch den Spiegel entsteht. Es herrscht eine Unstimmigkeit zwischen den Figuren und ihren Spiegelungen. Die Vorderansicht der Figur ist streng frontal und so wird der Betrachter auch zuerst mit dem Bild konfrontiert. Wenn er sich dann aber ihre Rückenfigur, bzw. ihre Spiegelung anschaut, fühlt er sich gezwungen eine andere Position einzunehemen, da sie schräg zu ihm steht. Auch der Körperausdruck des Mädchens passt sich dieser Unstimmigkeit an. Die streng frontale Figur scheint abwesend zu sein, aber die gebeugte Spiegelung ist ihr Gegenteil, und somit anwesend und zu dem Besucher gewandt. Dadurch entwickeln sich zwei miteinander unvereinbaren Positionen, die der Betrachter oder/ und Maler einnehmen müssen, um das Bild so wie es dargestellt ist, wahrzunehmen. Auch die Entfernung des Mannes mit Hut scheint nicht richtig zu sein. Der Spiegelung zufolge ist der Mann in der unmittelbaren Nähe der Frau, jedoch kann man das an der Hauptfigur nicht erkennen, da es keinen Schatten gibt. Das Licht fällt ohne jegliche Hindernisse direkt auf sie. Wäre ihr der Mann tatsachlich so nahe wie es im Spiegel dargestellt ist, dann müsste es auch einen Schatten auf ihrem völlig beleuchteten Oberkörper geben. Auf diese Weise spielt der Künstler wieder mit uns. In disem Fall ist jemand gespiegelt der eigentlich, seiner Spiegelung nach als solcher nicht anwesend sein sollte/ kann. Das Spiegelbild verweist darauf, dass es eine Person, die vor dem Mädchen steht, gibt. Die Beleuchtung, bzw. das Fehlen des Schattens besagt aber das Gegenteil davon. Ausgehend von der Beleuchtung der Hauptfigur sollte es niemanden, der auf die Frau zukommt, geben. Damit es aber ein Spiegelbild gibt, muss jemand in ihrer Nähe sein. Also ist die Figur gleichzeitig anwesend und abwesend, je nachdem wie man es betrachtet- wir müssen jemanden und niemanden voraussetzen, um das Bild in seiner Gesamheit wahrzunehmen.[2] Foucault, der sich mit Manets Werken auseinandersetzte und insbesondere mit diesem, unterscheidet „drei Systeme der Unvereinbarkeit“ :

„ 1) Der Maler muss da und dort sein
2) Es muss jemaden und niemanden geben.
3) Es gibt einen aufwärts und einen abwärts gerichteten Blick. „[3]

Die Darstellung von einem Spiegel im Hintergrund ist an sich nichts Neues oder Ungewöhnliches in der Kunst. So spielte schon Velázquez in seinem berühmten Werk „Las Meninas“(1656) mit der Wirkung des Spiegels im Hintergrund. Manet, der sich durchaus mit der Tradition befasste, ahmte dieses Werk in seinem Selbstbildnis im Spiegel von 1879 nach. Das Spiegelbild hatte bei Manet eine sehr wichtige Rolle und es diente ihm als ein Mittel, um die Malerei selbst zu betonten- das Gemälde alleine war die Botschaft; Manets Malerei ist einfach nur Malerei. Für ihn war der Spiegel der primäre Gegenstand in seiner Kunst. Manet war derjenige, der die Eigenschaften der Malerei nicht, wie es bisher in der abendländischen Kunst (seit dem Quattrocento) üblich war, verschleiern wollte. In diesem Verfahren hilft ihm auch die Verwendung der Spiegelreflexion, durch die er diese Traditionen sichtbar machen kann und sie brechen kann.

„Spiegelfläche und Bildfläche sind deckungsgleich geworden. Die Spiegelreflexion wird zu einer konkreten Metapher, die keines verschlüsselten symbolischen Zeichensystems mehr bedarf.“[4]

Für die genannte „Unstimmigkeit“ zwischen der Spiegelung und Wirklichkeit hat man sich eine mögliche und logische Lösung überlegt; und zwar, damit wir der Frau unmittelbar gegenüber stehen und ihre Spiegelung trotzdem schräg ist, müsste der Spiegel auch schräg gestellt sein. Dies ist hier jedoch nicht der Fall, da der Spiegel gerade steht, was klar an der goldenen Rahmenleiste, die parallel zum Tisch verläuft, zu erkennen ist. So eine Begründung würde aber auch den Sinn dieser Darstellungsweise verfehlen, denn das Spiel, Rätseln und die vielen Betrachtungsmöglichkeiten machen dieses Gemälde interessant und spannend. Insgesamt können wir sagen, dass hier kein normativer Raum dargestellt ist. Mit dem Betrachter wird bewusst gespielt- es gibt keinen genauen Ort von dem man das Werk betrachten soll. Der Betrachter wird mit dem Werk konfrontiert; er ist gefordert, verschiedene Positionen ihm gegenüber einzunehmen.

In seinem Aufsatz sagt Thierry Duve folgendes: „ A Bar at the Folies- Bergere is a composite image, or its spatial inconsistencies would not be explicable at all. Either the viewer or the mirror moves. In both cases the resulting image conflates two or more moments in time, unless the viewers- or, at any rate, the viewpoints- multiply simulateneously.”[5] Er vermutet auch, dass der Künstler zufällig zu dieser Spiegel/Raumkonstruktion gekommen ist, bzw. dass während der Schaffensphase diese Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind, und dass Manet nach mehreren unternommenen Veränderungendas Ausbessern aufgegebenund auch Gefallen an diesen Unstimmigkeiten gefunden hat.[6] Eine Interpretationsmöglichkeit, die ähnlich zu Duves, mehrere Momemente einbezieht, ist die von Hans Jantzen, der wegen dem abwesenden und verträumten Blick des Mädchens ein Gespräch zwischen ihr und dem Mann unterfragt und vermutet: „Vielleicht ist es nur das schattenhafte >Nachbild> einer bereits vorübergegangenen Unterredung?“[7]

Farbe

Noch eine Besonderheit dieses Bildes ist die reiche und glitzernde Farbgebung, die die ohnehin schon ungewöhnliche Raumkomposition noch mehr unterstreicht. Auf dem Bild dominieren die ruhigen und teilweise auch gedämpften Töne, die wolkenartig auf der Bildfläche verteilt sind. Sie werden in ihrer Einheit von schimmernden und grellen Farben unterbrochen. Das nicht besonders herausstechende Dunkelblaue der Jacke des Barmädchens ist tonangebend und nimmt die größten Teil der Fläche ein. Es hat was Tiefes und Nächtliches an sich und es passt gut zu der strengen Haltung des Mädchens und ihrem ernsthaften Gesichtsausdruck. Die Umrandung ihrer Jacke ist abgestimmt mit der Farbe der Architektur im Hintergrund. Das Violettblau und Karminrosa erzeugen eine verträumte Atmosphäre und lassen die Balkonbrüstung und die vertikalen Bänder noch irrealer und entfernter von dem Mädchen wirken. Als zugehörig empfindet man auch die wechselnden Grautöne der Marmortheke, die sich auch im Hintergrund wiederholen, und zwar am Spitzenwerk des Gewandes und auf dessen Rückseite. Diese Töne bilden eine Art von Einheit, die sich harmonisch durch das ganze Bild verbreitet. Im Kontrast zu ihr und ihrer eher zarten und träumerischen Wirkung, steht das Stillleben im Vordergrund. Es ist weniger eine Einheit. Die Flaschengruppen unterscheiden sich in ihrer Farblichkeit. Die linke Flaschengruppe scheint ausgewogener und mehr als eine geschlossene Intensität. Ein leichter Kontrast entsteht durch die gelben Hauben der dunkelgrünen Sektflaschen. Die Farben der einzelnen Flaschen der rechten Gruppe sind auch untereinander nicht abgestimmt oder harmonish. Die rechte Seite ist durch starke Kontraste gekennzeichnet und steht vor allem im Kontrast zu der dunkelblauen Jacke. Sie sind in einem Spannungsverhältnis. Die giftig grüne Absinthflasche steht direkt neben der roten Aperitivflasche. Hinzukommen noch das intensive Orange der Mandarinenschale und die goldene Rahmenleiste. Die rechte Seite ist auch diejenige, die die „Harmonie“ der schon erwähnten Dreieckskomposition gefährdet. Eine Art von Ausgleich entsteht dann aber durch das kleine Glas mit zwei Rosen. Die linke Rose ist weißlich Gelb und die rechte eine Mischung aus Rosa, Blau und Grau und korrespondiert mit dem Grau der Marmorplatte. Dieser Grauton findet sich wieder am Spitzenwerk des Brustauschnittes und der Ärmel.

Einen ähnlichen Farbcharakter zu der rechten Flaschengruppe und dem Kristallglas hat die Farbe der Kugellampen. Es entsteht eine Art krafvoller Verbindung, die sich über die Vorder-und Hintergrund ausdehnt. Das starke Licht der Kuggellampen verbreitet sich in glitzernden und vibrierenden Strahlen auf dem Rest des Bildes, insbesondere zu sehen an den Köpfen der Menschen. Die Kugellampen im Hintergrund bilden mit ihrer Form und farblichen Intensität eine ungewöhnliche Einheit. Ihre Steifheit und das Weiß widersprechen der bewegten und verschmolzenen Masse von Zuschauern. In der größtenteils unklaren Menschenmasse sticht eine Figur heraus. Es ist die Frau in der rechten Bildecke, die neben einem Mann mit Hut und Schnurrbart sitzt. Die Farbe ihrer Handschuhe und ihrer Haare ist wie eine Spiegelung der gelben Farben der Flaschen im Vordergrund. Auch das grelle Grün der Absinthflasche findet sich wieder im Hintergrund, und zwar auf den Schuhen der Akrobatin. Obwohl die Farbgebung des Vorder- und Hintergrunds anders ist, sind ihre Farben nicht kontrastiert, sondern sie beeinflussen sich gegenseitig und korrespondieren miteinander. Die Farbe verleiht dem Stillleben im Vordergrund eine fast unheimliche Lebendigkeit. Andererseits kommt es zu einer Irrealisierung der Menschenmasse, die entfremdet und „ungreifbar“ wirkt, insbesondere im Vergleich zu der Hauptfigur. Die „Bar“ stellt den Höhepunkt des „Lichtzaubers“ in Manets Bildern. Kein anderes Werk hatte so eine ausdrucksstarke Farblichkeit, die das ganze Bild betont und neu belebt.[8]

[...]


[1] Günter Busch, Un bar aux Folies- Bergere, Stuttgart, 1956, S.3-6.

[2] Vgl. Michael Foucault, Die Malerei von Manet, Berlin 1999, S. 42-47.

[3] Foucault 1990, S. 45.

[4] Hans Körner, Edouard Manet: Dandy, Flaneur, Maler, München, Fink, 1996.

[5] Thierry de Duve, Brian Holmes, How Manet's "A Bar at the Folies-bergère" Is Constructed, in: Critical Inquiry 25.1, 1998, S. 136–168.

[6] Vgl.Thierry de Duve, Brian Holmes, How Manet's "A Bar at the Folies-bergère" Is Constructed, in: Critical Inquiry 25.1, 1998, S. 136–168.

[7] Hans Jantzen, Edouards Manets Bar aux Folies-Bergère, in: Beiträge für Georg Swarzenski zum 11. Januar 1951. Berlin 1951, 228-232, S. 232.

[8] Gisela Hopp, Edouard Manet: Farbe und Bildgestalt, Berlin,1968, S 86-91.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bildbeschreibung von Édouard Manets "Un bar aux Folies Bergère" (1882)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V336578
ISBN (eBook)
9783668280397
ISBN (Buch)
9783668280403
Dateigröße
2018 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildbeschreibung, manets, folies, bergère
Arbeit zitieren
Madeleine Zimmer (Autor), 2016, Bildbeschreibung von Édouard Manets "Un bar aux Folies Bergère" (1882), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336578

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