Zur Diachronie der Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen. Martin Luthers Bibelübersetzung (1545)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Prozess der Präposition-Artikel-Enklise
2.1 Präposition und Artikel
2.2 Fördernde Faktoren
2.3 Hemmende Faktoren
2.4 Vorkommen

3. Diachronie
3.1 Althochdeutsch
3.2 Mittelhochdeutsch
3.3 Frühneuhochdeutsch und Luther

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Präposition-Artikel-Enklise ist Teil des Grammatikalisierungsprozesses. Das Phänomen der Klitisierung beschreibt die Verschmelzung zweier angrenzender Ausdrücke. Die Klise ist eine Besonderheit in der Sprachwissenschaft, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts näher erforscht wurde (siehe NÜBLING 1992: 8f). In dieser Arbeit soll nicht nur das Gebilde Klise näher erläutert und ihr Prozess anschaulich dargestellt, sondern auch an Beispielen festgemacht werden. Hier bietet sich ein Blick auf die Diachronie an. Während die Verschmelzung im Alt- und Mittelhochdeutschen bereits angedeutet aber nicht Regeln folgend vorkommt, wird eine regelmäßige Klitisierung verschiedener Formen im Neuhochdeutschen offenkundig. Dargestellt werden soll der Stand der Klise in dieser Zeit anhand von Beispielen aus Luthers Bibelübersetzung. Grundlage dieser Abhandlung sind Untersuchungen von NÜBLING (1992, 1998, 2002 u. 2005), CHRISTIANSEN (2012) und besonders die erstmalige Beschäftigung mit Klitika im LUTHER-Deutschen (1545) von STEFFENS (2010 u. 2012).

2. Prozess der Präposition-Artikel-Enklise

Um den Prozess der Klitisierung zu verstehen, wird im Folgenden ein kleiner Exkurs zu den wichtigsten Ausdrucksverfahren nach BYBEE (1985) gemacht. Die Sprachwissenschaftlerin beschäftigte sich mit den verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten von Informationen und machte die Unterscheidung in fünf Kategorien (siehe Abb. 1). Hier wird auf einer Skala (nach NÜBLING 2002: 94) von links nach rechts zwischen lexikalisch, derivationell, flexivisch, klitisch und syntaktisch unterschieden. Nach links hin gibt es einen zunehmenden Fusionsgrad, d.h. eine größere Dichte an Informationen in einer syntaktischen Einheit verankert. Außerdem wird auf der Skala von rechts nach links die sich steigernde Frequenz gezeigt. Die Kategorien lexikalisch und syntaktisch stehen sich an beiden Enden gegenüber, denn während beim lexikalischen Verfahren die Information in einem Ausdruck vermittelt wird (Auto), muss bei der syntaktischen Ordnung die Aussage auf mehrere Einheiten ausgelagert werden (motorisiertes, vom Menschen betriebenes Fahrzeug). Der Morphologische Teil dieser Einordnung wird durch die Derivation und Flexion repräsentiert. Hier soll nur kurz erwähnt werden, dass Flexive meist grammatisierter sind und die „syntaktische Funktion des Wortes im Satz“ (NÜBLING 1992: 93) aufweisen, während Derivative relevanter sind und sich von der Basis abtrennen können.[1] Augenmerk soll bei BYBEES Unterscheidung auf die klitische Kategorie gelegt werden: Hier kann sich eine Information die ursprünglich syntaktisch auf zwei Einheiten aufgespalten war (an dem), als Klise in einem Wort (am) zeigen. Dies geschieht vor allem bei zunehmender Frequenz.

„Klitika sind unbetonte, unselbstständige Wörter, die sich [...] mit einem anderen, selbstständigen Wort [...] verbinden“ (NÜBLING 2002: 101). Durch einige verschiedene Faktoren kommt es entweder zu einer Proklise es gibt > s’gibt, bei der die Verschmelzung am Wortanfang der Basis geschieht, oder einer Enklise gibt es > gibt’s, bei der das Wortende betroffen ist (NÜBLING 1992: 5). Bei der sogenannten Präposition-Artikel-Enklise geschieht die Verschmelzung zwischen einem Definit Artikel und der vorangegangenen Präposition. So verbinden sich z.B. die Präposition an und der Artikel dem zu der, nach KLAVANS (1982) durch das Zeichen „=“ markierten (NÜBLING 1992: 6), klitisierten Form a = m mit dem Klitikon - m. Die Präposition stellt die Basis der analytischen, d.h. unklitisierten Vollform dar.

Beschränkt man sich auf Verschmelzungen in der Umgangs- oder dialektalen Sprache, hat man verschiedene Grade der Klise. Je nach Schnelligkeit des Redens und ausgehend davon, ob die klitische Form mit der analytische Form wieder ausgetauscht werden kann, ergeben sich die Stufen nach einer Verschmelzungsblockade (bei der > * beir) von der Allegroverschmelzung (auf die > aufe), über die schriftsprachliche einfache (über das > übers), und die spezielle, d.h. obligatorische Klise (an dem > am). Diese Stufen der Klise sollen anhand eines vereinfachten Schaubilds (Abb. 2) nach NÜBLING (1992: 189, Figur 51) dargestellt werden: Auf der x- und auf der y-Achse wird die Schnelligkeit des Sprechens vom schnellen „Allegro“ bis zum langsamen „Lento“ angezeigt. Auf der x-Achse wird zusätzlich die von links nach rechts abnehmende Austauschbarkeit von analytischer und klitisierter Form dokumentiert. Zwischen den beiden Achsen befindet sich der linear verlaufende Graf, auf dem von links unten nach rechts oben verschiedene Klise-Grade gezeigt werden. Links unten befindet sich die Allegroverschmelzung. Sie entsteht durch ein sehr schnelles, nähe-sprachliches Sprechen, also meistens nur, wenn der Sprecher mit dem Hörer vertraut ist und möglicherweise weniger auf seine Aussprache achtet, wie bei in der > in’er oder auf der > aufer. Ist das nicht der Fall, werden die Vollformen in der oder auf der statt der Klise genutzt, da sie distanzsprachlicher sind. Wird das Sprechverhalten langsamer spricht man von der einfachen Klise. Sie ist zwar noch mit der analytischen Form austauschbar, aber deutlich grammatikalisierter, da sie auch in der Schrift vorkommen kann. Formen der einfach Klise sind z.B. für das > fürs, vor das > vors oder über das > übers.

Bei der speziellen Klise ist die Form zwar noch rein figurativ eindeutig „segmentierbar“, aber durch den Sprachwandel unsprachlich geworden. Das ist an dem Beispiel nach NÜBLING (2002: 102) „ sie fliegt zum Mond/*zu dem Mond “ zu beobachten. Die Klise wäre hier nicht mehr mit der analytischen Form austauschbar, die Verschmelzung ist in diesem Fall also obligatorisch.

Die von rechts nach links immer geringere Austauschbarkeit weist auf eine zunehmende Grammatikalisierung der Klisen hin (NÜBLING 1998: 276). D.h. die spezielle Klise ist deutlich mehr im Wortschatz und vor allem der Schriftsprache verankert als die Allegroverschmelzung (CHRISTIANSEN 2012: 3). Weil aber verschiedene Klitika nicht eindeutig einer Gruppe, wie z.B. der einfachen oder speziellen Klise, zugeordnet werden können und es einige „Unterschiede hinsichtlich Obligatorik, Austauschbarkeit und Festigkeit von Klitika“ (NÜBLING 2002: 102) gibt, kann die These aufgestellt werden, dass hier der Prozess der Klise, also der Grammatikalisierung noch stattfindet.

Bei STEFFENS (2010: 249, Tabelle 1) werden nach COSMAS II (Januar 2010) die „15 häufigsten Präposition-Artikel-Enklitika in verschrifteter Standartsprache [...] und ihr prozentuales Verhältnis zur Vollform“ (Abb. 3) gezeigt. Hier sind unter ihnen große Unterschiede zu erkennen. Mit deutlichem Vorsprung ist im die höchstfrequente Klise die mit mehr als 97 Prozent gegenüber ihrer analytischen Form genutzt wird. Mit einem ähnlichen Verhältnis zwischen Vollform und Klise folgen am, zum, zur, vom, beim, ins. Deutlich weniger in der Standartsprache verankert sind z.B. aufs, fürs, ums oder ans. Bei diesen Allegroverschmelzungen ist das Verhältnis zwischen Vollform und klitischer Form außerdem zum ersten Mal umgekehrt. Hier macht die Klise nicht mehr ungefähr 80 Prozent, sondern weniger als 30 Prozent aus (STEFFENS 2010: 249f).

2.1 Präposition und Artikel

In STEFFENS (2010: 249, Tabelle 1) Auflistung fällt auf, dass die erste zweisilbige Präposition über erst an zwölfter Stelle steht. Diese Beobachtung fordert eine genaue Betrachtung der beiden klitisierenden Einheiten: Präposition und Definit Artikel. Befasst man sich bei der Klise mit den Präpositionen muss die wichtige Unterscheidung zwischen primären und sekundären Präpositionen gemacht werden. Während die primären Präpositionen in, mit, von, an, auf, zu, bei, nach, um und für, hier ausgehend von der Häufigkeit die frequentesten zehn aufgelistet (NÜBLING 1998: 279 nach ROUFF 1990), ca. 90% der Standartsprache ausmachen und ein hohes Alter besitzen, sind die sekundären, wie z.B. entgegen oder innerhalb jünger und deutlich weniger frequent.

Dass eine Verschmelzung i.d.R. nur mit den primären Präpositionen geschieht, liegt nicht nur an der Frequenz, sondern vor allem daran, dass sie gegenüber den mehrsilbigen sekundären Präpositionen hauptsächlich nur eine Silbe aufweisen.

Beim Klitisierungsvorgang muss außerdem der Begriff der Kasusrektion eingebracht werden. Gemeint ist damit, dass im Falle der Präposition-Artikel-Enklise die Präposition den Kasus regiert. Die frequentesten unter den Präpositionen funktionieren mit dem Dativ, gefolgt vom Akkusativ (NÜBLING 2005: 116, Tabelle 1). Diese Frequenz hat starken Einfluss auf die Verschmelzungsfreudigkeit der definiten Artikel. Hier treten Klitika mit großer Mehrheit bei Dativ- und Akkusativformen auf. Die Unterschiede der Verschmelzungshäufigkeit werden in Abb. 4 nach NÜBLING (1998: 278) gezeigt. Hier fällt auf, dass der Objekt-Artikel im Dativ Maskulinum und Neutrum dem zu den deutlich häufigsten gehört, nach einigem Abstand gefolgt vom Akkusativ Neutrum das und Akkusativ Maskulinum den. Hier zeigt sich auch eine allgemein höhere Enklise Freudigkeit der Singular-Artikel gegenüber denen im Plural (NÜBLING 1998: 278). Betrachtet man die bereits eingeführte Tabelle der Häufigkeit der Präposition-Artikel-Enklise (STEFFENS 2010: 249) wird deutlich, dass unter den ersten sechs Reihen fünf Klitika sind, die mit dem Dativ-Artikel dem gebildet werden: im, am, zum, vom, beim.

2.2 Fördernde Faktoren

Die Präposition-Artikel-Enklise geschieht nur unter einigen Bedingungen. Wie bereits erwähnt, verschmelzen ausschließlich definite Artikel i.d.R. nur mit primären Präpositionen, da sie einsilbig und deutlich frequenter sind. Eine hohe Tokenfrequenz bedeutet also eine häufige Klitisierung, eine niedrige Frequenz führt zu seltener Verschmelzung. Des Weiteren spielt beim Artikel die phonologische Struktur eine Rolle. Wie STEFFENS (2012: 307f) formuliert, spielt die Sonorität des Auslauts der Präposition ebenfalls eine große Rolle. Die ersten sieben und damit häufigsten Verschmelzungsformen in Abb. 3 weisen „sonore Ausgänge“ (STEFFENS 2012: 307) auf, wie die nasalen in, an, von oder die auf Vokale endenden zu und bei. Ein sehr wichtiger Faktor für die Entstehung der Enklise ist weiterhin die Kookkurrenzfrequenz zwischen Präposition und Artikel. Sie bedeutet das unmittelbare syntaktische Aufeinandertreffen von zwei sprachlichen Einheiten, die dann miteinander verschmelzen (STEFFENS 2012: 308).

[...]


[1] Eine nähere Betrachtung findet sich bei NÜBLING 1992: 92f oder 1998: 268-274.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Diachronie der Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen. Martin Luthers Bibelübersetzung (1545)
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V336618
ISBN (eBook)
9783668261945
ISBN (Buch)
9783668261952
Dateigröße
1126 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luther, Übersetzung, Präposition, Artikel, Enklise, Diachronie
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Zur Diachronie der Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen. Martin Luthers Bibelübersetzung (1545), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336618

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zur Diachronie der Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen. Martin Luthers Bibelübersetzung (1545)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden