Beim Lesen eines Schauerromans, löst dieser beim Rezipienten, wie der Name schon sagt, ein „schauriges“ Gefühl aus, vielleicht verspürt er sogar Angst, fühlt sich beklemmt, beobachtet, kurz: es ist unheimlich. Womöglich sind es nur Kleinigkeiten, eine minimal vom Alltag abweichende Situation, eine unerwartete Wende, unnatürliche Lichtverhältnisse, uvm. Was jedoch genau das unheimliche Gefühl in uns auslöst ist schwer zu sagen. Im Hinblick auf das Eingangszitat ist das Umheimliche vielleicht das „bisher Übersehene“, das es in dieser Hausarbeit zu untersuchen gilt, und als das „nun Dazugekommene“ bezeichnet werden darf. Ob es nun „gerade das Wesentliche“ ist, möchte ich anhand der Psychoanalyse Sigmund Freuds versuchen zu beantworten.
Sigmund Freud (1856-1939), Begründer der Psychoanalyse, schlug zunächst in Wien eine naturwissenschaftliche und anschließend medizinische Laufbahn ein, praktizierte als Arzt und Seelenforscher, löste mit seinen Entdeckungen einen Skandal aus, indem er unter anderem auch als „einer der großen europäischen Schriftsteller hervor[trat]“ Im Wesentlichen wird im Rahmen dieser Hausarbeit nicht auf Freuds Biographie eingegangen, sondern vielmehr ein kurzer
Umriss seiner Erkenntnisse der Psychoanalyse dargestellt und vor allem auf sein Essay „Das Unheimliche“ eingegangen. Wie wird der Begriff „unheimlich“ definiert und wie kann dieses
Gefühl erzeugt werden?
Im Anschluss möchte ich anhand Claude Seignolles „Isabelle“ zeigen, mit welchen Werkzeugen der Autor arbeitet, um seine Novelle für den Leser unheimlich wirken zu lassen. „Isabelle“ gehört zur Gattung der Gothic Novel, die sich durch Elemente wie Nacht, Dunkelheit, übernatürliche Gestalten (Isabelle), Einsamkeit, Isolation des Protagonisten (Graf), u.a. auszeichnet. Untrennbar davon ist das Moment des Unheimlichen.
Im zweiten Teil werde ich „Isabelle“ unter psychoanalytischer Perspektive beleuchten und interpretieren, besonders im Hinblick auf die Charakterzüge der Hauptfiguren. Welche Ängste äußern sich beim Grafen und können psychische Störungen ausgemacht werden? Wie werden Jasmine, sein Dienstmädchen und Isabelle dargestellt? In welchen Punkten ähneln sie sich, kann von einem Doppelgängertum gesprochen werden? Am Ende wird sich zeigen ob die Methode der psychoanalytischen Lesart zum Verständnis des Unheimlichen in der Lektüre beigetragen hat und ich möchte kurz auf die Frage eingehen, wieviel Autor steckt in der Geschichte?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das unheimliche Gefühl unter psychoanalytischer Lupe
2.1.Sigmund Freuds Psychoanalyse und „Das Unheimliche“
2.2.Elemente des Unheimlichen in Claude Seignolles „Isabelle“
3. Psychoanalytische Interpretation unter dem Aspekt des Unheimlichen
3.1.Analyse des Grafen
3.2.Doppelgängertum Isabelle – Jasmine
4. Schluss (Fazit)
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht Claude Seignolles Novelle „Isabelle“ auf Grundlage der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freuds, insbesondere mit Fokus auf das Essay „Das Unheimliche“. Das zentrale Ziel ist es, die narrative Gestaltung des Unheimlichen in der Gothic Novel zu analysieren und zu prüfen, inwieweit psychologische Störungen der Hauptfiguren sowie die Mechanismen der Doppelgängermetaphorik für die beklemmende Wirkung des Textes verantwortlich sind.
- Psychoanalytische Definition und Anwendung des Begriffs „Das Unheimliche“
- Untersuchung von Gothic-Novel-Elementen wie Isolation, Nacht und Dunkelheit
- Psychoanalytische Charakteranalyse des Grafen (Narzissmus, Depression, Triebverdrängung)
- Analyse der Doppelgänger-Motivik zwischen Isabelle und Jasmine
Auszug aus dem Buch
2.2. Elemente des Unheimlichen in Claude Seignolles „Isabelle“
Wie bereits in der Einleitung zu dieser Arbeit erwähnt wurde, möchte ich am Beispiel „Isabelle“ Unheimliches aufzeigen, die Art und Weise der Erzähltechnik näher bestimmen und unter psychoanalytischer Perspektive beleuchten.
Claude Seignolle (geb. 1917) schrieb die Gothic Novel „Isabelle“ neunzehnhundertsechsundsechzig, bereits im Zeitalter der Psychoanalyse. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen Schloss. Dessen Besitzer, ein Graf, erzählt seinem Restaurator die unglaubliche Geschichte seines eigenen Verfalls. Schuld daran trägt „Isabelle“, ein lebendig gewordenes Bildnis.
Zunächst führt der Restaurator in die unglaubliche Erzählung des Grafen ein, man spricht von einem homodiegetischen Erzähler mit interner Fokalisierung. Um den Plot von Anfang an unheimlich und düster wirken zu lassen, wählte Seignolle Worte wie „das schwerfällige Leben in der Provinz“ (50), „mit einem trüben Schleier aus staubigen Jahrhunderten überzogen“ (50). Trotz der anfänglichen Schwere baut der Autor eine realitätsnahe Welt auf, nennt den Ort „Rouen“ in der Normandie, der wirklich existiert. Langsam wird ein Spannungsbogen aufgebaut: „Der Graf de R., Herr auf C., tot! So war er schließlich doch gestorben… Aber wie hätte es auch anders sein können!“ (50) Neugierde motiviert den Rezipienten weiterzulesen nicht zuletzt, da sich der Erzähler nicht über des Grafen Tod wundert, sondern über dessen Ursache. Das erste Geschehen, die Vorgeschichte oder wenn man so will der Raum wird geschlossen um in den nächsten überzugehen. „Wenige Monate zuvor hatte ich mich zum Schloß von C. begeben, das zwischen zwei Wäldern versteckt liegt. Es war fast elf Uhr abends und so dunkel, daß ich mich nur mit Mühe zurechtfand.“ (51)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die psychoanalytische Fragestellung und Hinführung zum Thema des „Unheimlichen“ in Claude Seignolles „Isabelle“.
2. Das unheimliche Gefühl unter psychoanalytischer Lupe: Theoretische Fundierung des Begriffs „Das Unheimliche“ durch Freuds Psychoanalyse und Identifizierung unheimlicher Gestaltungselemente in der Novelle.
3. Psychoanalytische Interpretation unter dem Aspekt des Unheimlichen: Tiefenpsychologische Deutung des Grafen sowie Untersuchung der Doppelgängerthematik zwischen Isabelle und Jasmine.
4. Schluss (Fazit): Zusammenfassende Betrachtung der psychoanalytischen Untersuchungsergebnisse und Reflexion über die Relevanz der Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Das Unheimliche, Claude Seignolle, Isabelle, Gothic Novel, Doppelgänger, Narzissmus, Triebverdrängung, Sigmund Freud, Literaturwissenschaft, Angst, Schauerroman, Motivik, Identität, Phantastik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Isabelle“ von Claude Seignolle unter Rückgriff auf die psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds, um die Mechanismen des „Unheimlichen“ in dieser Gothic Novel zu entschlüsseln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition des „Unheimlichen“, die psychische Verfassung des Protagonisten, das Motiv des Doppelgängers sowie die Verschränkung von Realität und Phantasie.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, mit welchen literarischen Werkzeugen Seignolle das „unheimliche Gefühl“ beim Leser erzeugt und ob eine psychoanalytische Lesart geeignet ist, die Verhaltensweisen der Hauptcharaktere hinreichend zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine psychoanalytische Literaturanalyse angewandt, wobei insbesondere das Essay „Das Unheimliche“ (1919) von Sigmund Freud als theoretisches Raster dient.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Charakterisierung des Grafen, dessen Isolation und psychischen Verfalls, sowie auf der Analyse der Identitätsfusion zwischen der Frauengestalt Isabelle und dem Dienstmädchen Jasmine.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Psychoanalyse, Doppelgänger, Narzissmus, Triebtheorie, Unheimliches und Gothic Novel gekennzeichnet.
Inwiefern beeinflusst der Begriff „Narzissmus“ die Analyse des Grafen?
Der Graf zeigt laut der Analyse deutliche Züge eines Narzissten, insbesondere durch seinen Größenwahn und die Abwendung von der realen Außenwelt zugunsten einer durch das Bildnis der Isabelle geprägten Phantasiewelt.
Warum spielt das Doppelgängertum eine so entscheidende Rolle in der Interpretation?
Das Doppelgängertum von Isabelle und Jasmine fungiert laut der Arbeit als Medium der Selbsterkenntnis und verkörpert die Spaltung der Persönlichkeit des Grafen in ein Über-Ich und ein triebhaftes Es.
- Quote paper
- Daniela Graf (Author), 2012, „Das Unheimliche“ in Claude Seignolles „Isabelle“ aus psychoanalytischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336742