Patriarchalisches Frauenbild bei Heinrich von Kleist. Die Darstellung der Julietta in "Die Marquise von O"


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 1,0

Mathilda Ernstler (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung des Werkes

3 Das Rollenbild der Frau im 18. Jahrhundert

4 Analyse der Figur der Marquise von O

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Die Marquise von O... wird oftmals als einer der bekanntesten Erzählungen von Heinrich von Kleist bezeichnet. Obgleich die Frage nach dem Bekannt- heitsgrad nie eindeutig beantwortet werden kann, ist klar, dass die Erzählung rund um Julietta und ihre unerklärlichen Umstände sich im 19. Jahrhundert als wahres Skandalon herausstellten. Die Thematik rund um unehelichen Verkehr, unerklärbare Schwangerschaften, Vertreibung und Leid bis hin zum Motiv der Vergewaltigung und trotzdem vollzogener Ehe bedient vielerlei Tabus, die in Kleists Erzählung literarisch behandelt werden. So wirft Julietta als Hauptfigur sowohl in Bezug auf ihre Charakterisierung als auch ihre Handlungsmotive im Zeichen von Tradition und Emanzipation viele Fragen auf. Die folgende Arbeit befasst sich in diesem Zusammenhang mit der Frage nach der Beispielhaftigkeit Juliettas für das damalige patriarchalische Frau- enbild, welches im 18. Jahrhundert vorherrschte. Zur Erarbeitung werde ich die Reclam XL Ausgabe verwenden, die von Wolfgang Pütz kommentiert im Jahr 2013 herausgegeben wurde. Folglich werden Quellen der Primär- und Sekundärliteratur mit vollen Literaturangaben in Fußnoten gekennzeichnet, wohingegen Zitate oder Verweise des Werkes von Heinrich von Kleist nur durch eine in Klammern gesetzte Seitenzahl deutlich gemacht werden. Im Zuge dessen wird die Novelle zunächst in den historischen Kontext eingeord- net, um die damaligen Konventionen, Lebensweisen, Ethik sowie Moral- und Wertvorstellungen besser aufzeigen und verstehen zu können. Daraufhin folgt die Erläuterung der Rolle der Frau im 18. Jahrhundert, die das Patriarchat aufgreift und die Stellung der Frau unter männlicher Autorität behandelt. Ebenso wird aufgezeigt, welche Möglichkeiten Frauen als solche zu diesem Zeitpunkt der Geschichte besaßen und wo die vereinzelten Prozesse der Un- terdrückung begannen. Darauf aufbauend folgt eine ausführliche Analyse der Julietta als Hauptfigur innerhalb Kleists Erzählung, die sowohl ihren gesell- schaftlichen Stand als Witwe, ihre Rolle in der Familie, ihre Funktionalität als Mutter und Tradition und Emanzipation als Motiv des Ausbruchs behandelt. Der Argumentationsgang zur Beantwortung meiner Frage nach der Beispiel- haftigkeit Juliettas in Bezug auf das patriarchalische Frauenbild im 18. Jahr- hundert ist dabei wie eine Erörterung in Für und Wider gegliedert, die sich weitestgehend chronologisch an der Erzählung orientiert. Schlussendlich wird meine Arbeit durch ein Fazit abgeschlossen, womit aufgezeigt wird, warum die Fragestellung nicht ausschließlich eindeutig beantwortet werden kann und welche Aspekte die Beantwortung als kompliziert einstufen. Auf eine weitere Zusammenfassung und Interpretation der Novelle wird im Folgenden verzich- tet, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde und Kennt- nisse der Novelle Voraussetzung für die Beantwortung der Frage und Nach- vollziehen des Argumentationsganges darstellt. Ebenfalls unbehandelt bleibt die Einordnung der Mutter in das vorherrschende Patriarchat und eventuelle emanzipatorische Verhaltensmuster, die diese im Laufe der Erzählung zeigt, da mein Fokus hier ausschließlich auf Julietta als weiblicher Hauptfigur ein- zustufen ist. Auch Heinrich von Kleists persönliches Frauenbild und der Ein- fluss seiner privaten Umstände auf das Werk der Marquise von O... werden im Rahmen dieser Arbeit nicht näher erläutert. Zur Erforschung und Beant- wortung meiner Frage wurde vielschichtige Literatur hinzugezogen, da so- wohl historische als auch behavioristische Vorkenntnisse gefragt waren, um die Beispielhaftigkeit der Hauptfigur aufzuzeigen.

2 Einordnung des Werkes

Um die Novelle einzuordnen, lohnt sich ein kurzer Einblick in den histori- schen Kontext des Werkes. Das Jahrhundert, in dem Heinrich von Kleist ge- boren wurde, war gezeichnet durch politische-, gesellschaftliche- und wirt- schaftliche Veränderungen. Die fortschrittlichen Ideen der Aufklärung stell- ten die absolutistische Ständegesellschaft in Frage und riefen vor allem bei Gebildeten Wünsche nach sozialen und politischen Reformen hervor. Ein Kernpunkt der Forderungen war vor allem die gesetzliche Verankerung der Gleichheit aller Menschen. Allgegenwärtig war auch die damalige Idee der Mitbestimmung des Bürgertums und die Emanzipation benachteiligter Bevöl- kerungsgruppen1. Anzusiedeln ist Kleists Novelle durch die zahlreich auftre- tenden geographischen Hinweise in Norditalien. Diverse Zeitangaben weisen auf den zweiten Koalitionskrieg hin, der sich zwischen den Jahren 1799 und 1802 zugetragen hat2. Speziell benannt werden hier die kriegerischen Ausei- nandersetzungen im Jahr 1799, als es den Koalitionspartnern Russland und Österreich gelang, das französische Volk aus Italien zu vertreiben3. Die Folge des thematisierten Koalitionskrieges war eine drastische Veränderung der Landkarte durch napoleonische Kriege4. Das Bürgertum, als größte Formie- rung innerhalb der verschiedenen Stände, wurde in dieser Zeit wirtschaftlich und geistig - durch die fortlaufende Revolution auch politisch - zur führen- den Gesellschaft. Ein weiterer Schritt war die Differenzierung des Konzepts der Ehe: Die aristokratische Zwangsheirat wurde plötzlich von dem einst bür- gerlichen Konzept der Liebesheirat in Frage gestellt, Sexualität in diesem Zu- sammenhang allerdings weiterhin nur innerhalb der geschlossenen Ehe ge- stattet5. Ungeachtet des politischen und ökonomischen Aufstiegs des Bürger- tums bestanden weiterhin Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen des Hochadels, niederem Adels und Bürgertums. Demnach richtet sich Kleists Novelle am Beispiel des russischen Grafen F. gegen das in Preußen gelebte Helden Klischee, am Beispiel des Kommandanten von G. als Vaterfigur ge- gen eine obskure väterliche Autorität und schließlich am Beispiel der Marqui- se gegen Unmündigkeit und durch strenge Religiosität geprägte Vorurteile6. Zeitgeschichtlich gilt die Erzählung der Marquise von O. damit als Angriff auf die damalig herrschenden Konventionen - trotz diverser romantische Mo- tive gehört Heinrich von Kleist in die noch bis 1810 andauernde preußische Spätaufklärung7.

3 Das Rollenbild der Frau im 18. Jahrhundert

Die Rolle der Frau sowie das ihr zugeordnete damalige Alltagsleben lässt sich auf- grund von unzureichender historischer Forschung nur schwer rekonstruieren. Hier besteht das Problem der Differenzierung zwischen realer und imaginierter Wirklich- keit, weil ideale Frauenbilder zur Grundlage der Untersuchungen verwendet wurden. So gestaltet sich die Frau in den Augen des Mannes als Objekt der Begierde und Mo- tiv männlicher Sehnsüchte und wurde daher als Forschungsgegenstand oftmals nicht anerkannt8. Dennoch kann im Folgenden ein kleiner Einblick in das Rollenbild im Hinblick des Wandels gegeben werden. Durch die Aufklärung hervorgerufen vollzog sich ein tiefgreifender Wandel des Familienlebens, wodurch auch die Sicht auf Liebe und Ehe revolutioniert wurde. Damit schwand das Konzept der Ehe als Institution zur Befriedigung des Triebes und Kindererzeugung. Liebe als elementarer Bestand- teil und damit einhergehende Liebesheiraten wurden gesellschaftlich erstrebenswert9 - hier weist das dargestellte Rollenbild einen großen Unterschied zum patriarchalischen Familienbild auf, welches mit einer Unterordnung der Frau unter das Familienoberhaupt verbunden war.

Der Mittelpunkt des bürgerlichen Frauenalltags war die Familie, welche gleichzeitig als wichtigste Institution der bürgerlichen Gesellschaft galt10. Die Leistung der modernen bürgerlichen Kleinfamilie war dahingehend vor allem die Hochschätzung der Frau als Mutter und starke familiäre Bindung zwischen Eltern und Kindern11. Die neue Vorstellung von Häuslichkeit in den oberen gesellschaftlichen Schichten stand dabei im Widerspruch zur Rolle der Frau in den unteren Klassen, dabei war das Konzept der Liebesheirat in den unteren Schichten keinesfalls unbekannt - aus wirtschaftlichen Aspekten jedoch oftmals nicht möglich12.

Es fällt auf, dass das patriarchalische Prinzip unter dem Einfluss Napoleons weiter gestärkt wurde, allerdings waren die aufgeführten Ideen der Aufklärungsbewegung revolutionär für die Ideen der Frau, hier vor allem in bürgerlichen und kleinbürgerli- chen Schichten. Als wichtigstes Ereignis ist an dieser Stelle die französische Revolu- tion zu nennen, mit der die Stellung der Frau in Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Staat als Frauenfrage offen zur Verhandlung gestellt wurde. Das sogenannte Natur- recht, welches auf Vernunft gegründet war, machte im Privatrecht nun mehr keinen Unterschied der Geschlechter - trotzdem war eine ehemännliche Gewalt nach römi- schen Recht dem Mann zugestanden13. Dieser galt als Haupt der Familie, obwohl beide Elternteile einen Anspruch auf Elternrecht hatten.

[...]


1 Vgl.: Siebers, Winfried; D’Aprile, Iwan-Michelangelo: Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung. Berlin, 2008. S. 191.

2 Ebd., S. 218.

3 Vgl.: Hüffa, Hermann: Der Krieg des Jahres 1799 und die zweite Koalition. Gotha, 1904. S. 22-23.

4 Ebd., S. 23.

5 Vgl.: Bake, Rita; Kiupel, Birgit: Unordentliche Begierden. Liebe, Sexualität und Ehe im 18. Jahrhundert. Hamburg, 1996. S. 35-36.

6 Vgl.: Doering, Sabine: Erläuterungen und Dokumente: Heinrich von Kleist: Die Marquise von O... Stuttgart, 1993. [u.ö.]. In: Reclams Universal-Bibliothek 8196. S. 100-101.

7 Ebd., S. 111.

8 Vgl.: Schwarz, Gisela: Literarisches Leben und Sozialstrukturen um 1800: Zur Situation von Schriftstellerinnen am Beispiel von Sophie Brentano-Mereau geb. Schubart. In: Europäische Hochschulschriften / 01; 1284. Frankfurt/M, 1991. S. 32.

9 Ebd., S. 35-36.

10 Vgl.: Panke-Kochinke, Birgit: Die anständige Frau. Konzeption und Umsetzung bürgerlicher Moral im 18. und 19. Jahrhundert. Pfaffenweiler, 1991. S. 109.

11 Vgl.: Schwarz, Gisela: Literarisches Leben und Sozialstrukturen um 1800: Zur Situation von Schriftstellerinnen am Beispiel von Sophie Brentano-Mereau geb. Schubart. In: Europäische Hochschulschriften / 01; 1284. Frankfurt/M, 1991. S. 34.

12 Ebd., S. 48-49.

13 Vgl.: Schwarz, Gisela: Literarisches Leben und Sozialstrukturen um 1800: Zur Situation von Schriftstellerinnen am Beispiel von Sophie Brentano-Mereau geb. Schubart. In: Europäische Hochschulschriften / 01; 1284. Frankfurt/M, 1991. S. 45-47.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Patriarchalisches Frauenbild bei Heinrich von Kleist. Die Darstellung der Julietta in "Die Marquise von O"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Einführung in die neuere deutsche Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V336782
ISBN (eBook)
9783668265790
ISBN (Buch)
9783668265806
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Marquise von O., Frauenbild, Frauen, Patriarchat, Rollenbild, Heinrich von Kleist
Arbeit zitieren
Mathilda Ernstler (Autor), 2016, Patriarchalisches Frauenbild bei Heinrich von Kleist. Die Darstellung der Julietta in "Die Marquise von O", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336782

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