Daniel Defoes religiöse Thematik als Grund für den Erfolg von „Robinson Crusoe“ im 18. Jahrhundert


Hausarbeit, 2015

8 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Kurze Biografie Daniel Defoe´s

2. Die Religion im England des 18. Jahrhunderts
2.1 Die englischen Dissenter

3. Die religiöse Thematik in Robinson Crusoe
3.1 Spiritual autobiography
3.2 Das Gleichnis von den beiden Söhnen
3.3 Die Konvertierung von Freitag
3.4 Die Sieben-Tage-Woche
3.5 Providence

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Kurze Biografie Daniel Defoe´s

Bereits Daniel Defoes (*~1660 – 1731) Kindheit war gezeichnet von mehreren Katastrophen. Beginnend mit dem Einbruch der Pest 1665 und dem großen Brand in London 1666, bei dem vier fünftel der Stadt niederbrannten, war der Anfang seines Lebens mit viel Leid und Not, sowie Krieg gekennzeichnet. Dementsprechend suchte die Bevölkerung Zuflucht in der Religion.

Als Sohn eines Dissenters – eines Andersdenkenden - zählte er zu einer der Minderheiten im Kampf um die Religionsmacht. Deswegen schickte ihn sein Vater auf die Newington Green Dissenter´s Akademie, in der Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Aufstieg, da die Dissenter-Schule eine weitaus höhere Grundausbildung versprach. Diese schloss er ab und wurde Geschäftsmann, interessierte dich aber mehr für Politik und Religion. Er veröffentlichte weit über 600 Pamphlete und Schriften politischer sowie religiöser Art und kämpfte somit für seine dissentrische Überzeugungen zum Missfallen vieler treu-religiöser Anhänger der anderen Religionen.

„Moralisch nicht eben sehr gefestigt, hütete er doch sorgfältig in einem Winkel seiner Seele die puritanischen Werte, die ihm anerzogen waren.“ (Evans, 1983)

Die folgenden Jahre verliefen dramatisch mit wechselnden Monarchen und politischen sowie religiösen Positionen der Gesellschaft, was letztendlich 1719 in seinem wahrscheinlich erfolgreichsten Roman Robinson Crusoe mündete.

2. Die Religion im England des 18. Jahrhunderts

Die Religion im England des 18. Jahrhunderts war immer noch ein wichtiges Thema, denn Politik und Religion waren durch das Staatskirchentum eng miteinander verwoben. Wie im restlichen Europa des 18. Jahrhunderts lebte der größte Teil der Bevölkerung in einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft. Hier spielte die Religion im alltäglichen Leben eine entscheidende konservative Rolle. Daniel Defoe versuchte mit seinen Pamphleten und nicht zuletzt mit Robinson Crusoe, die politische und religiöse Freiheit in England zu stärken.

Im Folgenden werden aber nur kurz die für die Thematik entscheidenden Religionen erläutert, da diese Arbeit sonst den Rahmen sprengen würde.

2.1 Die englischen Dissenter

Aus der Calvinistischen Überzeugung bildeten sich einzelne Untergruppen, die unter dem Begriff der englischen Dissenter zusammengefasst werden.

Die Dissenter waren christliche Glaubensgemeinschaften, die sich offen von der Church of England distanzierten, da sie eine abweichende Meinung hatten und sich weigerten, bestimmte religiöse Vorschriften der Amtskirche einzuhalten. Unter diesen protestantischen Nonkonformisten wurden also alle Glaubensgemeinschaften zusammengefasst, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert von der Anglican Church abfielen. Da im 18. Jahrhundert jedoch die vorherrschende Religion durch den jeweiligen Monarchen bestimmt wurde, gehörte man zu Zeiten Defoes als Dissenter zur religiösen Minderheit. Durch die immer größer werdenden Anfeindungen gegen die Dissenter unter Queen Anne, sah sich Defoe sogar veranlasst ein Pamphlet unter dem Titel The Shortest Way with the Dissenters darüber 1702 zu veröffentlichen.

3. Die religiöse Thematik in Robinson Crusoe

Defoe „[…] kennt sein Publikum, das sich hauptsächlich aus den puritanischen Mittelschichten rekrutiert, und wählt Themen, die es unmittelbar anspricht.“ (Evans, 1983)

Dieses Prinzip wandte er auch in Robinson Crusoe an, indem er unter anderem immer wieder das religiöse Motiv einbaute. So auch in den weiteren von ihm geschriebenen novels.

War Literatur zunächst fast ausschließlich vom englischen Adel bestimmt, änderte sich das während des gesellschaftlichen und religiösen Wandels gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Adelige Mäzene förderten gezielt die Schriftsteller, indem sie ihnen Räume in kulturellen Zentren gewährten und somit nicht mehr nach den Vorlieben des Adels bestimmt wurden, sondern ihre eigenen Gedanken und Ideen auf Papier bringen konnten. Hinzu kam, dass vor allem in puritanischen bzw. Dissenterschulen die Alphabetisierung einen hohen Stellenwert hatte. Dies führte dazu, dass immer mehr Menschen der Mittelklasse Lesen lernten. Doch bis sich die unreligiösen Schriften durchsetzten dauerte es noch, denn „[d]ie strengen Puritaner hatten sich Lektüre nur zum Zweck der Belehrung und Erbauung gestattet. Reine Unterhaltung galt als sündhaft […]“ (Gelfert, 2005).

Im Laufe des 18. Jahrhunderts schwand jedoch langsam diese Einstellung. Bisher hatte man gelehrt, dass jeder seinen von Gott zugewiesenen Platz in der Welt nicht verlassen sollte, doch mit dem Einzug der Wissenschaften und „Freisetzung des Individuums“ (Gelfert, 2005) änderte sich diese Überlegung hin zum Gedanken, dass jeder ein persönliches und eigenes Verhältnis zu Gott habe. Der Büchermarkt reflektierte genau diese Vorstellungen, denn bis dahin bestand der Großteil der Literatur entweder aus Traktatliteratur oder Selbstbildungsliteratur. Defoe verband diese beiden Themen in Robinson Crusoe, indem er sowohl das immer wiederkehrende Motiv der Religion, als auch nützliche Anleitungen zum Überleben in der Wildnis, einbaute. (Gelfert, 2005)

„Hier benützt Defoe den Vorrat an puritanischen Werten, den er aus seiner Jugend zurückbehalten hatte. Er wußte auch, dass das seinem Publikum gefallen würde.“ (Evans, 1983)

Gleich auf den ersten Seiten des Romans, wird einem die alte Ethik von Robinsons Eltern entgegengehalten, indem sie ihn raten, nicht seine vorherbestimmte Position im Leben zu verlassen. Doch Robinson begibt sich, gegen Rat seiner Eltern, auf seine erste Reise und steht damit stellvertretend für die neue Freiheit in der Gesellschaft und gegen die Autorität Gottes.

„ […] [B]ut I would be satisfied with nothing but going to Sea, and my Inclination to this led me so strongly against the Will, nay the Commands of my Father, and against all the Entreaties and Perswasions of my Mother and other Friends […]” (Defoe, S.3)

Crusoe erlebt auf den folgenden Seiten eine Serie an Unglücken, also eine Bestrafung für sein Vorgehen, in Form von heftigen Stürmen auf See und strandet letztendlich auf einer verlassenen Insel, auf der er seine Sünden abbüßen muss und sich langsam einer religiösen Gesinnungswandlung unterzieht.

„Das ist das puritanische Ethos, so wie es von den theologischen Höhen des 17. Jahrhunderts in die praktische Ethik des Dissent im 18. Jahrhunderts übersetzt wurde.“ (Gelfert, 2005)

Dieser Gesinnungswandel wird anhand von der religiösen Thematik in den folgenden Punkten näher erläutert und erklärt gleichzeitig die Attraktivität der novel für die damalige Gesellschaft.

3.1 Spiritual autobiography

Defoe bediente sich hinsichtlich der Zeitstruktur in Robinson Crusoe am Aufbau eines typischen Schriftstückes, dass sich bei vielen Dissentern wiederfand: der spiritual autobiography.

Diese Autobiografien sind zum größten Teil gleich aufgebaut. Sie beginnen meist mit einer Form von Sünde, die im Laufe der Autobiografie mit Hilfe der Bibel als Wegweiser bzw. Quelle der Unterstützung bearbeitet und bewältigt werden soll. Durch dieses Bearbeiten erlebt der Autor irgendwann eine Art Epiphanie, in der sie realisieren, dass sie von Gott auserwählt wurden, das Seelenheil in der Religion zu finden und zu realisieren. Somit liegt der Fokus einer spirituellen Autobiografie – wie der Name bereits sagt – wieder auf dem Individuum, das ja im Laufe des 18. Jahrhunderts in Vordergrund tritt.

So auch in Robinson Crusoe. Der gesamte Roman ist als eine Analepse geschrieben, das heißt der bereits gerettete Crusoe blickt auf seine Erlebnisse auf seiner Reise zurück und analysiert seine Epiphanie in Hinblick zur Religion: „[…] I began to keep my Journal, of which I shall here give you the Copy […]“ (Defoe, S.69)

Der erste Schritt in Richtung ‚Erleuchtung’ geht er jedoch erst mehrere Seiten später auf Seite 91, wo es heißt:

„I cry’d out, Lord be my Help, for I am in great Distress. This was the first Prayer, if I may call it so, that I had made for many Years […]” (Defoe, s.91)

3.2 Das Gleichnis von den beiden Söhnen

Die Geschichte von Robinson Crusoe wird auch häufig mit dem Gleichnis von den zwei Söhnen aus dem Lukasevangelium (Lk 15,11-32) verglichen. Im Gleichnis der zwei Söhne bricht der jüngere Sohn ins Ausland auf, nachdem er vom Vater nach seinem Erbteil verlangt hat. Der Sohn kehrt jedoch nach kurzer Zeit zurück, da er das gesamte Geld verprasst hat und bekennt sich zu seiner Sünde. Der Vater vergibt ihm und es wird ein Fest zu Ehren des jüngeren Sohnes gefeiert.

Auch in Robinson Crusoe bricht der Sohn entgegen dem Willen des Vaters auf in die Fremde und kehrt letztendlich zurück, nachdem er sich zuvor zur Sünde bekannt hat. Als religiöser Mensch im 18. Jahrhundert war einem dieses Gleichnis meist bekannt.

3.3 Die Konvertierung von Freitag

Nachdem Crusoe den Ureinwohner Freitag rettet und ihm das Sprechen beibringt, konvertiert er ihn zum christlichen Glauben:

„ From these Things, I began to instruct him in the Knowledge of the true God: I told him that the great Maker of all Things liv’d up there, pointing up towards Heaven: That he governs the World by the same Power and Providence by which he had made it: That he was omnipotent, could do every Thing for us, give every Thing to us, take every Thing from us; and thus by Degree I open’d his Eyes.” (Defoe, S.216)

Dies zeugt davon, wie sehr Crusoe mittlerweile selbst vom Glauben an seine Religion überzeugt ist, da er Freitag die Religion als eine der essenziellen Dinge lehrt.

3.4 Die Sieben-Tage-Woche

Eines der ersten Dinge, die Crusoe nach zehn bis zwölf Tagen der Ankunft auf der Insel tut, ist einen Kalender zu erstellen. Er teilt die Tage in Wochen aus jeweils sieben Tagen mit einem Sabbath-Tag ein: „[…] it came to my Thoughts, that I should lose my Reckoning of Time for want of Books and Pen and Ink, and should even forget the Sabbath Days from the working Days […]“ (Defoe, S. 64)

Bereits in der Bibel steht „Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen“ (Mt 28,1). Denn der Sonntag, und somit der siebte Tag in der Woche, ist der Tag des Herrn. Nach dem Judentum ist der Sonntag der erste Tag der Woche, die in den Schabbat als siebten Tag endet.

3.5 Providence

Divine Providence (dt.: Vorsehung) ist ein Wort, das immer wieder in dem Roman Robinson Crusoe erscheint. Providence ist der Glaube, dass Gott in die Welt und ihre Abläufe eingreifen kann, also somit auch in das Schicksal von Menschen. Crusoe macht z.B. Providence dafür verantwortlich, dass er als einziger den Schiffsbruch überlebt:

„[…] Providence had been […] merciful to me […]“ (Defoe, S. 89)

Somit besteht eine Notwendigkeit nach Erlösung durch den Glauben an Jesus Christus bzw. Gott. Dass Crusoe im Lauf seines Aufenthalts gottesfürchtig wird, sieht man z.B. an der Intensität in der er Freitag von Gott erzählt:

„Yes, yes, says I, Friday, God is stronger than the Devil, God is above the Devil, and therefore we pray to God to tread him down under our Feet, and enable us to resist his Temptations and quench his fiery Darts.” (Defoe, S. 218)

4. Schlusswort

Der damalige Erfolg des Romans Robinson Crusoe von Daniel Defoe ist also zum großen Teil von der geschickten Behandlung der Thematik von Religion und Gesellschaft abhängig. Unter anderem machte das Zusammenspiel aus Religion und Naturwissenschaft, spiritual autobiography und providence das Buch erst interessant für eine Vielzahl von Lesern des 18. Jahrhunderts, da diese Themen direkt mit ihrer Lebenswelt verknüpft waren.

Daniel Defoe erkannte diese Interessen seiner Leser und hatte damit so großen Erfolg, dass er sogar eine Fortsetzung schrieb, die aber nicht so berühmt wurde, wie ihr Vorgänger.

Literaturverzeichnis

Primäliteratur:

Defoe, Daniel. Robinson Crusoe. Oxford University Press Inc. New York. 1972

Hsgb von Prof. Dr. Hamp, Vinzenz; Prof. Dr. Stenzel, Meinrad; Prof. Dr. Kürzinger, Josef. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Paul Pattloch Verlag. Aschaffenburg.

Sekundäliteratur:

Prof. Dr. Seeber, Hans Ulrich et al. Englische Literaturgeschichte. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH. Stuttgart. 1991

Gelfert, Hans-Dieter. Kleine Geschichte der englischen Literatur. Verlag C.H. Beck oHG. München. 2005

Evans, Ifor. Geschichte der englischen Literatur. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. München. 1983

Marsh, Nicholas. Daniel Defoe. Palgrave Macmillan. Hampshire.2011

Dr. Fabian, Bernhard et. Al. Die englische Literatur. Deutscher Taschenbuchverlag, GmbH und Co. KG. München. 1991

Wallace, D. Dewey . Puritans and Predestination: Grace in English Protestant Theology, 1525-1695. Wipf and Stock. Oregon. 2005

http://www.defoesociety.org/

Dr. Oliver, Susan. Screen name. (abgerufen am 19.06.2015). Robinson Cr usoe by Daniel Defoe [Video]. Von https://www.youtube.com/watch?v=biQ9reoSsco

http://www.duden.de/rechtschreibung/Calvinismus (abgerufen am 21.06.2015)

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Daniel Defoes religiöse Thematik als Grund für den Erfolg von „Robinson Crusoe“ im 18. Jahrhundert
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V336904
ISBN (eBook)
9783656985273
ISBN (Buch)
9783656985280
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Defoe, Religion, Daniel Defoe, Religion 18. Jahrhundert, Dissenter, Spiritual autobiography, providence, Robinson Crusoe, englische Literatur
Arbeit zitieren
Julia Kämpf (Autor), 2015, Daniel Defoes religiöse Thematik als Grund für den Erfolg von „Robinson Crusoe“ im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336904

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