Das Reality TV Format "Big Brother". Ein Panoptikum der Unterhaltung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

25 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Panoptikum nach Jeremy Bentham

3. Der Panoptismus nach Foucault

4. Das Panoptikum 2.0

5. Das Format Big Brother

6. Big Brother - ein Panoptikum der Unterhaltung?
1. Das Setting
2. Der Machtapparat und sein Regelwerk
3. Die Teilnehmer und ihre Handlungsrolle
4. Die Disziplinierungsfunktion für die Gesellschaft

7. Fazit

8. Verzeichnis
1. Literaturverzeichnis
2. Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Käfig-TV“, „Gaffer-Show“ und „Spanner-TV“ - dies sind nur einige Schlagworte aus dem Mediendiskurs um die experimentelle Fernsehshow Big Brother, welche im Jahre 2000 das erste Malim deutschen Fernsehen auf Sendung ging1.

Zehn sich vorab nicht bekannte Showteilnehmer - gecastet aus einem Pool von freiwilligen Bewerbern - lebten mehrere Wochen lang gemeinsam auf engsten Raum in einem Wohncontainer. Tag und Nacht wurden sie dabei von überall angebrachten Kameras gefilmt, Ausschnitte davon im TV gezeigt. Der Name der Sendung war Programm: „Big Brother is watching you“͘

Es wurde mehrfach vorab gefordert, die Sendung zu verbieten, da durch die totale Überwachung der Teilnehmer deren Privatsphäre stark eingeschränkt schien und viele Stimmen die Menschenwürde der Bewohner für deutlich gefährdet hielt. Die erste deutsche Produktion dieses Formats war in der Tat ein neues Experiment, die „Container-Insassen“ konnten sich nicht wirklich auf diese Erfahrung vorbereiten. Aller Kritik zum Trotz präsentierten sie sich dem Blick der Öffentlichkeit, nicht zuletzt, weil ein hohes Preisgeld lockte, und sie durch die Sendung einen Bekanntheitsgrad erreichen konnten, der sich ebenfalls lukrativ vermarkten ließ.

Die holländische Produktionsfirma endemol, die das Format in ihrer Ursprungsform entwickelte und nach Deutschland brachte, konnte große Erfolge verzeichnen. Viele Zuschauer interessierten sich für das innovative Fernsehformat und traten dabei in die Rolle des Voyeurs oder auch des Überwachenden: „Big Brother“ stellte in Form einer Computerstimme, die mit den Bewohnern kommunizierte, bestimmte Regeln auf͘ Wurden diese nicht befolgt, gab es eine Strafe, bei „guter Führung“ eine Belohnung. Das Publikum konnte diese Sanktionen teilweise mitbestimmen und über „Gedeih und Verderb“, sprich: Rausschmiss oder Verbleib, entscheiden͘

Gewisse inhaltliche Punkte dieses TV-Formats ziehen viele Vergleichspunkte mit Prinzip des Panoptikums nach Jeremy Bentham. Ziel dieser Arbeit ist es, diese beiden gesellschaftlichen Phänomene - einmal im Zusammenhang mit der Überwachung und Disziplinierung von Sträflingen beim Bentham’schen Gefängnismodell, einmal medial und als Spiel - zu vergleichen. Dazu möchte ich zunächst die Aspekte des Panoptikums aufzeigen und erklären, welche wesentlichen An- und Absichten Bentham mit seinem Modell des „perfekten Gefängnisses“ hatte͘

Zudem möchte ich die Weiterentwicklung des Panoptikums als allgemeines Prinzip des Panoptismus zur Ausübung einer Disziplinierung der Gesellschaft nach PaulMichel Foucault thematisieren und darauf eingehen, welche Visionen Foucault in der Weiterentwicklung des Prinzips hatte.

Dass die Elemente des Panoptikums sowie panoptische Merkmale in der heutigen Zeit immer noch eine Rolle spielen, wie beispielsweise in der Sicherheitspolitik oder auch den Medien, wird im darauffolgenden Abschnitt behandelt.

Danach stelle ich das Fernsehformat Big Brother vor und beleuchte die verschiedenen Rahmenbedingungen der Show näher, des Weiteren behandelt die Arbeit noch den Mediendiskurs um die Fernsehsendung.

Anschließend vergleiche ich die Elemente des Panoptikums mit dem Fernsehformat, indem ich besonders auf das Setting, den Machtapparat, die Teilnehmer und ihre Handlungsrolle sowie auf die Disziplinierungsfunktion des Panoptikums/der Show eingehe.

Darauf folgt ein Fazit.

2 Das Panoptikum nach Jeremy Bentham

Jeremy Bentham lebte von 1748 bis 1832 als Jurist, Philosoph sowie Sozialreformer in Großbritannien und interpretierte in einer Reihe von Schriften über die Gefängnisreform den Begriff des „Panoptikums“ in seinem Sinne. Er beschrieb darin den Bau von „perfekten“ Gefängnissen: perfekt deswegen, da sie durch allseitiges Sichtbarmachen beziehungsweise Gesehen werden „die Individuen so zu disziplinieren, dass sie der politischen Rechte einer modernen Demokratie würdig werden konnten - in den ugen der damaligen Elite“2. Bentham setzte viele Hoffnungen in das Prinzip des Panoptikums als Strafanstalt, da sich räumliche bzw. architektonische Gegebenheiten und geistige und gesellschaftliche An- und Absichten unterstützten und durchdrungen.

Der französische Philosoph, Historiker und Soziologe Paul-Michel Foucault geht davon aus, dass sich Bentham von dem irischen Maler Robert Barker, welcher in Schottland lebte und als Schöpfer des Begriffs „Panorama“ gilt, hat inspirieren lassen. Das Panorama, welches er im Jahre 1787 entwickelte, bestand aus einem Rundbau, an dessen Innenwand er ein Seekriegs-Gemälde angebracht hatte, und der durch Dachfenster erhellt wurde. Als Besucher konnte man dieses Gebäude auf mehreren Ebenen betreten und von einer Plattform im Zentrum des Baus das Gemälde von allen Seiten - sozusagen in 360°-Ansicht - bestaunen. Barkers Idee des Panoramas wurde begeistert aufgenommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Robert Barker: Panorama im Leicester Square in London, 1789

Diese Methode der räumlichen Gestaltung übertrug Bentham auf die Gefängnisarchitektur͘ uch sein „Panoptikum“ konnte von allen Seiten und Personen besucht und das Innere konnte ebenso besichtigt werden: in diesem Fall die Inhaftierten und ihren Tagesablauf. Die künstlerische Vergnügung in seinem „Panoptikum“ stand dabei nicht unbedingt im Fokus. Ziel dieser Zurschaustellung war eher die demokratische Kontrolle von Gesetzesbrechern - aber auch von Gefängniswächtern, denn jeder beliebige Besucher konnte in gewisser Weise Macht ausüben. Er konnte sowohl den Insassen überprüfen, als auch kontrollieren, ob die im Gefängnis Angestellten ihre Arbeit richtig und nach Vorschrift ausübten. Dieses Prinzip gewährleistete eben diese demokratische Kontrolle und machte jeden zum „überwachten Überwachtenden“͘

Das Panoptikum als Gefängnisinstitution entsprach dem Plan, dass die Macht immer präsent schien, sich aber nicht offenbarte und der Insasse des Gefängnisses sich konstant beobachtet glaubte. Er war sich der Tatsache bewusst, dass sein Fehlverhalten sofort erkannt und bestraft werden konnte. Das veranlasste die Sträflinge auch dazu, sich gegenseitig zu überwachen, da es die Regelung gab, dass nicht nur ein Fehlverhalten bestraft werden konnte, sondern auch derjenige getadelt werden konnte, der die Tat nicht meldete. Allerdings musste der Anteil, der tatsächlichen Überwachung durch den Gefängnisaufseher sehr hoch sein, damit sich die Inhaftierten wirklich unter einer ständigen Beobachtung fühlten, auch wenn der Wärter sie nicht beobachtete.

Die Beliebigkeit der Machtausübenden zieht sich durch das gesamte Konzept des Panoptikums und stellt so dar, dass die ausgeübte Macht automatisiert sowie endindividualisiert wird3.

Laut Foucault ist „das Panoptikum eine Maschine zur Scheidung des Paares Sehen und Gesehen werden“4. Die Architektur bestätigt dies: im Außenring der kreisrunden Halle wird man aus nahezu jedem Winkel vollständig gesehen ohne jemanden zu sehen. Andersherum ist es so, dass man im Beobachterturm alles sieht, aber selber niemals gesehen wird. Die Funktionsweise der Macht liegt somit in einer konzentrierten Anordnung von Körpern, Blicken, Oberflächen und Lichtern und nicht an einer Person5. Das Prinzip basiert auf einer „ pparatur, deren innere Mechanismen das Verhältnis herstellen, in welchem die Individuen gefangen sind“6. Das Panoptikum macht sich dabei die Schaulust der Menschen zunutze - natürlich lag der Reiz auch daran, in Bereiche vorzudringen, die man als „Normalbürger“ nicht zu Gesicht bekam. Und ohne Besucher von außen wäre ein wichtiger Faktor des Bentham’schen Prinzips nicht gegeben gewesen. Er rechnete mit einer Form von „Voyeurismus“, die die Menschen in das Gebäude zog - und mit einem „schaurig- schönen“ Erlebnis Kontrolle und Überwachung der Insassen und Wärter ermöglichte. Gleichzeitig musste man eine moralische Entscheidung treffen: Sieht man ein regelwidriges Verhalten - teilt man es mit oder behielt man es für sich?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: eine Zeichnung des Panoptikums nach Bentham

[...]


1 Mikos/ Feise/ Herzog/ Prommer/ Veihl, Im Auge der Kamera: Das Fernsehereignis Big Brother, Berlin 2000, S. 186.

2 vgl. Melossi, The State of Social Control, Cambridge 1990, S. 174., In: Barth, Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler 1997, S. 46.

3 Barth, Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler 1997, S. 49.

4 Foucault, Überwachung und Strafen - die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1993, S. 259.

5 Barth, Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler 1997, S. 49.

6 Foucault, Überwachung und Strafen - die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1993,S. 259.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Reality TV Format "Big Brother". Ein Panoptikum der Unterhaltung?
Hochschule
Universität Bayreuth  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Medienkultur
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V336976
ISBN (eBook)
9783656985556
ISBN (Buch)
9783656985563
Dateigröße
1166 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reality, format, brother, panoptikum, unterhaltung
Arbeit zitieren
Christine Kopp (Autor), 2016, Das Reality TV Format "Big Brother". Ein Panoptikum der Unterhaltung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336976

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