Kleinkindererziehung in der NS-Zeit und ihre Folgen für die Betroffenen

Sigrid Chamberlain über Johanna Haarer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Todesangst des Säuglings
Trennung von Mutter und Kind
Regelmäßiges Stillen
Fehlender Augen- und Körperkontakt

2. Das fremdbestimmte Kleinkind
Füttern und Essen
Sauberkeitserziehung
Strafen

3. Intentionen der Autorinnen
Gründe für eine nationalsozialistische Erziehung
Folgen der nationalsozialistischen Erziehung
Wurde Haarer missverstanden?

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang: Handout

Einleitung

Bevor ich mein Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt begann, absolvierte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Krabbelstube in Frankfurt-Bornheim. Die kleine Einrichtung mit nur zehn Kindern und (mit mir) drei Mitarbeiterinnen war aus einer Elterninitiative entstanden, weshalb der Kontakt zu den Eltern heute noch sehr intensiv gepflegt wird. Natürlich habe ich aber vor allem zu den Kindern, die zwischen einem und drei Jahren alt waren, eine innige Beziehung aufgebaut. In diesem Jahr habe ich viel über das Kleinkindalter gelernt – von meinen Mitarbeiterinnen, aber auch von den Kindern selbst. Ich habe recht eindeutige Vorstellungen entwickelt, was Kinder in diesem Alter brauchen, was sie schon können und was noch nicht. Jeden Tag faszinierten mich die Kinder neu, mir wurde klar, wie oft sie unterschätzt werden, wie viel sie schon selbst tun können, was sie schon verstehen und spüren.

Während dem Seminar fragte ich mich deshalb immer wieder, wie wohl die Kleinkindererziehung in der Zeit des zweiten Weltkrieges ausgesehen hat. Welche Rolle spielte das Kind?

Sigrid Chamberlains Buch „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher“ hat mich tief bewegt. Ihre Zitate aus Johanna Haarers Erziehungsratgebern aus der NS-Zeit machten mich wütend. Ich fragte mich, wie eine offensichtliche Kinder-Hasserin, die das Kind als ihren Gegner ansieht, einen Erziehungsratgeber schreiben kann? Es ist auffallend, dass Johanna Haarer keine pädagogische Ausbildung genossen hat. Sie war Lungenfachärztin und nicht einmal auf Kinderheilkunde spezialisiert (Publik-Forum 2008, S.57).

Liest man ihre Erziehungsratgeber im Original, fällt eines sofort auf: Haarer benutzt oft die Befehlsform. Nun kann es sein, dass dies in ihrer Zeit eben so gebräuchlich war, ich halte es nicht für die beste Methode, einen Ratgeber zu schreiben. Haarers Bücher gleichen eher einer Handlungsanweisung. Es scheint, als wolle sie der (werdenden) Mutter Vorschriften machen, wie sie ihr Kind zu behandeln habe, als befehle sie ihr, so zu handeln und nicht anders. Die Leserin bekommt das Gefühl, dass jegliches abweichendes Verhalten falsch sei. Haarer scheint nicht damit zu rechnen, dass ihre Leserin ihre Ratschläge hinterfragt oder sich eigene Vorstellungen von Erziehung macht. Ihre eigenen Anweisungen scheinen die einzigen zu sein, die für Haarer gelten.

Welche Auswirkungen die Umsetzung dieser Anweisungen auf die Entwicklung des Kindes haben, möchte ich auf den folgenden Seiten untersuchen.

Chamberlain hat die Kapitel in ihrem Buch nach Themen geordnet, ich werde chronologisch nach dem Alter des Kindes vorgehen, da ich dies für übersichtlicher halte. Das bedeutet, im ersten Kapitel wird es um das Kind von null bis sechs Monaten gehen: Wie soll das Kind laut Haarer gestillt, getragen und behandelt werden? Wie beurteilt Chamberlain Haarers Ratschläge? Das zweite Kapitel beschäftigt sich dann mit dem älteren Kind von einem bis zweieinhalb Jahren, beschränkt auf die Sauberkeitserziehung, das Füttern und das Strafen.

Im dritten Kapitel werde ich auf Fragen nach den Folgen der nationalsozialistischen Erziehung eingehen. Außerdem untersuche ich, welche Gründe Johanna Haarer und Sigrid Chamberlain hatten, ihre Bücher zu schreiben. Eine wichtige Quelle hierfür ist ein Interview mit Sigrid Chamberlain, das 2008 in der Zeitschrift „Publik Forum. Zeitung kritischer Christen“ erschienen ist. Dieses Kapitel steht bewusst als letztes, da es hilfreich ist, erst zu wissen, welche Erziehungsgrundsätze Haarer aufstellt, bevor man sich deren Folgen betrachtet.

Es ist mir sehr schwer gefallen, mich auf wenige Aspekte bei Chamberlain und Haarer zu beschränken. Gerne wäre ich noch ausführlicher auf Ernährungshinweise, die Auswahl des richtigen Spielmaterials für das Kind, das Trotzalter und vieles mehr eingegangen.

Die von mir zitierte Literatur ist bis auf zwei Ausnahmen auch in Chamberlains Literaturliste zu finden – allerdings zitiere ich aus anderen Auflagen als sie.

1. Die Todesangst des Säuglings

Trennung von Mutter und Kind

Die Mutter, die ihr Kind nach Johanna Haarers Anweisungen erzieht, beginnt laut Chamberlains Aussage schon direkt nach der Geburt ihren ersten Fehler (vgl. Chamberlain 2003, S.23ff.). Haarer empfiehlt, das Kind direkt nach der Entbindung von der Mutter zu trennen und diese erst nach 24 Stunden ihr Neugeborenes das erste Mal stillen zu lassen (Haarer 1939, S.116). Früher sei dies nicht nötig, da das Kind nach der Geburt ohnehin 12-14 Stunden schliefe und keine Nahrung brauche. Chamberlain geht es jedoch nicht um Nahrungsaufnahme, sie zitiert in diesem Zusammenhang aus Marshall Klaus’ und John Kennells „Mutter-Kind-Bindung“. Die beiden Autoren haben herausgefunden, dass die erste Stunde nach der Geburt maßgebend dafür ist, wie sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kind weiter entwickelt. Sie sprechen von der „sensiblen Phase“ (Klaus/Kennell 1983, S.101), in der das Kind sehr aufmerksam ist, die Augen weit geöffnet hat und alles um sich herum wahrnimmt. Wenn diese Phase vorbei ist, schläft das Kind ein, wird sie nicht genutzt, weil das Kind seine Eltern nicht sehen darf, verpassen beide – Eltern und Kind – eine entscheidende Gelegenheit für den ersten Kontakt. Und nicht nur das: Klaus und Kennell haben festgestellt, dass es der Mutter viel schwerer fällt, das Kind anzunehmen, zu stillen und als ihr eigenes anzusehen, wenn sie gleich nach der Geburt von ihm getrennt wurde (ebd., S.81f.). Je länger diese Trennung dauert, desto größere Probleme können später in der Mutter-Kind-Beziehung auftreten.

Befolgt man Haarers Ratschläge weiter, ist der Säugling nicht nur direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt, sondern wird auch in den Jahren danach sehr viel allein gelassen. Ruhe ist für sie neben Reinlichkeit und Licht, Luft und richtiger Wärmehaltung der dritte wichtige Erziehungsgrundsatz (Haarer 1939, S.165). Mehr als einmal erwähnt sie in ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, dass auf das Kind vor allem von Seiten der Großmutter viel zu viel „eingeredet“ würde (vgl. ebd., S.254). Sie ordnet an: „Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im übrigen [sic!] aber völlig in Ruhe gelassen. Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann auch allein bleibt“ (ebd., S.165). Die Autorin gibt zu, dass Zärtlichkeit und Liebe für das Kind ebenso wichtig sind wie Nahrung und Pflege, jedoch reicht es, sich dem Kind beim Füttern, Wickeln und Baden zuzuwenden und sich nicht „ohne Anlaß [sic!] mit dem Kinde abzugeben“ (ebd., S.165).

Was soll aber mit dem Kind passieren, wenn es schreit? Chamberlain findet bei Haarer drei Gründe, aus welchen das Baby nach ihrer Ansicht schreit (Chamberlain 2003, S.34): Das Kind ist zu warm oder zu kalt angezogen, es hat Hunger oder es schreit zum Zeitvertreib. Als weiteren Grund nennt Haarer die schmutzige Windel, in der sich der Säugling unwohl fühlt (Haarer 1939, S.166). In der Tat empfiehlt Haarer der Mutter, alle Möglichkeiten nacheinander auszuschließen. Falls das Kind weder gewickelt werden muss, noch Hunger hat, noch zu warm oder zu kalt angezogen ist, müsse die Mutter zu dem Schluss kommen, dass das Kind wohl nur zum Zeitvertreib schreie. In diesem Fall sei das Schreien zu ignorieren, höchstens ein Schnuller zu geben, falls andere Familienangehörige sich zu sehr am Geschrei des Kindes stören (ebd., S.169). Die Möglichkeit, dass das Kind eventuell ein Bedürfnis nach Nähe haben könnte, sich alleine fühlt, ängstlich oder traurig ist, zieht Haarer nicht in Betracht.

Dies könnte eine erste Situation sein, in der das Kind so etwas wie Todesangst empfindet. Ich erinnere daran: Wir sprechen nicht von einem zwei- oder vierjährigen Kind in der Trotzphase, sondern von einem wenige Wochen bis Monate alten Säugling, der ohne die Hilfe seiner Mutter der Umwelt schutzlos ausgeliefert wäre. Es muss schrecklich für das Kind sein, schon in diesem Alter die Erfahrung zu machen, alleine gelassen und nicht einmal von der Mutter Unterstützung zu bekommen, wenn es sich unwohl fühlt.

Nicht nur der kleine Säugling wird bei Haarer regelmäßig von der Mutter getrennt, auch das sechs bis zwölf Monate alte Baby wird weitestgehend allein gelassen. Haarer empfiehlt die Anschaffung eines Ställchens, welches „ein Halbtagskindermädchen ersetzt“ (ebd., S.254). Außerdem erspare der Laufstall das „lästige und mühsame Herumtragen und Herumschleppen des Kindes“ (ebd., S.230). Die Mutter könne so in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und ab und an nach dem Kind schauen. Chamberlain sieht hier zunächst das Problem, dass der natürliche Erkundungstrieb des Kindes vollkommen unterbunden wird. Das Kind in der ersten Hälfte des ersten Lebensjahr lerne Krabbeln und später das Laufen, es sei nun selbst in der Lage, sich seinerseits von der Mutter so weit zu entfernen, wie es sich dies zutraut (Chamberlain 2003, S.75). Daniel Stern hält jede noch so kurze Trennung für ein einjähriges Kind, das gerade gelernt hat, sich eigenständig zu bewegen für „wohl die furchterregendste aller Erfahrungen“ (1991, S.105). Das Kind wird bei Haarer aber nicht nur kurz von der Mutter getrennt, die Autorin schlägt unter anderem vor, das Ställchen in den Garten oder auf den Balkon zu stellen, damit das Kind an der frischen Luft sei (1939, S.258f.). Das Kind kann nun gar nicht mehr sehen, wo die Mutter gerade ist und was sie tut. „Es werden dem Baby wieder lange Zeiten des Alleinseins, der Verzweiflung und der Gefühle von Zersplittern oder Verlorengehen zugemutet“ (Chamberlain 2003, S.76).

Regelmäßiges Stillen

Ein weiteres wichtiges Thema, wenn wir uns mit dem Säugling im ersten Lebensjahr beschäftigen, ist das Stillen. Bei Haarer wird klar festgelegt, zu welchen Zeiten und wie lange das Baby jeweils gestillt wird: „Wir stillen um 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr. Regelmäßige 4stündige Pausen, Nachtruhe 8 Stunden“ (Haarer 1939, S.119). Das Stillen darf nicht länger als 20 Minuten dauern, zwischen den Mahlzeiten bekommt das Kind nichts, selbst wenn es schreit. Diese Zeiten sind, so eindeutig festgeschrieben sie auch scheinen, selbstverständlich willkürlich gesetzt. Sie garantieren aber keineswegs, dass das Kind nicht zwischen den „Mahlzeiten“ einmal hungrig werden kann. Hat seine Mutter Haarers Erziehungsratgeber gelesen, hat der Säugling aber keine Chance, etwas zu trinken zu bekommen. Chamberlain behauptet, „auch das Baby, das vor Hunger schreit, hat Todesangst“ (Chamberlain 2003, S.38). Dass diese Behauptung stimmt, erkennt man, wenn man liest, was Daniel Stern zu diesem Thema schreibt. Sein Buch „Tagebuch eines Babys“ stellt den Vormittag eines Kleinkindes aus dessen Sicht dar. Natürlich ist dieses Tagebuch fiktiv, jedoch gelingt es dem Leser sehr gut, sich in die Gefühlswelt des Säuglings hineinzudenken. Stern spricht von einem „Hungersturm“, der über das hungrige Kind hereinbricht (Stern 1991, S.38). Die ganze Welt des Kindes „zerfällt“. Der Säugling erlebt sich noch nicht als ein vom Rest der Welt getrenntes Wesen. Es weiß nicht, dass der Schmerz ein Hungergefühl ist. Er weiß nur, wenn nicht bald etwas passiert, hört er auf zu existieren. Dieses Gefühl ist meiner Meinung nach als „Todesangst“ zu bezeichnen.

Wenn ihr Kind schreit, verspürt wohl jede Mutter den Drang, ihr Kind auf den Arm zu nehmen, zu trösten oder zu stillen. Dieses Verlangen der Mutter ist ein ganz natürliches. Jede Mutter kennt wohl das Gefühl, „intuitiv“ zu wissen, was ihr Kind braucht. Diese Intuition muss die Mutter bei Haarer oft unterdrücken. Sie soll das Kind schreien lassen, darf es nicht umarmen, wenn ihr danach ist oder füttern außerhalb der vorgegebenen Zeiten. Oft ist ihre Intuition aber richtiger als jede Regel. Man beobachtet zum Beispiel oft, wie Eltern, Geschwister und andere Familienangehörige mit einem kleinen Kind in „Babysprache“ sprechen. Haarer hält dies nicht für angemessen und rät dazu, mit dem Kind von Anfang an in einer normalen Sprechlage, in „vernünftigem Deutsch“ zu sprechen (Haarer 1939, S.265). Ein Baby bevorzugt es aber, „in einer höheren Stimmlage, klangvoll und melodiös“ angesprochen zu werden (Stern 1991, S.75). Stern ist der Meinung, dass der Evolutionsprozess das Sprechverhalten der Eltern in der Weise geprägt haben, dass es sich an die „auditiven Vorlieben des Kindes“ anpasst (ebd., S.75). Das Baby hegt aber nicht nur eine Vorliebe für eine bestimmte Sprechweise, es erkennt und bevorzugt auch die Stimme der eigenen Mutter vor anderen Frauenstimmen (Dornes 1993, S.41). Die Stimme der Mutter kennt das Baby noch aus der Zeit vor der Geburt. Dies widerlegt Haarers Behauptung, dem Baby sei jeder recht, der ihm etwas Gutes zu essen gebe und freundlich zu ihm sei (Haarer 1950, S.143).

Fehlender Augen- und Körperkontakt

Wie bereits erwähnt, ist Nahrung nicht das einzige, das ein kleiner Mensch von seinen Eltern braucht. Auch Geborgenheit, Nähe und Vertrauen spielen eine große Rolle in der Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern. Dem nach Haarer erzogenen Kind ist es laut Chamberlain nicht möglich, dieses Vertrauen in die Mutter aufzubauen, da es zu oft alleine gelassen wird (vgl. Chamberlain 2003, S.37f.). Der wichtige Augen- und Körperkontakt zwischen Mutter und Kind kommt zu kurz. Chamberlain hält die bei Haarer beschriebene Trage- und Stillposition des Babys für falsch. Das Kind liegt hierbei waagerecht im linken Arm der Mutter, der Kopf in der Ellenbeuge, der Arm der Mutter stützt den Rücken, die Hand hält den Hintern des Babys (Haarer 1939, S.156f.). Das Problem sieht Chamberlain darin, dass der Körper des Kindes von dem der Mutter weggehalten wird (Chamberlain 2003, S.31). Die beiden Körper berühren sich nicht mehr als nötig. Dabei wäre eine andere Position für das Geborgenheitsgefühl des Säuglings sehr wichtig: Die Umarmungsposition (Stern 1991, S.44). In dieser Position berühren sich die Vorderseiten der beiden Körper. Der Kopf des Kindes kann sich auf die Schulter der Mutter oder des Vaters legen. Diese Position beruhigt nicht nur kleine Kinder am meisten, sondern auch Erwachsene fühlen sich in dieser Position am besten getröstet, wenn sie verzweifelt sind. Stern glaubt, dass die Mutter „intuitiv“ merkt, dass diese Position für ihr Baby die angenehmste ist (ebd., S.44). Heute erst traf ich ein junges Elternpaar mit ihrem Säugling in einem Restaurant. Das Kind saß auf dem Schoß des Vaters. Irgendwann fing es an zu „quengeln“. Es weinte nicht, aber der Vater merkte sofort, dass das Kind sich unwohl fühlte. Er nahm das Baby wie beschrieben in den Arm, sodass es sich über seine Schulter hinweg umsehen konnte, stand auf und ging ein paar Schritte mit ihm durch den Raum. Sofort war das Kind beruhigt und schaute sich neugierig die anderen Gäste im Restaurant an. In der bei Haarer beschriebenen Trageposition wäre dies dem Kind nicht möglich gewesen.

Die Umarmungsposition hat für den Säugling noch einen weiteren Vorteil: Er lernt die Grenzen seines eigenen Körpers kennen. Er muss den fremden Körper spüren, um ein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers zu bekommen (Chamberlain 2003, S.53). In Haarers Büchern wird diese Trage- bzw. Halteposition leider nicht erwähnt.

Auch die für den Augenkontakt so wichtige „en-face-Position“ spielt keine Rolle (ebd., S.36f.). Das Kind wird hierbei in einer Entfernung von ca. 20-25cm vor das Gesicht der Mutter gehalten, sodass es dieses genau betrachten kann. Ein Säugling betrachtet mit Vorliebe menschliche Gesichter und lächelt sie ab ca. zweieinhalb Monaten gezielt an (Dornes 1993, S.56). Das Gesicht der Mutter lächelt das Baby sogar öfter oder stärker an als andere Gesichter. Es erkennt die Mutter wieder und freut sich, wenn diese es anblickt und zurücklächelt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Bedeutung des Augenzuhaltens bei einem älteren Kind, das Stern (1991, S.54) beschreibt. Ein sechsjähriges Kind, welches sich die Augen zuhält, wird auf die Frage, ob es meint, dass man es noch sehen kann, mit „Nein!“ antworten. Jedoch liegt das nach Sterns Aussage nicht daran, das das Kind wirklich denkt, dass man es nicht sieht, nur weil es selbst nichts mehr sehen kann. Es weiß in diesem Alter längst, dass Menschen und Gegenstände auch noch existieren, wenn es sie nicht mehr sehen kann. Das Kind will eigentlich sagen: „Wenn du meine Augen nicht sehen kannst, dann siehst du mich nicht wirklich!“ (ebd., S.54).

Haarer warnt in ihren Büchern mehrmals davor, dem Kind nur ja nicht zu viel zu geben: zu viel Aufmerksamkeit, zu viel Bedauern oder zu viel Zärtlichkeit. Vor allem ihre Behauptung, bei letzterem wäre „jedes Zuviel von Übel“ (Haarer 1950, S.207), halte ich nicht für richtig. Kann man einem Kind zu viel Zärtlichkeit geben? Im Übrigen besteht bei einem nach Haarer erzogenen Kind sicher nicht die „Gefahr“, dass es zu viel Zärtlichkeit bekommt. Wohl eher, dass es sich vernachlässigt und unverstanden fühlt. Was Aufmerksamkeit und Bedauern angeht, kann ich der Autorin teilweise zustimmen. Auch ich kenne Eltern, die ihre Kinder zu kleinen „Prinzen“ und „Prinzessinnen“ erzogen haben. Alles, was ihr Kind tut, ist wundervoll und einzigartig, die Kinder bekommen das Gefühl, die ganze Welt ihrer Eltern drehe sich nur um sie. Das ist sich nicht so schlimm wie eine Vernachlässigung des Kindes, trotzdem kann das Kind später einmal sehr unter einer solchen Erziehung leiden, wenn es nämlich das Leben einmal selbst und ohne die Hilfe der Eltern meistern muss. Diese Erziehung lässt dem Kind kaum den Freiraum, sich eigenständig zu entwickeln. Viele Kinder werden auf diese Weise „kleingehalten“, die Eltern scheinen es nicht wahrhaben zu können, dass das Kind größer wird und immer mehr selbst tun kann. Jede Mutter muss abschätzen, wann ein Kind sich beispielsweise bei einem Sturz ernsthaft verletzt hat und wann es nur aus Schreck weint. Reagieren die Eltern zu ängstlich, überträgt sich diese Angst auf das Kind, es traut sich selbst nichts mehr zu. Auch ist es nicht nötig, das Kind immer zu heben und herumzutragen, ihm Dinge abzunehmen, die es schon selbst kann. Hier den richtigen „Mittelweg“ zu finden, ist sehr schwer. Meiner Meinung nach sind die Folgen für ein Kind jedoch wesentlich gravierender, wenn es vernachlässigt und missverstanden wird als wenn es „zu viel“ bedauert und bewundert wird. Es lernt sonst seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken. Und dass die Erfahrung, dass die eigenen Gefühle und Bedürfnisse schon im Kleinkindalter kaum beachtet und meist unterdrückt wurden, für das weitere Leben des Kindes milde ausgedrückt „von Nachteil“ sind, halte ich für offensichtlich. Anders verhält es sich selbstverständlich bei einem Kind, welches für den Krieg und den Dienst an der Waffe erzogen wird. Darauf komme ich im dritten Kapitel zu sprechen.

2. Das fremdbestimmte Kleinkind

Füttern und Essen

Das Kind im Alter zwischen einem und zweieinhalb Jahren nennt Haarer das Kind im „Zwischenalter“ (vgl. Haarer 1950, S.179). An das Zwischenalter schließt das Spielalter an, welches bis zum sechsten Jahr dauert, bis das Kind in die Schule geht. Bereits diese Einteilung wirft Fragen auf: Spielt ein Kind vor dem Alter von zweieinhalb Jahren nicht? Erzieht die Mutter das Kind nach Haarers „Vorschriften“, ist es dem Kind kaum möglich, zu spielen, da sein Bewegungs spiel raum erheblich eingeschränkt wird. Zwar hält Haarer es für eine „Grausamkeit“ (ebd., S.149), das Laufställchen, in welchem das Kind im Alter von sechs bis zwölf Monaten halbe Tage verbracht hat (vgl. Haarer 1939, S.254), bei einem Kind im Zwischenalter weiter benutzen, jedoch bedeutet das nicht, dass es dem Kind gestattet wäre, seinen Spieltrieb altersgemäß auszuleben.

Vor allem bei Tisch ist laut Haarer kein Platz für Spiele und Vergnügen. Schon beim Stillen waren jegliches „bummeln“ und „lutschen ohne zu saugen“, nur zum Vergnügen des Babys streng untersagt (ebd., S.118). Auch der ältere Säugling hatte kaum die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was er isst und wann er satt ist. Er bekam „von nichts mehr als seine vorgeschriebene Menge, die wir für sein Körpergewicht berechnet haben“ (ebd., S.252). Man muss wohl kein Ernährungsexperte sein, um zu wissen, dass kein Mensch jeden Tag gleich viel Hunger hat. Wie viel wir essen hängt davon ab, wie aktiv wir sind, ob wir Appetit haben und wie wir uns fühlen. Wollte der „ältere Säugling“ aber gar nicht essen, wurde das Füttern unterbrochen und das Kind bekam das gleiche Essen bei der nächsten Mahlzeit wieder vorgesetzt. Für Chamberlain wird die Situation des Essens bzw. des Fütterns genutzt, „um das Kind zu unterwerfen“ (2003, S.72). Das Kind im zweiten Lebensjahr sollte nach Haarers Ansichten immer noch gefüttert werden, nichts am Tisch anfassen und auch nichts vom Essen der Erwachsenen abbekommen (1950, S.181ff.). Das Kind lerne sonst zu „betteln“. Die Autorin weist darauf hin, dass das Essen niemals zum Kampf zwischen den Eltern und dem Kind werden solle (ebd., S.184). Ich denke, dies wird deshalb nicht der Fall sein, da das Kind schnell begreifen wird, dass es gegen die Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit der Mutter ohnehin nicht ankommt.

Sauberkeitserziehung

Die Frage wann und wie ein Kleinkind “stubenrein” (1950, S.137) wird, beschäftigt Haarer sowohl in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ als auch in dem Buch zur Kleinkinderziehung „Unsere kleinen Kinder“.

Dass es für Frauen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts entscheidend war, ob ihr Kind

Windeln trug oder auf den Topf ging, wird deutlich, wenn man Haarers Kapitel zum Thema Wickeln studiert. Sie beschreibt hier die richtige Wickeltechnik, die in der Tat recht aufwendig und kompliziert zu sein scheint (Haarer 1939, S.141ff.). Das Kind wird in eine Moltonwindel, eine Frotteewindel, eine Gummiunterlage und eine Mullwindel eingewickelt. Aufwendiger als das Wickeln selbst ist das Waschen der Tücher. Sie werden über Nacht eingeweicht und am nächsten Tag in einen Wäschetopf gelegt. Hierin wird die Wäsche gekocht, um eine viertel Stunde später in sauberem Wasser geschwenkt zu werden. Schließlich muss sie auf eine Leine aufgehängt, getrocknet, gebügelt und zusammengelegt werden (ebd., S.164ff.). Dieser Vorgang ist offensichtlich wesentlich aufwändiger als das einfache Wegwerfen der heutigen Windeln. Es bedeutete für die Mutter damals also eine deutliche Entlastung bei der Hausarbeit, wenn das Kind nicht mehr gewickelt werden musste.

Ebenso wie für das Waschen der Windeln gibt es für das „Aufs-Töpfchen-gehen“ bei Haarer klar festgelegte Regeln. Das Kind geht auf den Topf, wenn die Mutter es möchte und zwar jeden Tag zur gleichen Zeit. Die „Sitzung“ (ebd., S.262) darf nicht länger als zehn Minuten dauern, es darf auf dem Töpfchen nicht gespielt oder gegessen werden (ebd., S.261). Das Kind entscheidet nicht selbst, wann es „muss“, sondern die Mutter setzt die Zeiten fest, zu welchen das Kind seine Geschäfte verrichtet. Haarer mahnt die Mutter:

„Bleibe deshalb, liebe Mutter, von Anfang an der einmal gewählten Einteilung treu und lasse dich auch durch dauernde Mißerfolge [sic!] nicht beirren. Das Kind muß [sic!] lernen, sich nach dir zu richten – innerhalb vernünftiger und angemessener Grenzen natürlich – und nicht umgekehrt.“ (ebd., S.262)

Den Einschub „innerhalb vernünftiger und angemessener Grenzen“ kann man verschieden interpretieren. Haarer empfiehlt der Mutter, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn ihr Kind etwas länger mit dem „Sauberwerden“ braucht als das Kind der Nachbarin beispielsweise (ebd., S.263). Auch sei es möglich, dass ein Kind, das schon einmal sauber war, plötzlich wieder eine Windel braucht, auch dies sei normal und könne vor allem dann der Fall sein, wenn das Kind Zähne bekomme. Mit aller Sorgfalt sollen die kleinen Zeichen des Kindes beachtet werden, wenn dieses anfängt sich zu „melden“ (Haarer 1950, S.194). Diese Aussage scheint im Gegensatz zu dem zu stehen, was Haarer behauptete, als sie sagte, das Kind solle sich nach der Mutter richten, nicht umgekehrt. Was sie mit „sich nach der Mutter richten“ also gemeint haben muss, scheint folgendes zu sein: Das Kind muss lernen, dann auf die Toilette zu gehen, wenn es gerade möglich ist und nicht kurz danach in die Windel zu pinkeln. Es ist in der Tat schwierig für Kinder, den Toilettengang zu „planen“. Oft sind sie so im Spiel versunken, dass sie erst merken, dass sie „müssen“, wenn es schon (fast) zu spät ist. Es ist deshalb sicher wichtig, ein Kind regelmäßig daran zu erinnern, dass es auf das Töpfchen geht – etwa vor dem Essen oder vor dem Schlafen. Ob man es jedoch zwingen muss, sein „Geschäft“ regelmäßig zu verrichten, halte ich für fragwürdig.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kleinkindererziehung in der NS-Zeit und ihre Folgen für die Betroffenen
Untertitel
Sigrid Chamberlain über Johanna Haarer
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V337021
ISBN (eBook)
9783668266360
ISBN (Buch)
9783668266377
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kleinkindererziehung, ns-zeit, folgen, betroffenen, sigrid, chamberlain, johanna, haarer
Arbeit zitieren
Annika Fleischmann (Autor), 2010, Kleinkindererziehung in der NS-Zeit und ihre Folgen für die Betroffenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337021

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