Starke Frauen oder schwaches Geschlecht? Eine Studie zu Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und E. L. James’ "Shades of Grey"


Bachelorarbeit, 2015

46 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die zugrunde liegenden Werke

3. Sadist oder Masochist?
3.1. Werkimmanente Männlichkeitsformen
3.2. Die Problematik des Neins

4. Was macht Macht?
4.1. Ein Vertrag zwischen Sub und Dom
4.2. Die Macht der Venus
4.3. Die Machtrequisiten der Venus

5. Was Macht macht
5.1. Wandas Wandel zur Venus im Pelz
5.2. Die Entwicklung einer inneren Göttin

6. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Auf dem Einband dieser Studie ist Botticellis Gemälde La nascita di Venere, Die Ge- burt der Venus, zu sehen. Anders als der Bildtitel erahnen lässt zeigt es allerdings nicht die Geburt, sondern die Ankunft der Venus auf Zypern. In der vorliegenden Arbeit wird es ebenfalls um die Ankunft bzw. um das in Erscheinung treten von Venusfiguren gehen. Ausgangspunkt zur vorliegenden Studie bilden die Romane Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch und Shades of Grey von E. L. James. Im Fokus der Ana- lyse stehen vor allem die beiden Frauenfiguren sowie deren Entwicklung und charak- terliche Besonderheiten. Es wird der Frage nachgegangen, ob es sich in deren Fall um Vertreterinnen des vermeintlich ‘schwachen Geschlechts’ oder doch vielmehr um star- ke Frauen handelt.

Beide Romane behandeln eine heterosexuelle sado-masochistische Beziehung und nehmen in ihrem jeweiligen historischen Kontext eine Ausnahmestellung in der Literatur ein. Im ersten Kapitel werden die Werke deshalb grob vorgestellt und die Um- stände erläutert, unter welchen sie erschienen sind. Auch kulturelle Entwicklungen, ausgelöst durch die Veröffentlichung der Werke, werden in den Blick genommen. Da es sich in beiden Werken um heterosexuelle Beziehungen handelt, in denen sich die Frauenfiguren befinden, werden des Weiteren auch die Männerfiguren bzw. die Männ- lichkeitsformen näher beleuchtet. Wichtig ist dies, um deren didaktischen Einfluss auf die Frauenfiguren verstehen zu können. In der Forschungsliteratur häufig thematisiert, wird auch die Problematik des Neins eine Rolle in der vorliegenden Arbeit spielen.

Im Kapitel Was macht Macht? geht es darum, was dazu befähigt, Macht auszuüben und um die Bedeutung von masochistischen Verträgen innerhalb des Fetisches. Denn Machtausübung ist - neben dem didaktischen Einfluss der männlichen Protagonisten - das, was die Frauenfiguren verändert. Was sie bewegt. Die Veränderungen werden im Kapitel Was Macht macht genau analysiert. Ergo geht es darum, was direkte oder indirekte Machtausübung bzw. das Gefühl über einen Menschen verfügen zu können mit den Frauenfiguren - Anastasia und Wanda - macht. Im Zuge der Analyse werden sich sowohl Parallelen als auch Unterschiede zeigen.

Vor der eigentlichen Analyse sollten noch einige Klarstellungen hinsichtlich der verwendeten Begrifflichkeiten erfolgen. In Zusammenhang mit Shades of Grey ist häu- fig von „partnerschaftliche[m] Sadomasochismus“1 die Rede. Es bleibt allerdings an- zumerken, dass über die begriffliche Vermischung der beiden Fetische in der Sekun- därliteratur keine Einigkeit herrscht. Obwohl die Begriffe Sadismus und Masochismus im wissenschaftlichen Diskurs im Begriff sado-masochismus zusammen fallen, spre-chen einige Stimmen gegen deren Paarung. Unter anderem beispielsweise Gilles De-leuze, für den Sadismus und Masochismus grundsätzlich verschiedene Fetische dar- stellen. Er „verwehrt sich […] dagegen, Sadismus und Masochismus miteinander zu verschmelzen und hebt die divergierende Motivation der Subjekte in den beiden Mo- dellen hervor.“2 Modelle, die Sadismus und Masochismus als gegensätzliche Ausprä- gungen einer fehlgeleiteten Lust verstehen, greifen für Deleuze deshalb nicht, weil für ihn die Ursache für das jeweilige Lustempfinden keinesfalls identisch zu sehen ist.3

Im Vergleich dazu ist für andere die Trennung nicht so eindeutig:

Sadismus und Masochismus können […] als (theoretisch) trennbare, wenn auch verwandte Perversionen des Wunsches nach Anerkennung durch einen ‘Anderen’ gesehen werden; wobei im Sadismus dieser Andere der Vater ist, im Masochismus die Mutter der präödipalen Phase. Deleuze und Stoller halten die beiden Perversi- onen, in der Praxis wie in der Phantasie, streng auseinander. Ich bin hingegen we- niger überzeugt, da[ss] die beiden Perversionen so getrennt werden können, und da[ss] entsprechend die männliche und die weibliche Sexualität entlang einer Linie zwischen aktiv und passiv auseinander dividiert werden können.“4

Laut dieser Logik verkennt die strenge Trennung, dass „auch der Masochist bis zu ei- nem gewissem Grad ein aktives Subjekt ist, genauso wie der Sadist nicht absolut aktiv ist.“5 (Genau an dieser Stelle, an der Dichotomie von aktiv und passiv wird das Kapitel Was Macht macht noch weiter anknüpfen.) Trotz dieser Diskrepanz in der Forschungs- literatur wird sich die vorliegende Studie häufig auf Deleuz’ Sacher-Masoch und der Masochismus beziehen, da dessen Theorien für die Masochismusforschung von gro- ßer Bedeutung waren und sind. Obwohl auch Freud die ‘Fetischforschung’ maßgeblich beeinflusst hat, werden dessen Theorien nur vereinzelt zur Analyse herangezogen.

2. Die zugrunde liegenden Werke

Beide Werke können zur Nische der „Klassiker der erotischen Weltliteratur“6 gezählt werden. Auch wenn sie sich hinsichtlich ihrer literarischen Qualität sicherlich unterscheiden, stellen sie in ihren jeweiligen historischen Kontexten kulturelle Phänomene dar, die einer Erklärung bedürfen.

Mit Venus im Pelz und der darin dargestellten erotischen Fixierung wurde der österreichische Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch nicht nur zum Namensspen- der für eine so genannte ‘Perversion’, sondern bewirkte auch, dass der Held der Novel- le - Severin Kusiemski - als sexualpathologischer Fall klassifiziert wurde. Der Termi- nus Masochismus wurde 1890 vor allem durch den Psychiater und Sexualpathologen Richard von Krafft-Ebing geprägt. Als „Analogie und ergänzenden Gegensatz zur da- mals schon geläufigen Bezeichnung Sadismus“7 gehört der Begriff seither zum allge- meinen Wortschatz aller Weltsprachen.8 Krafft-Ebings Definition von Masochismus lautet wie folgt:

Unter Masochismus verstehe ich eine eigentümliche Perversion der psychischen Vita sexualis, welche darin besteht, dass das von derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechtes vollkommen und unbe- dingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemütigt und selbst misshandelt zu werden. Die Vorstellung wird mit Wollust betont.9

Da die Handlung der Venus im Pelz den heutigen Lesern weniger geläufig sein wird, als die von Shades of Grey, folgt zum besseren Verständnis der späteren Ausführungen ein Überblick über den Inhalt des Werkes. Die Novelle erschien erstmals 1870 im Verm ä chtni ß des Kains und handelt im wesentlichen von einem Ich-Erzähler, der seinem Freund Severin von einem Traum erzählt, in welchem er mit der Venus über die Liebe spricht. Daraufhin erhält der Ich-Erzähler Einsicht in die gesammelten Tagebucheinträge Severins, die von dessen Beziehung zu Wanda von Dunajew alias Venus im Pelz handeln. Die eigentliche Erzählung, welche gelesen werden soll, ist folglich in eine Rahmenhandlung eingebettet. „Sacher-Masoch inszeniert in der Folge ein spannungsgeladenes Hin und Her zwischen nur angedeuteter Lust (der Sexualakt selbst bleibt immer ausgespart) und vielfach variiertem Leiden.“10

Nachdem Wanda Severins Bitte, ihn zu heiraten ausschlägt, überredet er sie schließlich, sein „tyrannisch-grausames Frauenideal der Venus im Pelz zu verkör-pern.“11 In einem Vertrag - der im weiteren Verlauf der Studie noch näher zu betrach-ten sein wird - liefert sich Severin seiner Herrin, Wanda, als „Ding und Spielzeug“12 aus und begleitet sie fortan als ihr Diener Gregor. Auf liebevoll, zärtliche Phasen der Annäherung folgen Phasen, in denen Wanda Severin sowohl physisch als auch psy- chisch quält und schließlich alle masochistischen Spielarten beherrscht. Dies steigert Severins Liebe und Begierde nur zusätzlich. Als Wanda allerdings dem Griechen Ale- xis Papadopolis begegnet, und in diesem ihren „Herren“13 findet, endet die Beziehung zu ‘seiner’ Venus im Pelz für Severin schmerzlich. Denn Wanda lässt Severin ab- schließend von Alexis auspeitschen. Von diesem Vorfall traumatisiert nimmt Severin fortan eine abwehrende und gewalttätige Haltung gegenüber Frauen ein.

Für Gratzke liegt die Faszination an den Werken Sacher-Masochs in „einer Kombination von nachvollziehbaren Chiffren der Leidenschaft und [im] Exotismus des Settings.“14 Beide Gründe lassen sich auch als Erklärung für den regelrechten Hype um den Roman Shades of Grey anführen. In diesem geht es um die 21 jährige Literaturstudentin Anastasia Steele und den Multimilliardär Christian Grey. Anastasia ist sexuell weitgehend unerfahren und wird von Christian an den Masochismus herangeführt. Nach einigem Hin und Her heiraten die beiden am Ende des dritten Romans aus der Shades of Grey Reihe und bekommen zwei Kinder.

Eva Illouz widmet sich in Die neue Liebesordnung detailliert dem Phänomen Shades of Grey. Laut Illouz integriert der Roman bewusst bereits bestehende Kodes des Feminismus in die Figurencharakteristik und auch in die Erzählstruktur. Festzuhalten bleibt aber dennoch, dass es sich ausdrücklich nicht um ein feministisches Buch handelt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es nämlich Anastasia ist, die die ‘Regeln’ aufstellt. Dies tut sie in einer Art und Weise, die für Illouz fast schon als „eine Parodie auf weibliches Durchsetzungsvermögen“15 zu lesen ist. Denn Ana stellt streckenweise ein Musterbeispiel an Durchsetzungskraft und Selbstbehauptung dar und genau diese Darstellung ist laut Illouz bewusst gewählt.16

In diesem Zusammenhang zitiert Illouz Katie Roiphe, für die der Roman „halb- pornografischen Glanz mit einem gewagten Kitzel der Grenzüberschreitung“17 verbin- det, gleichzeitig jedoch an „altmodisch romantische[n] Rollen“18 festhält. Die Sexsze- nen zielen laut Illouz in Shades of Grey nicht darauf ab, die visuelle Vorstellung anzu-stacheln, sondern vielmehr darauf, Leser und Leserinnen über einfallsreiche und effek-tive Möglichkeiten zur Steigerung ihres sexuellen Vergnügens zu belehren.19

3. Sadist oder Masochist?

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Kern hauptsächlich mit den Frauenfiguren der Werke. Allerdings bewegen sich beide in einer heterosexuellen Beziehung. Inner- halb dieser Beziehung beeinflussen sich Mann und Frau wechselseitig. Da die Frauen- figuren auch in der folgenden Analyse nicht aus dieser Konfiguration gelöst sind bzw. werden können, muss an dieser Stelle auch ein Blick auf die männlichen Protagonisten geworfen werden. Im Fokus dieses Kapitels stehen deshalb die beiden männlichen Protagonisten aus Venus im Pelz und Shades of Grey: Severin Kusiemski und Christi- an Grey.

Ähnlich wie die Frauenfiguren der Werke - die später noch näher analysiert werden sollen - weisen auch diese sowohl Parallelen als auch Divergenzen auf. Eine Gemeinsamkeit ist sicherlich, dass der Ausgangspunkt für ihre sexuellen Vorlieben in Zusammenhang mit Frauen aus ihrer Vergangenheit steht. Bei Severin ist dies dessen Tante, bei Christian dessen Mutter.

Während Severin nach einer Auseinandersetzung mit seiner Tante entdeckt, dass Schmerz für ihn durchaus reizvoll ist, in ihm Lust hervorruft und ihn dazu veran- lasst, sich in sexueller Hinsicht zu unterwerfen, veranlasst Christians Vergangenheit ihn im Gegensatz dazu, Kontrollverlust durch die Dominanz in der Sexualität zu ver- meiden. Nach dem Ende der Beziehung zu Wanda und der Auspeitschung durch Ale- xis, will Severin allerdings nie wieder devot gegenüber einer Frau sein. Sein Wandel kann anhand von mehreren Übergangsmomenten, so genannten rites des passage nachvollzogen werden:

En passant wurde in der Forschung auf den Charakter einzelner Episoden in der Venus im Pelz als rites de passage bereits hingewiesen. So stellt für Dijkstra das Ende der Novelle, das Gepeitschtwerden Severins durch den Griechen, ein Über- gangsritual dar, das Severin die (Re-)Integration in eine maskuline, patriarchali- sche Welt ermöglicht. Gratzke sieht zudem in Severins Suizidversuch ein intentio- nal in Szene gesetztes Übergangsritual, durch das Severin seine Position als Lei- dender in jene aktive Männlichkeit zu transformieren versucht. Gemeinsam haben die beiden Interpretationen, dass sie das Moment des Überganges an einem spe- zifischen Punkt der Novelle festmachen, der die Integration Severins in die patriar- chalische Gesellschaft, die vornehmlich in der Rahmenhandlung der Novelle Aus- druck findet, vorbereitet und ermöglicht.20

Christian hingegen gibt im Laufe der Beziehung mit Anastasia immer mehr Kontrolle bzw. Macht ab und dominiert sie am Ende der Shades of Grey-Trilogie nur noch (zeit- weise) in sexueller Hinsicht. Folglich entpuppt sich hier eine Art ‘fetischer Chiasmus’. Denn der eine - Severin - ist anfangs Masochist und zeigt dann sadistische Tenden- zen.21

Der Sadismus Severins ist ein Abschlu[ss]; es ist, als ob nach langer Sühne und endlicher Befriedigung des Strafbedürfnisses der masochistische Held sich nun gestattet, was die Strafe ihm hatte verbieten sollen. Sofern sie nur weit genug getrieben werden, ermöglichen Pein und Züchtigung schließlich das Tun des eben Bösen, das sie verhindern sollten.22

Der andere - Christian - hingegen zeigt anfangs eher sadistische Tendenzen und öff- net sich dann immer mehr für masochistische Einflüsse bzw. devote Verhaltensweisen. Masochismus und Sadismus sind, wie bereits angedeutet, für Deleuze unterschiedli- chen Ursprungs:

Für Deleuze strebt der Sadist danach, seine Mutter zu verstoßen und sich gegen- über dem Vater zu emanzipieren. Hingegen ist das masochistische Subjekt, der gefolterte Mann, vom Wunsch getrieben, eine Einheit mit der Mutter zu bilden und das phallische Gesetz des Vaters außer Kraft zu setzen. […] Sadist und Masochist sind keine komplementären Elemente des selben Systems, weil sie sich nicht er- gänzen: Der Masochist besteht darauf, die an ihm vollzogenen Handlungen ver- traglich zu fixieren - der Sadist wiederum würde sich nie ein Opfer wählen, das Schmerz empfinden möchte, weil es ihm um die vollständige Negation des ande- ren Wesens geht.23

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird allerdings noch zu klären sein, welcher Partner einer masochistischen Beziehung - der dominante oder der devote - der tatsächlich Ton angebende ist.

Nichtsdestotrotz begehren beide Männer ‘ihre’ Frauen auf recht ähnliche Art und Weise. Darüber hinaus kommt beiden eine didaktische Rolle in ihrem jeweiligen Ro- mankontext zu.

Insbesondere Gilles Deleuze betont in seiner Studie „Sacher-Masoch und der Ma- sochismus“ den didaktischen Anspruch des Masochisten, welcher in Venus im Pelz aus den […] diametralen Auffassungen Wandas und Severins zu Liebe und Lust erwächst und mit Severins Rücksichtslosigkeit in der Verwirklichung seiner Fantasien einhergeht.24

Denn laut Deleuze muss sich „[d]er Masochist […] seine Despotin heranbilden, er mu[ss] sie überreden, sie mu[ss] ‘unterzeichnen’. Er ist wesentlich Erzieher.“25 Sowohl Severin als auch Christian fungieren als Erzieher. Beide versuchen, die Frauenfiguren nach eigenen Wünschen und Idealvorstellungen zu formen. Im Kapitel Was Macht macht wird noch zu zeigen sein, inwiefern sich Ana und Wanda dadurch verändern.

3.1. Werkimmanente Männlichkeitsformen

[N]irgends passt Goethes ›Du musst Hammer oder Amboss sein‹ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann und Weib, das hat dir beiläufig Venus im Träume auch eingeräumt. In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat nur die Wahl der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird Peitschen fühlen.26

Die Geschlechterontologie, die Venus im Pelz zu Grunde liegt, wird im Werk - wie das obige Beispiel zeigt - meist durch Severin artikuliert. Für ihn kann eine Beziehung, in der zwischen Mann und Frau Gleichberechtigung herrscht, nicht bestehen: „‘In der Lie- be gibt es kein Nebeneinander’ erwiderte ich mit feierlichem Ernst, ‘sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave eines schönen Weibes zu sein.’“27 Mann und Frau stellen für Severin ein Ge- gensatzpaar dar:

[W]enn eine Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher diese Liebe bei mir, die zum Teil Hass, zum Teil Furcht ist. In einem solchen Verhältnis kann nur eines Hammer, das andere Amboss sein. Ich will Amboss sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich nur, wenn es grausam gegen mich ist.28

In der Masoch-Forschung besteht bisher kein Konsens hinsichtlich der ‘Hammer- Amboss-Metaphorik’. Teilweise wird dies allerdings als Versuch Sacher-Masochs ge- deutet, Kritik an der Unterdrückung der Frau zu üben. So formuliert Monika Treut dies- bezüglich:

Es gehört zu Leopold von Sacher-Masochs Sensibilität für die Notwendigkeit der Frauenemanzipation, da[ss] er den Hintergrund nicht verschweigt, der zu dieser Antwort zwingt: die Unfreiheit und Unterdrückung der Frau. Denn nur unter dieser Voraussetzung stellt sich die Frage nach Hammer und Ambo[ss], Despotismus und Sklaverei. Am Ende nämlich steht der Utopie eines Lebens freier ‘Gefährten’. Ge- fährtin aber kann eine Frau nur sein, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.“29

Allerdings kann an dieser Stelle nicht die ganze Bandbreite an Interpretationen aufge-zeigt werden, da dies den vorgegebenen Rahmen der vorliegenden Studie sprengen würde.

Festzuhalten bleibt allerdings dennoch, dass Wanda und Severin in ihrer Beziehung nicht gleichgestellt sind und deren Beziehung im Roman an divergierenden Liebesidealen und Lebensentwürfen scheitert. Eine zentrale Fragestellung, die Illouz hinsichtlich der Gleichberechtigung in Shades of Grey behandelt, ist, ob die Gleichstellung der Geschlechter gleichzeitig den Niedergang des sexuellen Begehrens zur Folge hat. Shades of Grey verbindet für Illouz die feministische Darstellung einer Frau mit der Sehnsucht nach einer traditionellen Form der Männlichkeit.

Einer Männlichkeit, die sich ihrer sexuellen Macht sicher ist. Der lustvolle Reiz, den diese phantasmatische Qualität ausmacht, sieht sie in vormodernen Beziehungen: in einem feudalen Gesellschaftssystem herrschte Klarheit, was die Geschlechterrollen anging. Durch die, mit der Emanzipationsbewegung einhergehende zunehmende Gleichheit von Mann und Frau, geriet diese Klarheit ins Wanken. Geschlechterrollen verschwammen zunehmend und führten zu einem konfusen Rollenverständnis bzw. zu Unklarheiten. Die Ungleichheit fungierte bis dato als eine Art „emotionaler Klebstoff“30, der Beziehungen, ja ganze Familien zusammenhielt. Es stand fest: Der Mann hat für die Frau zu sorgen.31

Abgesehen davon, dass Frauen in einem derartigen Gesellschaftssystem erheblich benachteiligt und immer vom Gutdünken eines Mannes abhängig waren, und auch wenn der Fortbestand von Beziehungen nicht durch Liebe sondern vielmehr durch gesellschaftlichen Druck und männliches Pflichtgefühl gewährleistet wurde, so hatten diese mehr Bestand als heute. Laut Illouz wurde dieses Pflichtgefühl von der Egalität der Geschlechter - und den damit einhergehenden wechselseitigen moralischen Ansprüchen und geringeren Gefühlsbindungen - abgelöst.

Beziehungen wurden dementsprechend zu „etwas, das durch Kommunikation ausgehandelt werden muss.“32 Der Druck dieses ständigen Aushandelns führt gegebenenfalls zur Sehnsucht nach jemandem, „der einfach Bescheid weiß.“33 Dies zieht den Wunsch nach sich, nicht verhandeln zu m ü ssen und sich somit von der Verantwortung für die Aufrechterhaltung von praktischer und emotionaler Gleichheit lossagen zu können. Die Gegenreaktion auf den Feminismus ist laut Illouz folglich die Sehnsucht nach patriarchalen Strukturen wegen der dort vorherrschenden emotionalen Bindungen (nicht wegen der Unterdrückung bzw. des ‘Beherrschtwerdens’).

Frauen sind heute nach wie vor in vielen Bereichen mit der Vorherrschaft der Männer konfrontiert, allerdings geht diese nicht länger mit den feudalen Regeln einher, die Frauen zwar einen untergeordneten Status zuweisen, die Männer allerdings auch dazu verpflichten, sie zu schützen. Aus diesem Grund kann man sagen, dass Shades of Grey eine archetypische, traditionelle Männlichkeit - eine Schutz bietende Männlichkeit - vor Augen führt.34

Deutlich wird dies im Roman selbst daran, dass Christian die Beschützerrolle auch ohne den unterzeichneten Vertrag einnimmt. Sich folglich freiwillig dazu verpflichtet - wenn auch in übertriebener Art und Weise - Anastasia zu beschützen. Der Beschüt- zerinstinkt existiert in Shades of Grey dementsprechend losgelöst von der kulturellen Ordnung. Anastasia wiederum lernt im Gegenzug in der Beziehung mit Christian einer- seits ihre Autonomie kennen und einzusetzen, andererseits entdeckt sie ihre Vorliebe, in sexueller Hinsicht dominiert zu werden. An dieser Stelle soll allerdings noch ein an- derer Aspekt der Beziehungen in den Werken näher beleuchtet werden: Die Problema- tik des Nein-sagens. Denn im Fall von Wanda und Anastasia gestaltet es sich so, dass sie beide vor Beginn der Beziehung nicht in vollem Umfang wissen, worauf sie sich eigentlich einlassen sollen.

3.2. Die Problematik des Neins

‘Ich komme mir dabei nur so billig vor’, erwidere ich. Genervt fährt Christian sich durchs Haar. ‘Das ist völlig unnötig. Du solltest das Ganze nicht überbewerten, Anastasia. Setz dich nicht wegen irgendwelcher vager Moralvorstellungen unter Druck, nur weil du Angst davor hast, was andere Leute von dir denken könnten. Das ist reine Energieverschwendung. Es liegt nur daran, dass du Vorbehalte ge- genüber unserem Arrangement hast, was völlig normal ist. Du weißt schließlich nicht, worauf du dich da einlässt.’35

An dieser Stelle im Roman wird deutlich, dass Anastasia Moralvorstellungen hat, de- nen ihr sexuelles Empfinden nicht entspricht. Andererseits zeigt sich an diesem Zitat auch, dass sie - als Jungfrau und auch bis dato ohne andere sexuellen Erfahrungen - sehr unsicher ist und keine Ahnung davon hat, was Christian von ihr verlangt. Der Sex mit ihm ist „das Einzige, was sie kennt.“36 „Genau das ist der Grund, weshalb ich ihm bei seiner Verführungsmasche hoffnungslos unterlegen bin: Er ist der Einzige von uns, der die Regeln kennt und versteht. Ich bin viel zu naiv und unerfahren dafür.“37 A- nastasia hat dementsprechend keine Vergleichsmöglichkeiten außerhalb des maso- chistischen Fetisches.

[...]


1 Gratzke, Michael: Liebesschmerz und Textlust: Figuren der Liebe und des Masochismus in der Literatur. Würzburg: Köngishausen & Neumann 2000. S. 23.

2 Plumeyer, Florian: Sadismus und Ästhetisierung: Folter als kultureller und filmischer Exzess im Gegenwartskino. Stuttgart: ibidem 2011. S. 83.

3 Vgl. Plumeyer, F.: Sadismus und Ästhetisierung, S. 83.

4 Williams, Linda: Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen des pornographischen Films. Basel, Frankfurt/ Main: Stroemfeld 1995. S. 311.

5 Plumeyer, F.: Sadismus und Ästhetisierung, S. 85.

6 Exner, Lisbeth: Leopold von Sacher-Masoch. Reinbek: Rowohlt 2003. S. 143.

7 Ebd. S. 7.

8 Vgl. Ebd. S. 7 ff.

9 Krafft-Ebing, Richard: Psychopathia sexualis: eine medizinisch-gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen. Stuttgart: Enke 1893. S. 90.

10 Exner, L.: Leopold von Sacher-Masoch, S. 64 f.

11 Exner, L.: Leopold von Sacher-Masoch, S. 64 f.

12 Sacher-Masoch, Leopold von: Venus im Pelz. Berlin: elv 2015. S. 93.

13 Ebd. S. 92.

14 Gratzke, M.: Liebesschmerz und Textlust, S. 28.

15 Illouz, Eva: Die neue Liebesordnung: Frauen, Männer und Shades of Grey. Berlin: Suhrkamp 2013. S. 60.

16 Vgl. Ebd. S. 61 f.

17 Ebd. S. 37.

18 Ebd.

19 Vgl. Illouz, E.: Die neue Liebesordnung, S. 60 f.

20 Dolgan, Christoph: Poesie des Begehrens: Textkörper und Körpertexte bei Leopold von Sacher-Masoch. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009. S. 139.

21 Vgl. Deleuze, Gilles: Sacher-Masoch und der Masochismus. In: Leopold von Sacher-Masoch.

13. Aufl. Berlin: Insel 2013. S. 163 - 281. S. 192.

22 Ebd.

23 Plumeyer, F.: Sadismus und Ästhetisierung, S. 83.

24 Schricker, Regine U.: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn: weiblicher Masochismus in Litera- tur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. S. 46.

25 Deleuze, G.: Sacher-Masoch und der Masochismus. S. 177.

26 Sacher-Masoch, L.v.: Venus im Pelz, S. 10.

27 Ebd. S. 20.

28 Ebd. S. 27.

29 Treut, Monika: Die grausame Frau: zum Frauenbild bei de Sade und Sacher-Masoch. Basel: Stroemfeld [u.a] 1984. S. 125.

30 Illouz, E.: Die neue Liebesordnung, S. 62.

31 Vgl. Ebd. S. 60 f.

32 Ebd. S. 62.

33 Ebd.

34 Illouz, E.: Die neue Liebesordnung, S. 60.

35 James, E.L.: Shades of Grey. Geheimes Verlangen. 31. Aufl. München: Goldmann 2012. S. 285.

36 Ebd. S. 259.

37 Ebd. S. 252.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Starke Frauen oder schwaches Geschlecht? Eine Studie zu Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und E. L. James’ "Shades of Grey"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V337026
ISBN (eBook)
9783656985471
ISBN (Buch)
9783656985488
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
starke, frauen, geschlecht, eine, studie, sacher-masochs, venus, pelz, james’, shades, grey
Arbeit zitieren
Lisa Weller (Autor), 2015, Starke Frauen oder schwaches Geschlecht? Eine Studie zu Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und E. L. James’ "Shades of Grey", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337026

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