1. Einleitung
Wenn wir in der gegenwärtigen Zeit fast täglich von den Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und gläubigen Juden im heutigen Staat Israel lesen und hören, so haben diese Konflikte vielfältige Ursprünge. Ursprünge, die z.T. historisch sehr weit zurückliegen.
So ist, wenn es um Besitzrechte und Rechtfertigungen für gewaltsamen Siedlungsbau geht, ein Argument strenggläubiger radikaler jüdischer Siedler die sog. „Landnahme“ der Israeliten, wie sie in Jos. 1-12 beschrieben wird. Diese Landnahme fällt historisch in die Zeit des Übergangs von der Späten Bronzezeit (1550-1200 v.Chr.) in die Eisen-I-Zeit (1200-1000 v.Chr.), also in etwa in das 13.-11. vorchristliche Jahrhundert. In Ägypten ist dies die Zeit der 19. und 20. Dynastie.
Nach diesem sehr ausführlichen Bericht (man bedenke nur wie weit diese Epoche zurückliegt), ziehen die zwölf Stämme Israels über den Jordan nach Westen, von Osten her kommend, um das verheißene Land in Ihren Besitz zu nehmen. Kurze Zeit vorher war Mose, der Anführer der Schar, gestorben, nachdem ihm von Gott das gelobte Land gezeigt worden war. Nachfolger und somit neuer Anführer der Israeliten wurde Josua, Moses’ Diener.
Dieser erobert lt. biblischem Bericht nun große Teile des Westjordanlandes und zerstört dabei viele kanaanäische Städte und belegt sie mit einem Bann. Nach dieser Darstellung war die „Landnahme“ also ein militärischer Eroberungsfeldzug, realisiert durch gemeinsame Aktionen des Zwölfstämmeverbandes der Israeliten, unterstützt durch göttlichen Beistand.
Bei der Frage nach der historischen Korrektheit dieses Berichtes, die m.E. auch in der Gegenwart einen hohen Stellenwert einnimmt, kann in erster Linie die Archäologie zur Überprüfung herangezogen werden. Im folgenden möchte ich also dieses in Jos. 1 -12 beschriebene Landnahmemodell von Seiten der Archäologie beleuchten und weitere sich in der Diskussion befindliche Modelle vorstellen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorgeschichte
3. Situation im syrisch-palästinensischen Raum während des Übergangs der Späten Bronzezeit zur Eisen-I-Zeit
4. Eroberung oder friedliche Landnahme?
5. Archäologische Fakten
5.1. Jericho
5.2. Ai
5.3. Lachisch
5.4. Hazor
5.5. Beth-Shemesh, Timnah und weitere Städte
5.6. Fazit des archäologischen Befundes
6. Erklärungsmodelle zur Landnahme
6.1. Das Migrations- bzw. Invasionsmodell
6.2. Das Penetrations- oder Infiltrationsmodell
6.3. Soziologisches Modell oder Revolutionsmodell
7. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Korrektheit der biblischen Erzählung der israelitischen Landnahme, wie sie im Buch Josua beschrieben wird, durch einen kritischen Abgleich mit archäologischen Befunden und wissenschaftlichen Modellen.
- Historische Einordnung der Landnahme am Übergang von der Späten Bronzezeit zur Eisen-I-Zeit.
- Kritische Analyse archäologischer Ausgrabungsbefunde an zentralen Orten wie Jericho, Ai und Hazor.
- Gegenüberstellung verschiedener wissenschaftlicher Erklärungsmodelle zur Entstehung Israels.
- Diskussion über die Relevanz der archäologischen Forschung für den Umgang mit biblischen Texten in der Gegenwart.
Auszug aus dem Buch
6.3. Soziologisches Modell oder Revolutionsmodell
Entwickelt wurde diese Vorstellung 1962 von G. Mendenhall und später von N. K. Gottwald weitergeführt. Lt. Mendenhall sind folgende Grundvoraussetzungen von den beiden zuvor genannten Thesen falsch:
a) Israeliten kommen von außen
b) es handelt sich um nomadische Stämme
c) das Solidaritätsbewußtsein der Menschen/Gruppen hat ethnische Gründe
Die Vertreter diese Modells gehen davon aus, daß es zwar Nomaden gab, diese aber unbedeutend waren. Hier betrachtet man eher den Gegensatz zwischen Landbewohnern und Städtern.
Kernpunkt dieses Modells sind sog. „Outlaws“. Es handelt sich dabei um sozial Deklassierte und Entwurzelte, die aus den Städten hinausgedrängt wurden. So kam es zu einer Auswanderungsbewegung in dünnbesiedeltes Gebiet. Mit der Zeit gingen diese Ausgestoßenen dann aber zu einer Revolution gegen die kanaanäische Bevölkerung über.
Dieses Konzept bringt die den JAHWE-Glauben mitbringende Moseschar wieder mit ins Gespräch und weist ihr bei dieser Aufruhrbewegung eine unterstützende Rolle zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Problematik der Landnahme im Kontext historischer Ursprünge und heutiger Konflikte sowie Zielsetzung der Untersuchung.
2. Vorgeschichte: Auseinandersetzung mit der historischen Authentizität von Mose und dem Volk Israel vor der Landnahme.
3. Situation im syrisch-palästinensischen Raum während des Übergangs der Späten Bronzezeit zur Eisen-I-Zeit: Analyse der politischen und sozioökonomischen Lage im Machtvakuum der Region.
4. Eroberung oder friedliche Landnahme?: Einleitung in die wissenschaftliche Überprüfung der Eroberungsberichte durch archäologische Daten.
5. Archäologische Fakten: Detaillierte Untersuchung spezifischer Ausgrabungsstätten und Interpretation der Zerstörungshorizonte.
6. Erklärungsmodelle zur Landnahme: Vorstellung und Diskussion dreier Haupttheorien (Invasions-, Infiltrations- und Revolutionsmodell).
7. Fazit: Synthese der Ergebnisse und Einordnung der Bedeutung der archäologischen Forschung für das Verständnis alttestamentarischer Texte.
Schlüsselwörter
Landnahme, Israeliten, Archäologie, Bronzezeit, Eisenzeit, Josua, Invasionsmodell, Infiltrationsmodell, Revolutionsmodell, Stadtstaaten, Siedlungsbau, Moseschar, Transhumanz, Palästina, Desurbanisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Validität der israelitischen Landnahme, wie sie im biblischen Buch Josua dargestellt wird.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Arbeit verknüpft biblische Überlieferungen mit archäologischen Erkenntnissen und soziologischen Erklärungsmodellen zur Entstehung des Volkes Israel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf Basis archäologischer Fakten zu klären, ob die biblische Schilderung eines militärischen Eroberungsfeldzuges historisch haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es erfolgt eine kritische Exegese alttestamentarischer Texte im Dialog mit archäologischen Befunden und der Vorstellung verschiedener historischer Erklärungsmodelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete archäologische Stätten wie Jericho und Hazor sowie drei theoretische Erklärungsmodelle zur Entstehung der israelitischen Identität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Landnahme, archäologische Fakten, Zerstörungshorizonte und die verschiedenen theoretischen Modelle zur Siedlungsentwicklung.
Was besagt das Revolutionsmodell nach Mendenhall?
Dieses Modell postuliert, dass die Landnahme das Ergebnis sozialer Umschichtungsprozesse innerhalb Kanaan war, bei denen sich Deklassierte gegen die Stadtstaaten auflehnten.
Wie bewertet der Autor den Wert der archäologischen Befunde für den Glauben?
Der Autor argumentiert, dass ein blinder, unkritischer Glaube an die Texte gefährlich ist und durch die archäologische Forschung sachlich hinterfragt werden sollte.
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- Sven Ebel (Author), 2001, Die Landnahme der Israeliten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33720