Tomasz Różyckis "Dwanaście Stacji" als polemische Lektüre von Adam Mickiewicz's "Pan Tadeusz"


Hausarbeit, 2015
11 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Werke im Vergleich
2.1 Form
2.2 Historischer Hintergrund
2.3 Inhalt

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Adam Mickiewicz stellte den Pan Tadeusz auf der Höhe seines Ruhms 1834 im Pariser Exil fertig. Dass gerade dieses Versepos zu seinem und dem bekanntesten Werk der polnischen Literatur überhaupt werden sollte, konnte er damals sicherlich nicht ahnen. Sein Ruhm als Dichterfürst geht unter anderem auf dieses Werk zurück und bis heute ist es für die Polen unverzichtbarer und vielzitierter Bestandteil ihrer Identität. Dass ein zeitgenössischer Autor eines seiner Werke an das berühmte Vorbild anlehnt, scheint also nicht ungewöhnlich. Es ist ein Kommunikationsmittel, das von vielen Autoren bereits in ähnlicher Weise genutzt wurde. Die Übertragung von Mickiewiczs Herangehensweise und Stil auf das heutige Polen ist ein Verweis der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte. Tomasz Różycki gibt in seinem Poem aus dem Jahr 2004, ähnlich wie Mickiewicz einen heiteren Einblick in das Polen seiner Gegenwart und spart nicht mit Ironie und Kritik an der eigenen Heimat. Es sei „ein Heldenepos der gänzlich anderen Art“[1], so der deutsche Verlag Luchterhand. Aber worin bestehen die Unterschiede zu der Vorlage von 1834? Und wo die möglichen Gründe für die Anlehnung, die Verweise und die ähnliche Form? Um dem näher zu kommen, wird die Form der beiden Werke, der jeweilige historische Hintergrund sowie der Inhalt beider Epen miteinander verglichen. Dabei werden exemplarisch prägnante, sich inhaltlich berührende Stellen analysiert. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Autoren ihre jeweilige Gegenwart abbilden und welcher literarischen Mittel sie sich dazu bedienen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in einem Fazit zusammengefasst.

In der Forschungsliteratur findet sich derzeit zu Dwanascie Stacji noch keine wissenschaftliche Literatur. Daher gründen sich die Erkenntnisse auf eigene Recherchen und Überlegungen. Zum Pan Tadeusz wurde der Sammelband zu Leben und Werk Mickiewicz’s, der sich in mehreren Essays mit seinem Hauptwerk befasst, zu Rate gezogen.[2] Ein eingehender Vergleich dieser beiden Werke hat nach meiner Kenntnis in der deutschen Universitätslandschaft bisher nicht stattgefunden. Für die polnische Seite kann ich aktuell keine Aussage treffen. Als Quelle dienten die angegeben Ausgaben der beiden Werke.

2. Die Werke im Vergleich

2.1 Form

Bereits im Aufbau der beiden Werke sind Parallelen erkennbar. Beide sind in Versen verfasst und beide bestehen aus zwölf Teilen. Bei Pan Tadeusz sind es Bücher, bei Dwanaście stacji Stationen. Durch den Pan Tadeusz führt ein Ich-Erzähler, der sich am Schluss als ein Unbeteiligter zu erkennen gibt, der die Geschehnisse mit eigenen Augen gesehen hat. In Różyckis Poem hingegen ist der Held, der Enkel, gleichzeitig der Erzähler. Beide stehen damit in der Tradition von Versepen, in denen seit der Antike die Mnemotechnik des Reims genutzt wurde, um große Mengen Text in Erinnerung zu behalten und mündlich verbreiten zu können.

Pan Tadeusz ist mittig in zwei Hälften geteilt, wenn man die letzten zwei Bücher als Epilog betrachtet. Die Mitte markiert am Ende des 5. Buches die Diskussion einiger Adliger und der folgende Entschluss zum zajazd.[3] Ebenfalls im fünften Buch erfolgt der Bruch zwischen Tadeusz und Telimena. Die Bücher eins bis fünf stellen im Allgemeinen das Soplicowo-Lager dar, die Bücher sechs bis zehn hingegen das Lager der Horeszkos.[4] Bei Dwanaście stacji kann man die beiden letzten Kapitel nicht als Epilog bezeichnen, da die Handlung vorher noch nicht zu einem Schluss gekommen ist. Eine klare Mitte durch einen Bruch in der Erzählform oder in der Handlung ist nicht deutlich auszumachen. Hier scheint formal die Grenze der Anlehnung an das berühmte Werk erreicht zu sein.

Der Erzählton bewegt sich romantisch zwischen Schwärmen, Zürnen, Leiden und Hoffen. Das Mittel der Übertreibung, teilweise bis ins absurde, haben beide Autoren genutzt und machen dadurch manche Handlung zu einer Satire. Dabei wirken die Figuren jedoch sehr wirklichkeitsnah. In beiden Büchern sind es hauptsächlich Sonderlinge, die auftreten. Aber in ihrer Form durchaus glaubhaft und Mitgefühl erzeugend.

2.2 Historischer Hintergrund

Zunächst einmal sind die historischen Begebenheiten, vor denen die beiden Handlungen stattfinden, sehr unterschiedlich. Pan Tadeusz spielt in den Jahren 1811/12, eine Zeit in der Polen noch voller Eifer und Hoffnung auf eine rasche Befreiung von der Fremdherrschaft war. Napoleon sammelte seine Truppen für den Russlandfeldzug und viele Polen schlossen sich ihm begeistert an. Die Bevölkerung war noch nicht so stark im europäischen Exil verteilt, wie das nach dem Aufstand von 1831 der Fall war. Mickiewicz hat sein Versepos bewusst in einer Zeit spielen lassen, in der Polen zwar schon lange von der Landkarte verschwunden war, in der es aber noch Hoffnung gab die Nation mit Waffengewalt zu befreien und die alte Ordnung wiederherzustellen. Dies war die letzte (große) Zeit der Szlachta, des polnischen Adels, der durch mehrere Ereignisse immer mehr an Einfluss eingebüßt hatte, sich jedoch nach wie vor als Elite des Landes und als das Herz Polens begriff. Anders war es einige Jahre später zur Zeit der Entstehung des Buches 1834[5]. Die in Napoleon gesetzten Hoffnungen, waren mitsamt der französisch-europäischen Armee in Russland untergegangen und der missglückte Aufstand von 1831 verschärfte nur die Repressionen der Teilungsmächte und drängte viele Polen ins Exil. Von dort waren sie in verschiedener Weise aktiv, um zur Befreiung des polnischen Volkes und auch zur Befreiung von staatlicher Willkür im jeweiligen Exilland beizutragen. In Paris, wo Mickiewicz sich aufhielt, waren Repressionen und Verfolgungen an der Tagesordnung. Zwei- bis dreimal im Monat wurden Barrikaden gebaut und Straßenkämpfe mit der königlichen Garde ausgefochten.[6] Die Bemühungen trugen jedoch kaum Früchte und es herrschte allgemeine Ernüchterung unter den polnischen Exilanten.[7] Adam Mickiewicz wollte mit seinem Pan Tadeusz nicht nur ein schillerndes Panorama des unwiederbringlich vergangenen Polen erschaffen, sondern auch zur Aufmunterung seiner Landsleute beitragen. Sein Anliegen war mit Witz und Ironie „die drei wichtigsten Eigenschaften zu erwecken: Glaube, Liebe und Hoffnung, die vollkommen erstorben“ gewesen seien.[8]

Dem gegenüber steht in Dwanaście stacji die Realität der Dritten Republik Polen. Neben der Erinnerung an 125 Jahre ohne eigenen Staat stehen in dieser Epoche vor allem das Erbe des Zweiten Weltkrieges und der kommunistischen Volksrepublik im Vordergrund. Sie sind zeitlich und emotional eng mit den persönlichen Erfahrungen jedes einzelnen Polen und seiner Familie verbunden. Von diesem negativen Erbe abgesehen ist die Zeit um die Jahrtausendwende für Polen aber hoffnungsvoller denn je: Sie haben ihren eigenen Staat, sind Mitglied der Europäischen Union, können wieder frei reisen und jeder kann im kapitalistischen Wirtschaftssystem sein Glück finden. Ein modernes Eldorado mit sozialem Netz im Vergleich zu einem von ständiger Unsicherheit und Unterdrückung geprägten 19. Jahrhundert. Vieles ist mit einem Mal Realität, wovon die Menschen jahrzehntelang geträumt hatten. Doch die Vergangenheit ist allzeit präsent und die kleinen Tücken des Alltags machen den Menschen zu schaffen: Das kommunistische Erbe der maroden Straßen und Verkehrsmittel, Alt-Kommunisten in der Politik oder ein Überangebot an Waren und bunten Werbeflächen neben Müllhalden und abbruchreifen Gebäuden. Wo Mickiewicz die Adelskultur darstellt, beschreibt Różycki das einfache Leben im Polen der Gegenwart: Ihre Speisen, das Trinken (von Alkohol natürlich), häusliche Rituale, Eigenheiten des Bus- und Bahnfahrens, die übertriebene Frömmigkeit und die Aufopferung für alles, was die Verwandtschaft angeht.

2.3 Inhalt

Różycki lehnt seinen Poem inhaltlich und auch formal an das bekannte Versepos von Mickiewicz an. Ebenso hat sich Mickiewicz bereits an Vorbildern und Vorläufern orientiert, von Homer über Vergil bis Lord Byron, deren Geist auf diese Weise in das Werk einfloss. Sogar Freunde von Mickiewicz lieferten Verspassagen, die der Dichter einfügte und auch durch Gespräche und die Korrektur durch Vertraute[9] profitierte das Versepos von Wissen und Erfahrung anderer. Die Anlehnung Różyckis an einen bekannten und gerühmten Text der Weltliteratur ist demnach nichts Neues.

Gehen wir kurz näher auf den Pan Tadeusz ein. Er gilt als das Nationalepos Polens und ist Teil des Kanons der Weltliteratur. Laut Georg Brandes gibt er ein „vielseitiges, nationales Kulturbild einer bewegten Zeit, deren Zeuge der Autor war“[10], ab. Der Inhalt lässt sich, laut ihm, folgendermaßen zusammenfassen:

[...]


[1] Klappentext. Różycki, Tomasz: Zwölf Stationen. München: Luchterhand 2009.

[2] Adam Mickiewicz. Leben und Werk. Hrsg. von Bonifacy Miązek. Frankfurt am Main: Peter Lang 1998.

[3] Vgl.: Pigoń, Stanisław: Die Komposition des Pan Tadeusz. Seine literarische Genese. In: Adam Mickiewicz. Leben und Werk. Hrsg. von Bonifacy Miązek. Frankfurt am Main: Peter Lang 1998. S. 143-148, hier: S. 144.

[4] Vgl.: Pigoń: Die Komposition des Pan Tadeusz, S. 145.

[5] Zaleski, Józef Bohdan: Wie der Pan Tadeusz entstand. In: Adam Mickiewicz. Leben und Werk. Hrsg. von Bonifacy Miązek. Frankfurt am Main: Peter Lang 1998. S. 181-194, hier S. 181.

[6] Zaleski: Wie der Pan Tadeusz entstand, S. 182.

[7] Zaleski: Wie der Pan Tadeusz entstand, S.185.

[8] Ebenda.

[9] Zaleski: Wie der Pan Tadeusz entstand, S.187.

[10] Brandes, Georg: Pan Tadeusz, die letzte Epopöe. In: Adam Mickiewicz. Leben und Werk. Hrsg. von Bonifacy Miązek. Frankfurt am Main: Peter Lang 1998. S. 149-159, hier: S. 149.

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Details

Titel
Tomasz Różyckis "Dwanaście Stacji" als polemische Lektüre von Adam Mickiewicz's "Pan Tadeusz"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Pan Tadeusz als paradigmatischer Text der polnischen Kultur
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V337343
ISBN (eBook)
9783656988106
ISBN (Buch)
9783656988113
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tomasz, różycki, dwanaście, stacji, lektüre, adam, mickiewicz, tadeusz
Arbeit zitieren
August Werner (Autor), 2015, Tomasz Różyckis "Dwanaście Stacji" als polemische Lektüre von Adam Mickiewicz's "Pan Tadeusz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337343

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