Wer wird politisch aktiv? Wie soziodemographische Merkmale und das Vertrauen in Parteien die Partizipation beeinflussen


Bachelorarbeit, 2014

96 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

A. Die CDU Westend im Europawahlkampf 2014

B. Der Einfluss soziodemographischer Merkmale und der Einfluss des Vertrauens in regulative und in parteienstaatliche Institutionen sowie in Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität
I. Fragestellung und theoretischer Hintergrund
1. Politische Partizipation
2. Soziales Vertrauen und Vertrauen in parteienstaatliche 5 und regulative Institutionen
3. Das Civic Voluntarism Model (CVM) 7 aus „Voice and Equality“
4. Inhaltliche Grenzen dieser Arbeit
5. Hypothesen
II. Statistische Datenanalyse zum Einfluss individueller Merkmale und Ressourcen sowie des Vertrauens in Institutionen und Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität
1. Verwendeter Datensatz
2. Operationalisierung und Auswahl der Untersuchungseinheiten
3. Statistische Grenzen
4. Deskriptive Ergebnisse
5. Ergebnisse der Regressionsanalysen
III. Schlussbetrachtung
1. Zusammenfassung und Fazit
2. Ausblick und weitere Forschungsmöglichkeiten

C. Die CDU Westend als Regressionsmodell

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Umfang der politischen Aktivität nach Einkommen

Abbildung 2 Grad der politischen Aktivität bei Befragten mit und ohne deutscher Staatsbürgerschaft

Abbildung 3 Desinteresse der Politiker an einfachen Leuten

Abbildung 4 Teilnahme an Online-Protestaktivität nach Alter

Abbildung 5 Bildung und Vertrauen in regulative Institutionen

Abbildung 6 Bildung und Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen

Abbildung 7 Bildung und Vertrauen in Mitmenschen

Abbildung 8 Einkommen und Vertrauen in regulative Institutionen

Abbildung 9 Einkommen und Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen

Abbildung 10 Einkommen und Vertrauen in Mitmenschen

Abbildung 11 Alter und Vertrauen in regulative Institutionen

Abbildung 12 Alter und Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen

Abbildung 13 Alter und Vertrauen in Mitmenschen

Abbildung 14 Politische Selbsteinstufung und Vertrauen in regulative Institutionen

Abbildung 15 Politische Selbsteinstufung und Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen

Abbildung 16 Politische Selbsteinstufung und Vertrauen in Mitmenschen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Erhobene Variablen aus dem ALLBUS 2008

Tabelle 2 Guttman - Skala 1

Tabelle 3 Stufe 3 der Guttman - Skala 1

Tabelle 4 Antwortmatrix des Reaktionsmuster 91 der Guttman - Skala 1

Tabelle 5 Guttman - Skala 2

Tabelle 6 Guttman - Skala 3

Tabelle 7 Regressionsmodell 3.1 mit Guttman-Skala

Tabelle 8 Fürsorge und Interessenvertretung der Politiker

Tabelle 9 Regressionsmodell 1: Politische Aktivität und Vertrauen

Tabelle 10 Regressionsmodell 2: Politische Aktivität und Soziodemographie

Tabelle 11 Regressionsmodell 3: Politische Aktivität, Vertrauen und Soziodemographie

Tabelle 12 Regressionsmodell 3.1: Politische Aktivität, Vertrauen und Soziodemographie mit Polynomeffekten von Alter und Einkommen

Tabelle 13 Regressionsmodell 4: Interaktionseffekt zwischen Bildungsjahren und Einkommen

Tabelle 14 Regressionsmodell 5: Interaktionseffekt zwischen politischer Selbsteinstufung und Wohnort

Tabelle 15 Regressionsmodell 6: Interaktionseffekt zwischen Vertrauen in regulative und parteienstaatliche Institutionen

Tabelle 16 Regressionsmodell 7: Interaktionseffekt zwischen allen drei Vertrauensarten

Tabelle 17 Übersicht aller Regressionsmodelle

A. Die CDU Westend im Europawahlkampf 2014

Im Februar 2014 beschließt die CDU Westend, ein Stadtteilverband innerhalb der CDU Frankfurt, neue Wege im politischen Wahlkampf zu gehen. Es sollen nicht mehr nur die obligatorischen Infostände an hoch frequentierten Plätzen besetzt und mit dem jeweiligen zur Wahl stehenden Kandidaten Broschüren in belebten Fußgänger- zonen verteilt werden, sondern es soll innovativer, lebendiger und die Wähler abholender vorgegangen werden - ein Häuserwahlkampf in etwa nach US- amerikanischem Vorbild schwebt den aktiven Mitgliedern vor. Es werden über mehrere Sitzungen hinweg Diskussionen geführt und Ideen ausgetauscht, sogar eigens ein Politikberater eingeladen, welcher im Wahlkampf Barack Obamas mitgearbeitet hat und seitdem Methoden und Strategien vorstellt. Dazu werden noch Daten der Europawahl 2009 und der Bundestagswahl 2013 vom statistischen Amt der Stadt Frankfurt angefordert: Mit Hilfe dieser soll eruiert werden, in welchen einzelnen Stimmbezirken des Stadtteils Westend welche Parteien gewählt worden und welche Straßen diesen zugeordnet sind. Stimmbezirke mit der größten Differenz im Ergebnis der CDU der Wahlen 2009 und 2013 werden identifiziert und die zugehörigen Adressen visualisiert, weil in diesen Gebieten eine hohe CDU- Wählerschaft vermutet wird, die für die Europawahl aktiviert werden muss.

Doch wozu das Ganze überhaupt? Wurde die vorangegangene Bundestagswahl nicht fulminant gewonnen, obwohl es nur Infostände, Plakate und Flyer gab? Die beiden Stadtteile Westend-Nord und Westend-Süd erreichten je 36,8 % und 42,1 % und haben im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 sogar enorme Zugewinne verbucht (vgl. Frankfurter Wahlanalysen 58 2013).

Nun ist die CDU Westend nicht irgendein Stadtteilverband, sondern mit seinen 262 Mitgliedern der größte, aktivste und mit Blick auf den durchschnittlich 39 Jahre alten Vorstand der jüngste im Kreisverband Frankfurt am Main. Die insgesamt 35 Stadtteilverbände haben 2.946 Mitglieder, deren Durchschnittsalter bei 58 Jahren und Mitgliedschaftsdauer bei 22 Jahren liegt. 67,9 % sind männlich und 32,1 % weiblich (vgl. Kreisgeschäftsstelle CDU Frankfurt am Main 2014).

Das Engagement der CDU Westend steht an dieser Stelle beispielhaft für die Fragestellung, welche Menschen sich engagieren. Wer partizipiert in diesem Land politisch, wer bringt sich besonders ein? Von welchen individuellen Eigenschaften hängt es ab, ob man nur Wählen geht oder aber auch noch in einer Partei mitarbeitet? Haben diese Menschen ein besonderes Vertrauen in die politischen Institutionen, sind sie eher männlich oder weiblich, sind sie womöglich höher gebildet?

Oder in Bezug auf die CDU Westend formuliert: Was für Personen sind es eigentlich, die, obwohl in der Vergangenheit mit den bewährten und einfachen Mitteln des politischen Wahlkampfs erfolgreich, sich dazu entschließen, das enorm zeitaufwendige und mit hoher sozialer Überwindung einhergehende Abenteuer eines Häuserwahlkampfes einzugehen?

B. Der Einfluss soziodemographischer Merkmale und der Einfluss des Vertrauens in regulative und parteien- staatliche Institutionen sowie in Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität

In dieser Bachelorarbeit wird der Einfluss soziodemographischer Merkmale und des Vertrauens in regulative und parteienstaatliche Institutionen sowie in Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität mittels einer statistischen Datenanalyse des ALLBUS-Datensatzes aus dem Jahr 2008 analysiert (vgl. Terwey und Baltzer 2011). Zunächst wird der theoretische Hintergrund behandelt, danach folgt die statistische Datenanalyse in Form erster deskriptiver Ergebnisse sowie mehrerer multipler linearer Regressionsmodelle. Den Abschluss dieser Arbeit bilden ein zusammen- fassendes Fazit sowie ein Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten.

I. Fragestellung und theoretischer Hintergrund

Bestimmte Bevölkerungsgruppen partizipieren politisch mehr als andere und auf den Grad dieser stärkeren politischen Aktivität haben individuelle Merkmale und Ressourcen Einfluss (vgl. van Deth 2009). Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, anhand einer statistischen Datenanalyse herauszufinden, welche Eigenschaften für das Ausmaß der persönlichen politischen Aktivität signifikant und wie stark deren Einflüsse auf diese sind.

Dieses politsoziologische Themenfeld hat viele theoretische Vordenker, auf welche nach einer allgemeinen Erklärung dessen, was politische Partizipation ist, eingegangen wird. Robert D. Putnams (1993) These des Einflusses des sozialen Vertrauens auf die politische Partizipation aus „Making democracy work“ sowie das von Sidney Verba, Kay Lehman Schlozman und Henry E. Brady (1995) entwickelte Civic Voluntarism Model aus „Voice and equality“ bilden die Grundlage für die hier aufgestellten Hypothesen.

1.Politische Partizipation!

Definition

Politische Partizipation meint „alle Tätigkeiten […], die Bürger freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen des politischen Systems zu beeinflussen“ (van Deth 2009: 143). Die Rolle des aktiven Bürgers und seines Einflusses - nicht die des Politikers - auf das politische System in seiner Gesamtheit steht im Vordergrund sowie die dem Bürger gegebenen Entwicklungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten (vgl. ebd.: 141). Politische Partizipation schließt aus diesem Grunde nicht ein, sich lediglich zu interessieren oder politische Fernsehsendungen zu sehen (vgl. ebd.: 141). Demokratie kann ohne die sich durch konkrete Handlungen hervortretende politische Partizipation der Bürger nicht stattfinden (vgl. ebd.: 141), denn „demokratische […] Systeme […] sind […] in besonderer Weise auf das Legitimitätsverständnis ihrer Bürger angewiesen. Fehlt es daran, gerät das demokratische Regime in Gefahr“ (Braun und Schmitt 2009: 54).

Formen, Bedeutung und Umfang politischer Partizipation

Die Eingrenzung des Begriffs der politischen Partizipation gestaltet sich proble- matisch, da sämtliche Handlungen politisch ausgelegt werden können. Daher wird zwischen konventioneller und unkonventioneller Beteiligung unterschieden. Zur konventionellen Beteiligung zählen Wählen und Parteiengagement, zur unkonventio- nellen gehören Initiativen, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Internet- blogs sowie weitere neu aufgekommene Formen der politischen Willensbekundung (vgl. van Deth 2009: 141). Das Ausmaß politischer Aktivität hängt vom investierten Aufwand ab: die zeitliche oder finanzielle Unterstützung einer Parteikampagne ist eine höhere Aktivität als die Äußerung der politischen Meinung und dement- sprechend anders zu bewerten. Ebenso ist das Kontaktieren von Politikern aufwendiger als die bloße Wahlhandlung an sich (vgl. ebd.: 146).

Trotz dieser Vielfalt ist das „Wahlverhalten […] in modernen Demokratien für viele Menschen der einzige Akt politischer Partizipation. Andere Formen der aktiven politischen Teilnahme stehen nicht zur Verfügung oder werden deutlich seltener genutzt“ (Schoen 2009: 181). Jan W. van Deth sieht es ähnlich:

Die Bürger demokratischer Gesellschaften beschränken ihre politischen Aktivitäten offensichtlich hauptsächlich auf den regelmäßigen Gang zur Wahlurne und das Unterschreiben von Petitionen. Bemerkenswert ist, dass die enorme Erweiterung des Repertoires politischer Partizipationsformen in den letzten Jahrzehnten offensichtlich nicht zu einer ähnlich starken Steigerung der Nutzung dieser Möglichkeiten geführt hat. (van Deth 2009: 149)

In starkem Kontrast dazu steht die soziale Partizipation, zum Beispiel durch Zugehörigkeit und aktive Mitarbeit in Vereinen oder in der Gemeinde. Sie unterscheidet sich von politischer Partizipation, weil bei letzterer der Einfluss auf politische Entscheidungen im Vordergrund steht. Dabei ist festzustellen, dass „soziale Beteiligung […] ein Massenphänomen [ist]. Politische Beteiligung, die Essenz demokratischen Regierens, ist das nicht“ (Roßteutscher 2009: 164).

2. Soziales Vertrauen und das Vertrauen in parteienstaatliche und regulative Institutionen

Der umgangssprachliche und sehr umfassende Begriff des Vertrauens wird hier in drei Arten unterteilt: das soziale Vertrauen in die Mitmenschen und die Gesellschaft, das Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen und das Vertrauen in regulative Institutionen. Die Verknüpfung dieser drei Vertrauensarten mit dem Grad der politischen Aktivität bildet die erste Hälfte des theoretischen Hintergrundes für diese Arbeit.

Soziales Vertrauen

Generalized reciprocity refers to a continuing relationship of exchange that is at any given time unrequited or imbalanced, but that involves mutual expectations that a benefit granted now should be repaid in the future. (Putnam 1993: 172)

Deswegen ist generalisierte Reziprozität wichtig für das soziale Vertrauen innerhalb einer Gesellschaft, denn nach Robert D. Putnam führt eine hohe generalisierte Reziprozität in der Gesellschaft nicht nur zu einer höheren politischen Aktivität, sondern vor allem zu einem Vertrauen in öffentliche Institutionen und Gesetze, sodass die Befolgung von Anweisungen nicht kontrolliert werden muss (vgl. Roßteutscher 2009: 173 ff.).

„Generalisierte[s] Vertrauen in der Gesellschaft verringert ‚Transaktionskosten‘ […]: wenn Staat und Verwaltung darauf vertrauen können, dass Bürger auch ohne aufwendige und teure staatliche Kontrollmaßnahmen nicht betrügen und die Normen und Gesetze in der Regel

befolgen […]. (ebd.: 173 ff.)

Menschen mit einem höheren Maß an sozialem Vertrauen engagieren sich häufiger ehrenamtlich, sind sozial partizipativer, politisch aktiver und „kommen in größerem Umfang ihren staatsbürgerlichen Pflichten nach, als Personen, die ihren Mit- menschen nur bedingt Vertrauen entgegenbringen“ (Zmerli 2008: 46). Solche Gesellschaften bezeichnet Putnam als „civic communities“ (Putnam 1993: 88).

An dieser Stelle muss jedoch betont werden, dass Putnams Theorie des sozialen Vertrauens in Bezug auf die Effizienz und Akzeptanz staatlicher Institutionen noch nicht empirisch belegt wurde (vgl. Gabriel et al. 2002: 186).

Das soziale Vertrauen wird in dieser Arbeit durch das Vertrauen in Mitmenschen abgebildet.

Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen

In starkem Kontrast zu Putnams Konzeptualisierung einer erfolgreichen „civic community“, in welcher hohes soziales Vertrauen und politische Aktivität herrschen, steht das seit Jahrzehnten kontinuierlich abnehmende Vertrauen in parteien- staatliche Institutionen (vgl. Braun und Schmitt 2009: 73). Zu diesen zählen die mittels Parteien gewählten Regierungen, Parlamente und die Politiker selbst. Die Ursachen für das abnehmende Ansehen sind vielfältig. Durch die Bildungs- expansion entstandende mündigere Bürger, welche kritischer, kompetenter und damit unabhängiger gegenüber politischer Vermittlung und politischen Autoritäten sind; die Reduktion interpersonaler Kommunikation aufgrund des Internets und der Massenmedien; die rasante Technologisierung der Politik durch ausgefeiltere Wahlkampfmethoden und professionellere Umfrageforschung; nicht zufrieden- stellend gelöste ökonomische Strukturprobleme; gefühlte Fremdbestimmung und politische Zwänge durch überstaatliche Verbünde wie die Europäische Union sowie Kompromisse mit der Opposition (vgl. ebd.: 73 - 76).

Waren am Beginn […] noch positive Einstellungen zum Parlament ein Teil der politischen Kultur […], so waren diese am Ende in eine kritische Grundstimmung umgeschlagen. […] Stärker als die Arbeit anderer Institutionen sind […] Aktivitäten [der parteienstaatlichen Institutionen] Gegenstand öffentlicher Kontroversen, denn ihre tagespolitischen Entschei- dungen sind […] nicht dazu in der Lage, sämtlichen Forderungen aller möglichen Gruppen zu jeder Zeit in vollem Umfange in gleichem Maße gerecht zu werden. Dies macht das Vertrauen zu ihnen von tagespolitischen Konstellationen abhängig […] (Gabriel et al. 2002: 185 - 188)

Vertrauen in Regulative Institutionen

Im Gegensatz zu den parteienstaatlichen Institutionen kann der Bürger regulative Institutionen wie Polizei, Verwaltung oder Gericht nicht abwählen. Weil er mit diesen sehr oft in direktem Kontakt steht, sind diese auf ein besonderes Vertrauen der Bevölkerung angewiesen, denn sie greifen reglementierend und verwaltend in den direkten Alltag der Bürger ein. Diese unterscheiden zwischen parteienstaatlichen und regulativen Institutionen (vgl. Gabriel et. al. 2002: 192).

3. Das Civic Voluntarism Model aus „Voice and equality“

Grundintention von „ Voice and equality “

In „Voice and equality“ untersuchen die Autoren Verba, Schlozman und Brady hauptsächlich die Über- und Unterrepräsentation von Bevölkerungsgruppen im politischen Partizipationsprozess in der US-amerikanischen Gesellschaft (vgl. Verba et. al. 1995: 1 f.). „The voice of the people as expressed through participation comes from a limited and unrepresentative set of citizens“ (ebd.: 269). Zwar haben alle Bürger jeweils nur eine Stimme und sind dementsprechend bei der Wahlhandlung gleich, doch der Einfluss mancher Individuen und Gruppen ist enorm und weicht aufgrund ihrer getätigten politischen Aktivität dieses Gleichheitsprinzip auf. „We investigate why some people take part in politics and others do not and probe how activists choose particular modes of participation as the vehicles for their involvement“ (ebd.: 269). Im Zuge dieser Fragestellung entwickelten sie das Civic Voluntarism Model, welches die zweite theoretische Grundlage dieser Arbeit bildet. !

Zusammensetzung des Civic Voluntarism Model

Verba, Schlozman und Brady identifizieren drei Hauptfaktoren, welche einen Einfluss auf den Grad der politischen Aktivität haben: die vorhandenen Ressourcen, die psychologischen Einstellungen gegenüber der Politik und die Art der Rekrutierung (vgl. ebd: 271). Zusammen bilden diese das Civic Voluntarism Model. Zu den

Ressourcen zählen Zeit, Geld sowie bürgerliche Kompetenzen, welche für

organisatorisches, rhetorisches und diplomatisches Talent stehen und damit den individuellen Einsatz effektiver machen (vgl. Verba et. al.: 271 f.). Die psycho- logische Einstellung setzt sich zusammen aus dem Interesse an Politik, selbst vertretenen politischen Standpunkten, der Gruppenzugehörigkeit, der Zustimmung zu gesellschaftlichen Werten und dem Gefühl bürgerlicher Pflicht (vgl. ebd.: 271 f.). Rekrutierungen und Aufforderungen zu politischem Engagement am Arbeitsplatz, in der Kirche oder Organisation, durchgeführt von Freunden oder Bekannten, sind meist erfolgreich (vgl. ebd.: 272 f.). „Those who are asked in this way might have intended to act anyway, but the request was the triggering factor“ (ebd.: 272). Die Rekrutierung spielt jedoch eine untergeordnete Rolle, da politische Aktivität ohne permanente Aktivierung stattfinden muss, um langfristig und effektiv zu wirken (vgl. ebd.: 270).

Im Umkehrschluss stellen die Autoren auch fest, wieso Menschen sich nicht engagieren:

We suggested earlier that one helpful way to understand the three factors is to invert the usual question and ask instead why people do not become political activists. Three answers come to mind: because they can’t [Anm. des Verfassers: Ressourcen]; because they don’t want to [Anm. des Verfassers: psychologische Einstellung]; or because nobody asked [Anm. des Verfassers: Rekrutierung]. (vgl. ebd.: 269)

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Gefühl von political efficacy, wenn sich Personen politisch engagieren: „that provides the subjective feeling that they can make a difference“ (ebd. 1995: 272).

Der Einfluss individueller Ressourcen und Merkmale auf die politische Aktivität Das Civic Voluntarism Model wird nicht die Gründe für politisches Engagement und dessen Umfang in Gänze erfassen und erklären können, aber sich diesen zumindest annähern (vgl. ebd.: 273).

So werden in „Voice and equality“ zahlreiche signifikante Zusammenhänge zwischen den individuellen Ressourcen und Merkmalen und dem Grad der politischen Aktivität festgestellt.

Die Höhe des Einkommens bedingt die finanziellen Zuwendungen an eine politische Partei oder Kampagne sowie den geleisteten Zeitaufwand (vgl. ebd.: 188 f.). Personen mit geringerem Einkommen engagieren sich und protestieren deutlich weniger, doch „once active […] the poor are as generous with their time as those who are better off financially“ (Verba et. al.: 192). Unter den Aktiven engagieren sich Personen unterhalb eines Jahreseinkommens von 14.999 $ um ein Vielfaches gegenüber aktiven Wohlhabenden (über 125.000 $) bei nicht-finanziellen Aktivitäten wie Stundenaufwand, Kontaktaufnahmen, Protesten und Stimmabgaben, doch finanzieren die Wohlhabenden um ein bis zu 18-faches mehr die politische Arbeit, wie man anhand Abbildung 1 auf der nächsten Seite sehen kann.

Doch betrachtet man hierbei lediglich die Sozialstruktur derjenigen, welche aktiv sind. Die politisch Engagierten entsprechen in ihrer Zusammensetzung nicht der Gesamtbevölkerung (vgl. ebd.: 207). Für diese gilt, dass je höher das Einkommen, desto höher die Häufigkeit politischer Aktivitäten, je niedriger die Bildung, desto geringer (vgl. ebd.: 207). „This is hardly surprising. We would not ordinarily expect those who have severe economic problems to be campaign contributors“ (ebd.: 213).

Ferner hat eine liberale oder konservative Ausprägung keinen Einfluss auf das politische Engagement, denn Bekenner beider Seiten bringen sich gleich viel ein (vgl. ebd.: 207). Männer sind politisch etwas aktiver als Frauen, der Unterschied bei den Geschlechtern ist jedoch geringfügig (vgl. ebd.: 254).

Abbildung 1: Umfang der politischen Aktivität nach Einkommen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Voice and equality, S. 194, eigene Nachbildung

Teilweise Anwendung des Civic Voluntarism Model auf die Untersuchungen dieser Bachelorarbeit

Dies sind jedoch Befunde für die US-amerikanische Gesellschaft der 90er Jahre, welche sich nur teilweise und Einschränkungen unterworfen auf das politische Engagement der deutschen Bevölkerung im Jahr 2008 übertragen lassen. So wird der konkrete Zeitaufwand in Stunden für politische und ehrenamtliche Tätigkeiten im ALLBUS 2008 nicht erfasst, welcher jedoch neben dem Einkommen eine wichtige Rolle für die Ermittlung der Ressourcen der Aktiven spielt. Zwar könnte man anhand der Anzahl der Kinder im Haushalt sowie der beruflichen Neben- tätigkeiten auf die mögliche Freizeit schließen, doch wären dies unseriöse Vermutungen. Nach der ethnischen Zugehörigkeit und dem nichtpolitischen Engagement bei der Arbeitsstelle und in Kirchen wird nur unzureichend gefragt und nicht in der Spezifik von „Voice and equality“, in welchem diesen sozialen Feldern eine hohe Bedeutung eingeräumt wird. Der Fokus von Verba, Schlozman und Brady liegt auf der ungleichen Repräsentation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im politischen Partizipationsprozess - die Hintergründe politischer Aktivität werden nachgeordnet untersucht.

4. Inhaltliche Grenzen dieser Arbeit

Einige Themenfelder sind mit der Frage nach den Gründen für die politische Aktivität verknüpft, doch wird auf diese aufgrund des vorgegebenen Umfangs und Anforderungsprofils der Bachelorarbeit nicht eingegangen.

Sozialkapital

Das Sozialkapital spielt bei Putnam eine wichtige Rolle und die unterschiedlichen Modelle des Sozialkapitals bieten Erklärungen für viele soziale Phänomene und Ungleichheiten. Jedoch kann dieses, zumeist abstrakt behandelte, Themenfeld nur in geringem Maße Antworten auf die konkrete Frage geben, welche Menschen sich politisch engagieren und inwieweit dies von ihren individuellen Eigenschaften abhängt.

Obwohl es einen [schwachen] positiven Zusammenhang zwischen Sozialkapital und politischem Engagement gibt, [muss man] feststellen, dass das Niveau des Sozialkapitals offensichtlich nur einen (geringen) Teil des politischen Engagements erklärt. (Gabriel et. al. 2002: 171)

Die Behandlung und die Bedeutung des Sozialkapitals ist zu enorm und bedarf einer stärkeren Fokussierung als sie diese Arbeit bieten kann und möchte, denn es geht hauptsächlich um den Grad der politischen Aktivität.

Politische Einstellungen und Selbstkompetenz, soziale Partizipation und Ost-/ Westdeutsche

Dasselbe gilt für die politischen Einstellungen und die Selbstkompetenz der Befragten sowie die allgemeinen Gründe für die soziale Partizipation. „[Es] handelt […] sich bei politischer Partizipation um Aktivitäten und nicht um Einstellungen“ (ebd.: 155), auch wenn die Untersuchungen dessen aufschlussreich wären. „Das Wahlverhalten […] als Gegenstand der Wahlsoziologie“ (Schoen 2009: 181) wird als Folge der politischen Einstellung nicht untersucht.

Ebenfalls wird nicht zwischen Ost- und Westdeutschen unterschieden. Zwar ist die Berücksichtigung der 'politischen Armut' des ehemaligen Ostblocks aufgrund der Fragestellung nach der politischen Aktivität enorm relevant, doch müssten hierfür, wissenschaftlich adäquat, historische und weitere politikwissenschaftliche Kontexte eingebunden werden. Dafür bietet diese Bachelorarbeit nicht genügend Raum.

efficacy

Eine weitere Grenze wird dieser Bachelorarbeit durch fehlende Variablen gesetzt, welche effiacy, das Gefühl, mit den eigenen Aktionen Einfluss auszuüben und zu gestalten, hätten erfassen können. Die Vermutung liegt nahe, sich stärker politisch einzubringen, je ausgeprägter die empfundene efficacy ist.

5. Hypothesen!

Aus „ Voice and equality “ und „ Making democracy work “

Aus den erläuterten theoretischen Abschnitten ergeben sich mehrere Hypothesen, welche in dieser Arbeit empirisch überprüft werden. Es wird erwartet, dass die hier erwähnten Zusammenhänge zwischen der politischen Aktivität und der Höhe des Einkommens, der politischen Grundausrichtung, der Bildung sowie dem Geschlecht aus „Voice and equality“ bestätigt werden: ein positiver Zusammenhang zwischen Bildung und Aktivität, Einkommen und Aktivität und keine Zusammenhänge zwischen der politischen Grundausrichtung und der Aktivität sowie dem Geschlecht und der Aktivität.

Auch wird untersucht, ob sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem Vertrauen in Mitmenschen und politischer Aktivität in dieser Arbeit feststellen lässt und so Putnams Theorie in dieser Hinsicht bestätigt werden kann.

Weitere Hypothesen

Hinzu kommen die persönlichen Vermutungen des Autors dieser Bachelorarbeit, dass ein sinkendes Ansehens von Politikern und parteienstaatlichen Institutionen bei zugleich höherem Vertrauen in regulative Institutionen besteht und dass die politische Aktivität in ländlichen Regionen höher ist als in urbanen aufgrund stärkerer Individualisierungsprozesse und vielfältigerer Konsum- und Kultur- angebote in der Stadt.

II. Statistische Datenanalyse zum Einfluss individueller Merkmale

und Ressourcen sowie der Einfluss des Vertrauens in Institutionen und Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität

Im zweiten Teil dieser Bachelorarbeit wird eine statistische Datenanalyse zum Einfluss individueller Merkmale und Ressourcen sowie der Einfluss des Vertrauens in Institutionen und Mitmenschen auf den Grad der politischen Aktivität durchgeführt. Es wird auf den verwendeten Datensatz, die Operationalisierung und Auswahl der Untersuchungseinheiten, die statistischen Grenzen sowie auf die Ergebnisse der deskriptiven Analysen und der Regressionsanalysen eingegangen.

1.Verwendeter Datensatz

Es wird der für Studenten zugängliche Datensatz ALLBUS 2008 verwendet, da in diesem die für die statistische Bearbeitung und Überprüfung der Hypothesen relevanten Variablen vorhanden sind und dieser Umstand auf andere Datensätze des ALLBUS, mit Ausnahme des ALLBUS 1998, nicht zutrifft. Um ein möglichst aktuelles Bild über die Gründe für den Grad der politischen Aktivität in der deutschen Bevölkerung zu zeichnen, wird auf letzteren verzichtet.

Sämtliche Vorgänge werden mit der Statistiksoftware Stata durchgeführt.

2.Operationalisierung und Auswahl der Untersuchungseinheiten

In diesem Abschnitt wird ausführlich die Operationalisierung der ausgewählten Untersuchungseinheiten beschrieben.

Verwendete Variablen

Tabelle 1: Erhobene Variablen aus dem ALLBUS 2008

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ALLBUS 2008

Aufgrund fehlender methodischer Konsistenz sowie inhaltlicher Abwägungen

können nicht sämtliche Variablen für die Regressionsanalysen verwendet werden. Auf die einzelnen Fälle und Begründungen wird gesondert eingegangen.

Kategorisierung der unabhängigen Variablen für die deskriptive Analyse

Für die deskriptiven Analysen werden aufgrund einer einfacheren Darstellung mehrere Variablen kategorisiert. Die dabei vorgenommenen Informationsreduktionen führen zu einer besseren Interpretierbarkeit. Betrachtet werden dabei die Zusammenhänge zwischen den unabhängigen Variablen.

Die unterschiedlichen Bildungsabschlüsse (V 173, V 179, V 180, V 181, V 182, V 183) werden zusammengefasst und in niedrige, mittlere, hohe und tertiäre Bildung kategorisiert. Zur niedrigen Bildung zählen kein Abschluss und die Berufsschulreife (Volks-/Hauptschulabschluss), zur mittleren Bildung zählen die mittlere Reife und der Berufsfachschulabschluss, zur hohen Bildung die Fachhochschul- und Hochschulreife, der Fachschulabschluss und der Meister-/Technikerabschluss und zur tertiären Bildung der Fachhochschul- und Hochschulabschluss.

Für das kategorisierte Alter wird teilweise auf die vorhandene V 155 zurückgegriffen, welche das Alter bereits in sechs Stufen, von 18 bis 29, 30 bis 44, 45 bis 59, 60 bis 74, 75 bis 89 und über 89 Jahre, einteilt. Da die über 89-jährigen jedoch mit 14 Personen nur 0,40 % aller Befragten ausmachen, werden sie für die bessere Übersicht mit den 75 bis 89-jährigen zusammengefasst.

Die Angaben zur Selbstbeschreibung des Wohnortes werden in Stadt und Land kategorisiert. Stadt bezeichnet hier die Großstadt sowie deren Vororte; das Land die Mittel- und Kleinstädte, ländliche Dörfer sowie Einzelhäuser auf dem Land. Dieselbe Variable wird später für die Regressionsanalysen verwendet.

Das bereits kategorisierte Haushaltsnettoeinkommen (V 449) ist mit seinen 22 Ausprägungen für eine deskriptive Analyse zu ausführlich und wird daher reduziert auf ein sehr geringes Einkommen von einem bis 999 €, geringes von 1000 bis 1999 €, mittleres von 2000 bis 3999 € und ein hohes bis sehr hohes ab 4000 €. Das Haushaltsnettoeinkommen wird bei der deskriptiven Analyse (V 449) als auch Regressionsanalyse (V 446) gewählt, weil bei der Betrachtung des eigenen Nettoeinkommens Personen entfallen könnten, welche ein Haushaltsrolle über-

nehmen und daher kein eigenes Einkommen generieren können oder in Teilzeit

beschäftigt sind. Diese Personen könnten eine status- und bildungshomogene Partnerschaft eingegangen sein und würden durch die Wahl des eigenen Nettoeinkommens abqualifiziert.

Die Links-Rechts-Selbsteinstufung (V 106) wird in sechs Ausprägungen kate- gorisiert: sehr links, links, Mitte links, Mitte rechts, rechts, sehr rechts. Für die deskriptive Analyse werden additive Indizes gebildet, um das Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen, in regulative Institutionen und in Mitmenschen abzubilden.

Das jeweilige Vertrauen in den Bundestag (V 73), in die Bundesregierung (V 79) und die politischen Parteien (V 81) wird im ALLBUS 2008 mithilfe einer Skala von 1 („Gar kein Vertrauen“) bis 7 („Großes Vertrauen“) abgefragt und für diese Arbeit auf fünf reduziert („Gar kein Vertrauen“, „Wenig Vertrauen“, „Weder noch“, „Viel Vertrauen“, „Großes Vertrauen“). Diese Variablen werden addiert, durch die Gesamtanzahl der Variablen dividiert, nochmals kategorisiert und gehen in der Variable Parteien- staatliche_Institutionen auf, welche die vier Ausprägungen „Gar kein Vertrauen“, „Wenig Vertrauen“, „Großes Vertrauen“ und „Sehr großes Vertrauen“ aufweist.

Das jeweilige Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht (V 72), in die Stadt- und Gemeindeverwaltung (V 74), die Justiz (V 75) und die Polizei (V 80) wird ebenfalls mithilfe einer Skala von 1 („Gar kein Vertrauen“) bis 7 („Großes Vertrauen“) abgefragt und für diese Arbeit auf fünf reduziert („Gar kein Vertrauen“, „Wenig Vertrauen“, „Weder noch“, „Viel Vertrauen“, „Großes Vertrauen“). Diese Variablen werden addiert, durch die Gesamtanzahl der Variablen dividiert, nochmals kategorisiert und gehen in der Variable Regulative_Institutionen auf, welche die vier Ausprägungen „Gar kein Vertrauen“, „Wenig Vertrauen“, „Großes Vertrauen“ und „Sehr großes Vertrauen“ aufweist.

Das jeweilige Vertrauen zu Verwandten (V 127), zu Freunden (V 128), zu Bekannten (V 129) und zu Fremden (V 130) wird ebenfalls mithilfe einer Skala von 1 („Kein Vertrauen“) bis 7 („Großes Vertrauen“) abgefragt und für diese Arbeit auf fünf reduziert („Gar kein Vertrauen“, „Wenig Vertrauen“, „Weder noch“, „Viel Vertrauen“, Großes Vertrauen“). Diese Variablen werden addiert, durch die Gesamtanzahl der Variablen dividiert, nochmals kategorisiert und gehen in der Variable Vertrauen_-

Mitmenschen auf, welche die vier Ausprägungen „Gar kein Vertrauen“, „Wenig

Vertrauen“, „Großes Vertrauen“ und „Sehr großes Vertrauen“ aufweist.

Bei den Fragestellungen zum Vertrauen in Mitmenschen wird abstufend gefragt und dadurch werden bereits Schwellen impliziert: Verwandte, Freunde, Bekannte und Fremde. Aufgrund des additiven Index führt jedoch höheres Vertrauen zu Freunden oder zu Fremden auch zu einem höheren Gesamtvertrauen in Mitmenschen und kann daher verwendet werden.

Multiple lineare Regression als geeignetes Regressionsverfahren

Für die Auswahl des geeigneten Regressionsmodells ist ausschlaggebend, dass es sich bei der abhängigen Variable um eine metrisch-skalierte Variable handelt und deswegen eine multiple lineare Regression als geeignetes Regressionsverfahren verwendet wird. Es soll herausgefunden werden, aufgrund welcher signifikanten Eigenschaften der Grad der politischen Aktivität steigt.

Das Alter, das Haushaltsnettoeinkommen und die Links-Rechts-Selbsteinstufung sind im ALLBUS 2008 bereits metrisch codiert und müssen für die multiple lineare Regression nicht neu generiert werden. Sie reichen beim Alter von 18 bis 96 Jahre, beim Haushaltsnettoeinkommen von 120 bis 25.700 € und bei der Links-Rechts- Selbsteinstufung von 0 bis 9. Dies trifft jedoch nicht auf alle zur Verwendung kommenden unabhängigen Variablen zu.

Generieren von Bildungsjahren für die Regressionsanalysen

Um die Bildung der beobachteten Einheiten metrisch zu skalieren, werden anhand der unterschiedlichen angegebenen Bildungsabschlüsse (V 173, V 179, V 180, V 181, V 182, V 183) die Bildungsjahre generiert.

Als Quelle für die Wertigkeit der einzelnen Bildungsabschlüsse in Jahren wird das von der Europäischen Kommission geförderte Eurydice-Projekt (vgl. Eurydice 2014) herangezogen, welches die Bildungssysteme der Länder der Europäischen Union vergleicht und bezüglich der Wertigkeit in Jahren auf ISCED basiert, der International Standard Classification of Education der UNESCO (vgl. United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization 2014). Nach dem Deutschen

Qualifikationsrahmen entspricht der Meister- und Technikerabschluss demselben Wert wie ein Bachelorabschluss, dessen Regelstudienzeit drei Jahre beträgt (vgl. Der Deutsche Qualifikationsrahmen 2014).

Der Besitz keines Abschlusses entspricht aufgrund der gesetzlichen Schulpflicht in Deutschland neun (vgl. Kultusministerkonferenz 2014), eines Hauptschulab- schlusses ebenfalls neun, einer Mittleren Reife zehn, einer Fachhochschulreife zwölf, einer Hochschulreife dreizehn, eines Berufsfachschulabschlusses drei, eines Fachschulabschlusses drei, eines Meister- und Technikerabschlusses drei, eines Fachhochschulabschlusses vier und eines Hochschulabschlusses sechs Bildungs- jahren. Personen mit weniger als neun Bildungsjahren werden als Missings deklariert, da sie auch ohne Abschluss die neun schulpflichtigen Jahre absolviert haben müssten und es hierbei um eine sehr geringe und zu vernachlässigende Fallzahl handelt.

Bildung additiver Indizes bei den Vertrauensarten und der politische Aktivität für die Regressionsanalysen

Ähnlich wie bei der deskriptiven Analyse werden die Variablen zu additiven Indizes addiert, jedoch ohne die Ausprägungen zusammenfassend zu reduzieren. Das Vertrauen in den Bundestag (V 73), in die Bundesregierung (V 79) und in die politischen Parteien (V 81) wird zu der metrischen Variable Parteien addiert, durch die Gesamtzahl der Variablen dividiert und reicht von 0 bis 6.

Das Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht (V 72), in die Stadt- und Gemeindeverwaltung (V 74), in die Justiz (V 75) und in die Polizei (V80) wird zu der metrischen Variable Regulativ addiert, durch die Gesamtzahl der Variablen dividiert und reicht von 0 bis 6.

Das Vertrauen zu den Verwandten (V 127), zu den Freunden (V 128), zu den Bekannten (V 129) und zu den Fremden (V 130) wird zu der metrischen Variable Mitmenschen addiert, durch die Gesamtzahl der Variablen dividiert und reicht von 0 bis 6.

Diese drei generierten Variablen Regulativ, Parteien und Mitmenschen bilden den thematisch ersten Teil der in den Regressionsanalysen betrachteten unabhängigen Variablen.

Um den Grad der politischen Aktivität zu bilden, wird ebenfalls ein additiver Index

generiert, welcher sich aus den verschiedenen im ALLBUS 2008 abgefragten Aktivitäten zusammensetzt. Jedoch sind die einzelnen Aktionen nach ihrem Aufwand gemessen anders zu bewerten.

Die Äußerung der politischen Meinung (V 45), die Beteiligung an Wahlen (V 46), die Teilnahme an öffentlichen Diskussionen (V 47) sowie an Unterschriftensammlungen (V 54) werden einfach gewertet, da der jeweilige Aufwand aus zeitlichem und finanziellen Aspekt sehr gering ist.

Die Teilnahme an einer Bürgerinitiative (V 48) und an einer genehmigten Demonstration (V 51) sowie die Mitarbeit (V 49) und Mitgliedschaft in einer Partei (V 533) werden doppelt gewertet, da diese Aktivitäten neben einem erheblich höherem zeitlichen und finanziellen Aufwand auch eine persönliche Überwindung erfordern. Die erlangten Grade der politischen Aktivität reichen bei den Befragten dadurch von 0, geringste Aktivität, bis 12, höchste Aktivität.

Nicht in die politische Aktivität miteinbezogen wird die Online-Protestaktivität, weil diese Aktivität den geringst möglichen Aufwand darstellt, man nicht in persönliche Interaktion oder Konfrontation tritt und trotz unkonventioneller Beteiligungsform aufgrund des marginalen Einflusses im Web als Form politischer Aktivität in dieser Arbeit abgelehnt wird. Zudem würde eine Berücksichtigung der Online-Protest- aktivität die Daten verzerren, da diese Form fast nur von jüngeren Teilnehmern verwendet wird, wie man anhand der später folgenden deskriptiven Analyse sehen kann.

Berücksichtigung nichtdeutscher Staatsbürger sowie Nichtberücksichtigung Staatenloser

Politische Aktivität in Deutschland ist nicht von einer deutschen Staatsangehörigkeit abhängig und kann mit Ausnahme der Wahlteilnahme uneingeschränkt ausgeübt werden. Um dies zu überprüfen, werden sämtliche befragten Teilnehmer ohne deutsche Staatsbürgerschaft in der Variable Nichtdeutsch erfasst. Die aufgeführte Kreuztabelle auf der nächsten Seite macht deutlich, dass die Nichtdeutschen politisch partizipieren und dementsprechend in den Analysen berücksichtigt werden müssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Wer wird politisch aktiv? Wie soziodemographische Merkmale und das Vertrauen in Parteien die Partizipation beeinflussen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
96
Katalognummer
V337391
ISBN (eBook)
9783656988793
ISBN (Buch)
9783656988809
Dateigröße
6621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Statistik, Stata, Politische Aktivität, Politische Soziologie
Arbeit zitieren
Arthur Eberle (Autor), 2014, Wer wird politisch aktiv? Wie soziodemographische Merkmale und das Vertrauen in Parteien die Partizipation beeinflussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337391

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