Sehnsucht nach Rom (Ov. Pont. I, 8, 29-40). Ovid im Latein-Unterricht


Unterrichtsentwurf, 2015
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Textbesprechung
II.1 Philologische Textbesprechung
II.2 Didaktische Umsetzung
II.2.1 Ovids Exilpoesie im Lateinunterricht
II.2.1 Umsetzung von Ov.Pont. 1,8,29–40

III Fazit

IV Literaturverzeichnis

V Anhang

I Einleitung

Perdiderint cum me duo crimina, carmen et error (Ov.trist. 2,207).

Über die Gründe für Ovids Verbannung nach Tomis im Jahre 8.n.Chr. wurde viel spekuliert, jedoch ist man bislang nicht über das hinausgekommen, was Ovid selbst angibt. Dass mit dem carmen die Ars amatoria gemeint ist, gilt als gesichert[1], worin genau sein error bestand, ist nach wie vor umstritten. Mit seinen im Exil verfassten Werken, den Tristia und den Epistulae ex Ponto, beabsichtigte er die Aufhebung oder zumindest die Milderung seines Exils und wollte seine Situation einem unparteiischen[2] Leser darstellen.[3] Im achten Brief der Epistulae bedient Ovid sich dazu einer nostalgischen Erinnerung an seine Heimat. Durch geschickte intertextuelle Bezüge auf eben die Ars macht er Kaiser Augustus darin indirekt dafür verantwortlich, zu der Ars inspiriert worden zu sein.

Wie Ovid dies macht, soll zunächst analysiert und dann für eine Unterrichtseinheit didaktisch aufgearbeitet werden, in der die Referenzstellen aus der Ars mit den Lernern in kusorischer Lektüre gelesen und im Hinblick auf den Auszug aus den Epistulae interpretiert werden.

II Textbesprechung

II.1 Philologische Textbesprechung

Im achten Brief der Epistulae ex Ponto, der an den Dichter Cornelius Severus[4] gerichtet ist, beklagt Ovid in einer nostalgischen Einlage (Ov.Pont. 1,8,29–40) die Entbehrungen, die seine Verbannung aus Rom mit sich brachte, und bleibt so seiner eigenen Definition der Gattung Elegie[5] treu. Der Textauszug lässt sich in vier Abschnitte gliedern: Im ersten Distichon führt Ovid die Heimweh-Thematik ein. In den nächsten zwei Disticha erinnert er sich an zurückgelassene Mitmenschen, um darauf seinen Blick nach Rom zu richten und in den folgenden zwei Distcha in Erinnerung an das dortige, angenehme Leben (urbanae commoda vitae [29]) zu schwelgen. Die Einlage endet mit dem Eingeständnis, dass ein Hoffen auf Begnadigung vergeblich ist, und dem Wunsch, zumindest den Verbannungsort wählen zu können.

Zu Beginn wendet sich Ovid dem Adressaten und somit indirekt seinem damaligen Publikum und uns heutigen Lesern zu und unterstellt ihnen Verwunderung angesichts der folgenden Aussage, dass „ Naso “ hier noch nicht näher erläuterte urbanae commoda vitae (29) vermisst. An der Verwendung der 3.P.Sg. und des Eigennamens anstelle des Reflexivpronomens wird die Entfremdung Ovids greifbar: In Tomis ist er nicht er selbst. Der Wechsel in die 1.P.Sg. in 31 geht einher mit einem Wechsel des Fokus von seiner gegenwärtigen, realen Situation auf Erinnerungen an die Heimat, die zwar nur ein gedankliches Erleben von Vergangenem sind, mit denen Ovid sich jedoch identifiziert. Dabei gilt seine erste Erinnerung den Menschen, die er in Rom zurücklassen musste: Seinen Freunden, die er erneut direkt anspricht (vos [31]), der Frau und der Tochter (32). Hierbei steigert sich seine Sehnsucht: Während er an seine Freunde bewusst zurückdenken kann (reminiscor [31]), versucht er den Gedanken an die Familie und damit seinen Schmerz zu verdrängen– erfolglos, er kommt unbewusst, ungewollt in ihm auf (cum...coniuge nata subit [32]). Darauf bereitet Ovid seine Rom-Erinnerung vor: Sein Blick richtet sich von Tomis nach Rom (aque domo…loca…ad urbis [31]). Hier erahnt der Leser zum ersten Mal, dass Ovid nicht mehr an die Aufhebung seines Exils glaubt: Er bezeichnet Tomis explizit als seine (neue) Heimat[6], Rom existiert für ihn nur noch in seiner Erinnerung (mens [34]). Dies wird unterstrichen durch das Prädikat: pervidet (34) bezeichnet hier nicht den realen Blick auf etwas räumlich entferntes, sondern die geistige Vergegenwärtigung von etwas sowohl räumlich als auch zeitlich zurückliegendem[7], der usa (34), die das Leben in Rom zu bieten hatte und die in den folgenden vier Versen –auf den ersten Blick- allesamt als Einrichtungen des Augustus identifiziert werden: Zuerst nennt Ovid allgemein Roms fora (35), mit denen der Leser aber sofort das Forum Romanum assoziiert haben dürfte. Es war das älteste Forum Roms und Zentrum des öffentlichen und kulturellen Lebens: Hier befanden sich der Iuppiter-Tempel, Amtsgebäude wie die curia und das comitium, die Rednertribüne, die Theaterbauten für die munera. Vor allem aber war es der Ort der Rechtssprechung, und Kaiser Augustus ließ hier seine Allgewalt in Szene setzen. Seine Erwähnung erfüllt zwei Absichten: Einerseits übt Ovid an Augustus’ Urteil Kritik: Es sei rechtswidrig – und er fern des Forums, also fern des Rechts. Andererseits verherrlicht er den Kaiser indirekt, der dort den Tempel des Divus Iulius und das Marcellus-Theater bauen, das Pompeius-Theater kostspielig renovieren lies. Letzteres umfasste einen Tempel für Venus Victrix.8 Auf diese spielt Ovid mit aedes und theatra (35) an. Die Marmorverkleidung des letzteren (marmore [35]) wiederum preist Augustus für die Pflasterung des Forums mit Marmor.[8] Ferner vermisst Ovid die zum Pompeius-Theather gehörige Porticus Livia (porticus [36]) und Gartenanlagen (campi [s.c Mavortis] ...hortos [37]), die in der Nähe des Marsfeld lagen.[9] Zum Abschluss der Passage nennt Ovid die Aqua Virgo (Virgeneusque liquor [38]), ein Aquädukt, das unter Kaiser Augustus erbaut wurde und u.a. zur Versorgung der Thermen auf dem Marsfeld diente.[10] Auf den zweiten Blick erkennt der Leser jedoch, dass Ovid Augustus gerade für die Einrichtungen preist, die er in jenem Werk[11], welches als offizieller Grund für seine Verbannung galt, den Männern als „Jagdrevier“ anrät: So seien das Forum (et fora conveniunt...amori [ ars 1,75]), die Theater (sed tu...curvis venare theatris [ ars 1,89]) und die Porticus Livia (nec tibi vitetur.../porticus...Livia [ ars 1,72]) geeignete Orte, um Frauen kennenzulernen. Den Frauen, die zum Marsfeld und zur Aqua Virgo keinen Zutritt haben [ nec vos Campus habet nec vos gelidissima Virgo (ars 3,385)] empfiehlt er ebenfalls, die Theater aufzusuchen [ visite...theatra (ars 3,394)]. Die Liebesgöttin, die im Tempel des Pompeius-Theathers bezeichnender Weise als Venus Victrix verehrt wurde[12], lässt er auflachen (hunc Venus e templis, quae sunt confinia, ridet [ ars 1,87]). Schließlich erinnert sich der Leser bei der Erwähnung des Marsfelds (campus [37]) an ein zentrales Leitmotiv der Elegie– die Gleichsetzung des amator mit einem milites, so auch in der Ars und den Amores: militiae species amor est (ars 2,233) und militet omnis amans (am. 1,9,1f.). Die Verwendung desselben Prädikats subit (36. zu ergänzen in 38) verknüpft diese Passage sprachlich eng mit 32, die Sehnsucht hat sich erneut gesteigert. Dass erst recht die Erinnerung an Rom für Ovid unerträglich ist, verdeutlichen die fünf nunc -Anaphern (35–37): Die Erinnerungen brechen eine nach der anderen über Ovid herein. Ferner sind die zahlreichen Hyperbata[13] auffällig, die Ovids Rom-Ferne abbilden.

Im letzten Distichon wird die in 33 hervorgerufene Vermutung, Ovid habe sich damit abgefunden, nicht nach Rom zurückzukehren, bestätigt (urbis misero est erepta voluptas [39]). Seine Bitte, doch zumindest den Verbannungsort selbst bestimmen zu dürfen, leitet mit rure (40) über zu einer bukolisch geprägten Bitte um ein friedliches Leben in Tomis.[14]

Ovids Rom-Remineszenz verfolgt somit nicht allein die Absicht, Augustus als pater patriae [15] zu preisen, ihm zu schmeicheln und so auf eine Begnadigung hinzuwirken, sondern auch, ihn als denjenigen darzustellen, unter dessen Herrschaft Ovid erst zum Verfassen der Ars Amatoria inspiriert werden konnte: Der Kaiser trägt eine Mitschuld am Entstehen der Ars, Ovid lässt das Werk als alleinigen Grund für seine Verbannung, so wie Augustus es darstellte, unwahrscheinlich wirken. Eine offene Aussprache dessen hätte Ovid jedoch in noch größere Schwierigkeiten gebracht, sodass er sich gezwungen sah, auf subtile Anspielungen zurückzugreifen.

II.2 Didaktische Umsetzung

II.2.1 Ovids Exilpoesie im Lateinunterricht

Der Kernlehrplan für den Lateinunterricht in der SekII sieht u.a. das Inhaltsfeld „Welterfahrung und menschliche Existenz“ vor, in dessen Rahmen die Spannung zwischen verantwortungsbewusster Teilhabe an der Politik und dem Rückzug aus derselben thematisiert werden soll, die vor allem in der Briefliteratur und Dichtung Ausdruck fand.[16] Ovids Epistulae bieten sich hierfür an, da sie die Briefgattung und Dichtung vereinen und zwar nicht in einer Spannung zwischen Teilnahme an und Rückzug aus dem politischen, wohl aber dem öffentlichen Leben in Rom verfasst wurden: Durch die Verbannung wurde Ovid einerseits zu einem „Rückzug“ gezwungen, durfte andererseits weiterhin seine Werke in Rom veröffentlichen –so blieb ihm ein, wenn auch nur einseitiger, Kontakt mit der Öffentlichkeit. Wie die Interpretation gezeigt hat, „spielt“ Ovid in seiner Exildichtung mit seinem eigenen Schicksal und seinem eigenen Werk, so wie er es zuvor in den Metamorphosen mit dem Mythos und in den carmina mit der Liebe tat. ferner können auch die Epistulae als poetologische Lyrik aufgefasst werden, die aufzeigt, „wer (Produktionsästhetik) in einem Text zu wem in welcher Absicht (Rezeptionsästhetik) über was (Begriff des [...] Wirkung von Dichtung) spricht.“[17] Wie man diese Fragen, v.a. den Rezeptionsaspekt, mit SuS anhand von Ov.Pont. 1,8,29–40 erarbeiten kann, wird im folgenden gezeigt.

[...]


[1] Vgl. Ov.trist. 2,212.

[2] Vgl. Ov.trist.1,11,35: candidus lector.

[3] Vgl. Kenney, E.J.: DNP s.v. Ovidius Naso, Publius. Brill Online, 2015. Reference. Universitaets- und Landesbibliothek Münster. 21 March 2015 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/ovidius-naso-publius-e902670.

[4] Vgl. Gaertner (2005) 429.

[5] Vgl. Ov.am. 3,9,3f.

[6] ThLL V,1,1962,57 s.v. domus.

[7] ThLL X,1,1870,28 s.v. pervideo.

[8] Vgl. Höcker, Christoph: DNP s.v. Forum. Brill Online, 2015. Reference. Universitaets- und Landesbibliothek Münster. 21 March 2015 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/forum-e414070.

[9] Vgl. Höcker, Christoph: DNP s.v. Theatrum Pompei(i). Brill Online, 2015. Reference. Universitaets- und Landesbibliothek Münster. 28 March 2015 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/theatrum-pompei-i-e1207070.

[10] Vgl. Gaertner (2005) 451.

[11] Auch in den Tristia finden sich zahlreiche Anspielungen auf die Ars amatoria, vgl. Frings (2005) 231–240.

[12] Vgl. Höcker, Christoph: DNP s.v. Theatrum Pompei(i). Brill Online, 2015. Reference. Universitaets- und Landesbibliothek Münster. 28 March 2015 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/theatrum-pompei-i-e1207070.

[13] Vgl. z.B. urbanae...vitae (29) , dulces...amici (31), pulchrae...urbis,loca...ad (33), cuncta...usa, oculis...suis (34) ,pulchros...hortos (37).

[14] Vgl. Gaertner (2005) 429f.

[15] Vgl. Kienast, Dietmar: DNP s.v. Augustus. Brill Online, 2015. Reference. Universitaets- und Landesbibliothek Münster. 29 March 2015 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/augustus-e208820.

[16] Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für die SekII Latein (1.8.2014), 19f. http://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/la/KLP_GOSt_Lateinisch.pdf (Stand: 27.6.2015).

[17] Vgl. Schmitt (2013) 99.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Sehnsucht nach Rom (Ov. Pont. I, 8, 29-40). Ovid im Latein-Unterricht
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V337449
ISBN (eBook)
9783668325043
ISBN (Buch)
9783668325050
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sehnsucht, pont, ovid, latein-unterricht
Arbeit zitieren
Anja Bülles (Autor), 2015, Sehnsucht nach Rom (Ov. Pont. I, 8, 29-40). Ovid im Latein-Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337449

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