Warum begeistert „Harry Potter“ die Menschen? Spannungstechniken in den „Harry Potter“-Romanen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Spannung?
Suspense
Mystery
Surprise

3. Spannung der magischen ErzAhlung
Umgekehrte Analyse: von derfinalen Auflosung zu den Anfangen
Die Heiligtumer des Todes
Der clevere Twist der Geschichte

4. Fazit: Warum Harry Potter gelesen wird

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erich Kastner sagte: „Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil. Aus Druckerschwarze entstehen Dinge, Menschen, Geister und Gotter, die man sonst nicht sehen konnte. Wer noch nicht lesen kann, sieht nur, was greifbar vor seiner Nase liegt Oder steht... Wer lesen kann, hat ein zweites Paar Augen." Beim Lesen entsteht vor unserem inneren Auge eine neue Welt, die nicht zwangslaufig der unseren ahneln muss. Aber warum liest man? Viele Leser beantworten diese Frage folgendermaften: „Es ist spannend!" Fragt man weiter, was denn tatsachlich spannend ist, haben viele Leser darauf dann keine Antwort mehr. Faktisch lasst sich Spannung beim Lesen in zwei Aspekte aufteilen: die psychologische Reaktion des Rezipienten und die narrative Verfahrensweise des Textes selbst. Die Literaturwissenschaft fokussiert vor allem diesen zweiten, narrativen Aspekt, der trotzdem aber noch recht jung ist (vgl. Junkerjurgen 2002, 11) und noch nicht mit ins Zentrum der Literaturwissenschaft geruckt ist.

Dabei handelt es sich urn eine interessante Fragestellung: Was macht einen Text spannend? Und warum gibt es im Lauf der Geschichte immer wieder Bucher und Geschichten, die ganze Generationen fesseln und generationsubergreifend gelesen werden. Zu diesen Phanomenen zahlt die „Harry Potter“-Reihe zweifellos hinzu. Seit der Veroffentlichung des ersten Potter-Romans 1998 wurden weltweit ca. 450 Million Kopien der insgesamt sieben Bucher in 73 Sprachen verkauft.[1] Es stellt sich also die Frage, warum gerade „Harry Potter" die Menschen so begeistert und mitreiftt. Der Spannungseffekt scheint hierbei eine zentrale Rolle zu spielen. In dieser Arbeit soil also geklart werden, wie in den „Harry Potter“-Romanen Spannung erzeugt wird. Es soil insbesondere die Spannungserzeugung der Intertextualitat betrachtet werden, die in der Fachliteratur noch keine Beachtung gefunden hat, da sich bei der Recherche nur selten Werke finden lieften, die sich zwar mit einzelnen Banden der „Harry Potter“-Reihe befassten, allerdings nicht auf Beziehungen untereinander eingingen.

Hierzu muss zunachst der Begriff der Spannung erlautert werden und geschaut werden, inwieweit die theoretischen Uberlegungen auf den Text angewandt werden konnen.

2. Wasist Spannung?

Spannung ist in verschiedenen Wissenschaften auch verschieden definiert. In der Physik gibt es mehrere Arten von Spannung, wie beispielsweise die elektrische Oder elastische Spannung. So wird die Sehne eines Bogens gespannt, um einen Pfeil in Bewegung zu setzen. Das Nomen Spannung kommt vom Verb „spannen“, was „dehnen“ Oder „straff anziehen" bedeutet. Im heutigen Sprachgebrauch ist die Metapher „auf die Folter spannen" ebenso gelaufig wie der Ausdruck ,,ich bin angespannt". War die Metapher im Mittelalter wohl eher buchstablich zu verstehen, wird sie heute dazu genutzt, dem Gesprachspartner mitzuteilen, er solle mit seiner Neuigkeit rausrucken. Was beide Ausdrucke gemeinsam haben, ist, dass der Sprechende die Spannung als Dissonanz wahrnimmt und danach strebt, diesen Zustand der Unausgeglichenheit und Unordnung auszugleichen und zu „entspannen“ (vgl. Anz 1998, 156).

So geht auch ein Text vor: er will die Aufmerksamkeit des Lesers test an sich ziehen, ihn fesseln. Indem derText Informationen auslasst Oder den Protagonisten in Gefahr bringt, wird eine Unausgeglichenheit hergestellt, die der Rezipient als unangenehm wahrnimmt und daher die Ordnung wiederherstellen mochte (vgl. ebd. 153). Die Lesespannung selbst ist also als „Metapher fur einen neuro- psychischen Zustand" (Fill 2007, 10) zu verstehen, dem der Leser sich hingibt. In dieser Hinsicht kann also untersucht werden, wie die Rezipienten psychologisch gefordert werden. Anz unterscheidet hier zwischen zwei Spannungstypen: der Zukunftsspannung und der Geheimnis- Oder Ratselspannung. Erstere richtet sich auf den Fort- und Ausgang der Geschichte, wahrend letztere sich auf Details richtet, welche noch nicht offenbart wurden, obwohl die Hauptereigniskette bereits stattgefunden hat (vgl. Anz 1998, 157). Dies lasst sich auch bei Boccaccio erkennen, der diesen Unterschied „ob uberhaupt-Spannung" und „wie-Spannung“ genannt hat. Der Rezipient stellt sich die Frage ,,ob uberhaupt" das Anliegen des Protagonisten gut ausgehen kann Oder aber der Ausgang ist ahnlich des epischen Dramas bereits klar und der Leser will wissen „wie“ es im Detail gelingen wird (vgl. ebd.).

Im Gegensatz zu der psychologischen Betrachtungsweise der Spannung wahrend des Lesens, schaut die Literaturwissenschaft auf die narrativen Verfahrensweisen, die Spannung entstehen lassen. Rezeptionsasthetisch betrachtet, muss ein Leser zwar auch die Spannung erkennen, was sehr subjektiv behaftet ist, aber der Text muss diese auch bereitstellen, damit der Rezipient sie erleben kann. Dieses Erkennen entscheidet daruber, ob der Leser den Text weiterliest Oder nicht (vgl.

Fill 2007, 76). Hier wird deutlich, dass zwei verschiedene Individuen den gleichen Text vollig kontrar wahrnehmen konnen. Es gibt Menschen, die die „Harry Potter"- Romane nicht spannend und ergo auch „nicht gut“ finden. Andere wiederrum verbringen Stunden und Tage damit, die Bucher zu lesen. Da eine psychologische Analyse nur sehr schwer durchzufuhren ist, soil in dieser Arbeit auf den literaturwissenschaftlichen Aspekt besonders eingegangen werden.

Der Autor soil also verschiedene Techniken nutzen, um seinen Text spannend zu gestalten, damit er gelesen wird. Spannung kann, wie bereits oben erwahnt, die Zuruckhaltung von Informationen sein Oder aber die uberraschende Preisgabe von unerwarteten Informationen (vgl. ebd. 68). Genau dieses Spiel mit den Erwartungen des Lesers empfindet selbiger als spannend. Werden die Erwartungen des Rezipienten immer wieder erfullt, wird derText vorhersagbar und regelmaftig, was als nicht spannend empfunden wird. Inhaltlich ist der Protagonist der Geschichte also am besten eine sympathische Figur, die Empathie hervorruft und sich in einer Gefahrensituation befindet (vgl. Junkerjurgen 2002, 21). Dolle- Weinkauffwurde das die Grundspannung eines Textes nennen, der durch weitere, episodische Intensivierungseinheiten den Leser weiter an das Buch fesselt (vgl. ebd.).

Diese Intensivierungseinheiten wie Dolle-Weinkauff sie nenne, konnen vielerlei Natur sein, die alle unter dem Oberbegriff „Spannung“ gefasst werden konnen. Doch gibt es erhebliche Unterschiede darin, wie der Text Spannung erzeugt und den Leser bindet. Diese sollen unter den Begriffen suspense, mystery und surprise eingefuhrtwerden und werden im Folgenden erlautert.

Suspense

Schlagt man im monolingualen Worterbuch der englischen Sprache das Wort „suspense“ nach, liest man folgenden Eintrag: „a feeling of worry or excitement that you have when you feel that something is going to happen, somebody is going to tell you some news" (Hornby 2000, 1311). Diese Definition lasst sich auch auf die narrative Strategie eines Texts anwenden. Es geht darum, den Leser in Angst um den Protagonisten zu versetzen, da die Figur sich in Gefahr befindet. Der suspense-Ablauf lasst sich immer folgendermaften beschreiben: zuerst findet ein Ausloseereignis statt, welches die Gefahr einleitet, woraufhin sich der Protagonist mit dieser auseinandersetzen muss, was letztendlich dann zur Auflosung fuhrt (z.B. die erfolgreiche Bewaltigung der Gefahr) (vgl. Junkerjurgen 2002, 62). Um den suspense-Effekt zu erreichen, erfordert es Vorbereitung, die sowohl auf inhaltlicher, als auch zeitlicher Ebene stattfindet (vgl. ebd., 61). So setzt suspense inhaltlich einen sympathischen Protagonisten voraus, in den sich der Leser hineinversetzten kann und dessen Handlungsziele und -motive nachvollzogen werden konnen. Diese Ziele und/oder Motive sollten dann von der Gefahr bedroht werden Oder aber die Gefahr sollte Anlass fur das Ziel sein (vgl. ebd.). Das bedeutet, dass suspense stark von den Figuren abhangig gemacht wird und dass die Identifikation des Lesers mit diesen Figuren vorhanden sein muss, urn einen suspense-Effekt hervorzurufen. Wird aber vom Text suggeriert, dass die gefahrlichen Ereignisse eventuell gar nicht eintreten, so wird der Rezipient auch keine suspense erleben. Ebenso lassen diese Ereignisse nur zwei sich logisch ausschlieftende Folgerungen zu (vgl. ebd.). Entscheidet sich der Protagonist also fur eine Moglichkeit, ist die andere von Grund auf ausgeschlossen.

Suspense wird aber auch von zeitlichen Merkmalen charakterisiert, die Junkerjurgen an Genette anlehnt. Es muss eine chronologische Ordnung herrschen, die den Leser die kausalen Zusammenhange direkt erleben lassen, sodass der Rezipient die Grofte der Gefahr einschatzen kann und von da an den Verlauf von Ausloseereignis bis Auflosung nachvollziehen muss (vgl. ebd., 68). Die Dauer der Auseinandersetzung bis zur letztendlichen Auflosung kann hinausgezogert werden. Da es sich aber bei suspense urn einen Affekthohepunkt handelt, kann eine Verzogerung zunachst zwar die suspense steigern, bei zu langer Hinhaltung aber auch wieder verringern (vgl. ebd., 61).

Mystery

,,Mystery is said to be fiction that usually deals with the solution of mysterious crimes. Something .mysterious’ in turn, is said to excite wonder, curiosity, or surprise while baffling efforts at comprehension." (Zillmann 1991, 293). Im Gegensatz zu suspense spielt mystery mit der Informiertheit des Lesers und halt oftmals wichtige Informationen zuruck. Es geht urn ein Geheimnis, ergo urn ein Mangel an Informationen, „die benotigt werden, urn einen bestimmten relevanten Sachverhalt zu klaren" (Junkerjurgen 2002, 66). Klassischerweise findet sich die mystery-Strategie in Detektivgeschichten, die popular sind, insbesondere, weil mystery eine Ratselspannung enthalt und fur den Leser eine Denkaufgabe darstellt. Der Leser erhalt Informationen, selektiert diese und kombiniert sie, urn das Verbrechen aufzuklaren (vgl. ebd., 67). Der mystery-Effekt muss naturlich nicht zwangslaufig mit einem Verbrechen zu tun haben. Es geht darum, dass ein Ereignis Fragen aufwirft, die nicht sofort gelost werden konnen, die die Neugierde wecken. Wahrend suspense sich immer auf die Zukunft bezieht, also nach dem „und dann?" fragt, ist die mystery-Spannung vergangenheitsbezogen. Der Leser fangt an sich uber das Warum und Wie und Wer Gedanken zu machen. Seine eigene Phantasie und Logik wird herausgefordert, eine Antwort auf unbegrenzt viele mogliche Fragen Antworten zu finden. Durch die Zuruckhaltung von Informationen, durch ggf. Irrefuhrungen kann dieser Effekt noch unterstrichen werden. Der Text legt die sog. falsche Fahrte, wodurch ein weiterer Effekt eintritt: surprise - die Uberraschung, auf welche im nachsten Abschnitt naher eingegangen wird.

Suspense lasst den Leser am Geschehen unmittelbar in chronologischer Reihenfolge teilnehmen. Mystery hingegen spielt mit der Erwartung und bricht oft mit der Chronologie, wodurch die Kausalkette gebrochen wird und der Rezipient nun diese rekonstruieren muss. Er ist fur die „Aufspurung des Kausalnexus" (Brecht 1967, 36) verantwortlich.

Trotz aller Unterschiede zwischen suspense und mystery, lassen sich auch beide kombinieren. Wird eine Informationslucke im Laufe des Texts geschlossen, kann mystery in suspense ubergehen (vgl. Junkerjurgen 2002, 70), da sie bspw. eine Gefahr darstellen kann, deren die Protagonisten sich vorher nicht bewusst waren Oder dadurch ein neues, gefahrliches Handlungsziel definiert werden kann. Eine gleichzeitige Kombination beider ist dabei aber ebenso denkbar. Gefahr und Informationsdefizit gehen einher, wenn der Text Gefahr signalisiert, die Ursache aber noch ungeklart ist (vgl. ebd., 71). Junkerjurgen fuhrt hier ein Beispiel der Figur Cyrus Smith aus L’lle mysterieuse (1874/1875) an: die Figur soil alleine in einen dunklen Schacht hinunterklettern und bewaffnet sich vorher, was eine mogliche Gefahr andeutet. Wurde fur Rezipient und Figur klar sein, dass Gefahr droht, handle es sich bei diesem Konstrukt urn reine suspense, (vgl. ebd., 71) Zur Ubersicht soil hier die von Junkerjurgen aufgestellte Tabelle (ebd.) ubernommen werden, wobei die Pfeile einen Verlauf aufzeigen sollen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Grundformen narrativerVerfahrensweisen

Surprise

Wie bereits oben erwahnt, ist surprise die Strategie, die am starksten mit der Lesererwartung spielt. Beim Lesen stellt der Rezipient verschiedene Hypothesen daruber auf, wie es weitergeht und/oder welche Ursachen ein Ereignis gehabt haben kann. Der Text kann diese entweder bestarken und bestatigen Oder aber er widerlegt sie (vollig). 1st letzteres der Fall, tritt der surprise-Effekt auf. Es ist die ,,plotzliche Konfrontation des Rezipienten mit relevanten, nicht erahnbaren Informationen" (ebd., 72). Auch hier ist es also wieder ein Zusammenspiel von zeitlichem und inhaltlichem Aspekt. Da allerdings der Effekt von kurzer Dauer ist, reicht er nicht zur langeren Leseraktivierung und sollte daher mit anderen Strategien verknupftwerden (vgl. ebd.).

Surprise kann sowohl als effektvolles Ausloseereignis, wie auch zur Auflosung dienen. Eine Gefahr/Anreiz kann fur den Leser plotzlich eingefuhrt werden, wie auch aufgelost werden, da die Figuren durch suspense meist in Situationen gefuhrt werden, in denen die Wahrscheinlichkeit gegen sie spricht (vgl. ebd.). Auch in mystery-Situationen kann surprise eine wirkungsvolle Auflosung sein, immer dann, wenn die Losung des Sachverhalts fur den Leser nicht selbst herauszufinden war (vgl. ebd.). So ist beispielsweise das Ende von Agatha Christies „Alibi“ eine klassische mystery-Situation, die in surprise endet, da der Leser kaum erahnen konnte, dass der Ich-Erzahler am Ende als Tater entlarvt wird.

[...]


[1] vgl. http://www.mugglenet.com/2014/05/harry-potter-books-among-best-selling-products-of- all-time/, zuletzt besucht am 09.09.2015

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Warum begeistert „Harry Potter“ die Menschen? Spannungstechniken in den „Harry Potter“-Romanen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Gattungen und Formen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V337470
ISBN (eBook)
9783656989332
ISBN (Buch)
9783656989349
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harry Potter, Spannung, Narration, Intertextualität
Arbeit zitieren
Eva Heuft (Autor), 2015, Warum begeistert „Harry Potter“ die Menschen? Spannungstechniken in den „Harry Potter“-Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337470

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