Die Geheimsprache der Backofenbauer in Abgrenzung zum Rotwelschen

Esch toasten Lebber Talp


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

20 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geheimsprachen und ihre Funktion

3. Die Sprache der Beller Backofenbauer

4. Abgrenzung zum Rotwelschen

5. Fazit: Der Rotwelschdialekt, der keiner ist

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,,Willkommen!’, rief er. ,[...] Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, mochte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek! Danke sehr!‘“ (Rowling 1998, 135f) Auf den ersten Blick handelt es sich bei diesen Worten um reines Kauderwelsch. Aber was, wenn der Sprecher mit diesen Worten noch eine ganz andere Botschaft ubermitteln wollte? Was, wenn er eine Geheimsprache verwendete, die mit Absicht nach Nonsens klingt, um die eigentliche Mitteilung hinter der sprachlichen Fassade zu schutzen? Geheimsprachen dienen primar genau diesem Zweck: Verhullung der Information. Schon Kinder nutzen die bekannte Loffelsprache, um sich innerhalb des Freundeskreises zu unterhalten und somit ebenfalls eine Abgrenzung nach auften zu schaffen. Auch in der rechten Szene bedient man sich solcher Mittel, wobei man diese Signalworte und Symbole eher als Codes bezeichnen sollte. Die bekannteste deutsche Geheimsprache ist das Rotwelsch, welche in Berichten des 13. Jahrhunderts zum ersten Mai erwahnt wird (vgl. Girtler 1998, 12) und sich in mehrere Dialekte unterteilt, wie zum Beispiel Bargunsch, Schlausmen, Masematte Oder Henese Fleck (vgl. Mengen 2008, 1). Die Sprecher des Rotwelsch konnen laut Honnen (2000) grob in zwei Gruppen eingeteilt werden. Zum einen handelt es sich bei den Sprechern um „berufsmaftige Bettler" Oder ,,organisierte Ganoven" (Honnen 2000, 16), zum anderen um dem ambulanten Gewerbe zugehorige Handwerker und Handler, wie bspw. Kesselflicker, Korbmacher, uvm. (vgl. Siewert 1990, 1).

Zu diesem ambulanten Gewerbe zugeordneten Handwerker gehoren auch die Backofenbauer aus Bell in der Nordosteifel, die zwar einen festen Wohnsitz in Bell hatten, aber durch die Notwendigkeit der Montage des Ofens vor Ort beim Auftraggeber auch gezwungen waren, mehrere Wochen Oder Monate unterwegs zu sein. Traditionellerweise wurden den Winter uber die benotigten Tuffsteine (mehr dazu in Kapitel 3) im Steinbruch (sog. Ley) gebrochen und zurechtgeschlagen, um sie dann im Fruhjahr und Sommer bei den Auftraggebern zu fertigen Ofen zu montieren (vgl. Wegera 1987a, 15). Im Laufe der Zeit entwickelten diese Backofenbauer eine Geheimsprache, die heute noch von einigen Sprechern in Bell beherrscht wird: das sog. Lebber Talp. Der Name selbst ist dabei Programm. Der ortliche Dialekt, das Beller Platt, wird ruckwarts gesprochen. In einiger Literatur zum Rotwelsch wird auch das Lebber Talp als Rotwelschdialekt genannt. So bspw. bei Siewert: „Rotwelsch-Dialekte des deutschen Sprachgebiets sind: [...], .Masematte’1'"1 (Munster/Westf.),

.Schlausmen’1'1, [...], ,Henese Fleck’[...] (Breyell am Niederrhein), ,Lebber Talp’1'1, Sprache der Backofenbauer in der Eifel (Bell, Nordosteifel) [...]“ (Siewert 1991, 45f) Oder bei Honnen (2000, 11f), der das Lebber Talp wie Siewert in einem Atemzug mit anderen Rotwelschdialekten nennt, ohne auf Unterschiede hinzuweisen. Daher soil in dieser Arbeit herausgestellt werden, dass es sich bei der Geheimsprache der Backofenbauer um keinen Rotwelschdialekt handelt, der sich ohne Probleme in die Reihe dieser Dialekte einfugen lasst.

Hierzu soil zunachst der Begriff Geheimsprache naher erlautert und Funktionen von Geheimsprachen dargelegt werden (siehe Kapitel 2). Anschlieftend werden die Backofenbauer aus Bell vorgestellt und ihr soziokultureller Hintergrund aufgezeigt, sowie ihre Sprache in ihrer grammatischen Struktur expliziert (siehe Kapitel 3). In Kapitel 4 „Abgrenzung zum Rotwelschen“ werden dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Rotwelschen herausgearbeitet. Zuletzt soil ein Fazit gezogen werden, welches nochmals die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfasst.

2. Geheimsprachen und ihre Funktion

Eine Geheimsprache ist ein „kunstlich geschaffenes Sprachsystem (a) zum Zweck der Geheimhaltung (z.B. im politischen Widerstand), (b) zur Abgrenzung von geheimbundlerischen Gruppen gegen die Gesamtgesellschaft Oder (c) als Ausdruck von Gruppenzugehorigkeit (z.B. die durch Buchstabenvertauschung Oder Silbenverdopplung nach bestimmten Mustern konstruierte Schulersprache)“ (Buftmann 2002, 238)

Sprachen, die die Verhullung des Inhalts in Lexeme, die nur von Eingeweihten verstanden werden konnen, zum Zweck haben, haben sich vorwiegend im fahrenden Gewerbe entwickelt. Diesen Geheimsprachen kommen insbesondere vier verschiedene Hauptfunktionen zu. Zum einen soil die Information selbst geschutzt, zum anderen mogliche Gefahren abgewehrt, sowie eine Tauschung vollzogen werden (vgl. Honnen 2000, 14). Nicht zuletzt ist als Funktion auch die Integration zu nennen, da Geheimsprachen auch als „Merkmal der Zugehorigkeit zur Gruppe" (Arnold 1975, 278) genutzt werden und dadurch „soziale Nahe“ (Jutte 1988, 51) geschaffen wird. Demnach konnen Geheimsprachen auch als Gruppensprachen verstanden werden, da diese „Sprachen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen [sind], aus denen sich eine Sprachgemeinschaft zusammensetzt." (Nabrings 1981, 134) Wobei „Gruppe“ sich auf diejenigen bezieht, die gleiche Interessen Oder Ziele haben (vgl. Fisch 1987, 150), sich nach auften als solche prasentieren und auch von auften so wahrgenommen werden. Sprachlich betrachtet bilden sie ebenfalls eine „potentielle Kommunikationsgemeinschaft und interpretieren diese gegebenen objektiven Bedingungen wie auch andere objektive Gegebenheiten in ahnlicher Weise“ (Mattheier 1980 19). „Charakteristisch fur eine geheime Gesellschaft ist es, daft sie ihren Mitgliedern die Weitergabe von Informationen an Dritte verbietet und das Geheimnis zusatzlich durch den Verzicht auf schriftliche Fixierung sichert." (Jutte 1988, 45) So kann die Geheimsprache als Musterbeispiel einer solchen Ausgrenzung und Einschlieftung gelten, da die maftgebliche Funktion einer Geheimsprache der Ausschluss anderer ist und damit auch die Starkung der Gruppe selbst nach Innen (vgl. Bausinger 1984, 119).

Ebenso lasst sich eine Geheimsprache nicht abseits eines soziokulturellen Kontexts einordnen, da sie sich meist aus einer spezifischen sozialen Situation heraus entwickelt haben (vgl. Mengen 2008, 2). Beim Soziolekt handelt es sich daher urn „besondere Gruppensprachen bzw. urn Ausformungen von Einzelsprachen [...], die [...] auf besondere Gruppen einer ganzen Sprachgemeinschaft beschrankt sind.“ (Kubczak 1987, 268, zit. n. Mengen 2008, 8). Soziolekte sind also als Gruppensprachen und „Signale“ (Nabrings 1981, 102) zu verstehen, die auch dazu dienen, nach innen zu starken und nach auften abzugrenzen, wie es bei Gruppensprachen typischerweise der Fall ist. Aufterdem ist eine Geheimsprache „ohne die Zugehorigkeit der Sprecher zu einer ganz bestimmten Gruppe, die eine spezielle Lebensweise voraussetzt, nicht zu denken.“ (Honnen 2000, 11)

Bausani beschreibt in ,,Geheim- und Universalsprachen" (1970) vier Auspragungen schopferischer Freiheit, die er in Anlehnung an die ersten drei Grade (Ebene der Phoneme, Worte und des Satzes) zu vier Typen von Kunstsprache formiert.

1. „solche, die eine besondere, nicht naturhaft gegebene Syntax erzeugen, dabei jedoch den morphologischen und phonetischen Bestand der naturlichen Sprache des ,Erfinders’ unangetastet lassen" (ebd., 12)
2. „Sprachen, die einen neuen Wortschatz schaffen, wobei die Morphologie des naturlichen Sprachgebrauches mehroderwenigererhalten bleibt" (ebd.)
3. „Sprachen mit neuer Morphologie und neuem Wortschatz, die den Lautbestand der naturlichen Sprache des Erfinders relativ intakt lassen" (ebd.)
4. „Ein noch daruber hinausgehender[sic!] Versuch, sogar das Lautgut der naturlichen Sprache des Erfinders umzubilden" (ebd.)

Hier wird ein weiteres Merkmal deutlich. Geheimsprachen sind niemals Primarsprachen, da sie „auf Basis der Erstsprache, im Zuge der gesellschaftlichen und beruflichen Sozialisation [erlernt werden].“ (Honnen 2000, 11) Auch kann man oft nicht von einem eigenen Wortschatz sprechen, sondern von einem sogenannten Sonderwortschatz, der durch Bedeutungserweiterungen Oder - wandlungen, Lautverschiebungen, bestimmte Lexembildungsmuster Oder gar Lexemumkehrungen entsteht (vgl. Mohn 1973, 281).

Eine gut erforschte, bekannte deutsche Geheimsprache ist das Rotwelsch, welche etwa seit dem 13. Jahrhundert belegt ist (vgl. Honnen 2000, 12). Es gilt jedoch zu bemerken, dass wie auch in der deutschen Standardsprache, das Rotwelsche heterogen ist und damit verschiedene Rotwelschdialekte existieren. „Zwar haben alle diese Sondersprachen denselben, verhullenden Zweck, aber nicht jeder, der eine Geheimsprache spricht, spricht auch Rotwelsch, und nicht jeder, der Rotwelsch spricht, spricht dieselbe Sprache, sondern benutzt einen ganz bestimmten Rotwelschdialekt." (ebd., 11) Nichtsdestotrotz ist alien Sprechern des Rotwelschen gemein, dass sie zumeist dem ambulanten Gewerbe angehorten, wie bspw. Hausierer, Schausteller Oder Wandergesellen, wodurch Rotwelsch nicht zuletzt den Namen „Gaunersprache“ bekam, da die Sprecher als Auftenstehende der Gesellschaft galten und sie zum Teil als unehrliche, gesellschaftliche Randgruppen (vgl. Jutte 1988, 141) angesehen wurden.

Zu diesem ambulanten Gewerbe zahlt auch das Handwerk der Backofenbauer, wenngleich sie nie die gleiche Behandlung wie andere Rotwelsch-Sprecher bekamen. Im Eifeldorf Bell haben diese speziellen Fachkrafte ihre eigene Geheimsprache entwickelt, das Lebber Talp. Auch wenn das Lebber Talp oft als Rotwelschdialekt kategorisiert wird, so haben die beiden Sprachen (linguistisch betrachtet) wenig bis nichts gemeinsam, aufter dass beide von fahrendem Volk gesprochen wurden und ebenso die Funktionen der Geheimsprache erfullen. An dieser Stelle soil vorerst die Unterscheidung vom Rotwelschen und dem Lebber Talp abgebrochen werden, urn die Geheimsprache der Backofenbauer naher zu erlautern. Es soil ein soziokultureller Hintergrund gegeben und die Sprache selbst soil in ihrergrammatischen Strukturerlautertwerden.

3. DieSprache der Beller Backofenbauer

,,Das Backofenbaugewerbe ist in Bell - einem Dorfe 3 km sudwestlich vom Laacher See - uralt. Es wird bedingt durch den Reichtum an Tufflagern. Die Tuffsteinindustrie reicht zuruck bis auf die Romer.“ (Geisen 1929, 115) Durch den Umstand, dass Bell ein reiches Vorkommen an diesem „Backofentuff“ (oder Backofenstein, vgl. Heuft 1993, 611) hatte, der „die Feuerungshitze schnell aufnimmt, lange speichert und nur langsam wieder abgibt" (Wegera 1987a, 15), was fur einen Backofen von enormen Vorteil ist, war es bis in die 1930er Jahre neben Konigswinter als Zentrum des Backofenbaus bekannt (vgl. Wegera 1987b, 18). Wann genau das Handwerk seinen Anfang nahm ist nicht bekannt, so findet aber bereits 1789 der Backofenbau Erwahnung (vgl. Heuft 1993, 611). Auch wenn der kleine Ort kein typisches Wandergewerbedorf war, so mussten doch die Handwerker wochenlang von zuhause fernbleiben, um die bestellten Backofen zu montieren (vgl. Honnen 2000, 175). Die gefragten Spezialisten waren weit uber die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und installierten ihre Ofen vor allem in den angrenzenden Landern Luxemburg, Frankreich, Belgien und Holland (vgl. Geisen 1929, 115). Die Monopolstellung des Tuffs blieb bis in die 1960er Jahre erhalten (vgl. Honnen 2000, 176), weshalb das Dorf sich auch heute noch „Backofenbauerdorf“ nennt (vgl. Heuft 1993, 615), obwohl der traditionelle Backofenbau immer mehr zunachst von Dampf- und dann von Ol- und Elektrobackofen abgelostwurde (vgl. Wegera 1987a, 18).

1976 wurde ein Filmprojekt vom Amt fur rheinische Landeskunde in Auftrag gegeben, um das aussterbende Handwerk der Backofenbauer zu dokumentieren (vgl. Honnen 1996, 67). Im Zuge dessen wurde auch die Geheimsprache der Backofenbauer ,,zufallig entdeckt". Diese Geheimsprache nennt sich Lebber Talp und hat kein abweichendes Lexikon als Basis, sondern transformiert die naturliche Ausgangssprache (die ortliche Mundart und teilweise auch Standardsprache) in eine kunstliche Geheimsprache (vgl. Wegera 1987, 184). Die exakten Umstande und der genaue Zeitpunkt der Entstehung sind jedoch nicht geklart. Wegera schreibt uber die Befragung von ca. 70-90 Jahre alten Zeitzeugen der Blutezeit des Backofenbaus, dass bereits dessen GroBvater das Lebber Talp beherrschten (vgl. ebd., 185). Die Ursprungtheorie bleibt ebenso vage, wenn auch plausibel, da insbesondere drei Grunde fur die Entstehung der Sprache sprechen. Zum einen waren die Backofenbauer immer mit anderen Helfen zusammen und standen daher auf der Baustelle kontinuierlich unter Beobachtung, da sowohl der Unterbau, als auch die Ummantelung des Ofens zumeist nicht von den

[...]

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Details

Titel
Die Geheimsprache der Backofenbauer in Abgrenzung zum Rotwelschen
Untertitel
Esch toasten Lebber Talp
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Sprachvariation
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V337475
ISBN (eBook)
9783656989530
ISBN (Buch)
9783656989547
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geheimsprache, backofenbauer, abgrenzung, rotwelschen, esch, lebber, talp
Arbeit zitieren
Eva Heuft (Autor), 2016, Die Geheimsprache der Backofenbauer in Abgrenzung zum Rotwelschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337475

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