Betrachtungen über Epistulae morales II, 13


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

A: Einleitung

B: Hauptteil

C: Schlussbetrachtungen

D: Literatur

E: Anhang (Übersetzung)

A: Einleitung

Die Griechen auf das Weltganze schauend gerieten in Verwunderung und sie begannen aus diesem Verwundern heraus u. a. nach dem Grund des Seienden und nach den Prinzipien des Erkennens zu fragen. Sie entwickelten also ontologische und epistemologische Fragestellungen und führten diese zu weit reichenden theoretischen Systemen und praktisch-wissenschaftlicher Methodik aus. Wo sich aber griechisches Denken in theoretischen Spekulationen über die Welt vertiefte, verfolgte römisches Denken die Zielsetzung, zu ergründen und letztlich zu bestimmen, welches die Prinzipien einer richtigen Lebensführung seien. Römische Philosophie ist somit praktische bzw. angewandte Philosophie.

Der Einbürgerungsprozess der Philosophie in Rom begann im 1. Jahrhundert v. Chr.. Die Hinwendung zur griechischen Philosophie ist ein Teilprozess der umfassenden Akkulturation der römischen Kultur zur griechischen als ihrem Bezugspunkt; es kann von einer Hellenisierung der römischen Kultur gesprochen werden.1 Römisches Denken blickte oft schon in seiner Geschichte über den eigenen Tellerrand und prüfte, welche der Früchte aus anderen Kulturen in welcher Ausformung einer römischen Lebensweise zuträglich sein könnten. Originalität in Form und Stoff war nur insofern erstrebt, wie der römische Intellekt versuchte das Übernommene mittels einer interpretatio Romana für sich (neu) zu erfassen; imitatio und aemulatio waren hierbei seine Etappen in diesem Progress.2

Dies brachte besonders den römischen Philosophen den Vorwurf des Epigonentums und des Eklektizismus ein. Störing verweist auf drei Momente, die dem Eklektizismus förderlich waren:

1. eine bis dahin nicht erreichte kulturelle Durchmischung römischer, griechischer und orientalischer Kulturbestandteile,
2. eine Bereitschaft des gebildeten Römers zur unvoreingenommen Prüfung des fremden Gedanken-/Kulturguts, aus dem das „richtig Erscheinende“ ausgewählt wird,
3. eine praktische Veranlagung der Römer, „philosophische Gedankenarbeit […] als Mittel zu praktischer Weltorientierung und zum richtigen Handeln“ anzusehen, bewirkte, „das dafür Passende auszuwählen und zu einer Einheit zu verbinden“.3

Störing scheint in seiner Darlegung der Momente des römischen Eklektizismus, weniger zu bewerten, als vielmehr das Phänomen erklären zu wollen. Maurach, bemüht um ein Verständnis der römischen Philosophie und diese auch gerade wegen ihrer reichen Wirkungsgeschichte als Philosophie zu begreifen, verwirft den Eklektizismusbegriff als „inhaltsleer“ und nur auf die Methode zielend. „Diese [scil. die römischen Philosophen] übernahmen ersichtlich so gut wie alle ihre Philosopheme aus dem Griechischen, aber die Rede von ihrer bloßen Eklektik erfaßt nicht das Wesentliche, denn das Wesentliche an der römischen Philosophie sind gleichsam die Gefäße, in welche das Übernommene gegossen wurde. Die jeweils eigene Anwendung und Bewährung, d.h. das Gestalthafte des römischen Philosophierens also muß es sein, die nachwirkte.“4

Der Betrieb der Philosophie war in Rom die Betätigung des gebildeten Römers und dieser Betrieb setzte sich nur langsam durch; sukzessive wurde die Philosophie als Kunst erkannt, mittels derer Problemlagen im öffentlichen wie privaten Leben analysiert und dann begrifflich und argumentativ gefestigt zur Lösung gebracht werden konnten. Cicero einer der bedeutendsten Protagonisten der Rezeption griechischer Philosophie in Rom sah sich in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. in seinen Schriften, in denen er bestrebt war, die ganze griechische Philosophie in lateinischer Sprache und in literarisch anspruchsvoller Form in einen Diskurs zu stellen, genötigt, wiederholt den Betrieb der Philosophie selbst zu verteidigen.5 Ein Jahrhundert später konnte Seneca bei seinen Schriften auf diese Pionierarbeit Ciceros und anderer aufbauen; denn weit reichende fachterminologische Übersetzungsarbeiten - gänzlich war Seneca davon allerdings nicht befreit - waren geleistet und fundamentale Zugänge zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz des philosophischen Betriebes lagen vor, so dass auch von subtilen Einführungen abgesehen werden konnte; zugespitzt formuliert: Seneca konnte in medias res philosophieren.

Lucius Annaeus Seneca (ca. 1 n. Chr. bis April 65 n. Chr.), ein vielgestaltiger Mensch der frühen Prinzipatszeit, widmete sich Zeit seines Lebens der Philosophie. Er verfasste Trostschriften, Dialoge6, natur- und völkerkundliche Werke7, Briefe und Tragödien. In seinen Schriften versucht Seneca „die stoische Lehre, die [er] genau kennt und auch anderen philosophischen Richtungen gegenüberstellen kann, […] in erster Linie [nicht] in systematischer Darstellung und theoretischen Lehrsätzen [auszubreiten], sondern in Form von Beispielen und Ratschlägen“8 der sittlichen Vervollkommnung seiner Leser anzutragen und diesen auf ihrem Wege Anleitung zu geben. Dieser Wesenszug senecanischen Philosophierens tritt mit verschiedener Ponderierung in allen seinen Schriften hervor und wird in unterschiedlich-angepasster Weise ausgeführt.

Seneca, „der erziehende Philosoph“9, fand für seine pädagogische Absicht einen passenden Sprachstil. Er schreibt entgegen dem Stile Ciceros, für den langatmige periodische Satzkonstrukte charakteristisch sind, kurze Sätze, die ihren Inhalt, indem sie nach rhetorischen Gesichtspunkten (Steigerung der Argumente, Reihung sinnverwandter Wörter mit Gewichtung auf den letzten Ausdruck, Variation im Ausdruck eines Gedankenkerns)10 gegliedert sind, auf kluge Weise präsentieren. Dieser Stil mit seinen „kurze[n], durchrhythmisierte[n] Sätzen, formal und inhaltlich pointiert“, darauf weist von Albrecht hin, „beherrschen seit augusteischer Zeit den rhetorischen Schul- und Deklamationsbetrieb“.11 Nicht selten sind Kernaussagen als Sentenzen12 heraustrennbar und bleiben damit vorzüglich im Denken seiner Leser haften. Auch bedient sich Seneca nicht einer abstrakten fachphilosophischen Sprache, sondern expliziert seine Gedanken in fein gewähltem sermo, d. h. hier: in der Umgangssprache des gebildeten Römers. Nach dem Zeugnis des M. Fabius Quintilanus war Seneca ob dieses Stils zu seiner Zeit die primäre Lektüre der Jugend13 ; aus sprachlicher Sicht missfiel Quintilianus dieser Umstand14, aber er spricht Seneca dennoch Talent und entsprechend dessen Absichten Erfolg zu15.

Die prägnante Diktion Senecas, die Quintilianus so sehr missfiel, veranlasst nach der besonderen Verbindung von Absicht, Form und Inhalt zu fragen, so z. B. hebt Sallmann hervor, dass „Senecas direkte, scharfgreifende und zuspitzende Sprache Pädagogik in Dramatik [umsetze]“16, und Erler kontrastiert, dass „die literarische Form von Werken wie den Briefen und Essays Senecas […] in der Tat zu einer Lektüre [auffordert], welche die Werke zum Bestandteil der von ihrem Autor propagierten Lehre werden lässt. […] Formgebung, Funktion und philosophischer Inhalt konvergieren und lassen Philosophie praktisch werden.“17 Senecas literarische Technik ist hierbei als eine Synthese aus diversen Einflüssen zu sehen, die er gut beherrscht und gezielt und maßvoll einsetzt; diesbezüglich sagt Trillitzsch, „bei Seneca fließen verschiedenste Strömungen zusammen: philosophische Schuldidaktik der alten und mittleren Stoa, rhetorische declamatio der frühen Kaiserzeit und paränetischer Stil der kynisch-stoischen Diatribe, verbunden durch bildhafte, dichterische Sprache“.18 Auch von Albrecht sieht Seneca „in allen philosophischen Schriften […]

der Diatribe verpflichtet. […] [Doch] ist mit der Etikettierung >Diatribe< Senecas Kunst nicht ausreichend erklärt.“19 Er fügt in der weiteren Besprechung ähnlich wie Trillitzsch die Rhetorik und die Verwendung einer metaphern-, gleichnis- und bilderreichen Sprache20 hinzu und er sagt dramatisch: „Es ist grotesk, dass man diese meditative Prosa mit ihrem geschliffenen Stil auf eine Stufe mit den marktschreierischen Produkten hellenistischer Straßenphilosophen gestellt hat.“21

Seneca publizierte 64 bis 65 n. Chr. seine Epistulae morales ad Lucilium; es handelt sich bei diesem Werk um eine Sammlung von Briefen22, die an seinen etwas jüngeren Freund Lucilius adressiert sind. In diesen Briefen leitet Seneca, bei einfachen Sachverhalten beginnend und dann immer weiter in der Komplexität der Thementeile voranschreitend, seinen Freund in die stoische Ethiklehre ein. Hierbei verfasst er aber keine systematisch voranschreitende Einführung in die stoische Lehre, sondern es ist das Abholen des Lucilius an dessen eigenen Lebenswirklichkeiten, durch welche die Programmschritte, in denen sich die Unterrichtung entwickeln kann, bestimmt werden. Seneca tritt in den Briefen selten als Lehrer auf, vielmehr macht er sich zum Mitgenossen bzw. fortgeschritteneren Begleiter. In Epistel 8, 3 schreibt er über sich: rectum iter, quod sero cognovi et lassus errando, aliis monstro. Die Lebenswirklichkeiten bestimmen den Progress der Themen. Freundschaft, Alter, Angst, Sterben, Freiheit, Weisheit, Lebensglück und Lebensruhe sind nur einige thematische Begriffe, an denen Seneca zur Entfaltung seiner Morallehre ansetzt. Zu den zwei stoischen Grundfesten, Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια) und Selbstgenügsamkeit (αὐτάκεια), will er hinlenken, denn von diesen geht sie aus die sittliche Vollkommenheit (ἀρετή), deren Erlangen das höchste Ziel darstellt.

Die Epistulae morales, darauf weist Cancik23 hin, sind ein gegliedertes Ganzes, in dem verschiedene Aufbauprinzipien ineinandergreifen und als solche nachgewiesen werden können. Diese kompositionalen Strukturen lassen sich zwischen einzelnen Briefen bzw. Briefgruppen einerseits, sowie zwischen ganzen Büchern andererseits nachweisen.

In dieser bescheidenen Arbeit wird im Folgenden der Brief II, 13 - er ist der erste Brief des zweiten Buches - im Zentrum der Betrachtung stehen. Im ersten Schritt soll die Kompositions- und Argumentationsstruktur herausgearbeitet werden, daran anschließend folgt im zweiten Schritt eine inhaltliche Interpretation. Hierbei wird sich zeigen, dass die wesentliche Intention des Absichtshorizontes des 13. Briefes in seinem ganzen Umfang erst ersichtlich wird durch die Bezugnahme auf weitere Briefe. Die Hinzunahme weiterer Briefe lässt die Interpretation ausschweifen, aber sie findet in einer Präzisierung der Kernaussagen ihren Grund.

[...]


1 Vgl. Horaz (Epist. 2, 1, 156f.).

2 Die Kritiknote, römischer Philosophie ermangele es an Originalität, verkennt die Voraussetzungen dieses Philosophierens.

3 Störing 1993, 200ff

4 Maurach 2006, Seite 6

5 Vgl. z. B. De finibus I, 1-12

6 Es handelt sich nicht um Dialoge im wörtlichen Sinn; der „Dialogpartner“ ist stets nur äußere Form und dient als Ausgangspunkt für Senecas Erörterungen; ein dramatischer Gesprächswechsel, wie z. B. in den Dialogen Ciceros, ist nicht festzustellen.

7 Völkerkundliche Schriften ebenso, wie die Reden, von denen Quintilianus (Ist. ora. 10, 1, 129) spricht, sind nicht erhalten geblieben.

8 Fuhrer (S. 96), in: Erler & Graeser (2000)

9 Maurach (2007, S. 186)

10 Von Albrecht (2009, S. 934)

11 Ebenda (S. 938)

12 Dies äußert schon Quintilianus: „ multae in eo claraeque sententiae [...] “ (Inst. ora. 10,1, 129)

13tum autem solus hic fere in manibus adulescentium fuit. “ (Inst. ora. 10,1, 125)

14[...] sed in eloquendo corrupta pleraque atque eo perniciosissima, quod abundant dulcibus vitiis. “ (Inst. ora. 10,1, 129), „ [...] si rerum pondera minutissmis sententiis non fregisset, consensu potius eruditorum quam puerorum amore comprobaretur. “ (Inst. ora. 10,1, 130)

15cuius et multae alioqui et magnae virtutes fuerunt, ingenium facile et copiosum, plurimum studii, multa rerum cognitio [...] “ (Inst. ora. 10,1, 128), „ digna enim fuit illa natura, quae meliora vellet; quod voluit effecit. “ (Inst. ora. 10,1, 131)

16 Sallmann (S. 379), in: Kytzler (1996)

17 Erler (S. 8), in: Erler & Graeser (2000)

18 Trillitzsch (1962, S. 2)

19 Von Albrecht (2009, S. 934)

20 Ebenda (S. 934f)

21 Ebenda (S. 935)

22 Die Frage, ob es sich um eine wahre Korrespondenz oder um reine Kunstbriefe handle, sei in diesem Aufsatz nicht ausführlicher besprochen. Nur soweit sei bemerkt, dass Maurach (2006, S. 110) direkt von Kunstbriefen spricht, andererseits bemüht sich Grimal (1978, S. 155ff) aus der Korrespondenz einen realen zeitlichen Lebensausdruck Senecas herauszufiltern; dies gelingt ihm, wie der Verfasser meint, sehr gut. Aufgrund des nachweisbaren realen zeitlichen Lebensausdruckes sei die Position einer reinen Künstlichkeit als unmöglich abzuweisen; dies lasse dennoch den Raum für einen literarischen Kunstgriff Senecas (ebenda, S. 315). Der Verfasser schließt sich der Ansicht Grimals an, auch er meint, dass die Lebendigkeit vor allem der am Anfang stehenden Briefe die Möglichkeit zu denken eröffnet, dass die epistulae morales anfänglich eine reelle Korrespondenz gewesen sein können, die sich dann aber als eigenständiges Projekt philosophischer Schriftstellerei weiterentwickelt bzw. zu einer solchen ausgeweitet hat. Vgl. auch Fuhrmann (2005, S. 394): „Die Epistulae ad Lucilium stehen ihrem Wesen und ihrer Bestimmung nach zwischen den reinen Privatbriefen Ciceros und den reinen Kunstbriefen des jüngeren Plinius […].“

23 Vgl. Cancik (1967, besonders S. 4 -7)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Betrachtungen über Epistulae morales II, 13
Hochschule
Universität Potsdam  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Seneca - Epistulae morales
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V337482
ISBN (eBook)
9783668267329
ISBN (Buch)
9783668267336
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrachtungen, epistulae
Arbeit zitieren
André Kühn (Autor), 2012, Betrachtungen über Epistulae morales II, 13, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337482

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