Psychoanalytische Aspekte in "Elektra" von Hugo von Hofmannsthal


Hausarbeit, 2005

18 Seiten, Note: 2 (+)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Wien um 1900: Sigmund Freud und die Psychoanalyse

3.) Wien um 1900: Hugo von Hofmannsthal und die Wiener Moderne

4.) Hofmannsthals „Elektra“ und der Einfluss von Freuds „Studien über Hysterie“

5.) Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Wenn man an das Wien um 1900 denkt, sieht man nicht nur die Kaffeehäuser oder das Wiener Burgtheater vor sich, sondern auch bekannte Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr oder Karl Kraus. Betrachtet man den kulturellen Kontext, in dem Hugo von Hofmannsthal sich zu seiner Zeit bewegte, genauer, so sind neben den gerade aufgeführten Schriftstellerkollegen auch andere bekannte Persönlichkeiten aus anderen kulturellen Bereichen zu nennen, wie z. B. der Komponist Arnold Schönberg, der Maler Gustav Klimt, der Mediziner Karl Landsteiner und vor allem der Neurologe Sigmund Freud, der mit seinen Schriften die Psychoanalyse begründete und dadurch die Psychologie radikal veränderte. Aber auch in vielen anderen Bereichen fanden die Theorien der Psychoanalyse schnell Zugang, neben der Malerei ist es vor allem die Literatur, die schnell auf Freuds innovative Gedanken reagiert. So rezipiert auch Hofmannsthal die weit verbreiteten Publikationen zur Psychoanalyse und setzt diese in einigen seiner Werke um. Noch bevor er 1906 in seinem Stück „Ödipus und die Sphinx“ Aspekte der noch sehr jungen Traumdeutung einfließen lässt, liefert er 1904 mit einer Adaption von Sophokles „Elektra“ „ein herausragendes Beispiel für die unmittelbare Umsetzung psychoanalytischen Wissens in der Literatur“. (Kanz, 2001, 362)

Doch auf welche Weise lässt Hofmannsthal die Psychoanalyse in seine „Elektra“ einfließen? Welche Zusammenhänge existieren zwischen den Schriften Freuds und denen der anderen Psychoanalytiker in Bezug auf Hofmannsthals „Elektra“? Und welche Veränderungen ergeben sich somit zu der Darstellung der „Elektra“ von Sophokles? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Nachdem zuerst näher auf den kulturellen Kontext eingegangen werden soll, wobei im Fokus der Betrachtungen die Psychoanalyse steht, wird dann der Text selbst zum Untersuchungsgegenstand. Exemplarisch sollen die Bezüge zur Psychoanalyse herausgearbeitet und verdeutlicht werden.

2.) Wien um 1900: Sigmund Freud und die Psychoanalyse

Das Wien um die Jahrhundertwende ist gekennzeichnet von vielen Gegensätzen und einer pluralistischen Vielfalt in allen kulturellen Bereichen. Nicht zuletzt resultiert diese Mannigfaltigkeit aus der Historie der Stadt. Die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, die aus allen Gebieten des Österreichischen Reiches zusammenkamen und in der Hauptstadt aufeinander trafen, brachten eine liberale, pluralistische Gesellschaftsordnung unweigerlich mit sich. Wahrscheinlich waren nur so die verschiedensten Weltanschauungen in diesem ,Schmelztiegel’ der Kulturen handhabbar. Auf dieser Basis konnten sich Innovationen in allen kulturellen Bereichen entwickeln. Betrachtet man allein die Literatur, so existierten erstmals viele unterschiedliche literarische Strömungen nebeneinander, wie z. B. der Naturalismus, der Impressionismus, der Jugendstil sowie der Symbolismus und Ästhetizismus.

Aber auch im wissenschaftlichen Sektor kam es zu den unterschiedlichsten Orientierungen und Ausdifferenzierungen. Aufgrund dessen konnte sich Sigmund Freud mit seinen unkonventionellen Theorien nach und nach einen Namen machen. Er wurde in kurzer Zeit vom unbekannten Neurologen zu einem, wenn nicht sogar dem einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Auch Freud war als Kind seiner Zeit vom Wien der Jahrhundertwende beeinflusst (vgl. Stein, 1996, 113 f.). Politisch konservativ, ansonsten aber sehr liberal eingestellt, wurde er wissenschaftlich vom Positivismus wie auch vom Materialismus geprägt. Dem Naturalismus wiederum entnahm er sein Menschenbild - der Mensch als schwer zu domestizierende ,Bestie’ (vgl. Rattner, 1995, 25).

Der 1856 geborene Sigmund Freud entstammt einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die 1860 von Freiberg in Tschechien nach Wien umsiedelt. Nach seiner Schulausbildung entscheidet sich Freud für ein Studium der Medizin, auf das im Anschluss einige Assistenzjahre in Abteilungen für Physiologie und Neurologie folgten. Da seine finanziellen Mittel nicht ausreichen, kann er seinem Interesse an der Wissenschaft vorerst nicht weiter nachgehen und wird zunächst praktischer Arzt der Neurologie. Während eines Parisaufenthaltes 1885 macht er Bekanntschaft mit Jean-Martin Charcot, der ihm die aktuellen Ergebnisse aus der Hysterieforschung offen legt (vgl. Rattner, 1995, 5).

Nachdem Freud nach Wien zurückgekehrt war, begann er zusammen mit seinem väterlichen Freund Josef Breuer sich der Erforschung der Hysterie anzunehmen. Erste Erfolge erzielten sie, nachdem Breuer entdeckt hatte, dass die Symptome der Hysterie nachlassen oder sogar ganz verschwanden, wenn die Patienten unter Hypnose oder durch Suggestionen begannen, Geschehnisse aus ihrem Leben zu berichten. Zusammen entwickelten sie daraus die ,kathartische Methode’, die analog zu Aristoteles Katharsis in der Tragödie bei den Patienten eine ,seelische Reinigung’ herbeiführen sollte. Später löst die freie Assoziation den Vorgang der Hypnose und der Suggestion ab (vgl. Kiceluk, 1996, 100).

Die einzelnen Untersuchungen an verschiedenen Patientinnen, wie z. B. der ,Anna O.’ oder des ,Fräulein Elisabeths von R.’, veröffentlichten Breuer und Freud 1895 unter dem Titel „Studien über Hysterie“. Das eigentlich Innovative dieser Abhandlung war die Verknüpfung der Lebensgeschichte der Patienten und ihrer Symptome. Freud sah einen direkten Zusammenhang zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Alles, was sich dem Bewussten entzieht und worüber die Patienten nicht berichten konnten, lag im Unbewussten und hatte sich den Patienten körperlich eingeschrieben. Freud und Breuer erkannten, „daß die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab.“ (Freud, 1952, 85)

Durch diese Erkenntnis änderte sich mit der Zeit auch das Ansehen der Patienten in der Öffentlichkeit. Wurde zuvor angenommen krankhaft neurotisch oder hysterisch veranlagte Menschen hätten sich im übertragenden Sinne in Tiere verwandelt, entwickelte sich durch die wissenschaftlichen Abhandlungen von Charcot, Breuer und Freud ein Bild vom zweigespalteten Patienten, dessen pathologischer Zustand den Normalzustand überschattet (vgl. Kiceluk, 1996, 106).

Aufgrund der Erforschung der Hysterie begann Freud sich auch mit den Träumen seiner Patienten zu beschäftigen. Im Jahr 1900 publizierte er eines seiner bekanntesten Werke „Die Traumdeutung“. Es folgten „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ (1904) und die ebenfalls zu seinen bekanntesten Werken zählende „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905). Allein durch diese Schriften erlangt Freud in kurzer Zeit Weltruhm. Beäugte ihn 1900 die Fachwelt noch kritisch und tat ihn als skurril und phantastisch ab, umgaben Freud schon zwei Jahre später anerkannte Wissenschaftler seines Metiers. Die Mittwochsgesellschaft wurde gegründet und auch Wissenschaftler außerhalb Wiens stießen hinzu, wie z. B. C.G. Jung. 1909 wurde Freud in die USA eingeladen, wo er durch verschiedene Vorträge seine Lehren auch in Amerika populär machte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Siegeszug der Psychoanalyse nicht mehr aufzuhalten (vgl. Rattner, 1995, 12 f.).

Auch wenn heute rückblickend viele Theorien Freuds in Frage gestellt werden müssen oder schlichtweg nicht mehr haltbar sind, hat er dafür gesorgt, dass „die Psychoanalyse alle unsere Vorstellungen vom Menschen tiefgreifend beeinflußte und im Denken der Gegenwart sozusagen überall ihre Auswirkungen hat. Medizin, Psychologie, Seelen-Heilkunde, Erziehung, Kunstwissenschaft, Geschichtsschreibung, Philosophie, Religionswissenschaft, Politik, Dichtung, Soziologie, Sprachforschung usw. wurden überaus fruchtbar angeregt und gefördert; bis in das Alltagsleben hinein zeigen sich Spuren der geistigen Revolution, die mit dem Namen Sigmund Freud verknüpft ist.“ (Rattner, 1995, 25)

3.) Wien um 1900: Hugo von Hofmannsthal und die Wiener Moderne

Im Bereich der Dichtung ist Hugo von Hofmannsthal einer der ersten, der Aspekte der aufkommenden Psychoanalyse in sein Werk einfließen lässt.

Sein erstes veröffentlichtes Gedicht „Frage“, unter dem Pseudonym Melikow abgedruckt, erscheint 1887. Damals war Hofmannsthal gerade einmal sechzehn Jahre alt. Das Wien um die Jahrhundertwende wirkt wie bei Freud auch auf Hofmannsthals Schaffen ein. Früh wird er in die Kaffeehauskultur eingeführt. Hier lernt er bedeutende Schriftsteller kennen wie Hermann Bahr oder Arthur Schnitzler. Durch Dekadenz, Jugendkult und Endzeitstimmung, die das Lebensgefühl der jungen Generation damals kennzeichneten, entdeckt Hofmannsthal die Wiener Moderne für sich (vgl. Mayer, 1993, 3). Stefan George, dem Hofmannsthal 1891 zum ersten Mal begegnet, wird sein Mentor. Er erhält durch ihn Einblicke in den französischen Symbolismus und es entstehen zahlreiche Gedichte, z. B. „Welt und ich“ oder „Weltgeheimnis“. Auch die bekannten lyrischen Dramen wie „Der Tor und der Tod“, „Gestern“ oder „Der Kaiser und die Hexe“ werden noch vor 1900 von Hofmannsthal verfasst und sind somit dem von George beeinflussten Frühwerk zuzurechnen. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts arbeitet Hofmannsthal an der Tragödie „Pompilia oder das Leben“, die nie vollendet wird. Um seine dramatische Technik zu verbessern liest er Shakespeares „Richard III.“ und Sophokles „Elektra“ (vgl. Worbs, 1983, 274). Der Stoff inspiriert ihn zu einer Umgestaltung der „Elektra“, die er in dem knappen Zeitraum von August bis September 1903 anfertigt. Am 30. Oktober 1903 hat die Tragödie ihre Premiere in Berlin und Hofmannsthal feiert seinen ersten großen Theatererfolg. Das Stück wird danach auf 22 Bühnen aufgeführt und von dem Druck verkaufen sich in kurzer Zeit drei komplette Auflagen (vgl. Thomasberger, 2003, 76). Inhaltlich entsteht ein großer Bruch zu Hofmannsthals früheren Werken, wobei die Orientierung an Ästhetizistischem und Symbolistischem weiter anhält. Der lyrische und gebrochene Ton, der in den Gedichten und lyrischen Dramen vorherrschte, weicht einem direkten, geradezu brutalen Tonfall. So wird „Elektra“ auch als Bindeglied zwischen Hofmannsthals Früh- und Spätwerk gesehen, dem Wechsel zwischen Lyrik und Drama (vgl. Worbs, 1983, 273).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Psychoanalytische Aspekte in "Elektra" von Hugo von Hofmannsthal
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hugo von Hofmannsthal im kulturellen Kontext
Note
2 (+)
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V33749
ISBN (eBook)
9783638341493
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalytische, Aspekte, Elektra, Hugo, Hofmannsthal, Kontext
Arbeit zitieren
Oliver Bock (Autor), 2005, Psychoanalytische Aspekte in "Elektra" von Hugo von Hofmannsthal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33749

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