Der Landkrieg 1914-1918. Eine Synopsis


Fachbuch, 2016
64 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Krieg im Westen
1.1 Politische Aktionen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges
1.2 Militärische Stärke der kriegsbeteiligten europäischen Staaten
1.3 Waffensyteme der am Krieg teilnehmenden Staaten
1.4 Kriegsbeginn und Strategien
1.5 Westfront 1914-1918
1.5.1 Die Schlacht an der Marne
1.5.2 Wettlauf zum Meer
1.5.3 Die Flandernschlachten
1.5.4 Die Schlacht um Verdun
1.5.5 Die Schlacht an der Somme
1.5.6 Weitere Alliierte Angriffsoperationen (Nivelle-Offensive u.a.)
1.5.7 Die deutsche Märzoffensive 1918
1.5.8 Die alliierte Sommeroffensive 1918
1.5.9 Deutsche Kapitulation im November 1918

2 Der Krieg im Osten 1914-1918
2.1 Der Kampf um Ostpreußen - Tannenberg August, Masurische Seenplatte Sep- tember 1914
2.2 Die Winterschlacht in den Masuren (07. - 21. Februar 1915)
2.3 Kämpfe in Galizien (Frühjahr 1915)
2.4 Die Offensive in Serbien (Herbst 1915)
2.5 Die Brussilow-Offensiven (Juni 1916 und Juli 1917)
2.6 Bolschewistische Revolution (November 1917 bis März 1918)
2.7 Der Friede von Brest-Litowsk am 3. März 1918

3 Der Krieg gegen Italien
3.1 Alpenfront
3.2 Isonzo- und Piavefront

4 Gallipoli

5 Pläne der verschiedenen Schlachten (Kapitel 1-2)

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Publikation beschreibt in Kurzfassung den Landkriegsverlauf an den vier Schwerpunkten West-, Ost- und Südeuropa sowie auf der Halbinsel Gallipoli. Während umfangreiche Veröffent- lichungen aus Anlass der 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns im Jahre 2014 die politischen und militärischen Ereignisse eingehend darstellen und würdigen (Münkler 2013; Clark 2013; Keegan 2001; Stevenson 2006), soll unsere Darstellung einen Überblick der Abläufe bieten und damit historisch bzw. politisch Interessierten einen leichteren Zugang zu den Ereignissen ermöglichen. Die von Herrn Prochazka erstellten Karten unterstützen den weniger mit militärhistorischen Zu- sammenhängen Vertrauten beim Studium der kriegerischen Ereignisse. Herr Ray hat Text und Kartenmaterial in eine übersichtliche Form zusammengefasst, die auch das Erarbeiten einzelner Teile erleichtert.

Es war unsere Absicht mit der synoptischen Darstellung die kriegerischen Ereignisse, die so weitgehende politische und gesellschaftliche Veränderungen für unser Volk mit sich brachten, einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen.

Stuttgart im Juli 2016

Karl-Horst Bichler Heinz Prochazka Andreas Ray

Für die Verfasser:

Prof. Em. Dr. K.-H. Bichler Osker-Schlemmer-Straße 5 70191 Stuttgart

khbichler@web.de

1 Der Krieg im Westen

1.1 Politische Aktionen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges

Die Politik Frankreichs war nach 1871 gekennzeichnet von dem Willen der Zurückgewinnung von Elsass-Lothringen und zwar friedlich oder durch Krieg. Frankreich suchte Verbündete, um dieses Ziel zu erreichen und vor allem Bündnisse mit Russland und England (1880-1913). Darüberhinaus unternahm die französische Republik enorme Rüstungsanstrengungen, um sich auf ihre militärpolitischen Ziele vorzubereiten.

Das Hauptziel der Bündnispartner war eine Schwächung des starken neuen Deutschen Reiches, was zu einer Störung der europäischen Machtverhältnisse geführt hatte. Ziel war die Zerstörung des Bismarckreiches. Die deutsche Bündnispolitik, insbesondere unter Führung Bismarcks nach 1870/71 war geprägt von einerÖffnung nach allen Seiten.

Deutschland war auch bemüht, in dieser Phase eine Allianz mit anderen Mächten herzustellen, so entstand ein Dreibund aus Deutschland, Österreich, Ungarn und Italien (1882). In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und seit der Jahrhundertwende zeigte sich eine zunehmende Allianzverflechtung und Blockbildung. Insbesondere die deutsche Flottenrüstung führte zu einer beginnenden Konfrontation mit England (1897).

Die Entwicklung zum Großen Krieg ist gekennzeichnet von der Herausbildung zweier Macht- bzw. Staatenblöcke. Auf deutscher Seite der Dreibund mit Österreich/UngarnundItalien (”Mittelmächte“).DiewestlicheneuropäischenStaatenunterderFührungvonFrankreichhat- ten sich zur Entente zusammengeschlossen, Frankreich, Russland und England.

Die Blockbildung geschah insbesondere unter den Befürchtungen der Staaten an Einfluss und Ansehen zu verlieren und schlimmstenfalls einer Gefährdung der Existenz. Die Zusammenschlüsse dienten in erster Linie dem Machterhalt, es ging nicht um Menschenrechte oder um bestimmte Gesellschaftssysteme. Kriegerische Auseinandersetzungen wurden aber als legitimes Mittel zur Durchsetzung der jeweiligen Ziele angesehen.

Die Ziele der europäischen Mächte waren:

Frankreich hatte territoriale Absichten und zwar die Rückgewinnung Elsass/Lothringens nach der Niederlage 1870/71. Es fürchtete fernerhin die deutsche Rüstungsüberlegenheit und hatte sich deshalb sehr frühzeitig um ein Bündnis mit Russland bemüht.

Auch England beobachtete eine Zunahme der Macht des deutschen Kaiserreiches, insbesondere was die deutsche Flottenpolitik betraf. Russlands Ziele waren das Bündnis mit Frankreich, um seinen Einfluss in Europa zu sichern und darüber hinaus zu verhindern, dass England die En- tente verlässt.

Deutschland hatte die französischen Absichten erkannt, in erster Linie bestanden aber Be- fürchtungen gegenüber einem aggressiven Russland. Italien schwankte im Dreierbund. Geheim- verhandlungen zielten darauf ab, im Falle eines Wechsels zur Entente Anspruch auf Südtirol zu erheben.

1.2 Militärische Stärke der kriegsbeteiligten europäischen Staaten

In Tabelle 1.1 sind die Heeresgröße und die prozentualen Militärausgaben am Bruttosozialprodukt (BSP) des Deutschen Reiches, Österreich/Ungarns und der Entente dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.1: Kriterien für die Bewertung der militärischen Stärke: Heeresgröße, Militärausgaben am Bruttosozialprodukt (BSP) (Münkler 2013)

1.3 Waffensyteme der am Krieg teilnehmenden Staaten

Von den Kriegsgegnern wurden im Wesentlichen folgende Waffen mit zum Teil unterschiedlicher Technik verwendet.

- Infanteriewaffen
- Karabiner (4-10-schüssig) (Beispiel Lee-Enfield MK1) (Abb. 1.1 a)
- Maschinengewehre (System Maxim): Zum Beispiel das österreichische Schwarzlose MG vom Kaliber 8 mm. Die Maschinengewehre waren neben den Karabinern die wichtigsten Infanteriewaffen (Abb. 1.1 b) (Keegan 1991)
- Handgranaten (Abb. 1.1 c)
- Flammenwerfer

- Artillerie
- Leicht (75 mm) (Abb. 1.2)
- Schwer (bis 40 cm) (Abb. 3.3)
- Gasgranaten (Chlorgas, Senfgas u.a.)

- Panzer: z. B. englische Mark (Abb. 1.3)

- Flugzeuge
- Aufklärungsflugzeuge
- Jagdflugzeuge
- Bomber
- Zeppeline

1.4 Kriegsbeginn und Strategien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1: Infanteriewaffen

a) Gewehr Lee-Enfield MK (10-schüssig). Kal. 7,7mm (Standardwaffe der eng- lischen Infanterie im Ersten Weltkrieg)
b) Schwarzlose MG. Das wassergekühlte MG, Kal. 8mm, gehörte zur Stan- dardbewaffnung der Infanterie
c) Stielhandgranate mit Brennzünder (annähernd 5-7 Sekunden)

1.4 Kriegsbeginn und Strategien

Kriegsauslösend war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo (28. Juni 1914), als Ausdruck der kritischen Situation auf dem Balkan, insbesondere in Serbien. Die deutschen Armeen drangen am 04.08.1914 in Belgien ein, um in einer weiten Bogenbewegung gegen Paris vorzugehen.

Entsprechend dem französisch-russischen Beistandspakt marschierten am 26.08.14 Armeen des russischen Zaren in Ostpreußen ein. Der große Krieg hatte begonnen.

Die deutsche Strategie bei dem drohenden Zweifrontenkrieg war folgende: Zunächst Einmarsch in Frankreich über Belgien mit Richtung auf Paris. Geplant war diese Zangenbewegung innerhalb 6 Wochen zu bewerkstelligen. Dabei sollte die französische Armee umfasst werden und gegen die deutsche Landesgrenze gedrängt bzw. letztlich vernichtet werden. Danach wollte die deutsche Heeresführung mit überlegenen Truppen auf den Ostkriegsschauplatz marschieren (Kriegserklärung gegen Russland).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.2: Deutscher 7,6m-Minenwerfer

Die französische Kriegsstrategie sah einen Vorstoß über Lothringen und das nördliche Elsass bis zum Rhein vor.

England trat nach dem deutschen Einmarsch in das neutrale Belgien in den Krieg ein (4. August 1914).

Russland sollte aufgrund des französisch-russischen Beistands mit seiner frühen Mobilmachung und dem Angriff auf Ostpreußen die deutsche Heeresleitung zum Abzug größerer Einheiten von der Westfront nach Osten zwingen, zur Entlastung des westlichen Kriegsschauplatzes für die Entente.

Dazu drangen am 26.08.14 zwei russische Angriffsarmeen gegen Ostpreußen vor und zwar die erste Armee unter General Rennenkampf (250.000 Mann) und die zweite mit 200.000 Soldaten unter General Samsonow (s. Kapitel Der Krieg im Osten).

Diesen starken russischen Kräften standen nur sehr schwache deutsche Truppeneinheiten (8. Armee) gegenüber.

1.5 Westfront 1914-1918

In der Zeit vom 04.-25.08.1914 brachen die deutschen Truppen entsprechend dem Schlieffenplan in Belgien ein, um in einem großen Bogen gegen Paris vorzurücken (Abb. 5.1). Den deutschen Armeen trat ein überraschend heftiger Widerstand der belgischen Armee entge- gen. So leistete die Festung Lüttich auch unter schwerstem deutschem Artilleriebeschuss (Kaliber 42 cm) heftigen Widerstand. Dieser belgische Abwehrkampf verzögerte den deutschen Angriff mit dem geplanten bogenförmigen Vormarsch gegen Paris.

Ein englisches Expeditionskorps (BEF British Expeditionary Force) kam zur Unterstützung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.3: Englischer Panerzkampfwagen MARK IV

In der gleichen Zeit erfolgten die französischen Angriffe über die Ostgrenze hinaus mit dem Ziel der Rückgewinnung von Elsass/Lothringen.

1.5.1 Die Schlacht an der Marne

Anfang September erreichten die deutschen Truppen die Marne. Die Einheiten des rechten Deut- schen Flügels passierten Paris nicht wie vorgesehen westlich, sondern östlich (Abb. 5.2). Mit rasch mobilisierten Truppen griffen die Franzosen den rechten Flügel der 1. deutschen Armee (General Klucks) an, den diese abwehren konnte (Abb. 5.3). Es war aber notwendig, die rechte Seite mit drei deutschen Corps zu verstärken. Dadurch schwenkte die 1. Armee weiter nach rechts, sodass eine Lücke (ca. 40 km) zwischen ihr und der 2. entstand. In diesen Raum stießen die Engländer (BEF) vor (Abb. 5.3, 5.4).

Die mangelhafte Bewältigung der Situation an der rechten Seite mit dem Entstehen einer Lücke zwischen der 1. und 2. Armee bzw. dem daraufhin erfolgten Rückzugsbefehl der deutschen Heeresleitung brachte den deutschen Vormarsch ins Stocken.

Wegen der Gefahr der Einkreisung der beiden deutschen Flügelarmeen hatte der Befehlshaber General Moltke jun. den Befehl zum Rückzug erteilt.

General Moltke jun. hatte sich selbst vom Zustand der Truppe an der Marne überzeugt und war zur Erkenntnis gelangt, dass sie erschöpft, schlecht versorgt und verbindungslos kämpft. Behin- derungen des deutschen Vormarsches waren die langen Versorgungswege und der überraschend hartnäckige Widerstand der belgischen Armee. Durch die Situation am rechten deutschen Flügel war die 1. Armee in Gefahr geraten, in den Flanken angegriffen und eingeschlossen zu werden.

Moltke befahl:

”Angriffeeinstellenund50KilometerrückwärtsanderAisneStellungzube- ziehen.“ (Moltke2009). Der deutsche Befehlshaber erkrankte in dieser Phase der Schlacht und wurde durch General Falkenhayn ersetzt.

Die französische und englische Seite führte einen erbitterten Abwehrkampf mit entsprechenden Gegenangriffen. An der Schlacht nahmen drei französische Armeen mit ca. einer Million Soldaten unter General Joffre und125.000englische Soldaten unter General French teil.

Auf deutscher Seite waren vier Armeen mit ca. 940.000 Mann unter dem Feldmarschall Moltke, später Falkenhayn in die Schlacht verwickelt.

Die Rücknahme der deutschen Truppen verhinderte die geplante Umfassung der französischen Armee entsprechend dem Schlieffenplan (Abb. 5.1). Der schnelle deutsche Sieg zur Einkreisung der französischen Armee war damit gescheitert. Die Schlacht an der Marne im September 1914 offenbarte den Fehlschlag der deutschen Offensive. Die Kämpfe spielten sich jetzt zwischen Paris und Verdun nördlich und südlich der Marne ab. Das deutsche Ziel war gewesen, einen Durchbruch in den Rücken der französischen Ostarmee zu erzwingen und die Franzosen gegen die Landesgrenze zu drängen.

”KeinPlanüberlebtdieersteFeindberührung“(Clausewitz 1980; Moltke 2009 ;Bichlerund Shen 2009)

Die Franzosen sprachen vom

”WunderanderMarne“.SiemobilisiertenneueTruppenundgriffen

an. Als sie an die neuen deutschen Stelllungen kamen, wurden sie durch eine ununterbrochene Linie von Schützengräben gestoppt, die südlich bis an die Grenze zur neutralen Schweiz gezogen waren. Reims wurde von Franzosen am12.09.1914zurückerobert. Der Bewegungskrieg wurde jetzt zum Stellungskrieg. Die Deutschen schlossen die Lücke zwischen der1. und2. Armee durch andere Einheiten, die bei der Belagerung von Maubeuge freigeworden waren mit Truppenteilen der6. und7. Armee. Sie bildeten die neue7. Armee.

Die Franzosen stellten an ihrem linken Flügel ebenfalls eine neue2. Armee auf. Sie bestand aus Corps der6. sowie aus Corps ihrer1. und2. Armee, die in Lothringen herausgezogen wurden. Joffre wollte damit die Stellung der Deutschen an der Aisne umgehen.

1.5.2 Wettlauf zum Meer

Es hatte sich jetzt nach der Marne-Schlacht zwischen dem deutschen rechten Flügel bzw. dem französischen linken und dem Meer eine gewaltige Lücke und zwar von der Aisne bis zur Nordsee aufgetan, die beide Seiten zu nutzen versuchten. Das Ziel war den Gegner zu überflügeln und von der Seite her aufzurollen. Zur Bewältigung dieser Situation kam es zum beiderseitigen vordringen auf dieses Terrain.

Beide Befehlshaber, Falkenhayn und Joffre hatten erkannt, dass der freie Raum zwischen der Aisne und der Nordsee die Möglichkeit einer Umfassung bot. Der Weg dazu wird als zum Meer“ beschrieben. ”Wettlauf

In den etwa200km breiten Streifen drangen beide Seiten ein, um eine Umfassung des Gegners zu erreichen. Dieses Gebiet erstreckte sich vom Fluss Oise bis zur flandrischen Nordseeküste (Abb.5.5). Die französische Armee unter General Joffre begann von Amiens aus am22.09.1914den Marsch nach Norden. Ihnen trat die6. deutsche Armee unter dem bayerischen Kronprinzen in harten Abwehrkämpfen entgegen.

Die Franzosen hatten eine neue10. Armee aufgestellt. Sie bestand aus der6. Armee und aus dem X. und XVI. Corps. Sie marschierten nördlich der Somme auf (bei St. Quentin). Gerade noch rechtzeitig, denn sie waren die einzigen französischen Truppen, außer einigen Territorialeinheiten und Kavallerieverbänden in dieser Gegend. Sie wurden von deutschen Truppen aufgehalten, die aus der6. Armee, dem IV. Corps, dem Gardecorps, dem Bayr. Resevercorps und starker Kaval- lerie zusammen die neue6. Armee bildete. Sie kamen durch Transportschwierigkeiten verzögert an, wodurch sich ein starker Angriff auf die Franzosen verspätete.

Am 15.10.1914 kam es zu ersten schweren Gefechten um die Lorettohöhe bei Lens und Arras, die dann von Mai bis Juni 1915 mit großer Heftigkeit wieder aufgenommen wurden ( ”Loret- toschlacht“)1. Noch stand die belgische Armee mit ihrer Festung Antwerpen und bedrohte die Deutschen im Rücken. König Albert hoffte vergebens auf Verstärkung durch die Briten, um die Deutschen angreifen zu können (Abb. 5.5).

Mit dem Bay. Reservecorps und starker Artillerie wurde das belgische Heer angegriffen. Die Fes- tung Antwerpen fiel am 10.10.1914. Der Festungskommandant übergab einem deutschen Offizier seinen Degen.

Ein Großteil der belgischen Besatzung entkam in Richtung Küste. Den deutschen Truppen war damit der Weg nach Flandern offen (Abb. 5.5).

Eine Lücke in der Westfront bestand in Belgisch-Flandern, eine öde Landschaft mit hohem Grundwasserspiegel und durchweichtem Boden, die für die Infanterietaktik nicht geeignet war. Dort liegt die von alten Mauern umgebene Stadt Ypern, nördlich davon Langemarck (Abb. 5.5). Hier kamen die auf fünf Corps angewachsene BEF an um die Verteidigungsstärke der Westmächte zu erhöhen. Nördlich davon stand das belgische Heer, das auf 60.000 Mann zusammengeschrumpft war. Trotzdem gelang es ihnen, einen 15km langen Streifen Terrain zu verteidigen (Abb. 5.5).

1.5.3 Die Flandernschlachten

Im Oktober/November 1914 entwickelten sich die ersten Schlachten in Flandern und zwar in Nordostfrankreich und Belgien.

Die Kämpfe dieser ersten Flandernschlacht zogen sich von La Basseé bis zur Ysermündung hin und fanden zwischen Oktober und November 1914 statt (Abb. 5.5, 5.6). Falkenhayn verfügte über die neue 6. Armee und sechs Divisionen, die neu aufgestellt waren. Sie bestanden aus Kriegsfreiwilligen. Deutschland hatte 5 Millionen ungedienter Männer zwischen 20 und 45 Jahren als Reserve, darunter viele Studenten.

Deutsche Sturmangriffe wurden von Reservecorps in der flandrischen Tiefebene geführt. Am 10. November 1914 traten deutsche Truppen, die sich im Wesentlichen aus Kriegsfreiwilligen (Gymnasiasten und Studenten) zusammensetzten, bei Langemarck zum Angriff an (Abb. 5.7a). Sie erlitten furchtbare Verluste (2.000 Tote). Es entstand hier der ”MythosvonLangemarck“.

Das britische Expeditionskorps und französische Einheiten wehrten die deutschen Angriffe unter beiderseitigen schweren Verlusten ab.

Die hohen deutschen Verluste entstanden in den Reihen der ungenügend ausgebildeten jungen Soldaten durch das effiziente Gewehrfeuer (15Schuss pro Minute), der kriegserfahrenen britischen Einheiten. Bei Ypern fielen mindestens41.000deutsche Kriegsfreiwillige. Die Schlacht endete nach Berichten der Historiker am22. November1914. Die britischen Überlebenden, weniger als die Hälfte der160.000Männer der BEF, gruben sich ein. Sie hatten nur wenige Kilometer Boden gewonnen.

”AusdeutscherSichtlassensichdieEreignisseimHerbst 1914 indreiEtappengliedern:Die Offensive im Raum Saint-Quentin, die Eroberung der Festung Antwerpen und die Schlacht am Yserkanal und bei Ypern (bzw. Langemarck)“ (Münkler 2013)

Im April bis Mai des darauffolgenden Jahres 1915 wurden deutsche Großangriffe gegen den Frontbogen von Ypern durch die 4. deutsche Armee geführt. Zur Vorbereitung der deutschen Angriffe erfolgte zunächst ein intensiver Artilleriebeschuss sowie das gezielte Ausströmen von Chlorgas aus Flaschen (Grant 2006). Dabei nutzen die Deutschen die Windrichtung aus, um das Reizgas auf die Linien der Alliierten zu leiten. Der Frontbogen bei Ypern konnte trotz al- ler Anstrengung nicht eingedrückt werden (2. Flandernschlacht) (Abb.5. 7b). Auch bei La Bassée und Arras entbrannte der Kampf um die Lorettohöhe erneut (Abb. 5.5). Im September 1915 erfolgten französisch-englische Gegenangriffe in Flandern, ebenfalls unter Anwendung von Chlorgas. Der alliierte Angriff zerbrach an forciertem deutschem Maschinengewehrfeuer. Die von beiden Seiten verwandten Kampfgase waren Chlorgas, Senfgas und Phosgen. Diese Gase führten zur Augen- und Lungenschäden.

Erst im Juni/November des Jahres 1917 flammten die Kämpfe in Flandern wieder auf (3. Flandernschlacht) (Abb.5. 12, 5 . 13 ).

Im Dezember 1915 hatte das alliierte Oberkommando drei gleichzeitig verlaufende Offensiven für das Jahr 1916 beschlossen und zwar auf dem westlichen, östlichen und italienischen Kriegsschauplätzen.

Im Westen war eine gemeinsame französisch-englische Aktion vorgesehen. Als Angriffsareal war der englisch-französische Frontabschnitt an der Somme bestimmt.

Die Engländer beabsichtigten eigentlich einen eigenen Angriff in Flandern zu führen.

1.5.4 Die Schlacht um Verdun

Die alliierten Pläne wurden aber durch den deutschen Angriff auf die französische Festungsstellung Verdun am 21. Februar 1916 zunichte gemacht (Abb. 5.8). Die in Lothringen gelegene Festung Verdun war Teil des französischen Festungsgürtels, der bis zur Schweizer Grenze reichte. Die Ausdehnung der Festungsanlage Verdun betrug ca. 15 km. Die deutschen Angriffe erfolgten von Februar bis Juni 1916 bzw. bis September. Von deutscher Seite waren die Kämpfe als ”Zermürbungskrieg“geplant.Kommandeurderdeut- schen Angriffstruppen war General von Falkenhayn. Eingeleitet wurden die deutschen Angriffe von einem Trommelfeuer aus mehr als 1. 000 Geschützen. Das Kampfziel war einen Durchbruch durch die französische Verteidigungslinie zu erzielen. Es gelang den Deutschen die Forts Douaumont und Vaux (Vorwerke von Verdun) einzunehmen. Insgesamt erreichten sie bis Juni 1916 einen Geländegewinn in einer Tiefe von etwa 8km.

Die Franzosen leisteten heftigen Widerstand, in erster Linie durch Einsatz von Artillerie (annähernd 2.000 französische Geschütze kamen zum Einsatz), aber auch umfangreiche französische Infanteriekräfte waren an der Verteidigung der Festungslinie beteiligt.

General Petain war der Organisator des französischen Widerstandes. Ihm war insbesondere ein

1.5 Westfront 1914-1918

funktionierender Nachschub an Soldaten und Munition bzw. Proviant zu verdanken. Hunder- te von LKWs meisterten die schwierige Nachschubfrage über nur eine zur Verfügung stehende Straße (

”VoieSacrée“)(Abb.5.8).GeneralPetainmotiviertediefranzösischenSoldatenzum erbitterten Widerstand, er appellierte an die Ehre und Vaterland. Seine Parole war: nicht durchkommen“.

”Siewerden

Der Kampf um Verdun wurde zum Inbegriff der Materialschlachten des ersten Weltkrieges: Unter Einsatz von Artillerie, Maschinengewehren und einem enorm verlustreichen Infanteriekampf. Die amtlichen Verluste im Kampf um Verdun beliefen sich bei den Franzosen auf etwa380.000Soldaten, bei den Deutschen etwa340.000. Insgesamt hat die Schlacht von Verdun, wenn man die nachfolgenden Kämpfe bis1918miteinbezieht nach zuverlässigen Schätzungen etwa420.000Tote und etwa800.000Verwundete gekostet. Dies dürfte auch der Grund sein, dass Verdun zum Sinnbild moderner Vernichtungskriege wurde (Krumreich2001).

Viele deutsche und Alliierte Familien verloren in den Kämpfen des großen Krieges im Westen insbeson- dere um Verdun und an der Somme Väter, Brüder und Onkel (zwei Onkel des Autors wurden getötet oder schwer verwundet; Der eine fiel als Oberleutnant der Infanterie vor Verdun, der andere erhielt als Hauptmann der Infanterie bei St. Mihel einen Kopfschuss, den er dank meisterlicher Kriegschirurgen unbeschadet überstand).

Münkler stellt die Frage:

”Warumausgerechnethier[...]“dieDeutschendieSchlachtsuchten, an einem Ort, der sich zum Durchbruch in die Tiefe nicht eignete und folgert, dass Falken- hayn mit dem Angriff auf Verdun die französische Armee ”ermatten“wollte,umeinAusscheren Frankreichs aus der Entente zu erreichen. Für Frankreich unter Petain war andererseits Verdun ein von der Geschichte her geprägter Ort, der aus Prestigegründen zu halten war (Dreiteilung des Karolingischen Reiches im9. Jahrhundert) (Münkler2016).

Um die schwierige Situation der französischen Armee bei Verdun zu erleichtern, entschloss man sich auf Seiten der Alliierten bereits im Juni1916zum gemeinsamen englisch-französischen Angriff an der Somme. Obwohl die englische Armee Bedenken wegen des zu frühen Angriffs hegte. Zu viele ungenügend kampferprobte Soldaten befanden sich in englischen Einheiten (bis zu60%). Eine Situation, die den englischen Kommandeur General Haig nur sehr zögerlich dem französischen Drängen folgen ließ.

1.5.5 Die Schlacht an der Somme

Vom 01. Juli 1916 bis 18. November 1916 fand zwischen Albert, Péronne und Bapaume (Ost- frankreich) eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges statt (Abb. 5.9). Die Angriffss- treitkräfte der Briten und Franzosen umfassten 750.000 Soldaten in 24 Divisionen. Komman- deure waren auf englischer Seite General Haig und auf französischer General Joffre. Die englische Angriffstaktik sah vor, die drei deutschen Verteidigungslinien nacheinander zu durchbrechen (Abb. 5.10). Der alliierte Angriff wurde durch eine englische Feuerwalze aus 1.000 Feldgeschützen, wobei 180 schwere und 245 Mörser enthalten waren, eingeleitet, die am 24. Juni begann und bis zum 1. Juli (Z-day) anhielt (Keegan 1991). Es war im Weiteren vorgesehen, das Artilleriefeuer durch ständiges Vorverlegen vor die angreifenden Infanteriekolonnen zu platzie- ren ( ”kriechendesSperrfeuer“).NachalliiertenAngabenverschossendieseArtillerieeinheiten1,5Millionen Granaten in einer fünftägigen Kanonade (Keegan1991).

Trotz des massiven englischen Artilleriefeuers gelang es nicht, die deutschen Maschinengewehr- bunker auszuschalten bzw. die Drahtverhaue vor den deutschen Linien zu zerstören bzw. we- 1 Der Krieg im Westen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.4: Deutsche Verteidigungstaktik

a) Deutsche Verteidigung in der Tiefe (Taktik Oberst von Lossberg)
b) Perfektes Verteidungssystem mit verschiedenen Schützen- und Verbin- dungsgräben nigstens Schleusen durch den Draht zu schlagen. Auch die Schrapnell-Granaten kamen nicht zielgerecht zur Explosion. Behindert war der alliierte Artillerieüberfall durch eine mäßige Sicht infolge des schlechten Wetters mit Regen und Nebel, das auch zum Ausfall der Luftaufklärung führte.

Die deutschen Stellungen waren gut ausgebaut, tief in die Erde versenkt und mit Beton- bzw. Holzpfeilern abgesichert. Die großangelegte Bombardierung hatte daher auf deutscher Seite geringere Einbußen zur Folge.

Nach Abschluss des englisch-französischen Artilleriebeschusses versuchte die englische Infanterie in Wellen in die deutschen Linien einzubrechen, geriet aber in ein dichtes, verheerendes Ma- schinengewehrfeuer, das durch Artillerieeinsatz verstärkt wurde (Sacco 2013). Die Verluste der englischen Infanterie waren immens. Die deutsche Infanterieverteidigungstaktik war gekennzeich- net durch in der Tiefe aufgelöste Gruppen, die es der feindlichen Artillerie unmöglich machte, eine ausreichende Zahl von Bunkern zu zerstören. Diese deutsche Verteidigungstaktik war von Oberst Lossberg entwickelt worden und kam erstmals in der Somme-Schlacht zur praktischen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.5: Verzweigte Schützengräben von der Front in der Nähe der Stadt Lille im April 1917 (Nach einer Luftaufnahme aus 1000m gezeichnet)

Anwendung (Stevenson 2006; Münkler 2013).

Dabei wurde die vorderste Linie nur schwach besetzt bzw. in einer Zwischenzone Maschinen- gewehrnester verteilt. Reserven waren weiter hinten zum Gegenangriff gestaffelt bereitgestellt. Die Artillerie hatte man aus der feindlichen Ziellinie nach hinten und verteilt positioniert (Abb.

1.4a). Im Vergleich dazu zeigt die Abbildung 1.4b ein perfektes System von Front-, Verbindungs- und Versorgungsgräben. Diese Anordnung fand sich bei allen Kriegsparteien. Die Gräben waren im Zick-Zack angelegt, um bei Einbrüchen die Einsicht in den Gesamtgraben zu verhindern.

Die Front war mit ”spanischenReitern“undDrahtverhauengesichert.DieSchützengräbenwa- ren zum Teil bis vier Meter tief, die Unterstände12Meter tief in die Erde versenkt und mit Holzbohlen bzw. Beton gesichert. Die Abbildung1.5zeigt die Luftaufnahme des verzweigten Grabensystems beispielhaft bei Lille ( ”WieGängevonWühlmäusenimGras“).

Dieser Kampf war waffentechnisch gekennzeichnet von zwei Systemen: Auf alliierter Seite ei- nem enormen Artillerieeinsatz aller Kaliber (6,8,9,2-Zoll-Haubitzen) und bei den Deutschen eine Vielzahl von gut gesicherten Maschinengewehrnestern, wobei die deutschen MG-Stellungen aufgrund ihrer Sicherung in tiefen Bunkern vom tagelangen britischen Artilleriefeuer nicht aus- geschaltet werden konnten. Das bedeutete, dass die Engländer die Bedingungen für den dem Artilleriefeuer folgenden Infanterieangriff nicht ausreichend unterstützen konnten ( Bedingungen“) (Keegan1991).

”ungleiche

Die Abbildung5.11gibt den zeitlichen Verlauf der Sommeschlacht (Juli bis November1916), die Raumgewinne der Alliierten sowie die verschiedenen Stoßrichtungen ihrer Angriffe wieder.

[...]


1 Benannt nach der Kapelle Notre-Dame-de Lorette

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Details

Titel
Der Landkrieg 1914-1918. Eine Synopsis
Autoren
Jahr
2016
Seiten
64
Katalognummer
V337491
ISBN (eBook)
9783668270749
ISBN (Buch)
9783668270756
Dateigröße
27418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
landkrieg, eine, synopsis
Arbeit zitieren
Karl-Horst Bichler (Autor)Heinz Prochazka (Autor)Andreas Ray (Autor), 2016, Der Landkrieg 1914-1918. Eine Synopsis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337491

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