Justinus Kerner, dessen Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ im Folgenden analysiert werden soll, gilt als Kuriosum der Literaturgeschichte. Seine literarischen Werke stoßen von den ersten Veröffentlichungen an auf geteilte Meinungen. Von Heinrich Heine wird er verspottet und von Ricarda Huch aufs höchste gelobt: „Den deutschen romantischen Ton im Bilde und in der Romanze hat außer Brentano keiner getroffen wie Justinus Kerner“ (Huch, zit. nach Klenner, 2002, 35). Während Anfang des letzten Jahrhunderts Kerners Werke noch überwiegende positiv rezipiert wurden, ändert sich diese Haltung spätestens ab den 1950’er Jahren. Dazu mag Heinz Büttiker mit seinem Urteil über den schwäbischen Landarzt Kerner beigetragen haben: „Justinus Kerner zählt nicht zu den bedeutenden Dichtern deutscher Sprache. Er figuriert bescheidentlich unter den zweit- oder gar drittrangigen Talenten […]. Von seinen dichterischen Werken gehören alle – einige wenige Gedichte ausgenommen – nur noch der Literaturgeschichte an.“ (Büttiker, zit. nach Klenner, 2002, 36) So geriet Kerners Werk zusehends in Vergessenheit. Betrachtet man aber Kerners lyrisches Schaffen genau, so fällt Büttikers Urteil m. E. deutlich zu hart aus. Zwar finden sich in Kerners lyrischem Gesamtwerk sehr viele Gelegenheitsverse an Freunde, Verwandte und wichtige Persönlichkeiten wie Fürsten oder Künstler, doch lassen sich auch Gedichte ausfindig machen, die von großer Qualität zeugen, u. a. durch ihren romantischen Ton, einen strukturierten Aufbau, durch tiefe Einblicke in Kerners Denken und Empfinden sowie durch seine präzisen Charakterisierungen von Mitmenschen und den Umständen seiner Zeit. Kerners „Im Eisenbahnhofe“ besitzt meiner Meinung nach genau diese Art von Qualität, wie die folgende Analyse des Gedichtes beweisen soll. Zuvor soll Kerners Bezug zur Romantik und der von ihm verwendete volksliednahe Ton näher bestimmt werden. Nachdem auf diese Art aufgezeigt wurde, welcher Tradition Kerners Lyrik entspringt und welcher Vorbilder er sich bediente, wird der Inhalt des Gedichtes in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Anhand der Analyse sollte deutlich werden, dass es sich zumindest bei diesem Gedicht nicht um eine bloße „Gelegenheitsdichtung“ handelt, die von einem „zweit- oder drittklassigen Talent“ verfasst wurde.
Inhaltsverzeichnis
1.) EINLEITUNG
2.) DAS GEDICHT
3.) KERNER UND DIE VOLKSLIEDSTROPHE
4.) ANALYSE DES GEDICHTES
4.1 DIE STROPHEN 1 – 3
4.2 DIE STROPHEN 4 – 8
4.3 DIE STROPHEN 9 – 11
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Justinus Kerners Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ auseinander, um aufzuzeigen, dass es sich hierbei nicht um bloße Gelegenheitsdichtung handelt, sondern um ein Werk von hoher literarischer Qualität, das die tiefgreifende Skepsis des Autors gegenüber der einsetzenden Technisierung und Entfremdung von der Natur im 19. Jahrhundert reflektiert.
- Analyse der volksliedhaften Struktur und Formensprache bei Justinus Kerner.
- Untersuchung der kritischen Haltung des Autors gegenüber technischem Fortschritt und industrieller Entwicklung.
- Darstellung des Naturraums als locus amoenus und Gegenentwurf zur modernen Zivilisation.
- Vergleich der Motivik mit weiteren Werken Kerners, wie etwa „Sehnsucht“ oder „Im Grase“.
- Die resignierende Haltung des lyrischen Ichs als Ausdruck einer existenziellen Zeitwende.
Auszug aus dem Buch
Die Strophen 1 – 3
Zu Beginn seines Gedichtes beschreibt Justinus Kerner den sich zur Abfahrt fertigmachenden Zug in einem Bahnhof. Die Erfindung der Eisenbahn, dieser technische Fortschritt, der den Menschen die Reisedauer verkürzte und auch den wirtschaftlichen Handel vorantrieb, wird von Kerner durchaus nicht positiv dargestellt. Ganz im Gegenteil entwirft Kerner ein regelrecht apokalyptisches Szenario anhand des neuen Verkehrsmittels, das sich erst seit den 40er Jahren des 19. Jh. in Deutschland flächenmäßig durchsetzen konnte.
Im ersten Vers wird mit der Frage nach der Wahrnehmung des Pfiffs gleich das Thema der Sinneswahrnehmung aufgegriffen. Aufgrund dieser Frage zeigt sich, dass Kerner den Menschen, die sich an diesem Ort aufhalten, keine sensible Wahrnehmung mehr zutraut, denn der wilde und grelle Pfiff kann im Grunde nicht überhört werden, es sei denn die Wahrnehmung der Umwelt ist getrübt oder abgestumpft. Da dem Personalpronomen „ihr“ (V. 1) aber kein eindeutiges Korrelat zugewiesen ist, könnte es sich ebenso auf die Leser bzw. Hörer beziehen, die somit direkt angesprochen werden und deren Vorstellungsvermögen zu Beginn des Gedichtes angeregt werden soll, indem der erste Vers suggeriert, dass man sich auf dem Bahnhof befindet und soeben der Pfiff ertönt ist. So schafft es Kerner den Rezipienten direkt im Geschehen zu positionieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) EINLEITUNG: Diese führt in die literarische Rezeption von Justinus Kerner ein und formuliert das Ziel, die Qualität und Tiefe seines Gedichts „Im Eisenbahnhofe“ zu analysieren.
2.) DAS GEDICHT: Dieser Abschnitt gibt das Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ im Wortlaut wieder, um die Textgrundlage für die anschließende Untersuchung zu schaffen.
3.) KERNER UND DIE VOLKSLIEDSTROPHE: Hier werden die formalen Aspekte und die Verwurzelung Kerners in der Tradition der romantischen Volkslieddichtung detailliert beleuchtet.
4.) ANALYSE DES GEDICHTES: Der Hauptteil gliedert das Gedicht in drei inhaltliche Blöcke und untersucht die Motive, die Naturauffassung und die resignative Haltung des lyrischen Ichs gegenüber dem Fortschritt.
4.1 DIE STROPHEN 1 – 3: Die Analyse konzentriert sich auf die Darstellung der Bahnhofsszenerie und die kritische Auseinandersetzung mit der industriellen Technik als Bedrohung.
4.2 DIE STROPHEN 4 – 8: Dieser Teil beleuchtet die Gegenüberstellung von technisierter Welt und intakter Natur sowie die Sehnsucht nach einer naturverbundenen Lebensweise.
4.3 DIE STROPHEN 9 – 11: Der letzte Abschnitt fokussiert auf das Fazit des lyrischen Ichs, die Klage über den Verlust der Naturverbundenheit und die resignative Hinwendung zum Tod als letzte Synthese.
Schlüsselwörter
Justinus Kerner, Im Eisenbahnhofe, Romantik, Volksliedstrophe, Industrialisierung, Naturlyrik, Fortschrittskritik, Entfremdung, Sehnsucht, 19. Jahrhundert, Lyrikanalyse, Zivilisationskritik, Naturauffassung, Resignation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht Justinus Kerners Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ und setzt sich mit der Frage auseinander, wie der Dichter die aufkommende Industrialisierung und den technischen Fortschritt thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Spannung zwischen technischem Fortschritt und romantischem Naturbild, die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt sowie das Motiv der resignierenden Haltung angesichts unaufhaltsamer gesellschaftlicher Veränderungen.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Gedicht über eine bloße Gelegenheitsdichtung hinausgeht und eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Entwicklung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturierte Textanalyse, bei der das Gedicht in drei inhaltliche Blöcke unterteilt und im Kontext von Kerners gesamtem lyrischen Schaffen sowie seiner Biografie interpretiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die verschiedenen Strophenblöcke des Gedichts, untersucht die Symbolik, den formalen Aufbau der Volksliedstrophe und die philosophische Haltung Kerners zur Natur und zum Tod.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Justinus Kerner, Industrialisierung, Fortschrittskritik, Naturlyrik und romantische Volksliedstrophe.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Industrialisierung im Gedicht?
Der Autor zeigt auf, dass Kerner die Eisenbahn nicht nur als technisches Transportmittel, sondern apokalyptisch als eine Kraft darstellt, die den Menschen von seinen natürlichen Wurzeln und seiner Verbindung zu Gott trennt.
Welche Rolle spielt der Tod für das lyrische Ich?
Der Tod wird in der Arbeit als der „letzte Ausweg“ interpretiert, der für Kerner die ersehnte, aber im Leben nicht mehr erreichbare, vollkommene Synthese zwischen Mensch und Natur ermöglicht.
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- Oliver Bock (Author), 2004, Analyse des Gedichtes "Im Eisenbahnhofe" von Justinus Kerner, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33750