Social Media und Gender. Fördert das Web 2.0 als Sozialisationsinstanz geschlechtliche Diversität bei Jugendlichen?


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - Web 2.0 als Sozialisationinstanz und Jugend

2 Ausf ührung
2.1 Gendertheorie und Queerfeminismus - Arbeitsdefinition
2.2 Statistische Verteilung
2.3 Heteronormativität und Geschlechterdualismus im Sozialen Netz
2.3.1 Web 2.0 als Chance für Queerness
2.3.2 Reproduktion von Geschlechterbinarität und Androzentrismus

3 Fazit
3.1 Zusammenfassung
3.2 Pädagogische Interventionsmöglichkeiten

4 Anhang

Literaturverzeichnis

Abk ¨urzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden wird meist das generische Femininum verwendet, die Formulierungen beziehen sich jedoch ausdrücklich auf Personen aller Geschlechter.

1 Einleitung - Web 2.0 als Sozialisationinstanz und Ju- gend

Am 23. März stellte Microsoft seine neueste Entwicklung auf Twitter online - Eine KI1 namens Tay Bot, die eine weibliche Teenagerin verkörpern und durch den Chat mit Twit- ternutzerinnen menschliche Kommunikation erlernen sollte. Binnen 24 Stunden muss- te das Projekt jedoch wieder offline genommen werden, da die User sie mit rassisti- schem, sexistischem und antisemitischem Gedankengut, größtenteils wohl aus satirischen Gründen, ”gefüttert“hattenundsiesomiteinefaschistoidePersönlichkeitangenommen hatte. (Beuth 2016)

Gleichwohl man diese Form von Intelligenz (noch) nicht mit den komplexen Denk- strukturen eines Menschen vergleichen kann, regt diese Meldung doch an, darüber nach- zudenken, inwiefern Menschen sich durch Medien und Gesellschaft beeinflussen lassen.

In dieser Hausarbeit soll dieser Frage nachgegangen und untersucht werden, in wie weit sich Jugendliche durch das Web 2.0 in ihrer Gender-Identität beeinflussen lassen. Technik - im Speziellen das Internet - wird mehr und mehr zu einem sozial rele- vanten Konstrukt in unserer hochtechnisierten Gesellschaft. Das liegt zum einen an der Omnipräsenz von IT im gesellschaftlich-medialen Alltag, zum anderen an der Konstruk- tion eines sozialen Raums im Web2.0, wobei sich diese Faktoren gegenseitig bedingen.

Das Medium ”überlagertunddurchdringt[...]zunehmenddasmateriellwirklicheLeben durch allgegenwärtige Netzanbindung und Verfügbarkeit von Computertechnologe“ (Sesink2008, S.412).

Durch die immer stärker werdende Relevanz des Web2.0als interaktives Medium und das ”LebenimNetz“(Turkle1998)desWWW2 wirdderDiskursumdasMedium Internet im Kontext der Sozialisation intensiviert. Die Auswirkungen auf das Leben in ei- ner ”Medienwelt“(SanderundGanguin2008,S.423)wirdvorallemandersogenannten ”Netz-Generation“,derenUnterscheidungdarinliegt,dasssiemitderAllgegenwärtigkeit digitaler Medien aufwächst (vgl. K. U. Hugger, Tillmann und Hug2014, S.19), deutlich.

Bei Jugendlichen, von denen99% angeben, dass sie Zugang zum Internet haben (Le- ven und Schneekloth2015, S.113) ist die Identitätssuche eine ”zentraleEntwicklungs- aufgabe“ (Vogelgesang und Tournier2014, S.144), die maßgeblich medial und daher auch in immer deutlicher werdendem Ausmaß durch die ”Netz-Öffentlichkeit“(Misosch sind somit ”zueinerSozialisationsinstanzgeworden,mitundinderKinderundJugend- liche ihre Identität aushandeln“ (Mikos, Hoffmann und Winter2006, S.7). Die wech- selseitige Abhängigkeit zwischen der Gesellschaft und den Medien bedingt, dass diese sozialen Wandel sowohl fördern als auch verzögern können, da sie maßgeblich an der Reproduktion von gesellschaftlichen Verhältnissen beteiligt sind (vgl. Thomas und Tanja sich soziale Geschlechterdifferenzierungen alltäglich (neu) konstituieren.“ (Böhnisch 2003, S. 143) Nach den ersten feministischen Wellen Mitte des 19. Jhd. und im Zuge der sozialen Bewegungen etablierte sich in den 1970er Jahre die Unterscheidung von ”sex“und ”gen- der“. Dadurch soll die Differenz zwischen biologischer und sozial konstruierter Form von Geschlechtlichkeit verdeutlicht werden (vgl. Hoffarth2014, S.2). Der Zweck war, die patriarchale und androzentrische Ordnung der Gesellschaft zu dekonstruieren und geschlechtlich bedingtes Verhalten aufzudecken.

Kritisiert wurde diese Theorie maßgeblich durch Judith Butlers dekonstruktivistisches Modell, da nach ihrer Überzeugung ”sexdieAnnahmeeinesnatürlichenKörpersvor- aussetzt“ (ebd., S.2). Die Rekonstruktion des ”Alltagswissen[s]vonderDualität[Frau versus Mann), Naturhaftigkeit (von der Natur vorgegeben) und Konstanz (festgelegt und unveränderlich)“ (Maier und Lünenborg2013, S.16) seien zentrale Charakteristika dieser Differenzierung. Somit verstärkte Butler auch die hin zum Öffnung feministischer Bestrebungen ”Queer“sein,dasheißtzurHomosexuellen-undTransgender-Bewegung.Die queere Strömung des Feminismus konzentriert sich vor allem auf die Offenlegung und Sensibilisierung für die heteronormativen Gesellschaftsstrukturen und die damit einhergehendem Diskriminierung von Homo-,Trans- und Bisexuellen. Sie fordert die Abwendung vom geschlechterdualistischen System hin zur Akzeptanz für eine breite Vielfalt von Geschlechteridentitäten (vgl. Hoffarth2014, S.2).

Butler stellte den Begriff der ”Performativität“geschlechtlicherKörperindenMittel- punkt ihres Diskurses. Dieser soll verdeutlichen, dass die als natürlich betrachteten Ge- genbenheiten von Geschlechtlichkeit aus der Reproduktion gesellschaftlichem Handelns entstehen (vgl. Wötzel-Herber2008, S.12).

”DoingGender“-dieErfüllungderRolle- nerwartung, die an das jeweilige Geschlecht gestellt wird - wird als alltägliche Konstruk- tion von Geschlechtsnormen in der Gesellschaft ausgeführt (vgl. Maier und Lünenborg Ordnung und kritisiert die damit einhergehenden Differenzierungsmechanismen. Es geht um die Frage:

”WiekannmanambestendieGeschlechter-Kategorienstören,diedie Geschlechter-Hierarchie [...] und die Zwangsheterosexualität stützen?“ (Butler1991, zitiert nach Hipfl2008, S.474) Die Konklusion ihrer Theorie lautet:

”WillmangleicheLebenschancenundsogarFreiräumefürdieGestaltungvon Geschlechterrollen erreichen, bedeutet dies immer, gesellschaftliche Definitionen und Traditionen zu kritisieren, die sich auf scheinbar unwandelbare, außerhalb der Gesellschaft liegende Konstanten v.a. die Biologie (oder Gott) berufen.“

(Sieben2008, S.7)

Die Perspektive auf Gender in dieser Arbeit beruht vor allem auf dem queerfeministischen Ansatz. Auf Grund der aktuellen Forschung, die auf geschlechterdualistischer Differenzierung basiert, kann dies nicht in allen Bereichen passieren. Deshalb soll auch die Perspektive der klassischen Frauenbewegung mit der Kritik an der Konstruktion des Frauseins beleuchtet werden soll.

2.2 Statistische Verteilung

Alle folgenden Angaben stammen aus der Shell-Jugendstudie 2015 (Leven und Schnee- kloth 2015) und der JIM-Studie 2015 (Rathgeb, Plankenhorn und Feierabend 2015). Nach der Shell-Jugendstudie 2015 verfügen 99% der Jugendlichen zwischen 12- 25 Jahren über einen Internetzugang in ihrem Haushalt (Leven und Schneekloth 2015, S. 121). 52% geben ”imInternetsurfen“-60%dermännlichen,44%derweiblichen Befragten (ebd., S.114) - als eine ihrer fünf üblichen Freizeitaktivitäten an. ”SozialeMe- dien nutzen“ steht mit35% auf Platz fünf (ebd., S.113), hierbei beträgt die Differenz der Angaben von weiblichen und männlichen Nutzerinnen einen Prozentpunkt. Vereinigt man die beiden in der Studie gesondert betrachteten Kategorien, so ergeben sich für die Freizeitaktivität ”Internet“eine70-prozentigeTeilnahmederJugendlichen(ebd.,S.112).

Die Studie unterscheidet verschiedene Freizeittypen - Gesellige Jugendliche, Medi- enfreaks, Familienorientierte und Kreative Freizeitelite (ebd., S.116). Die Medienfre- aks stehen mit27% an zweiter Stelle, wobei darunter auch Aktivitäten wie Computerspiele“ und ”Playstation, ”Videos,DVDs“fallen,dienichtodernurentferntmitWeb2.0zu- sammenhängen. Auffallend ist, dass hier die Angabe ”imInternetsurfen“mit69%der Medienfreaks und auch im Vergleich zu den anderen Typen am häufigsten gewählt wur- de, ”SozialeMediennutzen“istabermit32%nurandritterStelleimVergleichzuden anderen Typen. Daraus lässt sich ableiten, dass mit Medienfreaks weniger die geselligen Typen der Internetnutzer gemeint sind, sondern die Spiel- und Technikinteressierten. Be- trachtet man die bigeschlechtliche Verteilung der Medienfreaks, so fällt ins Auge, dass der Unterschied der Zuordnung zwischen männlich mit81% und weiblich mit19% mit einer Differenz von62Prozentpunkten extrem groß ist (ebd., S.116). Dies wird von den Autoren folgendermaßen kommentiert:

”InsbesonderedasGeschlechtdürftedie ’Action- und Technik‘-Affinität erklären, die in der Regel mit Playstation und Computerspielen verbunden ist“(Leven und Schneekloth2015, S.117).

Den höchsten Anteil an weiblichen Typen haben die Familienorientierten mit68% (ebd., S.118). Hier liegt die Freizeitorientierung an der Internetnutzung weit unter dem der Medienfreaks.

”ImInternetsurfen“wirdbei33%derJugendlichen, ”SozialeMedien nutzen“ bei28% benannt (ebd., S.117).

In der JIM-Studie2015geben88% der Mädchen und91% der Jungen zwischen12und19Jahren an, über einen sich im eigenen Zimmer befindlichen Zugang zum Internet zu verfügen (Rathgeb, Plankenhorn und Feierabend2015, S.7). In der Freizeit beschäftigen sich92% der Jugendlichen mit dem Internet (ebd., S.13). Dabei steht das Nutzen des Internets bei91% der Jungen und88% der Mädchen an sehr wichtiger oder wichtiger Stelle. Bei den Mädchen liegt dabei nur das Hören von Musik mit90% vor der Internetnutzung an erster Stelle. (ebd., S.14)

Betrachtet man die inhaltliche Verteilung des Internets so fällt auf, dass Mädchen den Anteil ihrer Nutzung mit47% hauptsächlich auf die Kommunikation legen. Sie sind den Jungen (34%) um13Prozentpunkte voraus. Dagegen liegen die Jungen mit27% im Bereich der Spiele mit17Prozentpunkte vorne. Bei den Themengebieten Informationssuche und Unterhaltung fällt die Unterscheidung von Mädchen und Jungen mit nur je zwei Prozentpunkten sehr gering aus. (ebd., S.31)

Beim Themenschwerpunkt Kommunikation sticht heraus, dass der Anteil der männlichen Nutzer, die sich in Multi-User-Spielen unterhalten, deutlich höher als der der Mädchen liegt. Dafür liegt das Videochatting-Portal Snapchat bei den Mädchen vorne (ebd., S.32). Im Bereich Unterhaltung liegen die Jungen in fast jedem Bereich (Videoportale im Internet, Musikvideos, Einfach so drauf los surfen, Musik-Streaming-Dienste etc.) vor den Mädchen, einzig das Fotoportal Instagram weißt eine signifikante Mehrnutzung von Mädchen (51%) im Vergleich zu Jungen (37%) auf (ebd., S.34).

Beim Videoportal YouTube, dass die Befragten auf die freie Frage ”Undwasnutzt du Internet am liebsten?“ mit61% am häufigsten angaben, liegt im Vergleich der Kon- sum in fast allen Genres die Jungen vorne. Hier wären vor allem die Genres Lustige Clips, Let’s-Play-Videos, Sportvideos und Action-Cam-Videos zu nennen, bei denen die Anzahl der männlichen Zuschauerinnen eine extrem hohe Differenz zu den weiblichen Nutzern aufzeigen. Nur in den Bereichen Musikvideos, Tutorials, Fernsehinhalte und Produkttests liegen die Mädchen knapp vorne oder in etwa gleichauf. Auch die Gruppe der Jugend- lichen die mit eigenen Content auf YouTube vertreten sind ist männlich dominiert (5% der Jungen,1% der Mädchen) (ebd., S.37). Hier muss allerdings bedacht werden, dass ”typische“Mädcheninteressen-wiedasGenreBeauty-Fashion-Lifestyle-keineeige- ne Rubrik erhalten haben und nur im Fliestext mit zwei Beispielen, bei denen denen der Anteil der Mädchen fast100% ist, benannt werden.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich aus statistischer Sicht die Lücke von Mäd- chen zu Jungen, die die Möglichkeit haben, das Internet zu nutzen, quasi nicht mehr vor- handen ist. Bei der Verteilung der Interessen fällt allerdings deutlich auf, dass Mädchen ihren Schwerpunkt eher auf die Kommunikation legen und die männlichen Nutzer mehr an der technisch-spielerischen Komponente von Internet interessiert sind. Hieraus lässt sich ableiten, dass sich, trotz der enormen Nutzungsvielfalt des Web 2.0, die sozialisier- ten Interessensschwerpunkte der Geschlechter im Web 2.0 widerspiegeln.

2.3 Heteronormativität und Geschlechterdualismus im Sozialen Netz

2.3.1 Web 2.0 als Chance f ür Queerness

In ihrer 1995 verfassten Schrift EIN MANIFEST F ÜR CYBORGS stellte Donna Haraway die These auf, dass die Distanzierung des Internets von der biologischen Körperlichkeit einen Raum schaffen kann, der sich ungeschlechtlich konzipieren kann. Sie legte die Hoff- nung deshalb in ein befreiendes Moment des Mediums. Diese Form von Identität im virtu- ellen Raum bezeichnete sie als Cyborgs, die sie als ”kybernetischeOrganismen,Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion“ definiert (Haraway2007, S.239). Sie sind ”Post-Gender-Geschöpfe“,dieei- ne Definition außerhalb der Geschlechterbinarität im RL4- zulassen (ebd., S. 240). Sie sieht das digitale Netz somit als Ort, an dem queerfeministische Bestrebungen im Sinne Judith Butlers Raum finden können. ”DieCyborgisteineArtzerlegtesundneuzusam- mengesetztes, postmodernes kollektives und individuelles Selbst. Es ist das Selbst, das Feministinnen kodieren müssen“ (ebd., S.256). Es definiert sich nicht als bigeschlechtlich männlich oder weiblich sondern steht außerhalb dieser Differenzierung und macht somit Individualismus möglich.

Unter diesem Gesichtspunkt hat sich die dritte feministische Welle, die von vielen Sei- ten eher als Gerücht denn als tatsächliche Gegebenheit gewertet wird, formiert, die sich als ”Update“(ReichertundBruns2007,S.233)zumklassischenFeminismus,als ”Netzfemi- nismus“, der, nicht nur aber auch, online agiert, definieren lässt. (Cochrane2016) Die aus der Punk-, Zine- und D.I.Y.5- Szene stammende RIOT GRRRL-Bewegung, charakterisiert sich vor allem durch eine globale Vernetzung über das WWW(Rohmann 2008, S. 4). In- haltlich befassen sie sich dabei mit ”Popkultur,Körper(bilder[n]),sexuelle[r]Gewaltund Selbstverteidigung, plurale sexuelle und ethnische Identität, Musik-, Kunst-, Literatur- und Ego-Zines“, die sie in Form von u.a. (E-)Zines, Blogs und Websites thematisieren. Das Internet wird als Chance gesehen weltweit zu operieren und die globale Kommunika- tion auszubauen (Tillmann2014, S.168). Rebbecca Traister, Autorin des amerikanischen Internet-Magazins ”Salon.com“,glaubtnichtandasEndesondernaneineVerlagerung der feministischen Bewegung:

”WhatIthinkisthatit’stakingamodern,technological form, and that, from now on, feminism will be about a multiplicity of voices, growing louder and louder online“ (Traister, zitiert nach Cochrane2016). ”Offline-Leben“ Durch ”GenderHacking“solldieheteronormativeGeschlechtsidentitätangegriffen werden, um Raum für Diversität zu schaffen (vgl. Reichert und Bruns2007, S.234).

”Sie[subRosa,einecyberfeministischeOrganisation]sehendieutopischenundspielerischen Aspekte des ersten Cyberfeminismus durch neue Tendenzen und Strukturen abgelöst [...]:

’DieFaszinationderneuenTechnologienscheintdarinzubestehen,dassRäumewiedasInternet Möglichkeiten zu Gender-Hacking oder zum Spiel mit der Identität bieten. Ich glaube, dass das

Internet deshalb so wichtig ist - die Menschen können sich neu definieren und sich allen möglichen interessanten und seltsamen Fantasien über sich selbst hingeben. Dem eigenen Geschlecht zu entkommen, andere Möglichkeiten, die eigene Identität, das eigene Selbst zu gestalten, scheint ein jahrhundertwendetypisches Bestreben zu sein.‘“

(ebd., S.237)

Auch außerhalb dieser queerfeministischen Bestrebungen, die sich in Form von gan- zen Gesellschaftsbewegungen manifestieren und die auch eher als radikal eingestuft wer- den können, existieren Überlegungen zum Gelingen von Diversitätsansprüchen im Web 2.0.

So gilt das Internet als Chance zum Ausgleich von Bildungsdifferenzen gegenüber pri- vilegierten und weniger bevorzugten Personenkreisen. Durch die enorme Wissensspanne, die größtenteils frei verfügbar ist, können Machtgefälle ausgeglichen werden, die vorher durch Bildungsunterschiede entstanden sind. Durch die unabgeschlossene Struktur, die praktisch jede, die die entsprechende Hardware besitzt, frei gestalten und nutzen kann, werden die Rollen von Produzentin und Rezipientin aufgelöst und ein unhierarchische Kommunikationsbasis geschaffen (vgl. Thomas und Tanja 2008, S. 11). Die Individuali- sierung des Raums Internet mit seinen vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten macht Ju- gendliche zu den Subjekten ihres Lebens und ermöglicht eine eigenmächtige Emanzi- pation. Durch die Unendlichkeit der Nutzungsmöglichkeiten wird Raum für Individua- lisierungsprozesse ermöglicht, die fernab der heteronormativen Geschlechterdichotomie liegen.

Dank der Möglichkeit außerhalb seiner körperlichen Erscheinung und auch anonym im Web 2.0 zu operieren, werden ”partiellneueBegegnungsformenalsauchneue ’Orte‘ für die Etablierung von Netzwerken, z.B. unter Frauen“ (Tillmann2006, S.115) eröffnet. Die Dekonstruktion der bipolaren Geschlechtlichkeit kann im nicht-leiblichen Raum vor- anschreiten, da Geschlechtsneutralität und somit ”Gegenentwürfe,Grenzverschiebungen, Neupositionierungen und Überwindung der bestehenden Geschlechterverhältnisse“ (Cars- tensen2008, S.2) ausführbar werden. Barth unterstellte dem Internet eine ”geschlechts- auflösende Wirkung“ zu haben (Barth2002, zitiert nach ebd., S.2). Laut Vogelgesang kann diese Eroberung von Räumen, in denen Identitäten, die im RL eher geächtet wer- den, ausgelebt werden, Gleichgesinnte gefunden werden und dort positive Resonanz er- lebt wird kann, weg weisend für das Selbstbewusstsein im Offline-Leben sein (vgl. Vo- gelgesang und Tournier2014, S.143f.). Die Anonymisierung und Loslösung von der eigenen Körperlichkeit kann möglich machen, dass sich auch mit gesellschaftlich ge- 2006, S.165) beeinflusst wird. Die aktive Teilnahme im Sozialraum Internet, in dem es ermöglicht wird selbst gestalterisch tätig zu sein und der meist ohne direkte pädagogische Beeinflussung auskommt, kann dabei als mann2006, S.88).

”Selbstsozialisation“angesehenwerden(Till- Die aus gesellschaftlichen Strukturen heraus entstehenden Medien gelten in der So- ziologie als Konstrukt der 1Künstliche Intelligenz2World Wide Web ”Aneignung“und ”Interaktion“(Böhnisch2003,S.210)und 1 2008, S.9). Hier gilt es insbesondere festzustellen inwieweit ”mediale(Macht-)Diskurse ethnische, soziale, kulturelle und geschlechtliche Vielfalt aufnehmen, und welche Konzepte von Diversität und Vielfalt, Inklusion und Exklusion,Integration und Desintegration dabei sichtbar werden.“ (ebd., S.10)

Im Folgenden möchte ich mit Hilfe von verschiedenen Ressourcen den queerfeminis- tischen Ansatz umfassen. Daraufhin sollen empirische Bilanzen über die Internetnutzung von Jugendlichen einen Blick auf die aktuelle, genderbezogene Situation in Deutschland ermöglichen. Anschließend werden vor allem theoretische Modelle aufgezeigt, die den Bezug von Gender und Interent eröffnen. Dies soll vor allem an Hand von Forschung über Jugendliche geschehen, insofern dies durch die teilweise lückenhafte Literatur ermöglicht wird.

Ich möchte dabei zuerst auf die Chancen des Internets im Bezug auf auf die Förderung geschlechtlicher Diversität eingehen, um anschließend Reproduktionsmechanismen des Patriarchats im Web2.0zu betrachten. Nach einer kurzen Zusammenfassung der Ergeb- nisse befasse ich mich noch mit pädagogischen Interventionsmöglichkeiten zur Förderung von Vielfalt im Web2.0.

2 Ausf ührung

2.1 Gendertheorie und Queerfeminismus - Arbeitsdefinition

”MankommtnichtalsFrauzurWelt,manwirdes“soformulierteSimonedeBeauvoirdie soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit (de Beauvoir2007, zitiert nach Sieben2008, S.1). Sie verkündete durch diese These, dass Frausein und auch Mannsein im Sinne von Identität, Auftreten und Interaktion nicht natural gegeben sind, sondern erst durch die Kontextualisierung des Körpers in einem gesellschaftlichen Rahmen auftritt. Mit der Theorie des ”Geschlechtwerdens“nimmtsieeinemaßgeblichePositioninderReiheder Feministinnen ein.

In heteronormativen Gesellschaften werden Männern und Frauen verschiedene Zu- schreibungen gemacht. Die Frau gilt dabei als schwach, emotional und im Privatem, also der Familie, verankert, während der Mann als öffentlich-konkurrenzorientierte Führungs- persönlichkeit angesehen wird (vgl. Böhnisch1999, S.75,2003, S.148). Das ring“ wird vom Individuum im ME3 verinnerlicht, ”Gende- ”wobeisieaberauchmithelfen,dass sich soziale Geschlechterdifferenzierungen allt¨aglich (neu) konstituieren.“ (B¨ohnisch 2003, S. 143)

[...]


1 K¨unstliche Intelligenz

2 World Wide Web

3 vgl. Meads Sozialisationstheorie: Er unterteilt den Charakter in drei Teile, wobei das I den subjektiven, individuellen Verstand und das ME die Rollenerwartung und Normen der Gesellschaft verkörpert. Das SELF bildet den Vermittler zwischen den beiden Instanzen. (vgl. Mead 1934)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Social Media und Gender. Fördert das Web 2.0 als Sozialisationsinstanz geschlechtliche Diversität bei Jugendlichen?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Pädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V337510
ISBN (eBook)
9783668267855
ISBN (Buch)
9783668267862
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
social, media, gender, fördert, sozialisationsinstanz, diversität, jugendlichen
Arbeit zitieren
Teresa Dehling (Autor), 2015, Social Media und Gender. Fördert das Web 2.0 als Sozialisationsinstanz geschlechtliche Diversität bei Jugendlichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337510

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