Sind digitale Fotos weniger real als analoge Fotografien?

"Realismus im digitalen Bild" von William J. T. Mitchell und "The Reconfigured Eye" von William J. Mitchell


Hausarbeit, 2012
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil

1. Vergleich analoger und digitaler Fotografie
1.1. Spurlose Bildfälschung / Manipulation

2. Phänomene der Digitalfotografie
2.1 Massenhafte Digitalfotografie
2.2 Beliebige Verbreitbarkeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Als NicéphoreNiepce es im Jahr 1827 schaffte, den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers durch einen chemischen Prozess fotografisch auf einer Zinnplatte festzuhalten[1], war dies der Startschuss für die lange Entwicklungsgeschichte der Fotografie. Diese reichte von Bildern, die bis zu acht Stunden lang belichtet werden mussten, bis hin zu den heutigen digitalen Schnappschüssen, die anschließend blitzschnell bei Photoshop bearbeitet werden können.

Was hat sich im Laufe der Jahre getan? Lange Zeit galt die analoge Fotografie in der Theorie als „direkter physikalischer Abdruck“[2] der Realität und somit auch selbst als real und wirklichkeitsgetreu.[3] Im 20. Jahrhundert wurde die Fotografie schließlich auch als Kunstform akzeptiert, bei der gar nicht mehr immer der Anspruch einer Realitätswiedergabe bestand. Mit der digitalen Fotografie scheint nun schließlich alles anders. „Bilder sind nicht mehr als visuelle Wahrheit verbürgt […]“[4] sagt William J. Mitchell. Aber woran liegt das? Was ist das Spezielle der digitalen Fotografie? Jedes neue Medium bringt neue Herausforderungen für die Menschen, die mit ihm umgehen müssen. Durch die digitale Fotografie kann man unzählige Fotos machen, sie beliebig verbreiten und - so zumindest die Behauptung einiger Theoretiker - sie auch ebenso leicht manipulieren. Sind sie deshalb weniger real als analoge Fotografien? Ist eine Fotografie überhaupt jemals ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Realität? Oder in welchem Maße hängt dies vielleicht davon ab, wie wir mit den Bildern umgehen?

In der folgenden Arbeit vergleiche ich die Haupaussagen des Textes „Realismus im digitalen Bild“ von William J. T. Mitchell mit denen des Buches „The ReconfiguredEye“ von William J. Mitchell. Ich untersuche dabei die Unterschiede zwischen analoger und digitaler Fotografie unter Berücksichtigung der während unserer Präsentation zum Thema Digitale Fotografie im Seminar „Computer als Medium“ diskutierten Inhalte.

Hauptteil

1. Vergleich analoger und digitaler Fotografie

Wie kommt es nun also, dass einige Theoretiker der Meinung sind, digitale Fotos seien nicht mehr so realistisch oder wirklichkeitsgetreu wie analoge Fotos? Viele sehen dies in den technischen Unterschieden der Funktionsweise begründet.Bei der analogen Fotografie trifft das einfallende Licht auf die lichtempfindliche Schicht einer Fotoplatte oder eines Films, wodurch in einem chemischen Prozess ein Bild entsteht. Deshalb beschreibt William J. Mitchell in seinem Buch „The Reconfigured Eye” eine analoge Fotografie als „direkten physikalischen Abdruck“[5], der unmittelbar mit der Realität verknüpft und deshalb real sei.[6] Dieser Prozess vollziehe sich automatisch und ohne menschliche Einflussnahme: „thereisno human intervention in theprocessofcreatingthebondbetweenphotgraphandreality[…]“[7]. Der Fotograf drücke zwar auf den Auslöser, aber der Abdruck der Realität entstehe dann automatisch in der Kamera und sei deshalb wirklichkeitsgetreu. Somit sei auch die Bindung an den Referenten, also an das reale Objekt, unmittelbar gegeben, da eine Fotografie nur etwas zeigen könne, was auch real existiere.[8]

Bei der digitalen Fotografie hingegen werden die Lichtwellen mithilfe von Sensoren in digitale Signale umgewandelt. Der Prozess geschehe laut Mitchell also nicht mehr direkt und automatisch, wie bei der analogen Fotografie. Die Bindung an den Referenten sei nicht mehr gegeben, da zwischen jenen automatischen Prozess des Fotografierens im Analogen noch die digitale Umrechnung durch Quantisierung und Diskretisierung stattfinde. Bei der digitalen Fotografie könne man nicht mehr zwischen dem kausalen Prozess der Kamera und dem intentionalen Prozess eines Künstlers, der sein Werk auf eine bestimmt Aussageintention ausrichtet, unterscheiden.[9]

William J.T. Mitchell sagt im Gegensatz dazu, dass die digitale Fotografie die Bindung an den Referenten sogar noch vertiefe, da durch sie Dinge gezeigt werden könnten, die sonst verborgen blieben, wie zum Beispiel digitale Röntgenbilder oder die Magnetresonanztomographie.[10]

Ein weiteres Argument William J. Mitchells ist, dass digitale Fotografien viel leichter manipulierbar und schon deshalb nicht glaubhaft seien. Während es bei der analogen Fotografie technisch schwierig, zeitaufwändig und einfach nicht üblich sei, zu manipulieren, und wir deshalb immer davon ausgehen, dass solche Bilder nicht umgearbeitet worden sind, müsse man umgekehrt bei digitalen Fotografien immer davon ausgehen, dass sie manipuliertsein könnten. Er geht sogar weiter und nennt es die essentielle Charaktereigenschaft digitaler Bilder, dass sie leicht und sehr schnell mit dem Computer manipuliert werden können.[11]

1.1. Spurlose Bildfälschung / Manipulation

Auch William J. T. Mitchell räumt ein, dass es tatsächlich leichter sei, digitale Fotografien mithilfe von Photoshop oder ähnlichen Programmen zu bearbeiten, doch dass dies nicht so häufig geschehe, wie in „The Reconfigured Eye“ behauptet. Bei dieser Bearbeitung gehe es, zumindest im privaten Bereich, nicht um Manipulation oder Fälschung, sondern nur um eine Optimierung der Fotos, um ihre Funktionalität zu verstärken.[12] Und auch im professionellen Gebrauch digitaler Bilder in den Medien werde sehr selten versucht, falsche oder irreführende Fotos herzustellen.[13] Nicht zuletzt droht einem Journalisten die Kündigung, sollte sich herausstellen, dass er gefälschte Fotos veröffentlicht hat. Weiter geht Mitchell darauf ein, dass das sogenannte genuine Bild ohnehin nicht existiere, weil „jede auf traditionelle Weise hergestellte Photographie […] gleichfalls ein Produkt von Manipulation im Sinne technischer und materieller Standards [war][…]“.[14] Schon allein durch die Auswahl von Kameraeinstellungen, Bildausschnitt, Hintergrund oder die Entscheidung darüber, wie das Bild entwickelt werden soll, werde eine Manipulation vorgenommen. Die Behauptung, analoge Fotos seien tendenziell wahr und digitale falsch, kann also widerlegt werden, da es überhaupt keine „wahren“ Fotos gibt.

Desweiteren ist es zwar vielleicht leichter, digitale Bilder zu fälschen, aber auch analoge sind vor einer Manipulation nicht sicher. In einem kürzlich erschienenen Buch beweist Ernst Volland, dass eine der fotografischen Ikonen des 20. Jahrhunderts, das Foto eines Soldaten, der am 2. Mai 1945 die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag hisst, nicht nur gestellt, sondern auch manipuliert ist. Nicht nur hat die Situation auf diese Art und Weise nicht stattgefunden, sondern hat der Fotograf, Jewgeni Chaldej, außerdem die Rauchwolken aus einem anderen Negativ ausgeschnitten und sie hier eingefügt, um das zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon gar nicht mehr brennende Berlin anders darzustellen und so die Bildwirkung zu dramatisieren.[15]

2. Phänomene der Digitalfotografie

Wenn also der Unterschied zwischen der analogen und der digitalen Fotografie, abgesehen von dem technischen, nicht darin liegt, dass die eine „wahr“ und die andere „falsch“ ist, worin liegt er dann? William J. T. Mitchell hat hier zwei Phänomene herausgearbeitet.

2.1 Massenhafte Digitalfotografie

Im Gegensatz zur analogen Fotografie kann man digital quasi, je nach Speichermedium, unbegrenzt viele Fotos machen. Man ist nicht mehr an die 24 beziehungsweise 36 Aufnahmen eines analogen Films gebunden. Das führt dazu, dass man nicht mehr so bedacht fotografiert, wie früher, und insgesamt viel mehr Fotos macht. Laut William J. T. Mitchell hat sich aber die Befürchtung Vieler, die Welt werde so mit Bildern überschwemmt werden, nicht bewahrheitet. Im Gegenteil beobachtet er, dass die meisten digitalen Bilder unbeachtet auf den Festplatten ihrer Besitzer verweilen, genauso wie früher die analogen Abzüge in einem Fotoalbum.[16] Dabei bestehe heute noch genauso die Gefahr des materiellen Verfalls wie zu Zeiten der analogen Fotografie.[17] Schließlich können Festplatten oder Speicherkarten ebenso kaputtgehen, wie Fotoalben.Ein Unterschied zwischen analoger und digitaler Fotografie sei, dass das Einüben völlig neuer Gewohnheiten erforderlich sei, wenn man seine digitalen Fotos ausdrucken und in ein Album kleben wolle. Zum Beispiel, ob man sie vorher bearbeiten und schließlich, wo und wie man sie ausdrucken sollte.[18] Allerdings habe heute kaum Jemand mehr die Zeit, seine digitalen Bilder auszuwählen, zu optimieren, drucken zu lassen und in ein Album zu kleben. Dies sei jedoch auch unerheblich, da sich der Umgang mit digitalen Fotos generell gegenüber dem mit analogen verändert habe.

[...]


[1] Newhall, Beaumont, Geschichte der Photografie, München 1989, S. 15.

[2] Mitchell, William J., The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post- Photographic Era, Massachusetts 1992,S. 24 (künftigeAbkürzung: Mitchell, William J.).

[3] Vgl. Ebd., S. 24.

[4] Ebd., S. 57.

[5] Ebd., S. 24.

[6] Vgl. Ebd., S. 24.

[7] Ebd., S. 28.

[8] Vgl. Ebd., S. 29

[9] Vgl. Ebd., S. 31.

[10] Vgl. Mitchell, William J. T., Realismus im Digitalen Bild, S. 242/ 243, in: Belting, Hans, ed., Bildfragen. Die Bildwissenschaften im Aufbruch,München 2007 (künftige Abkürzung: Mitchell, William J. T.).

[11] Vgl. Mitchell, William J., S. 7.

[12] Vgl. Mitchell, William J. T., S. 240.

[13] Vgl. Ebd., S. 243.

[14] Ebd., S.243.

[15] Vgl. Stiegler, Bernd, Montagen des Realen. Photographie als Reflexionsmedium und Kulturtechnik, München 2009, S. 13- 18.

[16] Vgl. Mitchell, William J. T., S. 249.

[17] Vgl. Ebd., S. 250.

[18] Ebd., S. 249.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Sind digitale Fotos weniger real als analoge Fotografien?
Untertitel
"Realismus im digitalen Bild" von William J. T. Mitchell und "The Reconfigured Eye" von William J. Mitchell
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Computer als Medium
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V337592
ISBN (eBook)
9783668268135
ISBN (Buch)
9783668268142
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fotografie, Digitalfotografie, Fotografiegeschichte, Realismus, Digitales Bild
Arbeit zitieren
Theresa Franke (Autor), 2012, Sind digitale Fotos weniger real als analoge Fotografien?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337592

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