Hellenen und Barbaren. Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Griechen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
9 Seiten, Note: 1
Clara Omag (Autor)

Leseprobe

HELLENEN UND BARBAREN: SELBSTBILD UND FREMDWAHRNEHMUNG DER GRIECHEN

Einführende Anmerkungen

Wird heute das Wort „Barbar“ verwendet, ist seine Bedeutung einheitlich klar verständlich. Wie auch im deutschen Duden definiert, wird damit ein „ungesitteter, wilder Mensch“ charakterisiert.[1] Allerdings implizierte dieser Begriff nicht immer diese negative Konnotation. Auf den folgenden Seiten werden der Ursprung dieses Wortes, die anfängliche Bedeutung sowie auch dessen Wandel im Laufe der Zeit hin zu dem heute üblichen Gebrauch untersucht. Da das Wort Barbar griechischer Abstammung ist, scheint es unumgänglich, auf Elemente der Geschichte der griechischen Antike zurückzugreifen. Denn es waren vorwiegend Kriege - eine besonders wichtige Rolle spielten hierbei die Perserkriege und der Peloponnesische Krieg - und der sich daraus bildende Konflikt zwischen fremden Völkern im Osten und den Griechen im Westen, die letzten Endes zu einem veränderten Selbstbild der Griechen und folglich auch zu der wandelnden Bedeutung des Wortes Barbar geführt haben.[2]

Demnach wird diese Arbeit in zwei Teile gegliedert: Der erste beschäftigt sich mit dem Ursprung und dem Wandel des Barbarenbegriffes, während der zweite genauer auf das neue Selbstbewusstsein der Griechen sowie auch auf das daraus wachsende Überlegenheitsgefühl über alle anderen Völker eingeht. So wird die Entwicklung dieses Wortes umfangreich beleuchtet.

Ursprung, Bedeutung und Wandel des Barbarenbegriffes

Forscht man nach dem Wortursprung des Begriffs Barbar, muss vorweg genommen werden, dass dieser älter als die Bezeichnung Hellenen für das griechische Volk ist. Demnach kann sich der Begriff kaum aus dem semitischen Wort barbaru ableiten, welches „fremd, ausländisch“ bedeutet, denn eine solche Bezeichnung wird sich nicht gegen das Volk kehren, von dem sie kommt. Wahrscheinlicher ist, dass Barbar aus dem Indogermanischen stammt und „stammelnd, stotternd, unverständlich“ bedeutet. Genau mit dieser Bedeutung war der Begriff ursprünglich verhaftet.[3]

In der Literatur taucht das Wort Barbar erstmals bei Homer als Beiwort der Karer auf, wobei dessen Bedeutung noch nicht ganz geklärt ist. Das Wort bedeutet entweder „die nur stammelnd Griechisch Sprechenden“ oder die „Fremdsprachigen“. Jedoch bezeichnete Homer nur die Karer als Barbaren, nicht aber die Trojaner.[4] Dies könnte darauf zurückgeführt werden, dass Homer die Sprache der Karer kannte, während ihm die Trojaner nur aus der Sage bekannt waren und er demnach auch nicht wusste, wie ihre Sprache klang.[5] Darüber hinaus gab Homer in seinen Epen auch kein grundlegendes Werturteil über die Trojaner ab und bleibt in seiner Darstellung weitgehend neutral.[6]

Weitere Erwähnungen des Barbarenbegriffes als Volksbezeichnungen findet man bei Hekataios, Simonides, Aischylos und Herodot. Sie verwendeten den Begriff aber nur als Bezeichnung für fremde Gruppen und blieben in ihrer Darstellung noch weitgehend neutral; Herodot spricht im ersten Buch der Geschichte auch von den „großen und wunderbaren Werke[n] (…), die von den Hellenen und Barbaren verbracht wurden.“ Demnach bezog sich der Begriff anfangs auf alle nicht-griechischsprachigen Gruppen - von der Bedeutung des Barbarentums im späteren Sinne ist hier noch nicht die Rede.[7]

Thukydides war der Meinung, dass sich der Barbarenbegriff erst mit den Perserkriegen gebildet hätte. Nun ist diese Annahme mit der Erwähnung bei Homer zwar widerlegt, allerdings kamen in der Tat wesentliche Änderungen im Zuge der Perserkriege auf.[8] Denn mit dem Sieg über die Perser stärkte sich das Selbstbewusstsein der Griechen und der Name Héllenes und Hellás kam auf, der das griechische Zusammengehörigkeitsgefühl nach außen widerspiegelte. Er deutete wahrscheinlich auf Nordgriechenland hin, wo zuerst ein kleines Gebiet und Volk so bezeichnet wurden, und wurde später auf das ganze Land übertragen. Als Gesamtname der Nation erschien er zum ersten Mal bei Hesiod um 700 vor Chr. und wohl bald darauf wurden alle griechisch sprechenden Völker als Hellenen und alle anderen als Barbaren bezeichnet.[9] Allerdings blieben beim Hellenenbegriff die Grenzen fließend, da man lange darüber diskutierte, ob die Aitoler, Akarnanen, ozolischen Lokrer, Epiroten, Thessaler und Mazedonier auch zu den Hellenen zählten oder doch den Barbaren angehörten.[10]

Mit den Perserkriegen, während derer zum ersten Mal fremde ethnische Gruppen auf griechischem Boden handelten, entstand ein neues Selbstbewusstsein der Griechen, deren Zusammengehörigkeitsgefühl sie als Gemeinschaft stärkte. Durch das Wort Hellenen wurde diesem neuen Selbstbild auch Ausdruck verliehen, denn so konnten sie von den fremden Völkern, die wie schon erwähnt kollektiv als Barbaren bezeichnet wurden, abgegrenzt werden. So war klar festgelegt, wer zu der hellenischen Kultur gehörte und wer nicht. Zugleich liegen in diesem Krieg auch die Wurzeln des Konfliktes zwischen den Griechen im Westen und den Barbaren im Osten. Hier sei angemerkt, dass der Gegensatz Ost-West nicht in geographischer Hinsicht zu verstehen ist. Räumliche Gegebenheiten wurden zwar mit einbezogen, aufgrund der damaligen geographischen Gegebenheiten waren diese aber nur nebensächlich. Mehr als die geographische Differenz spielten, wie auch Thukydides erkannte, die unterschiedlichen Werte eine weit bedeutendere Rolle: diese Werte setzten sich zusammen aus griechischer Demokratie und Freiheit im Westen und barbarischer Tyrannei und Knechtschaft im Osten.[11]

Diese Antithese Griechen und Barbaren, die im Zuge der Perserkriege aufkam, lief auch dahingehend, dass der Trojanische Krieg und das homerische Epos nun mit anderen Augen betrachtet wurden und die neue Vorstellung der Barbaren in die mythische Zeit eingeleibt wurde. So sprachen nun die Toer in griechische Theateraufführungen beispielsweise eine unverständliche barbarische Sprache, auch wenn bei Homer – wie oben erwähnt – noch kein Unterschied zwischen Troern und Griechen gefunden werden konnte.[12] Dieses antipersische Gefühl wurde vor allem nach dem verlorenen Peloponnesischen Krieg stark und spiegelte sich auch in der griechischen Kunst wider. So wurden die Perser beispielsweise auf Vasen als ein Heer willeloser Sklaven dargestellt, über die die Griechen naturgegeben herrschen sollten.[13]

Das erste ablehnende schriftliche Zeugnis für die Barbaren findet man in Euripides Dramen, die während des Peloponnesischen Krieges entstanden sind. Die Rückschläge dieses Krieges und die darauffolgenden Jahre veränderten das Selbstbild der Griechen grundlegend. Aufgrund der Eingliederung der Griechenstädte Kleinasiens in das Perserreich und dem wachsendem Einfluss der persischen Diplomatie in der innergriechischen Politik entstand eine Abneigung gegen die fremden Perser, die man jederzeit bereit war, auf alle Barbaren zu übertragen. So stellten die Griechen nun ihre Kultur und ihre Werte über die der Barbaren und bezeichneten diese als ungebildete, rohe Geschöpfe.[14] Dieses griechische Selbstbewusstsein sowie auch ihre Sichtweise des Fremden werden nun im folgenden Abschnitt genauer beleuchtet.

Das griechische Selbstbewusstsein und die Wahrnehmung des Fremden

Wie bereits erwähnt veränderte die Niederlage im Peloponnesischen Krieg das Selbstbild der Hellenen. Die griechische Welt war nun zweigeteilt. Einerseits blühten die Wissenschaften und das Können und Wissen Griechenlands beeinflusste langsam die ganze Welt, auf der anderen Seite versank die zersplitterte griechische Staatenwelt zunehmend in Machtlosigkeit. In anderen Worten genossen ihre wissenschaftlichen und geistigen Errungenschaften großes Ansehen und repräsentierten den Stolz der Hellenen, während ihre politische Situation immer mehr in Hohn und Spott versank. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die politische Situation nicht dem Selbstwertgefühl der Griechen entsprach und diese folglich geändert werden musste.[15]

Auf diesem Fundament entsprang das Gefühl, dass die Griechen von Natur aus den Barbaren überlegen seien. Denn dies kompensierte die Zustände des politischen Lebens, wobei dieses Überlegenheitsgefühl nach Kosellek auch als Selbstschutzbehauptung interpretiert werden kann. So hatte die griechische Kultur durchaus Eigenheiten, die den Fremden fehlten, wie etwa die Stiftung der polis als Bürgerverfassung, ihre gerühmte Bildung des Körpers und des Geistes, ihre Sprache und Kunst oder ihre Orakel und kultische Feiern. Allerdings waren die Barbaren von diesen ausgeschlossen.[16] So wollten die Griechen an die „Spitze der Menschheit (…) schreiten und ihren Nachbarn in jeder Hinsicht überlegen (…) sein“.[17]

In ihrem Gefühl der absoluten Überlegenheit setzten sich die Griechen in die Mitte der Welt, betrachteten ihre Kultur als maßgebend und alles andere als schlecht. Alle, die sich von den Griechen unterschieden, wurden aus ihrem Leben ausgeschlossen, denn durch Berührung eines Barbaren würde alles verunreinigt. Das deutlichste Unterscheidungsmerkmal hierbei war die Sprache und folglich auch die griechische Bildung. So wollten die Griechen die Barbaren nicht in den Genuss ihrer Ausbildung kommen lassen, da den Barbaren jegliche geistige Intelligenz abgesprochen wurde. Auch innerhalb der politischen und kulturellen Einrichtungen wurde die Abgrenzung deutlich, da die Rechte der Griechen für keine andere Kultur galten. Darüber hinaus wurde auch auf den Unterschied der körperlichen Ausbildung hingewiesen, die allen den sportlichen griechischen Kämpfern untergeordnet waren.[18]

[...]


[1] Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 23., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Hg. von Matthias Wermke. Bd. 1,12; Mannheim 2004, 202.

[2] vgl. J. Opelt, W. Speyer., Barbar, in: Jahrbuch für Antike und Christentum. Jahrgang 10, Münster Westfalen 1968, 254-260.

[3] Julius Jüthner, Hellenen und Barbaren. Aus der Geschichte des Nationalbewusstseins, Leipzig 1923, 1.

[4] Opelt/Speyer., Barbar, 254.

[5] Jüthner: Hellenen und Barbaren, 2.

[6] Weber, Gregor: Troia, Homer, Schliemann und die Konstruktion eines europäischen Mythos, in: Mitteilungen vom Institut für europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Heft 15, Augsburg 2005, 15.

[7] Oplet/Speyer: Barbar, 254.

[8]. Ebd. 254f.

[9] Jüthner, Hellenen und Barbaren, 4f.

[10] Opelt/Speyer, Barbar, 255.

[11] Weber, Troia, Homer, Schliemann, 22-24.

[12] Jüthner, Hellenen und Barbaren, 3.

[13] Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. von Hubert Cancik. Bd. 2,16; Stuttgart 1997, 439.

[14] Albrecht Dihle: Die Griechen und die Fremden, München 1994, 46f.

[15] Ebd. 47-49.

[16] Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979, 219- 221.

[17] Jüthner, Hellenen und Barbaren, 4.

[18] Ebd., 5-7.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Hellenen und Barbaren. Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Griechen
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
KU Quellen und Methoden der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Europaforschung
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V337690
ISBN (eBook)
9783668270107
ISBN (Buch)
9783668270114
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hellenen, barbaren, selbstbild, fremdwahrnehmung, griechen
Arbeit zitieren
Clara Omag (Autor), 2012, Hellenen und Barbaren. Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Griechen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337690

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