In der folgenden Arbeit werden zwei Filme untersucht, die zwar anscheinend dem gleichen Genre der sogenannten „Holocaust-Filmkomödien“ zugehören, jedoch filmgeschichtlich weit auseinander liegen. Zum einen handelt es sich um die 1972 erschienene Verfilmung des Romans „Jakob der Lügner“, und zum zweiten Radu Mihaileanus „Train of Live“, der 1998 in die Kinos kam. Und obwohl fast 25 Jahre zwischen ihnen liegen, lösten beide nach ihrer Veröffentlichung eine ähnliche Kontroverse aus, inwiefern eine humorvolle Darstellung des Holocaust gerechtfertigt ist.
Um diese Distanz zu veranschaulichen, soll in einem theoretischen Teil dieser Arbeit erst auf die Geschichte der „Holocaust-Komödie“ eingegangen werden. Welche Filme werden diesem Genre zugeordnet und welche Rolle spielen die hier untersuchten Filme dabei? Ebenfalls in diesem Teil der Arbeit soll der Frage nach der Darstellbarkeit der Shoah im Medium Film nachgegangen werden. Wann kann eine Darstellung für sich in Anspruch nehmen, dem historischen Gegenstand gegenüber „angemessen“ zu sein, und welche spezifische Leistung kommt satirischen Genres bei der Darstellung zu? In einem zweiten praktischen Teil wird auf die beiden Filme eingegangen. Dies wird zum Teil exemplarisch durch die Analyse einzelner ausgewählter Szenen geschehen. In Bezug auf Komik und Humor werden jedoch auch die Filme als Ganzes betrachtet. Ziel der Arbeit soll nach der Analyse der beiden Filme, ein Vergleich dieser sein und versucht werden, mögliche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede herauszuarbeiten. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach dem Humor und der Komik. Welche Möglichkeiten diese Herangehensweise bietet, aber auch welche Grenzen sie möglicherweise aufzeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Holocaust-Komödie“
3. Die Frage nach der Darstellbarkeit der Shoah
4. Authentizität ad absurdum
5. Jakob der Lügner
5.1. Fakten und Hintergrund
5.2. Die Verneinung der Authentizität
5.3. Über Komik und Humor in Jakob der Lügner
5.4. Zusammenfassung
6. Train of Life
6.1. Fakten, Hintergrund und der ewige Vergleich mit Benignis La Vita è Bella.
6.2. Es war einmal ein Märchen - Die Eröffnungsszene
6.3. Humor und Absurdität in Train of Life
6.4. Zusammenfassung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die filmische Darstellung des Holocaust durch das Genre der „Holocaust-Komödie“, wobei der Fokus auf einem Vergleich zwischen Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ (1972) und Radu Mihaileanus „Train of Life“ (1998) liegt. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, wie beide Filme trotz ihrer filmgeschichtlichen Distanz das Mittel des Märchens und des Humors einsetzen, um die Grenzen der Darstellbarkeit des Holocaust zu hinterfragen und künstlerisch zu überschreiten.
- Die historische Entwicklung und Legitimität der „Holocaust-Komödie“.
- Die theoretische Auseinandersetzung mit der Darstellbarkeit der Shoah im Medium Film.
- Die Analyse des Absurden und des Märchenhaften als narrativer Rahmen in den untersuchten Werken.
- Die Funktion von Komik und Humor als Mittel zur emotionalen Annäherung an das Grauen.
- Die kritische Reflexion des Authentizitätsbegriffs in der Holocaust-Filmgeschichte.
Auszug aus dem Buch
Über Komik und Humor in Jakob der Lügner
Marcel Reich-Ranicki meinte einst über den Roman von Jurek Becker: „Bei einem so düsteren Thema lässt sich mit Düsterheit am wenigsten ausrichten, eher schon mit hellen und heiteren Kontrasteffekten, mit Witz und Komik. Das allerdings ist eher schwierig und waghalsig. Aber Becker hat es geschafft.“
Um die Komik oder Humor in Jakob der Lügner genauer deuten zu können, sollte erst auf die Hauptfigur Jakob Heym eingegangen werden. Bei genauerer Betrachtung kann Jakob als ein säkularisierter, unaufdringlicher, aber treuherziger Tollpatsch bezeichnet werden, der in die Rolle des Lügners, im wahrsten Sinne des Wortes hineinstolpert. Die Aufgabe seinen Mitbewohnern im Ghetto Nachrichten aus seinem erfundenen Radio zu überbringen und dabei allen Hoffnung auf ein Leben danach zu geben, fällt im aufgrund eines gemeinen Scherzes eines deutschen Soldaten sozusagen zu. Und so wird aus dem zwar freundlichen, aber unscheinbaren Jakob, der interessante und wichtige Überbringer aktueller Nachrichten von der näher rückenden roten Armee. Jakob erinnert ein wenig an die Figur des Schlemihls, dem Narren, der nicht ernst genommen wird, jedoch aufgrund extremer Umstände zum Retter wird.
Margrit Fröhlich meint in ihrem Aufsatz auch, dass „die Namensgebung in Jakob der Lügner [...] außerdem auf den biblischen Jakob im alten Testament an[spielt], der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht nahm und ihn mittels List und Lügen um den väterlichen Segen betrog. Mit seiner Figurenzeichnung rührt Becker an antisemitische Stereotype vom 'lügenden Juden′, die sich ebenfalls auf diese biblische Figur beziehen.“ Weiter meint Fröhlich, dass es sich bei Jakob um einen Antihelden handelt, um einen „einfachen Mann“, der moralisch fehlbar ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Problematik der Darstellung des Holocaust im Film und stellt die beiden zu untersuchenden Werke als Beispiele der „Holocaust-Komödie“ vor.
2. Die „Holocaust-Komödie“: Dieses Kapitel ordnet das Genre historisch ein und diskutiert die Kontroverse um die humorvolle Darstellung der NS-Zeit sowie die Rolle der Satire.
3. Die Frage nach der Darstellbarkeit der Shoah: Hier wird der philosophische Diskurs um das Adorno-Diktum beleuchtet und die Frage aufgeworfen, wo die Grenzen der Darstellung des Unsagbaren liegen.
4. Authentizität ad absurdum: Das Kapitel untersucht das Absurde als künstlerisches Element und hinterfragt den Zwang zur mimetischen Realitätsdarstellung.
5. Jakob der Lügner: Die Analyse konzentriert sich auf die Entstehungsgeschichte, die Rolle der Hauptfigur und die bewusste Entscheidung gegen historische Authentizität zugunsten einer märchenhaften Erzählstruktur.
6. Train of Life: Dieses Kapitel widmet sich der vergleichenden Analyse von Mihaileanus Werk, seiner Struktur als „Märchen“ und dem Umgang mit Klischees sowie der Entdämonisierung der Täter durch Humor.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Filme Humor nicht zur Verharmlosung nutzen, sondern als „leichten“ Zugang zu einem schweren Thema, um neue künstlerische Terrains zu erschließen.
Schlüsselwörter
Holocaust, Holocaust-Komödie, Jurek Becker, Radu Mihaileanu, Jakob der Lügner, Train of Life, Darstellbarkeit, Märchen, Humor, Absurdität, Authentizität, Shoah, Satire, Filmgeschichte, Ghetto.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie zwei spezifische Filme, die dem umstrittenen Genre der „Holocaust-Komödie“ zugeordnet werden, das Grauen des Judenmords mittels Humor und märchenhafter Erzählweisen thematisieren.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Holocaust-Filmkomödie, die ethischen Grenzen der Darstellung historischer Traumata sowie die Analyse von narrativen Mitteln wie Ironie, Absurdität und Fiktion.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob und wie eine humorvolle Darstellung des Holocaust gerechtfertigt sein kann und welche künstlerischen Möglichkeiten dieser Ansatz bietet, um die Grenzen der Darstellung zu verschieben.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende filmwissenschaftliche Analyse, die theoretische Diskurse (u.a. von Adorno, Friedländer und Banki) mit der exemplarischen Szenenanalyse der beiden Filme verbindet.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Holocaust-Darstellung und das Konzept des Absurden erörtert, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Filme „Jakob der Lügner“ und „Train of Life“ hinsichtlich ihrer Ästhetik und Figurenzeichnung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Begriff der Holocaust-Komödie sind Begriffe wie Authentizität, Märchenstruktur, Darstellbarkeit der Shoah, Ironie und das Absurde prägend für die Arbeit.
Warum wählte der Autor gerade diese beiden Filme für seinen Vergleich?
Obwohl etwa 25 Jahre zwischen den Veröffentlichungen liegen, werden beide Filme häufig demselben Genre zugeschrieben. Der Vergleich verdeutlicht die unterschiedlichen filmgeschichtlichen Kontexte und die Wandlung der Sichtweise auf die Täter.
Wie verändert sich die Darstellung der Täter (Nazis) zwischen den beiden Filmen laut Analyse?
Während die Nazis in „Jakob der Lügner“ nur am Rande vorkommen, setzt „Train of Life“ sie als lächerliche, von Ideologie geblendete Figuren ein, was eine stärkere Entdämonisierung und einen humorvolleren Umgang ermöglicht.
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- Daniel Macher (Author), 2010, "Holocaust-Komödien". Komik und Humor in der Verfilmung von Jurek Beckers "Jakob der Lügner" und Radu Mihaileanus "Train of Life", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337708