Die Belagerung einer frühneuzeitlichen Stadt. Die Zweite Türkenbelagerung Wiens 1683


Seminararbeit, 2015
37 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entwicklung der Stadtbefestigung in der frühen Neuzeit
2.1 Die Entstehung des Bastionärsystems
2.2 Die Stadtbefestigungen Wiens im Jahre 1683

3 Phase 1: Vorbereitung & Einschluss
3.1 Vorbereitung der Belagerung und Einschließen der Stadt
3.1.1 Vorbereitung der Angreifer
3.1.2 Vorbereitung der Verteidiger
3.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

4 Phase 2: Artilleriebeschuss & Annäherung
4.1 Artilleriebeschuss und Annäherung an die Verteidigungsanlagen
4.1.1 Arten der Belagerungsartillerie
4.1.2 Munitionsarten
4.1.3 Ziele des Artilleriebeschusses
4.1.4 Annäherung
4.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

5 Phase 3: Minenkrieg
5.1 Unterminieren der Verteidigungsanlagen
5.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

6 Phase 4: Sturmangriff & Ausfall
6.1 Sturmangriffe auf die Verteidigungsanlagen und Ausfälle der Verteidiger
6.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

7 Phase 5: Ende der Belagerung
7.1 Ende der Belagerung: Abzug, Erstürmung, Kapitulation oder Entsatz
7.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

8 Zusammenfassung und Fazit

9 Abbildungsverzeichnis

10 Literatur

1 Einleitung

Zur Wende vom Mittelalter zur Neuzeit war mit dem Aufkommen der Pulvergeschütze und deren Mobilisierung durch Lafetten die Zeit der fast uneinnehmbaren Adelsburgen und Stadtmauern zu einem Ende gekommen. Nur mehr moderne Befestigungsanlagen, die selber den massiven Einsatz von Artillerie erlaubten, konnten Belagerungen widerstehen.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die militärischen Aspekte einer Stadtbelagerung in der Frühneuzeit. Die gerade auch für den Ausgang der Belagerung (s. 7.1) keinesfalls unwichtigen Aspekte der Versorgungs- und Seuchenproblematik behandelt die Arbeit der Koll. Birgit Brenner.

Die Arbeit gliedert sich in folgende Abschnitte:

- kurzer Überblick über die Entwicklung der Stadtbefestigung in der frühen Neuzeit (soweit zum weiteren Verständnis der Arbeit notwendig)
- Phase 1: Vorbereitung & Einschluss
- Phase 2: Artilleriebeschuss & Annäherung
- Phase 3: Minenkrieg
- Phase 4: Sturmangriff & Ausfall
- Phase 5: Ende der Belagerung

Durch Verwendung des Wortes „Phase“ soll dabei allerdings keinesfalls ein chronologischer Ablauf impliziert werden. Wenn auch der Einschluss der Stadt und das Ende der Belagerung selbstverständlich den zeitlichen Rahmen abstecken, so finden die anderen Phasen durchaus auch gleichzeitig statt, beziehungsweise lassen sich nicht so eindeutig voneinander abgrenzen, wie das Gliederungsschema vielleicht vermuten lassen könnte.

In jedem Abschnitt wird zuerst allgemein auf die angesprochenen Aspekte eingegangen und dann die Zweite Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683 als Beispiel herangezogen. Im Fazit soll darauf aufbauend die Frage beantwortet werden, inwieweit dieses Beispiel einer Belagerung einer frühneuzeitlichen Stadt zeittypisch ist bzw. in welchen Punkten bedeutende Abweichungen vom Verlauf zeitgenössischer Stadtbelagerungen festgestellt werden können.

2 Die Entwicklung der Stadtbefestigung in der frühen Neuzeit

Mit der Erfindung und der zunehmenden Verbreitung von schießpulvergetriebenen Artilleriewaffen wurden die mittelalterlichen Stadtbefestigungen obsolet. (Nicht umsonst galt der Fall der als uneinnehmbar geltenden Mauern Konstantinopels 1453 unter dem Beschuss der osmanischen Kanonen lange als Epochengrenze.)[1] Eine rein defensive Ausrichtung der Verteidigungsanlagen musste abgelöst werden durch eine offensivere Art der Verteidigung, die den Verteidigern ebenfalls den Einsatz von Artillerie und Feuerwaffen gegen die Angreifer ermöglichen würde. Im Laufe der Frühen Neuzeit entstand so das ‚Bastionärsystem‘.

2.1 Die Entstehung des Bastionärsystems

Der konzentrierte Beschuss aus Kanonen brachte die relativ dünnwandigen mittelalterlichen Stadtmauern rasch zum Einsturz. Eine erste Gegenmaßnahme bestand darin, die Mauern gerade an ihrer Basis zu verstärken. Dazu wurden mit Mauer- oder Ziegelwerk verkleidete, abgeschrägte Erdaufschüttungen eingesetzt, die später die aufragenden Mauern völlig ersetzten.[2] Die verhältnismäßig lockere Erde absorbierte die Aufschlagsenergie[3], die schrägen Verkleidungen ließen Kanonenkugeln abprallen.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Rondell mit totem Winkel

Zusätzlich wurden die Mauerkronen erweitert, damit dort Kanonen stationiert und auch transportiert werden konnten, um ihr Verteidigungsfeuer an gefährdeten Angriffspunkten zu konzentrieren.[5] Auch wo dieser enorme finanzielle und bauliche Aufwand[6] gescheut wurde, konnten zumindest die Türme zu Rondellen ausgebaut werden: oft mehrgeschossige, mit Gewölben versehene Kanonenplattformen, die die Mauerkrone kaum oder gar nicht mehr überragten und daher unter Beschuss weniger einsturzgefährdet waren.[7]

Allerdings hatten Rondelle einen gravierenden Nachteil: Durch ihre halbrunde Bauform entstand direkt vor dem Rondell ein ‚toter Winkel‘, den weder die Mauer- noch die Rondellbesatzungen unter Beschuss nehmen konnten (s. Abb. 1, toter Winkel schraffiert). Angreifer konnten sich in diesem Mauerbereich ungefährdet festsetzen, die Mauer unterminieren und zum Einsturz bringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Bastionärsystem

Die Lösung dieser Problematik gelang mit dem Ersatz der halbrunden Rondelle durch fünfeckige oder herzförmige Bastionen. Durch die geometrisch exakte Planung der Seitenlängen und Winkel der Verteidigungs­anlagen wurde gewähr­leistet, dass jede Mauerflanke durch ein anderes Verteidigungswerk gedeckt wurde und jeder Abschnitt des Grabens zumindest von einer Stelle beschossen, i. A. aber von meh­reren Seiten ins Kreuz­­feuer genommen werden konnte (s. Abb. 2, Schusslinien der Verteidiger strichliert).[8]

Zum Schutz der eigentlichen Stadtmauer zwischen den Bastionen (der sog. Kurtine) vor direktem Beschuss wurden noch weitere Verteidigungswerke vorgelagert: meist dreieckige oder pfeilförmige Ravelins als zusätzliche Verteidigungsplattformen im Graben (in Abb. 2 in der Bildmitte), am äußeren Grabenrand der ‚gedeckte Weg‘, den Palisaden und das abgeschrägte Glacis nach außen schützten. Schon dort konnten die Verteidiger Kanonen und Infanterie positionieren und sich gegebenenfalls auf die nächste Verteidigungslinie zurückziehen – den Angreifern blieb nichts Anderes übrig, als sich von Verteidigungswerk zu Verteidigungswerk bis zur Stadtmauer vorzukämpfen.[9]

Schön dargestellt wurde die Transformation der Stadtbefestigung zum Bastionärsystem in den Stadtansichten des Bauhistorikers Karl Gruber[10] – Ausschnitte daraus zeigt Abb. 4:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Der Wandel der Stadtbefestigung zum bastionären System

2.2 Die Stadtbefestigungen Wiens im Jahre 1683

Der Angriff der Osmanen kam nicht überraschend, hatten diese doch seit der Ersten Türkenbelagerung im Jahre 1529 immer weiter nach Europa ausgegriffen. Nachdem die hoch- und spätmittelalterlichen Wälle Wiens der ersten Belagerung gerade noch getrotzt hatten, wurde 1530 sogleich mit dem Bau der ersten Bastion vor der Hofburg begonnen.[11] In den darauffolgenden eineinhalb Jahrhunderten entstand unter großen finanziellen Opfern und unter Rückgriff auf den Frondienst der Bauern aus der Umgebung Wiens, ja teilweise sogar ganz Niederösterreichs[12] eine moderne Verteidigungslage mit zwölf Bastionen und zusätzlichen Werken im Graben.[13] Abgeschlossen wurden die Arbeiten erst 1672 – wenn man überhaupt vom Abschluss der Arbeiten sprechen kann, „da Fortschritte in dem einen Abschnitt oft von Verfallserscheinungen in einem anderen begleitet wurden“ [14]. Die Osmanen standen zu dieser Zeit jedenfalls schon seit acht Jahren in Ungarn, also gleichsam ‚vor den Toren Wiens‘.

Zum Glück der Österreicher gelang es im Jahre 1681, Georg Rimpler für ein außerordentliches Jahresgehalt von 2.000 Gulden als Chefingenieur für das Festungswesen anzuwerben. Auf ihn gehen die in den Jahren 1682 und `83 erfolgten Aus- und Umbauarbeiten an den Befestigungen der Stadt Wien zurück. Bis zu seinem Tod während der Belagerung war er der militärtechnische Ratgeber des Festungskommandanten.[15]

Dem während der Belagerung ebenfalls in Wien anwesenden Ingenieur, Kartographen und Freund Rimplers Daniel Suttinger[16] verdanken wir detaillierte Graphiken der Befestigungsanlagen – der Ausschnitt in Abb. 5 zeigt den am härtesten umkämpften Abschnitt zwischen Burgbastei (‚Bastei‘ wird in Österreich gleichbedeutend zum Begriff ‚Bastion‘ verwendet) und Löwelbastei mit dem dazwischengelagerten Burgravelin.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Der belagerte Abschnitt der Wiener Befestigungsanlagen:
Burg- und Löwelbastei mit dazwischenliegendem Burgravelin

3 Phase 1: Vorbereitung & Einschluss

Die Belagerung einer Stadt war eine militärische und logistische Großleistung und bedurfte umfangreicher Vorbereitungen (die genaugenommen mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern konnten, rechnet man die Errichtung der Verteidigungsanlagen bzw. die Anschaffung eines brauchbaren Artillerieparks an Belagerungsgeschützen hinzu).

Da die Rüstungsmaßnahmen der Angreifer daher kaum übersehen werden konnten, blieb den Verteidigern auch immer (mehr oder weniger) Zeit, sich ebenfalls für die bevorstehende Belagerung einzurichten.[17]

3.1 Vorbereitung der Belagerung und Einschließen der Stadt

3.1.1 Vorbereitung der Angreifer

Allererste Aufgabe der Angreifer war die Versammlung einer hinreichend großen Belagerungsstreitmacht – was trivial erscheint, erforderte einen enormen logistischen Aufwand v. a. für die Artillerie. Schon im 16. Jahrhundert forderte der Herzog von Guise für die Belagerung einer Festung acht- bis zehntausend Schuss und 200.000 Pfund Pulver[18] – Zahlen, die später noch wesentlich erhöht wurden:

„Nach einem zeitgenössischen Entwurf waren alleine 226 Pferde vonnöten, um eine Batterie von zehn Zwölfpfündern samt ihrem Zubehör zu bewegen. Die nach diesem Entwurf für eine dreißigtägige Belagerung benötigte Munition, 700 000 beziehungsweise 1 000 000 Pfund Pulver, dazu 140 000 oder 195 000 Kugeln und Bomben, musste mit rund 3000 Wagen und 12 000 Pferden transportiert werden […]“[19]

Diese Unmengen an Nahrung und Material wurden – teilweise über Jahre im Voraus hinweg – in Magazinen, Festungen und Grenzstädten eingelagert. Im Vorfeld und während der Belagerung war es eine der wichtigsten Aufgaben der Kavallerie, im Umland der Stadt zu plündern (oder vornehmer: zu fouragieren), was nicht rechtzeitig in die Stadt in Sicherheit gebracht werden konnte.[20]

Kam die Belagerungsstreitmacht vor einer Stadt an, wurde diese als erstes mit einer befestigten Linie (der Contrevallation) umschlossen, um jeglichen Kontakt nach außen und jeglichen Nachschub nach innen zu unterbinden.

Um sich gegen ein eventuell anrückendes Entsatzheer zu verteidigen, wurde oft noch eine zweite Befestigungslinie nach außen (die Circumvallation) errichtet.[21] Diese aufwändige Verteidigungsmethode wurde später aufgegeben und durch erhöhte Aufklärung, v. a. durch die Kavallerie, ersetzt.[22]

3.1.2 Vorbereitung der Verteidiger

Das Versammeln oder spätestens das Anrücken der Belagerungsstreitmacht mit ihrem riesigen Tross konnte den Verteidigern kaum verborgen bleiben – offen blieb meist nur die Frage, welche Stadt oder Festung genau Ziel des Angriffes sein würde.

Die Garnison der Stadt wurde verstärkt, indem zusätzliche Truppen aus der Umgebung dorthin gezogen wurden. (In der Frühen Neuzeit gab es noch keine Kasernen, die Soldaten der entstehenden Heere wurden in Bürgerhäusern einquartiert.[23] ) Im Gegenzug wurden ‚unnütze Mäuler‘, das waren alle diejenigen Stadtbewohner, die nicht in der Lage waren, eigene Nahrungsmittelvorräte für vier bis sechs Monate anzulegen, ausgewiesen. Davon waren besonders die städtischen Unterschichten betroffen, teilweise aber sogar Soldatenfrauen und -kinder. Die wohlhabendere Bürgerschaft, v. a. die Handwerker, waren aber prinzipiell in der Stadt erwünscht, da sie für die nicht-militärische Verteidigung (wie Brandschutz, Wach- und Bauaufgaben) herangezogen werden konnte.[24]

Zusätzliche Nahrungsmittel und Materialien wurden requiriert und eingelagert. (Hier war wieder die Bevölkerung der umliegenden Landschaften betroffen – im Unterschied zu den Angreifern wurde von den Verteidigern eine Bezahlung nach Ende der Belagerung zumindest versprochen…)[25]. Auch Waffen wurden beschlagnahmt, wobei besonders Jagd- und Schützenwaffen begehrt waren, die als ‚Büchsen‘ mit gezogenen Läufen im Gegensatz zu den glattläufigen ‚Flinten‘ der Soldaten ein gezieltes ‚Scharfschießen‘ erlaubten.[26]

Um den Angreifern jede Deckungsmöglichkeit vor der Stadt zu rauben, wurden die Vorstädte, Vegetation und Feldmauern niedergebrannt oder -gerissen (Rasur des Vorfeldes). Der französische Marschall de Tavannes schreibt im 16. Jahrhundert:

„Vororte sind für Festungen tödlich. Kein wohlberatener Gouverneur wird, wenn er die Zeit dazu hat, jemals Häuser, Hecken oder Gräben uneingeebnet lassen, da er weiß, dass diese Strukturen den Belagerern zum Beginn der Belagerung nützliche Deckung bieten.“[27]

Wenn die landschaftlichen Gegebenheiten es erlaubten, wurde das Umland sogar überflutet (Inundation).[28]

Hektisch wurden die Befestigungsanlagen, die vielleicht schon jahrzehntelang vernachlässigt worden waren, ausgebessert und verstärkt. Auch die Stadt selbst wurde vorbereitet – v. a. gegen das zu erwartende Artilleriebombardement: Häuserdächer wurden abgedeckt, nasser Mist, Erde oder Asche zum Löschen von Bränden auf den Dachböden deponiert, Wasser(-eimer) bereitgehalten, teilweise sogar das Straßenpflaster aufgerissen (zur Vermeidung von Splittern beim Einschlag der ‚Bomben‘).[29]

3.2 Fallbeispiel Zweite Türkenbelagerung Wiens 14.7.–12.9.1683

Die osmanischen Kriegsvorbereitungen waren gekennzeichnet durch wechselnde Phasen der Hast und der Verzögerungen, was auf die Schwächen ihres Feldherren, des Großwesirs Kara Mustafa Pascha, zurückzuführen war.[30] Die Mobilisation des Heeres hatte bereits im September des Jahres 1682 begonnen, und Straßen und Brücken an der Aufmarschroute nach Belgrad wurden ausgebessert. Das Heer versammelte sich in Istanbul und überwinterte in Edirne (Adrianopel).[31] Nachdem ein letztes Friedensangebot von Kaiser Leopold I. ausgeschlagen worden war, brach der Heerbann am 30. März mit ca. 120.000 Mann und 300 Geschützen unter Sultan Mehmed IV. Richtung Belgrad auf, wo am 3. Mai der Großwesir das Oberkommando übernahm.

Der Angriff der Osmanen kam für die Österreicher nicht überraschend. Schon in den Jahren 1681 und ´82 waren neue Regimenter aufgestellt worden, wodurch die Heeresstärke fast verdoppelt wurde.[32] Allerdings war nicht klar, wo der Schlag erfolgen würde. (Man rechnete eher mit einen Angriff auf die in Ungarn gelegenen Grenzbefestigungen – tatsächlich erfolgte der Entschluss, Wien anzugreifen, erst Ende Juni im von Kara Mustafa einberufenen Kriegsrat.[33] ) Während der Vormarsch der Osmanen nur langsam vorankam, waren die Diplomaten der Österreicher nicht untätig und schlossen eine Verteidigungsallianz mit den Kurfürsten von Bayern und Sachsen[34] und über Vermittlung (und Mitfinanzierung) des Papstes mit den Polen.[35] Mehrmals wurde der Hohen Pforte daraufhin Friede angeboten, doch Kara Mustafa ging nicht darauf ein.[36]

Am 7. Juli überschritten erste Horden der rund 20.000 Krimtartaren unter osmanischem Kommando die österreichische Grenze[37] und begannen mit Plünderungen, die sie bis an die Enns führen sollten.[38] Kaiser Leopold I. ließ Wien unter dem Schutz von rund 16.000 Verteidigern (11.000 Soldaten und 5.000 Mann Bürgerwehr) mit über 300 Geschützen unter dem Kommando von Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg zurück.[39] Mit dem Kaiser flüchteten Zehntausende der wohlhabenderen Bewohner der Stadt, so auch der Reichshofrat Jobst Heinrich Koch:

„[…] umb 9 Uhr uber Halß und Kopff sich auß Wien salviret und iederman davon zog, wer nur gelegenheit hatte. […] Was nun diß vor entsetzen in Wien veranlaßet, ist unbeschreiblich, […] und alle gaßen so voll aufflauffens gewesen, daß man weder gehen noch fahren können, in Summa, die Confusion kam darzu und war so groß, daß die Stad ohnfehlbar wäre draufgangen, wenn der feind damaln sie überrumpelt hette.“[40]

Da die Stadt ausreichend mit Lebensmitteln versorgt war, kam es nicht zu Ausweisungen – die Stadt nahm sogar tausende Flüchtlinge aus dem Umland auf. (Allerdings wurden einige von ihnen als ‚verdächtige Elemente‘ an den Toren abgewiesen.)[41]

Chefingenieur Rimpler erkannte richtig, von wo der Angriff der Osmanen erfolgen würde, und konzentrierte die Arbeiten auf den gefährdeten Abschnitt. Auf den Bastionen und Ravelins (besonders dem Burgravelin) wurden zusätzliche Grabenanlagen und Wälle errichtet, um den Verteidigern den Rückzug auf eine zweite Verteidigungslinie zu ermöglichen. Die Sohle des Stadtgrabens selbst wurde ebenfalls durch zusätzliche Werke verstärkt: ‚Schützengräben‘, Palisaden und Kaponnieren (eine Art ‚Bunker‘ aus Erdaufschüttungen und Holz) setzten die Angreifer beim Vordringen durch den Graben dem Kreuzfeuer aus und boten den Verteidigern Deckung.[42]

Auf Starhembergs Befehl hin wurden Holzdächer abgetragen, mehrere Holzgebäude abgerissen und 400 Mann als ‚Feuerwehr‘ eingeteilt. Vorsorglich wurden Massengräber für die erwarteten Verluste ausgehoben. Zusätzlich sollte die Errichtung eines Galgens ‚Verräter‘ abschrecken.[43]

[...]


[1] Volker Schmidtchen, Bombarden, Befestigungen, Büchsenmeister. Von den ersten Mauerbrechern des Spätmittelalters zur Belagerungsartillerie der Renaissance. Eine Studie zur Entwicklung der Militärtechnik, Düsseldorf 1977, 121.

[2] Ebd., 125.

[3] So konnten im Jahre 1555 zwei Bastionen und der dazwischenliegende Wall von Santhià in Piemont in drei aufeinanderfolgenden Tagen 3.500, 1.600 und 1.200 spanische Kanonenkugeln ohne größere Beschädigungen absorbieren, vgl. Christopher Duffy, Siege Warfare. The Fortress in the Early Modern World 1494-1660, 2. Auflage, London / New York 1997, 21.

[4] Haagen Haas, Belagerungskrieg: Absolutistische Festungsstädte im Ausnahmezustand, in: Thomas Kolnberger / Ilja Steffelbauer, Hg., Krieg in der europäischen Neuzeit, Bd. 2: Krieg und Gesellschaft, Wien 2010, 289–318, hier 290 f.

[5] Paddy Griffith, The Vauban Fortifications of France. Fortress, Bd. 42, Oxford / New York 2006, 43.

[6] Haas, Belagerungskrieg, 292.

[7] Thomas Biller, Zur Entwicklung der Stadtbefestigungen im 13.–15. Jahrhundert, in: Gabriele Isenberg / Barbara Scholkmann, Hg., Die Befestigung der mittelalterlichen Stadt, Bd. 45: Städteforschung: Reihe A, Darstellungen, Köln, Weimar, Wien 1997, 91–110, hier 96 f.

[8] Duffy, Siege Warfare, 25.

[9] Griffith, Fortifications, 44.

[10] Karl Gruber, Die Gestalt der deutschen Stadt. Ihr Wandel aus der geistigen Ordnung der Zeiten, 2. Auflage, München 1976.

[11] Ulrich Schütte, Wandlungen in der Stadtbefestigungstechnik seit dem frühen 16. Jahrhundert, in: Franz-Heinz Hye, Hg., Stadt-Burg-Festung. Stadtbefestigung von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, Internationale Tagung in Glurns (23.–25. 06.1994), Bd. 21: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Innsbruck 1994, 167–201, hier 172 f.

[12] Walter Hummelberger, Wien als Festung, in: Robert Waissenberger, Hg., Die Türken vor Wien 1683. Europa und die Entscheidung an der Donau, Salzburg, Wien 1982, 102–107, hier 105 f.

[13] Peter Broucek / Erich Hillbrand / Fritz Vesely, Historischer Atlas zur zweiten Türkenbelagerung. Wien 1683, Wien 1983, 16.

[14] John Stoye, Die Türken vor Wien. Schicksalsjahr 1683, Graz 2010, 57.

[15] Christopher Duffy, The Fortress in the Age of Vauban and Frederick the Great 1660–1789. Siege Warfare, Bd. 2, London u. a. 1985, 228; Stoye, Türken, 145.

[16] Broucek / Hillbrand / Vesely, Atlas, 55 f.

[17] Haas, Belagerungskrieg, 294.

[18] Zitiert nach Duffy, Siege Warfare, 23.

[19] Haas, Belagerungskrieg, 295.

[20] Ebd., 298.

[21] Duffy, Siege Warfare, 19.

[22] Haas, Belagerungskrieg, 299.

[23] Ralf Pröve, Der Soldat in der „guten Bürgerstube“: Das frühneuzeitliche Einquartierungssystem und die sozioökonomischen Folgen, in: Bernhard R. Kroener / Ralf Pröve, Hg., Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn, München, Wien, Zürich 1996, 191–218.

[24] Haas, Belagerungskrieg, 298.

[25] Ebd., 296.

[26] Ebd., 298.

[27] Zitiert nach Duffy, Siege Warfare, 250 (Übersetzung des Autors).

[28] Haas, Belagerungskrieg, 296 f.

[29] Ebd., 297.

[30] Stoye, Türken, 132; Duffy, Fortress, 228 f.

[31] Broucek / Hillbrand / Vesely, Atlas, 12.

[32] Stoye, Türken, 79.

[33] Simon Millar, Vienna 1683. Christian Europe Repels the Ottomans. Campaign, Bd. 191, Oxford / New York 2008, 29.

[34] Broucek / Hillbrand / Vesely, Atlas, 48.

[35] Stoye, Türken, 95–100.

[36] Millar, Vienna 1683, 28.

[37] Broucek / Hillbrand / Vesely, Atlas, 13.

[38] Ebd., 28.

[39] Ebd., 24.

[40] Karl Steinmüller, Wien 1683: Ein Bericht von Jobst Heinrich Koch, in: Wiener Geschichtsblätter 34/4 (1979), 176–187, hier 182 f.

[41] Stoye, Türken, 117.

[42] Duffy, Fortress, 230 f.

[43] Johannes Sachslehner, Anno 1683. Die Türken vor Wien, 2. Auflage, Wien / Graz / Klagenfurt 2011, 186–189; Stoye, Türken, 130 f.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Belagerung einer frühneuzeitlichen Stadt. Die Zweite Türkenbelagerung Wiens 1683
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Kulturgeschichte: »Die Stadt, ihre Mauern und Tore«
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V338047
ISBN (eBook)
9783668274464
ISBN (Buch)
9783668274471
Dateigröße
1691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Belagerung, Stadtbelagerung, Belagerungstechnik, Befestigungstechnik, Kriegsgeschichte, Wien, 2. Türkenbelagerung
Arbeit zitieren
Mag. rer. nat. Martin Thomaschütz (Autor), 2015, Die Belagerung einer frühneuzeitlichen Stadt. Die Zweite Türkenbelagerung Wiens 1683, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338047

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