Riot Grrrl - Modetrend oder Teil der Dritten Welle der US amerikanischen Frauenbewegung?


Diplomarbeit, 2004
93 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Eine neue Stimme, aber eine alte Bewegung – Frauenbewegung USA
2.1. Erste Welle Feminismus
2.1.1 Wie alles begann
2.1.2 Die Ziele
2.1.3 Die Welle läuft aus
2.2. Zweite Welle Feminismus
2.2.1 Eine neue Welle
2.2.2 Die Ziele der Bewegung
2.2.3 Die Welle läuft aus
2.3. Dritte Welle Feminismus
2.3.1 Begriffsklärung: Postfeminismus oder Dritte Welle
2.3.2 Was ist die dritte Welle?
2.3.3 Gemeinsamkeiten mit vorherigen Wellen
2.3.4 Unterschiede zu vorherigen Wellen
2.3.5 Wie geht es weiter?

3. Revolution, Grrrl-Style, Now!
3.1. Ursprung
3.2. Starting the Riot
3.3 Ebenen der Revolution
3.3.1 Musik
3.3.2 Fanzines
3.3.3 Internet
3.3.4 Filme
3.3.5 Ladyfest
3.3.6 Institutionen

3.4 Ziele der Bewegung
3.5 Kommerzialisierung
3.5.1 Reaktion der Medien: she-devil
3.5.2 Vermarktung – Girl Power, vom Schlagwort zum Trend
3.6 Transformation
3.6.1 Entering the real world
3.6.2 Erwachsen Werden – Das Ende der Bewegung?

4. Schlussbetrachtung

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

„Resistance is everywhere, it always has been and always will be. Just because someone is not resisting in the same way you are (being vegan, an ‚out‘ lesbian, a political organizer) does not mean they are not resisting. Being told you are a worthless piece of shit and not believing it is a form of resistance. One girl calling another girl to warn her about a guy who date raped her, is another. And while she may look like a big haired makeup girl who goes out with jocks, she is a soldier along with every other girl, and even though she may not be fighting in the same loud way that some of us can (and do) it is the fact that she is resisting that connects us, puts a piece together“

- Kathleen Hanna in „Jigsaw“ Fanzine

„We are gurls, womyn, fearless fighters, suicidal soildiers. we take our angst and we throw it in your face. we take this oppression you have so kindly given us, and shove it up your ass. We're never gonna die, we're not just gonna fade away. we're not gonna let you touch us; comment us; rape us, with that smile on your face. we're gonna stand up for each other and tell the truth. so you better leave the fucking country - cuz everyone's gonna know exactly what you did to me. write it on the bathroom wall, scribble it on the campus sidewalk in neon green chalk. DO WHAT YOU MUST DO. we are gurls. we are fighters. we are here to defend ourselves and our gurlfriends and we refuse to hurt each other anymore, cuz we know that's exactly what you want...for us to turn against ourselves...I SAY FUCK THAT SHIT. NO MORE. so run and hide boy...the revolution's going down.”

- Introduction “ Whoremoanal Tyrrany“

1. Einleitung

Die amerikanische Riot Grrrl Bewegung wurde inspiriert von Punk, von DIY (Do It Yourself) und anti-kapitalistischen, anti-rassistischen Ideologien, während sie gleichzeitig die Wiederholung der patriarchalen und sexistischen Strukturen innerhalb der Szene gänzlich ablehnen und kritisieren. Es gab schon vor den Riot Grrrls viele Frauen im Rock-Musik Geschäft, auch viele, welche die traditionelle Frauenrolle herausgefordert haben, wie z. B. Pattie Smith, Bonnie Raitt usw. Auch in anderen Musik Szenen haben Frauen sich für Frauen und ihre Rechte stark gemacht, aber darum soll es hier nicht gehen.

Die meisten der Riot Grrrls waren und sind Mädchen im Alter von 15 bis 25 Jahren, was sie zu einer von jugendlichem Aktivismus und Jugendkultur geprägten Bewegung macht. Für viele Außenstehende, insbesondere die Medien, war Riot Grrrl nicht mehr als ein neuer Trend für Mädchen. Sie wurden von Anfang an dargestellt als jugendliche Rebellen, Protagonisten einer vorübergehenden bzw. weiterentwickelten Subkultur der Punk Bewegung, als Modeerscheinung. Entsprechend wurden sie auch vermarktet. Die Öffentlichkeit hat ständig versucht sie zu definieren, sie einzuschätzen und damit festzulegen. Die Bewegung selbst definiert sich über Widersprüche. Ihrer Ansicht nach, ist das Leben an sich und insbesondere als Mädchen / Frau ein Widerspruch in sich und somit nicht definierbar. Zudem befinden sie sich in einer Phase ihres Lebens, der Adoleszenz, in der sie sich stetig verändern, weshalb sie ablehnen sich in Strukturen oder Kategorien festlegen zu lassen.

Sie leben in einer Gesellschaft geprägt von sozialen, sowie politischen Veränderungen und mehr als hundert Jahren Frauenbewegung. Sie wuchsen auf zu George Bushs und Ronald Reagans konservativer, republikanischer Regierungszeit. Eine Zeit, in welcher Frauen als gleichgestellt bezeichnet werden, in der Feminismus als nicht mehr zeitgemäß eingestuft wird. In einer Ära, gemeinhin bezeichnet als Postfeminismus. Ich werde deshalb im ersten Teil der Arbeit Aspekte der amerikanischen Frauenbewegung darstellen. Ich werde für mein Hauptthema relevante Schwerpunkte und politisch oder gesellschaftlich veranlassten Veränderungen erörtern und anhand dieser deutlich machen, weshalb Feminismus nie aufgehört und die Frauenbewegung nie an Notwendigkeit verloren hat. Des Weiteren wird hier deutlich werden, in welchem Kontext die Mitglieder der Riot Grrrl Bewegung aufgewachsen sind.

Im zweiten Teil der Arbeit stelle ich Riot Grrrl vor und erörtere die Frage, was sie zu einer feministischen Bewegung macht, warum sind sie mehr als nur Modetrend?

2. Eine neue Stimme aber eine alte Bewegung – Frauenbewegung USA

Laut Joachim Raschke (1991) haben politische oder soziale Bewegungen eine Einleitung, einen Höhepunkt und einen Schluss. Der Schluss äußert sich seiner Meinung nach in der Institutionalisierung oder im Auslaufen der Bewegung. Ich werde im Folgenden darstellen, das die amerikanische Frauenbewegung nur zum Teil anhand dieser These erklärbar ist, denn bisher lässt sie sich in drei Abschnitte einteilen, in drei sogenannte Wellen. Jede Welle baut auf der anderen auf, fließt im gleichen Meer, hat aber unterschiedliche Richtungen und Strömungen, entsprechend andere Prioritäten und Ziele. Da es aber trotz unterschiedlicher epochaler Prioritäten immer ein und dasselbe übergeordnete Ziel gab, nämlich den Kampf für Gleichstellung und gegen Sexismus, gilt diese in drei Abschnitte einteilbare Bewegung insgesamt als eine Bewegung. Im Laufe ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte hat sie sich allerdings bereits einmal institutionalisiert, lief aus, hatte bereits zwei Höhepunkte und mittlerweile drei Anfänge. Obwohl es SozialwissenschaftlerInnen gibt, die bezweifeln, das es eine Dritte Welle der Frauenbewegung bzw. Feminismus on den USA gibt.

Im „Routledge Dictionary of Feminism and Postfeminism“ wird Feminismus, oder ein Feminist, beschrieben als jemand „who holds the view that women are less valued than men in societies that categorise men and women into different cultural or economic spheres.“ (Gamble 1999, S. 231) Ein/e FeministIn besteht darauf, dass diese Ungleichheiten nicht unveränderlich sind, sondern Frauen selbst können die soziale, wirtschaftliche und politische Anordnung durch kollektiven Aktivismus verändern. Folglich ist das Bestreben des Feminismus die Position der Frau in der Gesellschaft zu verändern (vgl. Gamble, 1999)

Ich werde bei der Verwendung des Begriffes Feministin immer sowohl die männlich als auch weibliche Form benutzen – „FeministIn“ – denn seit den ersten Strömungen der ersten Welle haben sich immer auch Männer für die Rechte und Gleichstellung von Frauen eingesetzt. Somit waren Männer m. E. Teil – wenn auch oft ein kleiner – der Frauenbewegung. bell hooks (2000) bringt es m. E. auf den Punkt, wenn sie sagt: „(...) the movement is not about being anti-male. (...) the problem is sexism. And that clarity helps us remember that all of us, female and male, have been socialized from birth on to accept sexist thought and action. As a consequence, females can be just as sexist as men.“ (hooks, 2000, S. viii) Als Konsequenz ergibt sich daraus für mich, dass sich die Sichtweise von Männern und Frauen verändern muss, damit Gleichstellung überhaupt möglich wird. Es wäre also kontraproduktiv Männern mit feministischem Bewusstsein aus dem Diskurs auszuschließen.

2.1 Erste Welle Feminismus

“But I ask no favors for my sex, surrender not our claim to equality. All I ask of our bretheren is, that they take their feet from off our necks, and permit us to stand upright on that ground which God designed us to occupy.

– Sarah Grimke, 18371

Wann genau die ersten Strömungen der Welle begannen ist schwer zu sagen. Tatsache ist, dass vereinzelt kritische Artikel, Briefe und Aufsätze zur Rolle der Frau in der amerikanischen Gesellschaft archiviert wurden, die zum Teil aus dem 18. Jahrhundert oder früher stammen. Zum Beispiel schrieb Abigale Adams an ihren Mann und späteren Präsidenten John Adams in einem Brief, dass er bei der Formulierung der Gesetze der bald unabhängigen Republik auch an die „Ladies“ denken soll. Aber erst mit dem Bekanntwerden von Mary Wollstonecrafts (1792 ) „Vindication of the Rights of Women“ bei Ersterscheinung in England und einer Veröffentlichung der Zusammenfassung in „The Lady‘s Magazine and Repository of Entertaining Knowledge“ in den Vereinigten Staaten im gleichen Jahr, begann auch in Amerika die Diskussion um die Rechte der Frau. Zunächst im Untergrund, dann mit Erscheinen von John Stuart Mill’s (1861) „The subjection of Women“ geschrieben unter großem Einfluss der feministischen Ansichten seiner Partner-Schriftstellerin, Harriet Taylor, auch öffentlich (vgl. Ryan 1992).

Im Folgenden stelle ich die prägendsten Organisationen, Einflüsse und Ereignisse der viktorianischen oder historischen Frauenbewegung vor.

2.1.1 Wie alles begann

Die frühen Jahre

In den Städten des Nordens setzten sich in den 1830er Jahren einige Männer und wenige privilegierte Frauen für die Rechte und Emanzipation der Schwarzen ein. Gleichzeitig stellte sich einigen von ihnen, aufgrund der 1776 in Kraft getretenen Unabhängigkeitserklärung, die Gleichheit für alle Bürger und eine demokratische Gesellschaft vorsieht, auch die Frage nach den Rechten von Frauen.

Lucretia Mott, Susan B. Anthony, Lucy Stone und die Grimke Schwestern waren unter anderen die Bekanntesten Anti-Sklaverei-Aktivistinnen. Sie hatten zwar bei Versammlungen nicht das Recht Petitionen oder andere Urkunden zu unterschreiben, aber Lucretia Mott gelang es die Erlaubnis zu erhalten auf einer Versammlung zu sprechen. Angelina und Sarah Grimke hielten später Vorträge auf den Versammlungen der amerikanischen Anti-Sklaverei Gesellschaft, wofür sie oft Kritik ernteten. Nicht wegen der Inhalte ihrer Vorträge, sondern weil sie Frauen waren, die öffentlich sprachen. Bald verbanden sie daraufhin Vorträge über Sklaverei mit Fragen zur Ungleichheit der Geschlechter. Damit machten sie sich viele Anti-Sklaverei-Aktivisten und Befürworter der Sozialreform zu Feinden. Das erste Mal jedoch organisiert und somit offiziell als der Beginn der US-amerikanischen Frauenbewegung definiert, haben sich Frauen im Jahre 1848, als die erste Konferenz über die Rechte der Frauen in Seneca Falls, New York – organisiert u.a. von Lucretia Mott – stattfand, an der 300 Menschen (darunter 40 Männer) teilnahmen. Sie forderten das Ende der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht. Die Versammlung wurde eröffnet mit dem Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung „We hold these truth to be selfevident, that all men and women are created equal“ (zit. Nach Ryan 1992, S. 16).

Die Versammlung schloss mit dem Beschluss auf Forderung von Gleichheit in Bildung, Recht auf Besitz, Scheidung, Sorgerecht und Erbschaft. Nur ein Punkt wurde nicht einheitlich beschlossen: das Wahlrecht.

Es engagierten sich zu diesem Zeitpunkt ausschließlich weiße Mittel- und Oberschicht Frauen, die ohnehin schon – wenn auch vermindert – Zugang zu Bildung hatten, in der Frauenbewegung. Schnell gründeten sich Oppositionen, aber auch kleine AktivistInnen Gruppen in anderen Regionen, als durch die Medien bekannt wurde, für welche Rechte die Frauen sich stark machten. 1850 fand in Salem, Ohio die erste (und einzige) Frauenrechts-Versammlung statt, bei der nur Frauen den Vorsitz hatten und bei der anwesende Männer nicht das Recht hatten zu sprechen – nicht mal dann, wenn sie nur im Publikum saßen (vgl. Sanders 1999; Terrent 1997; Ryan 1992).

Die Jahre des Bürgerkrieges

Weil es keine Massenmedien gab und Nachrichten nur allmählich vorankamen, breitete sich die beginnende Bewegung auch nur langsam aus, meist durch Mundpropaganda. So dauerte es mehrere Jahre bis eine nationale, anerkannte und organisierte Bewegung sich gründen konnte.

Einer Organisation jedoch kam zunächst der Bürgerkrieg zuvor und alle angestrebten Bemühungen die Position der Frau in der Gesellschaft dauerhaft zu verändern mussten bis nach dem Krieg warten. Denn die Aktivistinnen der Anti-Sklaverei Organisationen hatten erkannt, dass sie ihre Rechte als Frauen nur erreichen konnten, wenn die Sklaverei als erstes abgeschafft werden würde. Wenn aus Sklaven freie Menschen würden und zumindest für schwarze Männer die Staatsbürgerschaft und dann das Wahlrecht erlangt werden könnte, wäre es, nach Ansicht der Frauenrechtlerinnen, nur noch ein kleiner Schritt für sich Selbst die gleichen Rechte einzufordern. Dies hatte zur Folge, dass mit Beginn des Krieges (1861) alle Bemühungen für Frauenrechte ihrerseits zunächst eingestellt – aber nicht vergessen – wurden. (Vgl. Ryan 1992)

Bereits vor dem Ende des Krieges bemühten sich Susan Anthony, Elisabeth Cady Stanton und Lucy Stone um die Formulierung „liberty to all; national protection for every citizen under our flag; universal suffrage, and universal amnesty“ (Stanton and Blatch, zit. nach Ryan 1992, S.19) bei der Verfassung des 13. Amendments (Zusatzartikels) 1863. Die Befürchtungen der sich stärker für die Rechte der Schwarzen engagierenden Aktivisten, dass durch die Forderung nach dem Wahlrecht für männliche Schwarze sowie weiße Frauen der Artikel schlicht abgelehnt werden würde, erwiesen sich als berechtigt. Im 14. Zusatzartikel, der wenig später verfasst wurde, blieben Frauen unerwähnt und als dieser 1866 verabschiedet wurde, erhielten schwarze Männer die Staatsangehörigkeit und im 15. Zusatzartikel (1869) das Recht zu wählen (vgl. Ryan 1992).

Anthony und Stanton gründeten daraufhin die „National Woman Suffrage Association“ (genannt „National“) und gaben eine Zeitschrift heraus mit dem Titel: The Revolution. Darin diskutierten sie verschiedene Fragen bezüglich der Rechte von Frauen. Sechs Monate später bildeten Lucy Stone und ihr Mann Henry Blackwell die „American Woman Suffrage Association“ (genannt „American“), um am nächsten Zusatzartikel und der Einbeziehung der Rechte von Frauen zu arbeiten, denn für sie war klar, dass sie ohne politische Macht – beginnend mit dem Wahlrecht – keine Chance haben würden die Position der Frau zu verändern. Außerdem gaben Stone und Blackwell ein Magazin heraus mit dem Titel „The Woman’s Journal“ welches sich ganz auf die Frage nach dem Wahlrecht (= Suffrage) konzentrierte (vgl. Ryan 1992).

2.1.2 Die Ziele

Wichtige Aspekte der ersten Welle – vor dem Krieg – waren die Veränderung des Ehe- bzw. Scheidungs- und Erbschaftsrechtes und der Zugang zu höherer Bildung. Bevor die Frauenbewegung sich als solche formierte gab es einige Mittelschicht-Frauen, die sich nachdrücklich für das Recht auf höhere Bildung einsetzten (vgl. Ryan 1992). Sie waren überzeugt, dass die Aufklärung der Menschen über die Ungerechtigkeit der Unterdrückung der Frau gerechte Gesetze zur Folge haben würden. Frauen sollten von Menschen zweiter Klasse zu anerkannten Bürgerinnen gemacht werden.

Das Wahlrecht wurde nach dem Krieg das zentrale Ziel der ersten Welle der US-amerikanischen Frauenbewegung. Obwohl in Wyoming und Utah bereits seit 1869 bzw. 1870 Frauen wählen durften, war das nationale Wahlrecht für Frauen erst 1920 erreicht.

Frauen, die durch den Tod des Ehemanns, des Vaters oder eines anderen männlichen Familienmitgliedes bzw. Vormundes (insbesondere nach dem Ende des Bürgerkrieges) zu Besitz kamen, hatten zwar bedingt Handlungsmacht auf lokaler Ebene, aber dennoch keine legalen Rechte. Im Zuge der Veränderung des Wahlrechtes nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der offiziellen Einführung des Wahlrechtes für afroamerikanische Männer, stellte sich die Frage, ob Frauen mit Besitztum auch das Wahlrecht haben sollten. Nicht weil sie Frauen waren, sondern weil sie durch Besitz Einfluss hatten. Somit wurde diskutiert, ob manchen Frauen, aufgrund ihres Besitzes, das Wahlrecht zugestanden werden sollte. Hierzu gab es vehemente Gegenstimmen basierend auf politischen, sozialen, intellektuellen und moralischen Bedenken.

Zum Einen wurde argumentiert, dass Frauen und somit ihre Belange bereits ausreichend berücksichtigt seien, im Hinblick auf die Repräsentation der Rechte und Belange der Familie und außerdem vom Vater und / oder Ehemann offiziell ausreichend vertreten würden. Zudem wurde vermutet, dass in Familien, in denen die Frauen nicht die politische Ansicht des Mannes teilen und entsprechend wählen würden, es unlösbare Konflikte geben würde. Das sollte verhindert werden, um die Harmonie der Familien nicht zu zerstören. Zum Anderen befürchteten die Verantwortlichen, dass Frauen mit passivem und auch aktivem Wahlrecht aufgrund ihres „geringen Intellekts“ nicht ernst genommen würden, somit die junge Republik lächerlich machen könnten und auch keine fundierten Entscheidungen treffen können. Andere wiederum erkannten, dass, sollten Frauen das Wahlrecht erhalten, dies ein erster Schritt sein könnte die Privilegien der Männer und damit das Patriarchat, in Frage zu stellen „An earnest, determined woman, possessing those graces of person or intellect, which fit her to influence and control men, can carry almost any measure on which she has set her heart, over every obstacle, in either the State or national legislature.“ (Brockett, 1869, in: Howard u.a., 1997, S. 110)

Die „National-“ und die „American Woman Suffrage Association“ wollten verschiedene Teile der Bevölkerung vertreten, hatten aber ein zentrales Ziel: Gleiche Rechte für Frauen. Beide Gruppen sahen das Wahlrecht als ersten und wichtigsten Schritt in diese Richtung. Der einzige Unterschied war die Vorstellung, wie das erreicht werden könnte. Beide Teile der frühen ersten Welle arbeiteten zunächst separat. Von 1870 bis 1890 organisierten sie Vortragsreisen und verteilten Broschüren, um die Bevölkerung aufzuklären. Die „American“ arbeitete ausschließlich an Volksabstimmungen für das Wahlrecht, während die „National“ daran arbeitete das Wahlrecht für Frauen in einem föderalen Zusatzartikel zu verankern. Außerdem konzentrierte die „National“ sich – wenn auch wenig erfolgreich – noch auf andere Fragen, wie Gewerkschaften für Frauen und freie Liebe und Partnerwahl.

Erst 1890 vereinigten sich die beiden Organisationen zur „National American Women Suffrage Association“ (NAWSA). Mit diesem Zusammenschluss ergaben sich auch weitere Koalitionen mit kleineren Frauengruppen des ganzen Landes (vgl. Ryan 1992).

Unterstützung für das Wahlrecht wurde schwieriger zu erreichen, seitdem eine Welle christlicher Reformen die Nation überschwemmte. Von 1890 bis 1920 wurde die „Women’s Christian Temperance Union“ (WCTU) die größte und einflussreichste Frauenorganisation des Landes.

Frances Willard führte die WTCU von 1879 bis Ende der 1890er Jahre zu großem Erfolg. Sie bewegte die WCTU von Frauensalons zu einer politischen Arena und überwand den Einspruch der Opposition zum Frauenwahlrecht innerhalb der Organisation mit dem Argument, dass der Stimmzettel die beste und sicherste Methode sei um Heim und Familie zu beschützen. Mehr und mehr Frauen besuchten Universitäten während dieser Zeit und hinterfragten den Platz der Frau in der Gesellschaft. Dennoch gab es auch unter den Frauen unterschiedliche Ansichten. Einige glaubten, Frauen und Männer sollten gleichberechtigt sein, während Andere der Ansicht waren, Frauen müssten von Männern beschützt werden (mehr dazu siehe: Ryan 1992, S. 24-26).

Anfang des 20. Jahrhunderts waren 20 % der Arbeitskräfte Frauen, verdienten aber nur ungefähr 53 % für dieselbe Arbeit, wie ihre männlichen Kollegen. Dies wurde öffentlich damit begründet, dass Männer das Brot für ihre Familien verdienen müssten, während Frauen eigentlich nicht arbeiten müssten und stattdessen besser zu Hause bleiben sollten. Es wurde außerdem davor gewarnt, dass Frauen an Weiblichkeit verlieren, sobald sie das geschützte Umfeld ihres zu Hauses verlassen würden (vgl. Ryan 1992; Terrent 1997).

1903 wurde die „Women’s Trade Union League“ (WTUL) gegründet. Der Bund wollte die Arbeitsbedingungen von Frauen verbessern und hatte deshalb auch Interesse am Wahlrecht für Frauen. Die WTUL verband erfolgreich den Kampf für Wahlrecht und das Interesse der Gewerkschaft und zeigte rückblickend auf, dass Frauensolidarität auch die Grenzen der gesellschaftlichen Klassen überschreiten muss (vgl. Ryan 1992; Gamble 1999).

Women’s Club

Um 1890 herum bildeten sich über das ganze Land verteilt immer mehr Frauen Clubs, welche sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Bewegung innerhalb der ersten Welle etabliert hatten. Diese Clubs waren hauptsächlich dazu da, um soziale Kontakte unter Frauen zu ermöglichen. Sie sprachen über Literatur und später über die Veränderung der Rolle der Frau.

Frauen waren auch nach Gründung der Republik (1865) durch gesellschaftliche, religiöse und gesetzliche Regeln an das Haus gebunden. Sie waren dem Mann untergestellt und durften weder am politischen Leben teilnehmen, noch bezahlte Arbeit ausüben. Gesetze verboten ihnen Besitz zu haben und legalisierten häusliche Gewalt gegen Frauen. Mehr noch als zuvor verdeutlichte ihnen dies die Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Aufgrund dieses Bewusstseins unterstützten, beim Wechsel in das nächste Jahrhundert, die sich nun gebildete „ General Federation of Women’s Clubs “ aktiv die Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen (vgl. Ryan 1992).

Währenddessen formten schwarze Frauen Clubs, ähnlich denen der weißen Frauen, allerdings ging es ihnen hauptsächlich um die Veränderung der Position der schwarzen Frau in der Gesellschaft, also weniger um geschlechtsspezifische denn um rassistische Diskriminierung. Das Ziel der „ National Association of Colored Women “ war das Wahlrecht auch für schwarze Frauen (vgl. Terrent 1997).

Suffragistinnen

Da keine der Organisationen dem Ziel das Wahlrecht für Frauen näher zu kommen schien, organisierten sich einige Frauen (darunter Elisabeth Cady Stantons Tochter Harriot Stanton Blatch) zu einer militanten Gruppe, dem Vorbild der Suffragistinnen in England folgend. 1914 gründete Alice Paul die „Congressional Union“ (CU), mit der sie Demonstrationen organisierte, durch Präsenz in den Zeitungen Aufmerksamkeit erregte und ein eigenes, wöchentlich erscheinendes Magazin herausbrachte: „The Suffragist“.

1917, während des ersten Weltkrieges, wurde aus der CU die „National Woman’s Party“ (NWP). Die NWP organisierte Streiks am Weißen Haus, bei denen sie Zeitungsausschnitte mit Präsident Wilsons Reden verbrannten. Dieser hatte zuvor eine Petition, unterschrieben von über fünfhunderttausend Frauen von West- bis Ostküste, abgelehnt. Etwas später erschienen Banner mit den Worten von Wilson: „we shall fight for the things which we have always held nearest to our hearts – for democracy, for the right of those who submit to authority to have a voice in their own government“ während auf einem Anderen stand: „Kaiser Wilson. have you forgotten your sympathy with the poor Germans because they were not self-governed? Twenty million American Women are not self-goverened. Take the beam out of your own eye“ (Ryan 1992, S. 29).

Nachdem sie sechs Monate lang ohne Erfolg gestreikt hatten, wurden einige Frauen verhaftet, was sich über ein Jahr hinzog. Wann immer Frauen mit Bannern verhaftet wurden, kamen andere und nahmen ihre Plätze ein. Als einige Suffragistinnen tatsächlich zu einer Gefängnisstrafe von sieben Monaten verurteilt wurden, traten 17 von ihnen – darunter Alice Paul – in Hungerstreik. Wegen Druck aus der Öffentlichkeit wurden sie früh wieder entlassen und nahmen ihre Streikposten wieder ein. Durch die unterschiedlichen Bemühungen beider großen Wahlrechts-Organisationen, die nicht zu ignorieren waren, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis das zentrale Ziel der Frauenbewegung erreicht sein würde (vgl. Ryan 1992).

Bis 1919 hatten bereits 30 Staaten Frauen das Präsidentschaftswahlrecht eingestanden. Mit der Verabschiedung des 19. Zusatzartikels Ende 1919 hatten Frauen in ganz Amerika das Wahlrecht und am 26. August 1920 wurde dies in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert. Beide großen Organisationen hatten ihren Anteil am Erfolg, allerdings waren sie keineswegs mit den Methoden der anderen einverstanden. Die NAWSA kritisierte die militanten Aktionen der NWP, welche sich ihrerseits den Erfolg der Verfassung des 19. Zusatzartikels auf ihre Fahnen schrieben und die anderen als konservativ bezeichneten. Die NAWSA konterte mit dem Argument, ohne ihren Einsatz und Organisation wäre der Artikel niemals in die Verfassung aufgenommen worden (Vgl. Terrent 1997, Gamble 1999).

2.1.3 Die Welle läuft aus

Im 19. Jahrhundert veränderte sich das Bild der amerikanischen Frau im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Veränderung des Staates vom viktorianischen Ideal der asexuellen, reinen, frommen Mittelschichtfrau, zur „neuen Frau“ der 1920er Jahre. Diese „neue Frau“, ebenfalls weiß und der Mittelschicht angehörig, hatte Zugang zu höherer Bildung, konnte relativ unabhängig leben und – zumindest bis zu ihrer Heirat – frauentypische bezahlte Arbeit ausüben. Das Recht zu wählen gab Frauen nicht wie erhofft die politische Macht, durch die sie ihren Status hätten verändern können und Männer und Frauen gleichberechtigt geworden wären (vgl. Sanders 1999).

Mit dem Erreichen des Wahlrechtes war das gemeinsame Ziel der verschiedenen Organisationen – der Bewegung – nicht mehr vorhanden. NAWSA wurde die „League of Women’s Voters“ und lehnte es ab den von Alice Paul verfassten Artikel „Equal Rights Amendment“ (ERA) zu unterstützen. Die NWP glaubte, dass ein Artikel in dem Mann und Frau als gleichberechtigt gelten, auch in der Öffentlichkeit den Status der Frau verändern würde. Somit würde sich die Rolle der Frau in der Familie und Politik insgesamt verändern und sie könnte wirtschaftlich unabhängig sein.

Obwohl in Amerika noch lange keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrschte, verließen viele Aktivistinnen der Bewegung die Staaten als aktive Teilnehmer und verbrachten die Zeit zwischen 1920 und 1930 in Europa. Nach dem Börsensturz 1929 waren weder die Öffentlichkeit, noch politische Aktivisten an irgendeiner Form von Unterstützung des Kampfes für Frauenrechte interessiert. Am Ende erlag die erste Welle der amerikanischen Frauenbewegung den unterschiedlichen Vorstellungen und konträren Strömungen innerhalb wie außerhalb der Bewegung und dümpelte für fast 50 Jahre in ruhigem Gewässer (vgl. Ryan 1992).

2.2 Zweite Welle Feminismus

„... we know already the chief problem and that is that most women still don’t identify themselves as a group called women.“

- Jill Johnston2

Für viele Frauen war bis Mitte der 1960er Jahre die Frauenbewegung beendet und Feminismus nicht mehr notwendig, da sie beides nur mit dem bereits erreichten Wahlrecht verbanden. Für die KämpferInnen für „Women‘s Liberation“ jedoch war Feminismus wesentlich mehr. Sie brauchten eine neue Welle der Frauenbewegung, um alte und festgefahrene Strukturen aufzubrechen und um sich „zu befreien“ von den patriarchalen Erwartungen an Frauen jener Zeit.

Frauen der Zweiten Welle grenzten sich allerdings laut Sue Thornham (1999) insofern von der Ersten Welle ab, als dass sie sagten, dass die Zweite Welle ein Produkt von verändertem sozialen und politischem Kontext sei und von einem wesentlich radikaleren feministischem Bewusstsein beherrscht werde. Während die Bewegung in der Ersten Welle individuell und von Reformen geprägt war, sei die Zweite Welle revolutionär und kollektiv. Es gab aber auch viele, die der Meinung waren, auch wenn sie nun einen anderen Ausgangspunkt gehabt hätten, dass ohne die Erste Welle nie eine Zweite möglich gewesen wäre. Nun würde somit die Arbeit der Suffragetten-Bewegung unter anderen, erweiterten Gesichtspunkten fortgesetzt (vgl. Thornham 1999).

Johanna Brenner (1996) meint, dass die Erste Welle es der Zweiten überlassen bzw. hinterlassen hat, die zentralen Ziele der Frauenbewegung zu verwirklichen. Die Aufgabe der Zweiten Welle war somit diskriminierende Gesetze und ausgrenzende Normen, welche fortführend Frauen unterdrückten, anzugreifen und zu verändern. Dafür genügt nicht allein politisches Mitspracherecht. Die Veränderungen müssen auf mehreren Ebenen stattfinden, sowohl auf sozialer, kultureller, gesellschaftlicher Ebene, als auch auf politischer, ökonomischer und rechtlicher Ebene.

Anders als für die AktivistInnen der Ersten Welle musste Feminismus in der Zweiten Welle nicht erst „erfunden“ werden, aber dennoch musste auf der individuellen Ebene ein neues feministisches Bewusstsein geschaffen werden. Ein Bewusstsein für die Belange und Interessen, sowie die Ungleichheit der Geschlechter in aktuellen sozialen und politischen Prozessen. Ein wesentliches Merkmal der Zweiten Welle war, Frauen als unterdrückte soziale Gruppe wahrzunehmen und primär den weiblichen Körper und das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit bzw. Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper als Gegenstand dieser Unterdrückung zu betrachten (vgl. Thornham 1999). Frauen wurden zu einer Gruppe, die kollektiv für ihre Rechte kämpften, sie wurden „a group called women“ und nannten sich Schwestern, zelebrierten „sisterhood“. Gleichzeitig sollte die bestehende Einteilung von geschlechtsspezifischem Verhalten und Aufgaben hinterfragt und verändert werden. Johanna Brenner (1996) nennt diese Einteilung „Gender Order“.

Barbara Ryan (1992) vertritt den Standpunkt, dass die AktivistInnen der zweiten Welle nicht in klar abgegrenzte Gruppen – wie konservativ, radikal, oder revolutionär – zu unterteilen sind. Sie bezieht sich auf die Publikationen von Jo Freeman (1975), die meint: „it is a common mistake to try to place the various feminist organizations on the traditional left/right spectrum, and concomitantly, to describe the two branches as ‚women’s rights‘ and ‚women’s liberation “ (Freeman 1975, zit.. nach Ryan 1992, S. 40).

Feminismus der Zweiten Welle hat verschiedene Stimmen aus verschiedenen kulturellen politischen und sozialen Gruppen. Einige sind kontrovers, manche radikal, andere militant. Was sie verbindet und damit zu einer Bewegung mit vielen Stimmen macht, ist die Wahrnehmung von Frauen als kollektiv unterdrückte Gruppe in einer von Männern definierten Welt.

Ich werde mich bei der Darstellung der Zweiten Welle Feminismus auf die m. E. wichtigsten Organisationen, Strömungen und Einflüsse beziehen.

2.2.1 Eine neue Welle

Als in den späten 1960er Jahren immer mehr feministische Gruppen entstanden und sich organisierten, bildeten sich unterschiedlich geprägte Fraktionen. Unter vielen kleinen Organisationen gab es zwei große Fraktionen. Zum Einen war das die „Women’s Liberation Movement“ (WLM), welche ihren Ursprung hatte in Protestbewegungen wie der Menschenrechts-, Anti-Vietnam-Krieg- und Studentenbewegung der 1960er Jahre hatte. Den Kontrast, oder die zweite große Fraktion innerhalb der Bewegung, bildete die von Betty Friedan 1966 gegründete „National Organisation for Women“ (NOW), als direkte Reaktion darauf, dass „America’s Equal Employment Opportunity Comission“ (EEOC) die vorgebrachten Probleme sexueller Diskriminierung nicht ernst genug nahmen.

Women’s Liberation Movement

Die sich in den unterschiedlichen linken Bewegungen engagierenden Frauen fanden sich unterdrückt von Männern, die gegen Unterdrückung kämpften und gründeten daraufhin eine Befreiungsbewegung gegen Sexismus.

Sie waren nicht (wie z. B. die NOW, siehe S. 17) national organisiert, sondern machten Gebrauch von der Infrastruktur radikaler Gemeinschaften, der Untergrundpresse und freien Universitäten. In ihrer Rede an der Freien Universität in New York City 1968 beschrieb Anne Koedt diese Entwicklung wie folgt:

„Within the last year many radical women’s groups have sprung up throughout the country. This was caused by the act that movement women found themselves playing secondary roles on every level – be it in terms of leadership, or simply in terms of being listened to (...) As these problems began being discussed, it became clear that what had at first been assumed to be a personal problem was in fact a social and political one (...) And the deeper we analysed the problem and realized that all women suffer from this kind of oppression, the more we realize that the problem was not just confined to movement women“ (Koedt 1973).

Sie beschreibt den Prozess des Bewusstmachens und den Schritt von persönlichen Erfahrungen zu politischem Aktivismus. Dabei immer im Bewusstsein die Erkenntnis: Das Private ist politisch! Die (Über-)Macht der Männer wird immer wieder gefördert durch „persönliche“ Institutionen wie Ehe, Kindererziehung und Sexualität.

Die erste öffentliche Aktion der Frauenbefreiungsbewegung war eine Demonstration gegen den „Miss America“ Schönheitswettbewerb 1968 organisiert von NYRW (siehe S. 18). Während dieser Demonstration warfen einige Frauen „objects of female torture“, wie z.B. Trockentücher, Absatzschuhe, BHs usw. in eine dafür aufgestellten „Freedom Trash Can“. Die Medien machten daraus die Legende der BH-verbrennenden Feministinnen (vgl. Thornham 1999).

Die WLM war sozialistisch geprägt und kämpfte nicht nur für eine klassenlose, sondern auch für eine geschlechterlose Gesellschaft. Ihre zentralen Ziele waren ein Abwenden vom Kapitalismus und Hinwenden zu sozialistischem Denken und Produzieren. Auch die Veränderung des menschlichen Bewusstseins heraus aus der Fixierung auf Autoritäten wurde angestrebt. Für viele AktivistInnen war Feminismus unmittelbar mit Sozialismus und Marxismus verbunden. Andere sozialistische FeministInnen kamen irgendwann an einem Punkt, an dem sie sich entscheiden mussten, ob sie in erster Linie SozialistInnen, oder FeministInnen waren (vgl. Ryan 1992).

National Organization of Women (NOW)

Ihre erste Konferenz fand im Oktober 1967 statt, in der sie nicht nur die „Bill of Rights“ mit Einbezug der Formulierung auf Unterstützung des „ Equal Rights Amendment “ (ERA) adaptierten, einschließlich der Formulierung für das Recht von Frauen über Reproduktion selbst zu entscheiden (vgl. Ryan 1992; Thornham 1999). Sie wollten zudem die psychologische Befreiung der Frau erreichen, indem sie deren feministisches Bewusstsein stärken und dadurch eine Art weibliche Gegenkultur zur vorherrschenden Männerkultur zu gründen. Dazu gehörten unter anderem das Eröffnen von Frauenbuchläden, Frauenworkshops, „Consciousness-raising Groups“ (siehe S. 20) und vielen anderen kulturellen Stationen. Die NOW gilt als radikale und liberale Organisation weißer Mittelschicht – größtenteils AkademikerInnen.

Der Unterschied zwischen der WLM und NOW war die politische Grundeinstellung. NOW stand in der Tradition einer liberalen Frauenrechtsbewegung und wollte erreichen, dass Frauen an allen Facetten der amerikanischen Gesellschaft gleichberechtigt teilnehmen können. Die WLM agierte wesentlich radikaler und schloss zunächst nicht nur Männer komplett aus ihrem Verband aus, sondern forderten gleichzeitig eine sozialistische Gesellschaft, in der Geschlecht, sowie Klasse und Hautfarbe, bzw. Herkunft, keine Rolle spielt. Eine Welt in der Männer und Frauen als soziale Wesen gesehen werden, eingebettet in einem Netzwerk aus konkreten sozialen und ökonomischen Beziehungen. Sie wollten weg von auf Konkurrenzdenken basierenden, kapitalistischen Beziehungen, bei denen immer nur der Stärkere gewinnt und die Frau bedingt durch bestehende patriarchale Strukturen immer die Schwächere ist (vgl. Marx Ferree / Hess 1985).

Die NOW hingegen versuchte ihre Ziele mit und innerhalb der demokratischen Strukturen zu verwirklichen, was unter anderem bedeutete, dass Männer ihren Platz in ihrem Kampf hatten. Sie sehen jeden Menschen als Individuum, welches als solches ein Recht hat auf autonome Entscheidungen, sowohl auf familiärer Ebene, in Erziehung und Reproduktionsfragen, als auch auf gesellschaftlicher und ökonomischer Ebene (vgl. Chesler 1998).

Liberalismus und Social-Welfare Feminists

Die Social-Welfare Feminists standen weniger in der Tradition der sozial-demokratischen Arbeiterbewegung der 1920er Jahre, auch wenn es zunächst den Anschein haben mag, denn sie forderten einen gesetzlich geregelten Schutz vor Diskriminierung, sowie Unterstützung nicht nur für arbeitende Frauen. Des Weiteren beziehen sie die Rechte von schwarzen Frauen in ihre Politik mit ein und sprechen allgemein für Frauen in Doppelbelastung Familie / Karriere. Sie formulierten eine „work / family reform agenda“. Welfare-Feminists waren hauptsächlich Frauen aus Gewerkschaften und eine hohe Anzahl von Frauen in Berufen aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Sozialarbeit, die direkt oder indirekt auf staatliche Finanzierung angewiesen waren. Ihre Sicht- und Vorgehensweise deuten jedoch eher auf eine liberale, nicht sozialistische Weltanschauung hin, weshalb liberaler Feminismus und Welfare-Feminism auch oft bürgerliche Frauenbewegung genannt wird (vgl. Brenner 1996). Dennoch nähern sich die liberalen FeministInnen dem Thema anders als Welfare-Feminists.

Nach Brenners Meinung zieht liberaler Feminismus an dem Strang des Liberalismus, der sich primär nach dem regulierenden Arm des Staates richtet, welcher freien Wettbewerb garantiert. Was, wie sie beschreibt, sowohl eine radikale als auch konservative Seite hat. Sie sagt „although liberal feminism is clearly opposed by the reactionary Right which wants the State to legislate traditional patriarchal gender relations, liberal feminism is quite compatible with the other major wing of US conservatism: the ´moderates´ of the Republican Party.“ (Brenner, 1996, S. 30)

Viele weiße, liberale FeministInnen aus der Mittelschicht glauben zudem, dass zu viel staatliches Geld in Wohlfahrt investiert wird. Dazu Brenner: „many working-class women have benefited from successful feminist campaigns for abortion rights, affirmation action programmes in education, job training and employment. (...) [ though] Liberal feminists do not necessarily support an expanded welfare state“ (Brenner 1996, S. 29). Nach Brenners Ansicht teilen die Welfare-Feminists das Anliegen der liberalen FeministInnen: gleiche Rechte und persönliche Freiheit für alle! Sie gehen aber noch einen Schritt weiter, denn sie wenden sich an den Staat, um Ungleichheiten, entstanden aufgrund von kapitaler Marktwirtschaft, auszugleichen – besonders in den Bereichen, wo Frauen z. B. durch Doppelbelastung von Familie und Beruf unterdrückt werden oder ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die Forderung der Frauen nach Selbstbestimmung als Grundrecht hat die Säulen des Patriarchats zum wackeln gebracht. Die Aktivisten unterstützten die Forderung an den Staat, Frauen das Recht auf körperlicher Autonomie zuzugestehen. Sie kämpften um die Legalisierung von Abtreibung und starteten Kampagnen zur strafrechtlichen Verfolgung von Gewalt gegen Frauen – auch innerhalb der Ehe. Aber auf der anderen Seite ignoriert eine solche klassen- und rassenorientierte Politik die verschiedenen Ressourcen mit denen Frauen auf dem Markt wettbewerbsfähig sind und bleiben.

Radikaler Feminismus und Randgruppen

1969 gründeten die feministischen Sozialistinnen Anne Koedt, Cellestine Ware und Shulamith Firestone die radikale feministische Organisation „New York Radical Women“ (NYRW), welche auch relativ viele schwarze Mitglieder hatte und sich entsprechend für die Rechte der schwarzen Frauen einsetzte . „(...) black women, disillusioned by the sexism of the 1960s Black Movement, were activ in the formation of the first radical feminist groups“ (Thornham 1999, S.32). Durch die doppelte Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht, als auch ihre Unterrepräsentation in den Mainstream Organisationen der Frauenbewegung, fühlten sich schwarze Frauen zu wesentlich radikaleren Gruppen wie der „Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell“ (WITCH), oder „ The Feminists“ hingezogen. Viele von ihnen waren der liberalen oder bürgerlichen Bewegung, welche Frauen aufforderten sich zu einer Gruppe zusammen zu tun, gegenüber skeptisch. In den Medien wurde ein Bild produziert, welches gebildete Frauen aus der Mittelklasse als die repräsentative Frauenbewegung, als „Schwestern“ darstellte und sie nicht mit einbezog.

Aufgrund der wenigen Berührungspunkte mit ihrer Lebenssituation und ihren Problemen zu der Frauenbewegung der 1970er Jahre, engagierten sich zu dieser Zeit relativ wenige schwarze Frauen in feministischen Organisationen (vgl. Thornham 1999).

Seit Beginn der 1980er Jahre mobilisieren sich schwarze Frauen unabhängig von weißen feministischen Organisationen und den von Männern dominierten schwarzen Bürgerrechtsbewegungen, als ihnen bewusst wurde, dass niemand anderes für sie sprechen kann, außer sie selbst. Sie gründeten, genau wie anderen ethnischen Gruppen angehörenden Frauen mit ähnlichen Erfahrungen, politische Organisationen. Sie adressierten nicht nur feministische oder rassistische Fragen, sondern auch die steigende Armut, Arbeitslosigkeit und das schlechte Gesundheitssystem – alles Fragen, mit denen sie täglich im Alltag konfrontiert sind (vgl. Brenner 1996; Marx Ferree / Hess 1985).

Homosexuelle Frauen waren, genau wie schwarze Frauen, von Anfang an in radikalen Gruppen aktiv, aber unterrepräsentiert. Für einige dieser Frauen war Homosexualität die Antwort auf die schwierige Frage, wie das patriarchale, unterdrückende Wesen der sexuellen Beziehung zu ändern sei. Sie prägten damit das in den Medien verbreitete Bild der männerhassenden, militanten Feministin, welches bis heute in der Gesellschaft vorherrscht (vgl. Ryan 1992; Heywood & Drake 1997; Thornham 1999). Damit stimmten allerdings nicht alle überein, schon gar nicht die heterosexuellen Frauen in der Bewegung, weshalb es in den 1970er Jahren eine Spaltung zwischen homo- und heterosexuellen FeministInnen gab. Anne Koedt antwortete auf die Äußerung der lesbischen Feministinnen „feminism is the theory; lesbianism the practice“ mit dem Satz: „(...) such a view produces its own unacceptable policing of sexual desire“. Koedt war der Meinung, das „lesbianism“ nur ein kleiner Teil des Kampfes gegen das Geschlechtsrollen-System im Feminismus sei und legte damit die Grundlagen für einen weißen, heterosexuellen, klassenorientierten Mainstream-Feminismus, der nicht mehr nur schwarze, sondern auch Frauen mit anderer sexueller Orientierung beinahe ausschloss (vgl. Thornham 1999).

Consciousness-raising

Anfang der 1970er Jahre bildeten sich überall in den Vereinigten Staaten verschiedene Selbsthilfe-Gruppen, darunter auch viele sogenannte „Consciousness-raising Groups“ zur Förderung feministischen Bewusstseins auf der individuellen Ebene.

Frauen, überwiegend weiße Mittelschicht-Frauen, trafen sich hier, um über ihre privaten Erfahrungen zu sprechen. Oft wurden die Gruppen von ihnen als therapeutischer Rahmen genutzt, um mit durch patriarchale Unterdrückung und Ausbeutung entstandenen Gefühlen und Verletzungen umzugehen. Aber durch den Austausch und die Gewissheit nicht allein mit ihren Erfahrungen dazustehen, gewannen Frauen an Stärke sich den täglichen Kämpfen an ihren Orten der Unterdrückung zu stellen, sei es zu Hause oder bei der Arbeit (vgl. hooks 2000). Nachdem sich immer mehr Gruppen im ganzen Land gebildet hatten, begannen sich einige zu kollektivieren und untereinander zu kommunizieren. Stück für Stück organisierten sich Gruppen national und wurden zu einem Netzwerk – „female network“. Es wurden in Gruppen entwickelte Theorien schriftlich festgehalten und im Netzwerk verbreitet. Immer mehr Frauen erhielten so Informationen über Feminismus und traten Gruppen bei. Außerdem bildeten sich Gruppen bestehend aus Mitgliedern der NOW, NYRW, „Older Women’s Liberation“ und „Columbia Women’s Liberation“, um neuen Gruppen – oder Frauen, die eine neue Gruppe bilden wollten – unterstützend zur Seite zu stehen und Fragen bezüglich feministischer Bewusstseinssteigerung (Counsciousness-raising) zu beantworten. Die öffentlichen Treffen von NOW waren die Einzigen, an denen auch Männer teilnehmen konnten, welche ihr feministisches Bewusstsein steigern wollten. NOW halfen außerdem Männern eigene Gruppen zu formen. Die Führung und Organisation von NOW war jedoch ausschließlich Frauen vorbehalten. Gloria Steinem sagte dazu: „We cannot integrate with men on an equal basis until we are equal. If you admit men, let them do the typing, run the childcare centers and donate money“ (zit.. nach Ryan 1992, S. 59).

Eine wesentliche Veränderung in der Betrachtungsweise, die stattfand durch die Steigerung des feministischen Bewusstseins, bezog sich auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Zunächst änderte sich die geschlechtspezifische Ausschließlichkeit der Beziehungen sexueller Art. Schriftstellerin Rita Mea Brown war die Erste, die Homosexualität innerhalb der Organisation NOW zum Thema machte. Daraufhin gab es einige Diskussionen, denn viele heterosexuelle Frauen befürchteten die Bewegung, oder sie persönlich, könnten durch diese Verbindung zur lesbischen Lebensweise gebrandmarkt sein. Später unterstützte die NOW lesbische Frauen bei ihren Forderungen auf Anerkennung und Gleichstellung ihrer Lebensweise (vgl. Ryan 1992).

Durch die sehr persönlichen Erfahrungen innerhalb der Gruppen eröffnete sich z. B. die Möglichkeit für viele Frauen in diesem geschützten Rahmen ihre Ängste zu erkennen, bzw. zuzulassen und zu formulieren. Sich z. B. mit den Beziehungen zur Mutter oder zum Vater auseinander zusetzen, war nach Ansicht der FeministInnen grundlegend für die Entwicklung der Geschlechtsrollen und Identität. Außerdem erörterten sie die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Männern und Frauen, wenn es um Beziehungen geht. Cassel (1977) beschreibt den Ursprung von Rivalität unter Frauen als einen wesentlichen Unterschied. Sie sagt „Men compete for rewards and achievements. We compete for men. Men vie for worldly approval and status. We vie for husbands. Men measure themselves against standards of excellence and an established level of performance. We measure ourselves against one another“ (Cassel 1977 S. 56) .

Das „Consciousness-raising“ schaffte ein Gefühl von Verbundenheit und Stärke, durch welches viele Frauen danach strebten im größeren Rahmen aktiv zu werden und etwas zu tun. Sie wurden zu einem Kollektiv – „a group called women“. Sie schätzten andere Frauen als Gleichgesinnte und kreierten „female-bonding“, Unterstützung und Zusammenhalt zwischen Frauen – einen weiblichen Raum.

Die feministische Theorie

In den 1970er Jahren erschienen mehrere unterschiedliche und richtungweisende Publikationen feministischer Theorie. Einige basieren auf Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, erschienen 1949 in Frankreich, und ihrer Annahme, dass Frauen nicht als solche geboren, sondern im Laufe ihres Lebens dazu gemacht werden. Sie fordert in ihrem Buch Frauen dazu auf, sich ökonomisch, sowie sozial gleichzustellen und so vom Objekt zum Subjekt zu werden . Sozialisationstheorien, die davon ausgehen, dass soziale Geschlecht sei ausschließlich konstruiert und vollkommen unabhängig vom biologischen Geschlecht, werden in diesem Zusammenhang diskutiert. Andere TheoretikerInnen gehen von einer Interaktion von biologischen und sozialen Einflüssen aus.

Betty Friedan schrieb ihr „Feminin Mystique“ – was als Vorbote der zweiten Welle gesehen wird – in den USA im Jahre 1963. Sie sieht die Frustration als „Nur-Hausfrau“ als den wesentlichen Grund, weshalb sie das Buch schrieb. „Gradually, without seeing it clearly for a while, I came to realize that something is very wrong with the way American women are trying to live their lives today. I sensed it first as a question mark in my own life, as a wife and mother of three small children, half-guiltily, and therefore half-heartedly, almost in spite of myself. (...)There was a strange discrepancy between the reality of our lives as women and the image to which we were trying to conform, the image that I came to call the feminine Mystique. I wondered if other women faced this schizophrenic split and what it meant.“ (Friedan 1963, zit. nach Ryan 1992, S. 39).

Friedan schrieb, anders als Beauvoir, über ihre persönlichen Erfahrungen, was es Frauen leichter machte sich darin wieder zu erkennen. Ihre Grundannahme ist, dass es in den USA bereits eine Gesellschaft gäbe, die Strukturen vorgibt in denen es um Selbstverwirklichung geht. Alles was nun noch fehlt sei der Einbezug von Frauen. Sie geht davon aus, dass Frauen ihre gesellschaftliche Position innerhalb bestehender sozialer Strukturen ändern können, indem sie einfach daran teilnehmen – durch z. B. Arbeit und Bildung. Friedan und Beauvoir beschreiben die Situation so, als wären Frauen selbst Schuld an ihrer Position in der Gesellschaft und deshalb auch die Einzigen, die daran was ändern könnten (vgl. Thornham 1999).

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Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Riot Grrrl - Modetrend oder Teil der Dritten Welle der US amerikanischen Frauenbewegung?
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,6
Autor
Jahr
2004
Seiten
93
Katalognummer
V33807
ISBN (eBook)
9783638341936
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Riot, Grrrl, Modetrend, Teil, Dritten, Welle, Frauenbewegung
Arbeit zitieren
Tina Steffenmunsberg (Autor), 2004, Riot Grrrl - Modetrend oder Teil der Dritten Welle der US amerikanischen Frauenbewegung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33807

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