Erzählstrukturen im Artusroman. Von der dogmatischen Symbolstruktur im klassischen Artusroman zu den fiktionalen Freiräumen des "Wigalois"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattungs- und Strukturmerkmale des Artusromans

3. Kritiken zur Symbolstruktur

4. Wigalois

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit den divergierenden Erzählstrukturen in klassischem und nachklassischem Artusroman. Dabei setze ich einen Fokus auf die von der älteren germanistischen Artusforschung angelegte Schablone des Doppelwegs mit Symbolstruktur, sowie der Verwerfung ebendieser übergeordneten Erklärungsstruktur, zugunsten eines späteren Artusromans, der sich in jüngeren Forschungsansätzen durch seine Öffnung hin zu mehr fiktionalem Freiraum auszeichnet. Der Analyse zu dieser gattungsimmanenten Dynamisierung liegt - neben der verwendeten Sekundärliteratur - Wirnt von Grafenbergs Wigalois als Fundament der Untersuchung zugrunde. Als hierbei entscheidendes Konstituens wird die Untersuchung der abweichenden Darstellungen des Protagonisten der Handlung eine Vorrangstellung einnehmen und der Versuch unternommen, den aufgrund seines linear verlaufenden Handlungsstrangs als defizitär ausgewiesenen Wigalois zu einem progressiven Fortschritt innerhalb der literarischen Reihe auszuweisen.

Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in einen Dreischritt:

In einem ersten Schritt gilt es, Besonderheiten und strukturelle Merkmale der früheren sogenannten Gipfelromanen der Artusliteratur ausfindig zu machen und forschungsgeschichtliche Etappen bezüglich der sinnvermittelnden Symbolstruktur zu untersuchen. Darauf folgend nehme ich Bezug auf kritische Schriften in der jüngeren germanistischen Mediävistik, welche die von Hugo Kuhn eingeführte Symbolstruktur zu relativieren und andere Zugänge zur Erschließung der intra- und intertextuellen Bezüge in den Artuswerken freizulegen versuchen. Der Hauptteil meiner Untersuchungen liegt in der Analyse des Wigalois auf personenorientierte Indizien hin, die einen divergierenden Heldentypus offenbaren und die Erzähltechnik des Wirnt von Grafenberg als progressiven Fortschritt in der Artuserzählung plausibel erklären können. Dabei soll eine Argumentation entwickelt werden, die einer Zuschreibung als defizitär epigonales Werk entgegen wirken kann.

2. Gattungs- und Strukturmerkmale des Artusromans

Der deutsche Artusroman erfährt in der germanistischen Mediävistik oftmalig eine Einordnung in klassisch oder nachklassisch. Diese Unterscheidung beruht auf Grundlage besonderer Gestaltungsmerkmale und jeweiliger Abweichungen davon.[1] Die „klassischen Gipfelwerke“ hielten in der Forschung längere Zeit eine Vorrangstellung in Bezug auf die Befragung der Gattungsspezifik inne.[2] Viele spätere Werke erfuhren eine Abwertung aufgrund ihrer vermeintlichen „Epigonalität“[3] und wurden mit Attributen des „spät-“ in die „Denkformen des ‚nich mehr‘ […] eingespannt.“[4] Bezüglich dieser Ausdifferenzierung sei in einem ersten Schritt ein übersichtlicher Exkurs über forschungsgeschichtliche Etappen zur Artusliteratur gegeben.

Der französische Artusroman Erec et Enide von Chrétien de Troyes gilt gemeinhin als Gattungsbegründer des Artusromans. Chrétiens Vorlage diente nicht zuletzt Hartmann von Aue als Hauptquelle für seinen um 1180 entstandenen Erec, dem ersten deutschen Artusroman.[5]

Der im Artusroman vorbildlich und idealisiert konzipierte König Artus an seinem ritterlichen Hof, bildet im Roman gewissermaßen einen passiven Mittelpunkt. Artus selbst ist nicht Held und somit Träger der Handlung, sondern ein Ritter aus der Tafelrunde geht den „spezifischen Erfahrungsweg eines Einzelnen.“[6] Diesem Weg des Einzelnen in der Erzählung ist in der Forschung ein spezifisches Bauprinzip zu Grunde gelegt worden, welches aus zwei korrespondierenden Teilen im biographischen Weg des Helden besteht:

[…] ein Doppelweg durch die Abenteuerwelt, dessen erster Durchgang mit dem Erwerb von Ehre und Liebe in einer Krise endet, die zum Ausgangspunkt des zweiten Durchgangs wird, in dem eben die Fehler korrigiert werden, die beim ersten Mal zum Scheitern geführt hatten.[7]

Hugo Kuhn spricht hierbei von einem klar programmatischen Aufbau in den frühen deutschen Artusromanen, darunter fallen bei ihm vor allem die Erzählungen von Hartmann v. Aue und Wolfram Eschenbach.[8] Dass dieses Konstrukt eine über die Organisation der Erzählung hinausgehende Funktion erfüllt, dazu hat sich besonders Walter Haug in seinen Auseinandersetzungen mit der Artusliteratur positioniert. In seinen Untersuchungen zum Aufbau des Erec hebt Haug hervor, dass der Doppelweg des Helden „offensichtlich bis in Einzelheiten hinein auf Korrespondenzen und Oppositionen aufgebaut“[9] sei. Zudem stellt Haug eine gewisse Vorwegnahme des zweiten Weges durch den ersten Weg heraus. In Anerkennung an die formale Konstruiertheit nach Hugo Kuhn, formuliert Walter Haug, dass das „Arrangement von Erzählepisoden selbst programmatische Aussagequalität befördert, dass es ‚Symbolstruktur‘ ist, die thematische Einheit in der Reflexion herstellt.“[10] Mit dieser Sinnkonstitution unterscheidet sich das Erzählmodell des Artusromans entschieden von den in der äußeren Form ähnlich gedoppelten Strukturen des Märchens, der Heldenepik oder dem französischen Chansons de Geste.

Dieses Strukturmodell symbolischer Aussagekraft hat sich zu einem Modell mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und einer paradigmatischen Anwendung in der Untersuchung der Artusliteratur entwickelt. So beschreibt Stephan Fuchs 1997 den derzeitigen Forschungstand wie folgt:

Das Strukturmodell des Artusromans mit der zentralen Doppelung des Aventiurewegs, in dessen Mitte sich ein Scheingewinn zu Verlust und Krise ausweitet und vor dessen Ende der eigentliche Wiedergewinn und die Harmonisierung mit der höfischen Gesellschaft steht, ist vielfach in allen seinen möglichen Variationen und Realisationen beschrieben und der Mediävistik zur Selbstverständlichkeit geworden.[11]

Diesbezüglich lässt sich behaupten, dass sich in der älteren germanistischen Mediävistik eine Argumentation entwickelt hat, die vermehrt für eine strukturalistische, anstelle einer personenorientierten Interpretation, spricht. Die Forschung tendiere zu einer Auflösung des Subjekts der Narration „in den subjektlosen Transzendentalismus eines umfassenden Regelsystems.“[12]

Das aus dem Chrétien-/ Hartmannschen Prototypen gewonnene Strukturmodell beschreibt zum einen die Makrostruktur des Texts als zweiteiligen Doppelweg, zum anderen weist der zweite Teil der Handlung auch wieder eine Zweiteilung auf und bringt einen Doppelten-Kursus hervor, dessen „Achse (Zwischeneinkehr) die Hälften als parallel zueinander angeordnet kenntlich macht.“[13]

Walter Haug sieht außerdem die besondere Neuheit in der Gattung des Artusromans und ihrer strukturellen Ausgestaltung darin, dass es hier zu einer Ablösung vom „Einkleiden“ moralischer und philosophischer Wahrheiten in literarische Formen,[14] hin zu einer Romanwelt führt, die „anhand einer innerliterarisch konzipierten Handlungsstruktur frei entworfen ist.“[15]

Der Sinn ist damit nicht einfach eine verborgene Bedeutung, die aufgedeckt werden müsste, der Sinn realisiert sich vielmehr im Akt der poetischen Gestaltung. Er liegt [...] im fiktionalen Konzept selbst.[16]

In der Diskussion um den deutschsprachigen Artusroman wurde das Schema der sinnstiftende Doppelwegstruktur und ihrer Interpretationshoheit zur communis opinio, mit dem weitverbreiteten Urteil, dass Abweichungen eher einem mangelhaften Können, als einem bewussten Verzicht zuzuschreiben seien.[17] Hugo Kuhn spricht sogar von „niederer Artusepik“, welche den „klar programmatische[n] Aufbau“ der Romane Hartmanns und Wolframs nicht zeige.[18]

3. Kritiken zur Symbolstruktur

In der neueren germanistischen Mediävistik lässt sich ein Umdenken aufweisen, welchem es gelingt, die oft als epigonal geringgeschätzten Werke der späteren Generation adäquater zu beurteilen. Besonders kritisch befasst sich Elisabeth Schmid mit der „Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung“, welche eine schablonenhafte Verwendung des von Hugo Kuhn ausgewiesenen Doppelwegmodells als „Schlüssel der Deutung“ praktiziere.[19] So fordert Schmid den Rezipienten zu einem dekonstruierenden Leseverhalten der Lektüre Hartmanns und zu einer Abkehr vom vorgeprägten Interpretationsansatz auf. Schmid verdeutlicht, dass auf diese Weise neue Einsichten in die Lektüre freigegeben werden können.[20] Schmid verweist zurecht darauf, dass ein Modell versteifter Ordnung den Blick auf Ähnlichkeiten, die außerhalb des Artusromans liegen, verhindere. Ebenso problematisch sei auch, dass bei einem rein strukturalistischen Zugang bereits die feinen Unterschiede innerhalb der Vorlagen von Chrétien und Hartmann übersehen würden. Hier sei beispielsweise auf die Darstellung des Krönungsprozesses des Erec und seiner Enite zu verweisen. Die Darstellung Hartmanns hierüber weist deutliche Abweichungen gegenüber der von Chrétien auf.[21] Dies impliziert, dass Hartmann bereits in seinem Erec in feinen Nuancen ein verändertes Ritterbild darzustellen versucht. Man könnte hier allgemeiner postulieren, dass ein formal festgesetztes Modell des Doppelwegs mit Symbolstruktur, eine differenziertere Wahrnehmung der verschiedenen Artuswerke verhindere. Denn in der Folge einer rein auf strukturelle Merkmale bezogenen Interpretation, sind zwei Versionen des Artusromans als „prinzipiell gleichlaufend und unterschiedslos“[22] zu sehen.

[...]


[1] Vgl. Wennerhold, Markus: Späte Mittelhochdeutsche Artusromane. „ Lanzelet“, „Wigalois“, „Daniel von dem Blühenden Tal“, „Diu Crône“. Bilanz der Forschung 1960 - 2000. In: Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie. 27. Königshausen & Neumann. Würzburg: 2005. S. 126.

[2] Ebd. S.52.

[3] Vgl. Neal, Thomas: Wirnt von Gravenberg’s Wigalois: Intertextuality and Interpretation (Arthurian Studies). Boydell & Brewer Inc. New York: 2005. S.15.

[4] v. Grafenberg, Wirnt: Wigalois. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach. De Gruyter. Berlin / New York: 2005. S. 276.

[5] Vgl. Bumke, Joachim: Der „Erec“ Hartmanns Von Aue: Eine Einführung. De Gruyter. Berlin: 2006. S.8.

[6] Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman. Reclam. Stuttgart: 1998. S. 14.

[7] Mertens, Volker. S. 35.

[8] Fasbender, Christoph: Der „Wigalois“ Wirnts von Grafenberg. De Gruyter. Berlin / New York: 2010. S. 128.

[9] Haug, Walter: Literaturtheorie Im Deutschen Mittelalter. Von Den Anfängen Bis Zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt: 1992. S. 95.

[10] Cormeau, Christoph & Störmer, Wilhelm: Hartmann Von Aue. Arbeitsbücher Zur Literaturgeschichte. Beck. München: 1985. S. 175.

[11] Fuchs, Stephan: Hybride Helden: Gwygalois und Willehalm. Beiträge zum Heldenbild und zur Poetik des Romans im frühen 13. Jahrhundert. Frankfurter Beiträge zur Germanistik. Band 31. C. Winter. Frankfurt am Main: 1997. S. 8.

[12] Werning, Rainer: Heterogenität des Erzählten – Homogenität des Erzählens. Zur Konstitution des höfischen Romans bei Chrétien de Troyes. In: Wolfram-Studien 5. Hg.v. Werner Schröder. Erich Schmidt Verlag. Berlin: 1979. S. 79.

[13] Breulmann, Julia: Erzählstruktur und Hofkultur. Weibliches Agieren in den europäischen Iweinstoff-Bearbeitungen des 12. bis 14. Jahrhunderts. In: Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit. Band 13. Hg.v. Volker Honemann und Jürgen Macha. Waxmann Verlag. Münster: 2009. S.35.

[14] Vgl. Ringeler, Frank: Zur Konzeption Der Protagonistenidentität im Deutschen Artusroman Um 1200: Aspekte einer Gattungspoetik. In: Europäische Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur. Peter Lang. Frankfurt am Main: 2000. S. 8.

[15] Haug, Walter. S. 92.

[16] Ebd. S. 104.

[17] Vgl. Wolfzettel, Friedrich: Doppelweg und Biographie. In: Erzählstrukturen der Artusliteratur – Forschungsgeschichte und neue Ansätze. Hg. v. Friedrich Wolfzettel & Peter Ihring. Niemeyer. Tübingen: 1999. S.120.

[18] Vgl. Fasbender, Christoph. S. 128.

[19] Schmid, Elisabeth: Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung. In: Erzählstrukturen der Artusliteratur – Forschungsgeschichte und neue Ansätze. Hg. v. Friedrich Wolfzettel & Peter Ihring. Niemeyer. Tübingen: 1999. S. 69

[20] Schmid, Elisabeth. S.85.

[21] Vgl. Honemann, Volker: „Erec“. Von den Schwierigkeiten, einen mittelalterlichen Roman zu verstehen. In: Germanistische Mediävistik. Hg. Volker Honemann & Tomas Tomasek. 2. Auflage. Lit Verlag. Münster: 2000. S.112f.

[22] Meyer, Matthias: Struktur und Person im Artusroman. In: Erzählstrukturen der Artusliteratur – Forschungsgeschichte und neue Ansätze. Hg. v. Friedrich Wolfzettel & Peter Ihring. Niemeyer. Tübingen: 1999. S.151.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Erzählstrukturen im Artusroman. Von der dogmatischen Symbolstruktur im klassischen Artusroman zu den fiktionalen Freiräumen des "Wigalois"
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V338097
ISBN (eBook)
9783668275102
ISBN (Buch)
9783668275119
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wigalois, Artusroman, Erzählstruktur, Symbolstruktur, Freiräume
Arbeit zitieren
Philipp Falk (Autor), 2016, Erzählstrukturen im Artusroman. Von der dogmatischen Symbolstruktur im klassischen Artusroman zu den fiktionalen Freiräumen des "Wigalois", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338097

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